Aus dem Polnischen von Barbara Bruks
Wir nannten ihn «Wujek». Wir, also eine Gruppe von Studenten und Studentinnen, vor allem naturwissenschaftlicher und technischer Richtungen, konkreten und exakten Menschen, aber auch einige Künstler gehörten dazu, und ein Philosoph. Karol Wojtyła, damals ein Priester, später der Papst, hatte die Gabe der ungezwungenen Autorität, die aus seinem Inneren ausstrahlte, aus der Tiefe seines Gebets und der intellektuellen Überlegung, der Kontemplation. Zusammen wanderten wir in den Bergen, in Bieszczady und in der Tatra, machten Kajaktouren auf vielen polnischen Flüssen und Seen. Er war ein echter Wanderer, stark, ausdauerfähiger als viele unter uns, konzentriert und selten redselig, aber gesprächsbereit. Ein aufmerksamer Beobachter von Menschen und Natur, mit einem großen Sinn für Humor, der sich besonders bei den gemeinsamen abendlichen Lagerfeuern zeigte, bei Gesprächen und vor allem: beim Singen. Er hatte ein außergewöhnliches Gedächtnis, aber auch ein Improvisationstalent – er dichtete immer neue Strophen dazu. Wir lebten in der «Volksrepublik», die Umstände waren nicht leicht; ich kann mich erinnern, als wir beide einmal im Flur des Zugs nach Bieszczady schliefen. Während des Studienjahres begleitete er uns bei gemeinsamen Feiern nach unseren Ausflügen, beim Weihnachtsliedersingen, vor allem aber bei den wichtigsten Momenten des Familienlebens: Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Sein Gedächtnis erfasste nicht nur all diese Ereignisse, sondern auch unsere Geburtstage und andere Aspekte unseres Lebens. Gewissermaßen waren wir für ihn eine Ersatzfamilie, denn seine eigene hat er früh verloren, und auch unter uns waren Waisen, deren Eltern durch Sowjeten oder Nazis hingerichtet worden waren – für diejenigen war er wie ein Pflegevater. Nachdem er zum Papst gewählt wurde, sagte er zu uns: «Ich bleibe euer Onkel. Besucht mich so oft wie möglich». Und das taten wir. In den päpstlichen Appartements frühstückten wir gemeinsam, aßen zu Mittag oder zu Abend. Wir sangen Weihnachtlieder in Castel Gandolfo. Uns kam nie in den Sinn, dass man das als eine Art Eigennützigkeit oder «Vetternwirtschaft» sehen könnte – so selbstverständlich familiär war das, mehr als freundschaftlich. All das hat aber die Folge, dass meine Sicht auf Wojtyła ambivalent und in gewissem Maße voreingenommen ist.
Zum ersten Mal traf ich ihn als einen jungen Priester im Beichtstuhl in der Florianskirche in Krakau. Ich war sehr jung, in meinen Teenager-Jahren, er behandelte mich aber wie einen erwachsenen Gesprächspartner und widmete mir so viel Zeit, wie ich nur brauchte. Ich erinnere mich gut an seine Gesprächsfähigkeit: Er nahm sein Gegenüber und dessen Gesichtspunkt immer ernst, selbst wenn er ihn nicht teilte. Ich konnte spüren, dass er kein Doktrinär und kein starrsinniger Dogmatiker ist, manchmal war er aber hartnäckig, nicht gewillt, seine Ansicht zu ändern. Er war sehr intelligent und begabt, konnte sich schnell die Wirklichkeit um sich herum aneignen (die Fremdsprachen!). In seinem Denken kam er mir immer frei vor, gleichzeitig schien er mir aber treu den grundlegenden Intuitionen des Christentums zu bleiben, die sowohl die «Ordnung» der Schöpfung als auch die Kultur mit ihren Traditionsschichten akzeptieren. Bei den Ausflügen entfernte er sich oft, um zu meditieren; einmal sagte er nach solch einer Meditation zu mir: «Weißt du, alles ist gut». Das war ein Ausdruck seiner eindeutig affirmativen Einstellung der Wirklichkeit gegenüber, die als geschaffen und erlöst grundlegend gut sei, und manchmal auch schön.
