In Ps 82 führt der Dichter einen Prozess auf, den der eine wahre Gott den Göttern der Heidenvölker macht. Das Gedicht beginnt in V. 1 mit Elohim – El – Elohim (Gott – Gottheit – Götter) und endet in V. 6.8 auf Elohim – Eljon – Elohim (Götter – Höchster – Gott). Anfangs sind damit auch noch Götter gemeint, am Ende bleibt aber nur der eine Gott. Die Götter schwinden.
Leitwort des Gedichts ist "Urteil" in V. 1, 2, 3 und 8. Zweimal spricht Gott in direkter Rede: in V. 2-4 als Ankläger, in V. 6-7 als Richter.
1 Ein Instrumentallied von Asaf.
Gott steht im Gottheitsrat, inmitten von Göttern will er ein Urteil herbeiführen:
2 "Bis wann wollt ihr verdrehte Urteile fällen
und Partei nehmen für die, die im Unrecht sind? Sela.
3 Urteilt für den Geringen und die Waise,
dem Elenden und Bedürftigen gebt Recht!
4 Lasst entkommen den Geringen,
und den Armen entreißt aus der Hand derer, die im Unrecht sind!"
5 Sie haben nicht erkannt und wollen nicht einsehen, in Finsternis tappen sie einher, es wanken alle Fundamente der Erde.
6 Ich, ich sage hiermit: "Götter seid ihr
und Söhne des Höchsten, ihr alle?
7 Jedoch wie Menschen werdet ihr sterben,
wie irgendeiner von den Fürsten fallen!"
8 Steh auf, Gott, urteile über/für die Erde, denn du wirst als Erbteil besitzen alle Nationen!
Das mythologische Bild, das der Dichter in V. 1 entwirft, ist das einer Götterversammlung.
"Gott steht im Gottheitsrat, inmitten von Göttern will er ein Urteil herbeiführen"
Zur Zeit der israelitischen Monarchie (1000-587 v. Chr.) hatten die unmittelbaren Nachbarn Israels ihre Nationalgötter: Im kanaanäischen Pantheon war El der höchste Gott, seine Frau hieß Aschera, der aktivste und mächtigste Gott war Baal (1 Kön 18,19). Der Hochgott der Ammoniter hieß Milkom, der der Moabiter Kemosch (1 Kön 11,7), der der Edomiter Qaus. In alter Zeit bestritten die Israeliten die Wirksamkeit solcher Götter im Ausland nicht grundsätzlich. In Israel aber verlangte JHWH Alleinverehrung (Dtn 6,4ff). Mit der Erfahrung der Befreiung und Heimführung aus dem Babylonischen Exil (539 v. Chr.) begriff Israel, dass allein der Gott Israels die Geschichte aller Völker und Reiche in der Hand hat, auch das Persische und Babylonische Reich. Babylons zunächst scheinbar siegreicher Gott Marduk entpuppte sich als Nichts. Ein Prophet im Babylonischen Exil drückte das aus, indem er literarisch einen Prozess Gottes gegen die Götter inszeniert. Zunächst fordert Gott die angeblichen Götter auf, zu beweisen, dass sie irgendeine Form von Geschichtslenkung beherrschen:
Bringt eure Sache vor, spricht der HERR, schafft eure Beweise herbei, spricht Jakobs König. Sie sollen vorbringen und uns kundtun, was sich ereignen wird. Was bedeutet das Vergangene? … Oder lasst uns das Zukünftige hören. 23 Tut kund, was später noch kommt, damit wir erkennen: Ja, ihr seid Götter. … Siehe, ihr seid nichts, euer Tun ist ein Nichts; einen Gräuel wählt, wer immer euch wählt (Jes 41,21-24).
Nachdem die Falschgötter keinerlei eigene Geschichtstat vorzuweisen hatten, bringt Israels Gott, was er jüngst getan hatte: Er hatte den Perserkönig Kyros (Jes 44,28; 45,1) ermächtigt und geführt, Babylon zu zerstören, damit Israel freikommt:
Ich habe ihn vom Norden erweckt, und er kam; vom Aufgang der Sonne her ruft er meinen Namen an. Er zertritt Fürsten wie Lehm, wie ein Töpfer, der den Ton stampft. Wer hat es kundgetan von Anfang an, so dass wir es wussten? Wer hat es im Voraus kundgetan, so dass wir sagen konnten: Es ist richtig? Niemand hat es kundgetan, niemand hat es gemeldet, keiner hörte von euch ein einziges Wort. Ich habe zu Zion als erster gesagt: Siehe, da sind sie!, und gebe Jerusalem einen Freudenboten. … Siehe, sie alle sind nichts, ihr Tun ist ein Nichts; windig und nichtig sind die Bilder der Götter (Jes 41,21-29).
Die heidnischen Götter erwiesen sich geschichtlich als Nichts, ihre Bilder entsprechen keiner Realität. Einen ähnlichen Götter-Prozess wie der Prophet ihn literarisch inszeniert hatte, führt auch Ps 82 auf. Gott tritt in einer Götterversammlung auf, um den heidnischen Gottheiten den Prozess zu machen:
1 Gott steht im Gottheitsrat, inmitten von Göttern will er ein Urteil herbeiführen.
"Bis wann wollt ihr verdrehte Urteile fällen und Partei nehmen für die, die im Unrecht sind?"
Ein ähnliches mythologisches oder märchenhaftes Motiv entwirft auch Ijob 2,1. In Ps 82,1 "steht" Gott im Rat der Gottheiten, d. h. er tritt als Ankläger auf, um eine Klage vorzutragen (vgl. Ijob 1,6; 2,1; Sach 3,1; Ps 109,6). Als Richter würde er auf dem Richterstuhl sitzen (Ex 18,13; Spr 20,8; Sir 38,33; Mt 27,19). Zunächst aber steht er, um Klage zu führen. Dasselbe hebräische Wort, das in V. 2, 3 und 8 "richten", "urteilen" heißt, heißt in V. 1 "rechten", "einen Prozess führen". In V. 2-4 trägt er seine Klage vor. Sie ist in V. 2 zunächst Anklage:
2 Bis wann wollt ihr verdrehte Urteile fällen und Partei nehmen für die, die im Unrecht sind?
Viel zu lange schon haben die heidnischen Götter in ihren Gesellschaften den Mächtigen und Reichen auch dann Recht gegeben, wenn sie im Unrecht waren. Auch im Alten Orient waren die Götter für die Gerechtigkeit zuständig. Der Kodex Hammurabi zeigt den Sonnengott Schamasch, zuständig für die Gerechtigkeit, der König Hammurabi mit der Rechtsverwaltung beauftragt. Im Prolog heißt es: dannum enscham ana la chabalim, "auf dass der Starke den Schwachen nicht schädige" – die Stärke des Rechts gegen das Recht des Stärkeren! Aber, so der Vorwurf in Ps 82,2, die Götter haben in den heidnischen Gesellschaften nur die Starken beschützt und legitimiert, die Schwachen hatten das Nachsehen. "Parteinahme" heißt im Hebräischen "das Angesicht heben" – auch ein Wort für "Freispruch", wenn der Richter den gesenkten Kopf des Angeklagten hebt, damit er ihn wieder hoch tragen kann. Die Götter haben Leute, die im Unrecht waren, freigesprochen. V. 3-4 setzt die Anklage mit der Aufforderung zur Kurskorrektur fort:
3 Urteilt für den Geringen und die Waise, dem Elenden und Bedürftigen gebt Recht!
4 Lasst entkommen den Geringen, und den Armen entreißt aus der Hand derer, die im Unrecht sind!
Die übliche Serie der personae miserae, "Witwe und Waise" (Ex 22,21; Dtn 10,18; Ps 68,6), "Armer und Elender" (Dtn 24,14; Ps 35,10) wird variiert, um zu zeigen, hier geht es nicht nur um in Not Geratene, sondern um alles einfache Volk, den gewöhnlichen Bauern und Handwerker, denen ihr Recht genommen wird (Mi 2–3). Der Dichter wählt unter den fünf verschiedenen Wörtern für die Schwachen das nicht sehr häufige Wort "Bedürftiger" (V. 3: rasch), um ein Wortspiel zu bilden mit dem, "der im Unrecht ist" (V. 4: räscha'). Auch der Arme muss Recht bekommen, wenn er Recht hat! Die Mahnrede in den V. 3-4 "hat ultimativen Charakter" (Jüngling, Der Tod der Götter, SBS 38, Stuttgart 1968, 86). Erfolgt keine Kurskorrektur, folgt zwingend die Absetzung der Götter.
Nicht ganz sicher ist, wer in V. 5 redet:
5 Sie haben nicht erkannt und wollen nicht einsehen, in Finsternis tappen sie einher, es wanken alle Fundamente der Erde.
"Steh auf, Gott, urteile über/für die Erde, denn du wirst/musst als Erbteil besitzen alle Nationen!"
Spricht Gott weiter – sozusagen "zur Seite" wie im Theater? Oder spricht der Psalmist aus V. 1 wieder? Die Ähnlichkeit mit V. 8 ("Erde") spricht dafür, dass in V. 5 wie V. 8 der Psalmist im Namen Israels redet. Jedenfalls stellt V. 5 fest, dass die heidnischen Götter in völliger intellektueller und moralischer Umnachtung gar nicht verstehen, was ihre Aufgabe wäre. Die Folge ihrer Unrechtsjustiz ist, dass der Kosmos wankt. Nur wer den menschengemachten Klimawandel leugnet, wird bestreiten, dass Regierungs- und Gerichtsentscheidungen den Kosmos ins Wanken bringen können. Mit V. 5 ist die Beweisaufnahme abgeschlossen.
In V. 6-7 ergreift Gott wieder das Wort, diesmal als Richter, um sein Urteil zu fällen:
6 Ich, ich sage hiermit: "Götter seid ihr und Söhne des Höchsten, ihr alle?
7 Jedoch wie Menschen werdet ihr sterben, wie irgendeiner von den Fürsten fallen!"
Die ehemaligen Götter, die "Unsterblichen", werden vom allein wahren Gott zu Sterblichen erklärt, d.h. "werden ihres Elohimcharakters beraubt" (Jüngling 103) und müssen "fallen": Das hebräische Wort tippólu (Pausaform) lässt das Fallen geradezu hören ("plopp!"). Es hatte eine Zeit gegeben, da der wahre Gott sich zunächst nur ein Volk "als Erbteil" erwählt hatte, auch wenn er von Anfang an der Schöpfer der ganzen Menschheit war:
Als der Höchste die Völker als Erbe verteilte, als er die Menschheit aufteilte, legte er die Gebiete der Völker nach der Zahl der Gottessöhne fest; der HERR nahm sich sein Volk als Anteil, Jakob wurde sein Erbteil (Dtn 32,8-9).
Gott überließ die anderen Völker eine Zeitlang ihren eigenen heidnischen Göttern. Nur Israel erwählte er sofort für sich. Die Geschichte sollte der Menschheit zeigen, wo der wahre Gott ist. Noch Paulus sagt zu den Athenern:
26 Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. 27 Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. … [Nun] dürfen wir nicht meinen, das Göttliche sei wie ein goldenes oder silbernes oder steinernes Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung. 30 Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen hat, gebietet jetzt den Menschen, dass überall alle umkehren sollen. 31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, … (Apg 17,26-31).
Nun also, da die Untauglichkeit der falschen Götter erwiesen ist, soll die ganze Menschheit sich zum wahren Gott hinkehren. Im Schlussvers fordert der Psalmist im Namen des Gottesvolkes Gott auf, der gefährdeten Erde Recht zu verschaffen und als alleiniger Gott ("Monotheismus") sich der ganzen Menschheit anzunehmen:
8 Steh auf, Gott, urteile über/für die Erde, denn du wirst/musst als Erbteil besitzen alle Nationen!
Nur dann müssen auch die Starken sich höherem Recht beugen.