Zweifellos war Wojtyła durch die Vorstellung der Welt als Schöpfung geprägt, eine Vorstellung, die bei ihm von Erfahrungen eines Wanderers, aber auch eines Künstlers, Dichters und Theatermenschen untermauert war. Er war ein spontaner, aber auch durch den Thomismus beeinflusster Anhänger der metaphysischen Transzendentaltheorie: Der Gleichsetzung vom Sein – also der Wirklichkeit – und vom Guten, Wahren und Schönen. Er war weitgehend durch die polnische Romantik geprägt, vor allem von den Dichtern: Mickiewicz, Norwid, Słowacki und Wyspiański, die ohne eine starke philosophische Kultur an den Universitäten ein kohärentes, durch das Christentum gekennzeichnetes Weltbild aufbauten. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, ein geschärftes Bewusstsein des Bösen und der Tragik zu haben, insbesondere jener, deren Quelle der deutsche und der sowjetische Totalitarismus war.
Wojtyłas Verhältnis zu den Juden war von Empathie, Verständnis und tiefem Respekt geprägt. In der Jugend hatte er jüdische Freunde, was wahrscheinlich seine spätere bahnbrechende Geste beeinflusste: Als erster Papst in der Geschichte setzte er seinen Fuß über die Schwelle der römischen Synagoge. Den Antisemitismus hielt er selbstverständlich für unannehmbar und ohne Zögern hätte er den Titel der Schrift von Maritain unterschrieben: L’antisémitisme impossible. Diese klare Ablehnung des Antisemitismus ist eine der wichtigsten Lektionen, die er der Kirche – auch der polnischen – mit auf den Weg gab. Was den Juden auf den polnischen Gebieten widerfahren war, erlebte er zutiefst. Im Gegensatz zu vielen Vertretern der Kirche in Polen fühlte er eine organische Verbundenheit mit den Juden, die er als «ältere Brüder im Glauben» erachtete. Den jüdischstämmigen Kardinal Lustiger ernannte er zum Erzbischof von Paris, aber auch die jüdische Religion selbst war ihm nah (er weigerte sich, während des Krieges ein jüdisches Kind zu taufen, denn dessen Eltern hätten sich das vielleicht nicht gewünscht). Die Romantik prägte wesentlich seine Vision von Polen in Europa, von einem Polen, das nach Westen und Osten offen ist, offen sowohl für griechisch-katholische Christen als auch für die orthodoxe Kirche, von einem Polen, dessen Symbol die Polnisch-Litauische Union im 16. Jahrhundert war. Das war eine entschieden pluralistische Vision eines «Polens der Jagiellonen-Könige», nicht nationalistisch, sondern multinational und auf eine natürliche Weise zur Europäischen Union neigend, aber auch offen zum Ökumenismus und anderen Religionen und Denominationen.
Die Erfahrungen des Totalitarismus waren für Wojtyła äußerst intensiv. Der nationalsozialistische Totalitarismus tötete, aber auch der sowjetische zerstörte die Befreiungsbestrebungen der Polen und korrumpierte Gewissen: Durch Einschüchterung gewann er viele geheime Mitarbeiter unter Priestern und Ordensbrüdern, beispielsweise für den Preis eines Studienaufenthaltes in Rom. Gleichzeitig war Wojtyła Zeuge des großen Mutes des Krakauer Metropoliten Sapieha während der Nazi-Besetzung und des Primas’ Wyszyński während des Kommunismus. Johannes Paul II. hat überaus viel zum Sturz des Kommunismus in Polen und anderen Teilen Europas beigetragen. Seine Pilgerfahrten nach Polen waren von ausschlaggebender Bedeutung, sie stärkten die Solidarność-Bewegung und führten tatsächlich zur «Auferstehung» Polens – daher kommt der unvermeidliche Unterschied zwischen der polnischen und nichtpolnischen Sicht auf diesen Papst! Aber Wojtyła sah auch einen Totalitarismus im zu aggressiven westlichen Kapitalismus. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal mit ihm darüber diskutierte (auf dem Dach des Apostolischen Palasts); ich meinte, dass der Totalitarismus ein klar definiertes ideologisches System sei, den man nicht auf eine andere Konstruktion extrapolieren solle. Das war wahrscheinlich der Grund für eine gewisse Distanz und oft fehlendes Verständnis des Papstes dem Westen gegenüber, trotz seines selbstverständlichen Gefühls der gemeinsamen Geschichte und Kultur. Natürlich hieß er die Europäische Union eindeutig gut – wobei für ihn Europa mehr als nur der Westen war. Ich glaube, dass die «jagiellonische» Prägung Polens ihn gegen totalitäre Versuche jeglicher Art immunisierte. Er war empfindlich für die Individualität, Singularität, Einzigartigkeit von Personen und ihren Geschichten, auch von den «kleinen Heimaten», Regionen, und dabei bewahrte er in seinem Gedächtnis eine Unzahl von Menschen, Priestern und Laien, sowie Orte, die er besuchte. Man konnte ihm ansehen, dass er die Welt und Menschen einfach grundsätzlich mochte, auch wenn sie nicht immer sympathisch und vertrauenswürdig waren. Das erklärt seine Naivität bei den Ernennungen zu Bischöfen oder bei der Billigung für die «Legionäre Christi» und seinen Gründer, Marcial Maciel Degollado, der ein notorischer pädophiler Missetäter war. Wojtyła war sicherlich schlecht informiert, dazu kam aber manchmal seine Parteilichkeit, mangelnde Orientierung und fehlender Kritizismus. Bekannt sind seine umstrittenen Bischofsernennungen in Deutschland und Österreich, aber auch in Polen.
Theologie hat Wojtyła natürlich in der klassischen Schule studiert – immer lobte er das Lehrbuch des berühmten deutschen Dogmatikers Mathias J. Scheeben. Seine Doktorarbeit schrieb er in Rom bei Réginald Garrigou-Lagrange zur Glaubensfrage bei Johannes vom Kreuz. Hier verband Wojtyła die Problematik des religiösen Subjekts mit der Epistemologie der mystischen Erfahrung, die ihn schon immer interessiert hatte, seitdem er in seiner Jugend einen Schneider aus Krakau getroffen hatte, Jan Tyranowski. Dank seines Charismas wusste er junge Menschen individuell in die christliche Spiritualität einzuweihen. Diese Begegnung – mit einem katholischen Laien! – war für Wojtyła entscheidend: Sie öffnete ihm die Augen nicht nur für die Tiefe der christlichen Spiritualität, sondern auch für das Weltliche an sich. Trotz aller Verbundenheit mit der Kirche als Institution und ihrer Tradition sowie seiner persönlichen Sympathie für Priester, neigte Wojtyła nie zu Klerikalismus. Selbst fühlte er sich eher wie «einer von vielen», er hatte unter Laien viele Freunde, die er schätzte und mochte. Er empfand auch eine besondere Hochachtung für die Berufung zur Vaterschaft und Mutterschaft, die er von nahem beobachten konnte, im Kreis der Studenten unterstützte und sehr tief verstand. Wenn er als Theologe von der Beziehung zwischen Gott-Vater und Gott-Sohn schrieb, nutzte er seine Vorstellungskraft, die weitgehend dichterisch war: Das Poem Die Strahlung des Vaters trägt einen paradigmatischen Titel, befindet sich aber neben einem anderen, Vor dem Juwelierladen, das vom Kauf eines Eherings handelt. Das Dichtertalent, das sich in einer ganzen Reihe von poetischen Werken manifestierte, erlaubte es ihm, Gedanken und Gefühle auszudrücken, die nicht in den trockenen theologischen Diskurs passten. Deswegen erweiterte er diesen Diskurs mit der theologischen, aber auch phänomenologischen Hermeneutik der Genesis, dieses großen Poems über die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau: Die Katechesenreihe Als Mann und Frau schuf er sie scheint mir einer seiner interessantesten theologischen Texte zu sein. Er zeigt diese für ihn so charakteristischen Gedanken über menschliche Körperlichkeit und Sexualität, die den Kern seiner Ethik in Liebe und Verantwortung bildet.
Diese Sexualethik kommt mir aber zumindest kontrovers vor. Sie findet auf der höchsten Ebene statt; sie schließt die Schöpfungstheologie und einen fast kantischen ethischen Rigorismus ein, der im Begriff der möglichen Elternschaft kulminierte und vor ihm die «ludischen», normalen Aspekte des Sexualakts verdeckte. Zweifelsohne erreicht seine theologische und philosophische Rezeption des Schöpfungsgedankens in diesem Punkt ein pathetisches Ausmaß, im Zusammenwirken, um ein neues menschliches Sein ins Leben zu rufen. Leider läuft diese tiefe Intuition bei Wojtyła mit dem moralischen Rigorismus zusammen, der zu theologischen und praktischen Komplikationen führt, und der durch die Bezeichnung «personalistisch» nicht abgemildert wird. Uns jungen Menschen schien diese Ethik eher für Engel und nicht für Menschen gemacht. Überdies erzeugte sie falsche Begriffspaare, wie «Empfängnisverhütung = Abtreibung» oder «In-vitro = Abtreibung», die dann auf eine leichtsinnige Weise von der polnischen Kirche verbreitet wurden. Dem polnischen Papst fehlte eine prophetische Aufgeschlossenheit für die Wandlungen des modernen Empfindens auf dem Gebiet der Geschlechterverhältnisse sowie für das Verständnis von verschiedenen und sich geschichtlich verändernden Frauenrollen. All das hätte zu einer Revision mancher Gedankenmuster führen können – und sollen; solcher wie die bedingungslose Verurteilung der Homosexualität oder das Pflichtzölibat. Hinsichtlich der Sexualethik war Wojtyła unbeugsam. Auch das Problem der Pädophilie in der Kirche erkannte er nicht, oder jedenfalls nicht genügend.
Wojtyłas Theologie ist so schöpfungsbezogen wie christozentrisch, das heißt letztlich anthropozentrisch – deshalb konnte er als Papst schreiben: «der Mensch ist der Weg der Kirche»; von diesem Blickpunkt aus wird das Bild Gottes klar durch Liebe und Barmherzigkeit vorgezeichnet. Diese These, auch wenn sie nicht revolutionär klingen mag, ist doch grundlegend und hat weitreichende Implikationen. Sie verlagert ganz klar den Schwerpunkt von der Institution, der Struktur, auf das menschliche Individuum, dem diese Institution dienen soll; und macht somit Alternativen wie «Gott oder Mensch», «Dienst an der Kirche oder Dienst an den Menschen» unmöglich. Sie verweist auf die Dienerrolle der Institution und der Priester gegenüber den spirituellen Bedürfnissen der Laien. Diese Hinwendung zum Menschen wäre natürlich ohne das Zweite Vatikanische Konzil unmöglich gewesen, an dem Wojtyła aktiv teilgenommen hatte. Wichtig war hier vor allem die Beziehung zwischen Kirche und Welt. Die Welt war für Wojtyła eine durchaus autonome Realität. Einmal geschaffen, unterliege sie ihren natürlichen und politischen Gesetzen – Wojtyła folgt hier den Ideen von Jacques Maritain. In diesem Sinne brauche die Welt die Kirche überhaupt nicht, um zu funktionieren; die Kirche erinnere aber an die metaphysisch-religiöse Genese und Bestimmung der Welt sowie an die Unveräußerlichkeit der moralischen Rechte, die jedem Geschöpf zustehen, insbesondere dem Menschen, selbst dem kleinsten und schwächsten. Die Perspektive von Wojtyła, sowie die der gesamten Konzilskirche, schließt natürlich jede Verflechtung von der Kirche und der Politik, jede Bindung zwischen dem Altar und dem Thron aus; sie schließt auch eine aufdringliche Missionstätigkeit der Kirche aus, abgesehen von Zeugnissen und – eventuell – einer rationalen Argumentation mit einem missionarischen Charakter. Selbst der Papst erlag aber einigermaßen den Versuchungen dieser Beziehung, als er nach dem Sturz des Kommunismus beharrlich die obligatorische Einführung des Religionsunterrichts in die säkularen Schulen empfahl – kein sehr gelungenes Experiment, besonders aufgrund des Mangels an Priestern, die eine passende Vorbereitung für die säkularen Schulen gehabt hätten. Nach vielen Jahren der tatsächlichen Separation während des Kommunismus’ konnten sich die Priester in der säkularisierenden jungen Gesellschaft nicht mehr zurechtfinden. Und die Zahl der jungen Polen, die katechisiert werden und für die das Sakrament der Firmung zum Sakrament der Trennung von der Kirche wird, scheint (ähnlich wie in vielen westlichen Ländern) zu steigen. Selbstverständlich gibt es noch weitere Gründe für eine Trennung von der Kirche, für die kann man aber dem Papst Wojtyła kaum die Schuld geben. Zweifellos wollte er das ganze soziale und politische Leben in allen seinen Dimensionen mit dem christlichen Ethos erfüllen.
Wojtyła als Intellektueller neigte vor allem zu philosophischem und nur sekundär zu theologischem Denken. Vielleicht war er nicht besonders umfangreich belesen, dafür aber doch solide. Er kannte – neben den Schriften von Thomas von Aquin – die philosophische Anthropologie, insbesondere die Ethik, die er an der Katholischen Universität Lublin unterrichtete. Sartres Philosophie aus der Zeit von L‘Etre et le néant kannte er in- und auswendig. Er war sehr offen und wissensdurstig, interessierte sich nicht nur für Menschen, sondern auch für Bücher, von denen er als Papst nicht so viel lesen konnte, wie er wollte – er erzählte mir, dass er während seines Fluges über Afrika Science and the modern world von Whitehead gelesen habe (las er es aber fertig?), der kein besonders einfacher Philosoph ist! Als Papst lud er regelmäßig zeitgenössische Denker zu Symposien nach Castel Gandolfo ein, besonders schätzte er Ricœur und Levinas. Noch als Dozent an der Katholischen Universität wurde er von den Kollegen wegen seiner Sympathie für Phänomenologie und des angeblichen anthropologischen «Subjektivismus» nicht besonders gemocht. Dank seiner doppelten philosophischen Genealogie hatte er jedoch einen Einblick sowohl in den Universalismus des menschlichen, spekulativen Logos, als auch in den Partikularismus – aber auch die Allgemeinheit – religiöser Emotionen, des Glaubens als solchen und des mystischen Logos. Als Dozent galt er als streng und anspruchsvoll.
Mich als Philosophen interessiert vor allem die Philosophie von Karol Wojtyła. Er war ein eigenständiger Denker, in dem Sinne, dass seine philosophischen Lektüren für ihn ein Zusatz waren, der ihm das persönliche Nachdenken und Recherchen auf eigene Faust nicht ersetzen konnte. Seine philosophische Prägung war ursprünglich thomistisch, er ließ sich aber darauf nicht festlegen. In Krakau unterrichtete zu dieser Zeit, bis zum starken Widerspruch der kommunistischen Behörden, ein herausragender Schüler von Edmund Husserl und der Gründer der polnischen Phänomenologie, Roman Ingarden. Wojtyła, der Ingarden natürlich kannte, konnte der Phänomenologie gegenüber nicht gleichgültig bleiben, und sie wurde – soweit es der Rahmen des orthodoxen Katholizismus in Polen zuließ – zu seinem eigenen philosophischen Idiom. Dieses Idiom verband sich mit seinen anthropologischen und ethischen Interessen, aber auch mit seinen metaphysischen Intuitionen. Wojtyła stimmte mit der sehr objektivistischen, kosmologischen Metaphysik des Thomismus – die an Katholischen Universität Lublin unterrichtet wurde – nicht überein. Diese Metaphysik, gewissermaßen inspiriert von der analytischen Philosophie ( Joseph Maria Bocheński in Freiburg/Schweiz) und der Naturphilosophie, berücksichtige nicht ausreichend die Subjektivität des Menschen. Wojtyła unterstrich, dass der Mensch nicht auf andere Seiende in der Welt reduziert werden dürfe, weil das menschliche Subjekt als einziges in der Welt nicht nur erlebe, sondern auch wisse, dass es erlebt; dieses augustinisch-kartesianische Motiv ist für Wojtyła ein Kernpunkt. Auf diese Weise wird die metaphysische Struktur «durchlässig», sie wird zur Freiheit, die die Wirklichkeit verwandelt, ohne ihr die Möglichkeit zu entziehen, sich der Wahrheit unterzuordnen. Dies ist möglich, weil alles, was von außen auf den Menschen zukommt, durch eine Schicht von Erlebnissen hindurchgehen müsse, die vor allem Werte offenbaren – sowohl persönliche als auch ästhetische, ethische oder religiöse. Das Gute und höhere Werte seien nicht im Stande, den Menschen zu einer Tat zu determinieren: Der Mensch müsse sich von ihnen selbst determinieren lassen, sich selbst für sie entscheiden. Die Werte motivieren, können aber nicht die Ursache für das Verhalten des Subjekts sein – das Kausalitätsprinzip finde hier keine Anwendung. Im Verhältnis zu den Werten sei das menschliche Subjekt für sich alleine, er sei der Herr seiner Wertewahrnehmung und seiner Handlung. Das Verhältnis zu den Werten sei jedoch nicht das Gleiche wie das Verhältnis zur Wahrheit dieser Werte: Der Mensch solle sich durch diese Wahrheit bestimmen lassen, niemand könne das aber für ihn tun. Wojtyła ist hier Schüler sowohl der Gewissenskonzeption des hl. Thomas als auch der Theorie des kategorischen Imperativs von Kant. Diese beiden Konzeptionen betonen die Irreduzierbarkeit des individuellen Urteils im Bezug darauf, was das Subjekt als verpflichtend im gegebenen Moment erkennt – wegen der Universalität der Werte, und nicht nur wegen des Gottes. Aber hier gilt kein Determinismus. Trotzdem ist es Wojtyła nicht gelungen, die alte Überzeugung zu überwinden, dass die Kirche in manchen Angelegenheiten absolut Recht habe, und ihren Anhängern ihre Ansichten aufzwingen dürfe; deswegen ist seine Betonung der Unmöglichkeit (und der Unmoralität), die Wahrheit gewaltsam aufzuzwingen, nicht ganz konsequent. Hier kommt das gesamte Konzept der Gültigkeit der kirchlichen Doktrin ins Spiel, deren Hüter die Kongregation für die Glaubenslehre ist. Wojtyła hielt sich hier selbst nicht für einen Experten – er fragte mitunter: «Was meint Ratzinger dazu?» und gab die dogmatischen Entscheidungen an den deutschen Kardinal ab.
Für Wojtyła war die Lektüre der Wertephilosophie von Max Scheler sehr wichtig, die er sicher besser als die Schriften von Husserl kannte, denn für den epistemologischen Subjektivismus interessierte er sich nicht besonders – er verstand ihn ein wenig naiv als einen passiven Spiegel der Wirklichkeit. Jedoch kritisierte er Scheler wegen seines emotivistischen und kontemplativen Verhältnisses zu den Werten, weil er die Verwirklichung eines Werts in einer moralischen Tat für wesentlich hielt – daher heißt das Hauptwerk von Karol Wojtyła Person und Tat. Eine Tat bedeutet, dass ein neuer Sachverhalt in die Existenz gerufen wird, wodurch Wojtyła an die thomistische Intuition der Existenz als eines Aktes anknüpft. Eine Tat hat ein existenziales Gepräge, das laut Wojtyła bei Scheler verloren geht. Der philosophische Streit mit Scheler betraf also den Punkt, dass er die Wichtigkeit der Verwirklichung der Moralwerte unterschätze, und hing gleichzeitig mit dem Mitschaffen des Subjekts selbst in der Freiheit zusammen. Außerhalb dieser Verwirklichung haben Werte den Status der idealen Möglichkeiten, die in gewissen Umständen gelten, obwohl sie nicht zwingen können. Wojtyła legte ein großes Gewicht auf den Moment des Sollens, das allerdings – wie bei Scheler – in den Werten ihre Grundlage hat, und nicht umgekehrt: die Werte im Sollen. Dies folgt daraus, dass der höchste Wert, der alles fundiert, die menschliche Person sei, die Respekt verdiene und ein Maß für die Werte sei. Wojtyła und seine Nachfolger bezeichneten das mit dem Begriff «der personalistischen Norm». Wojtyła verstand sie unter dem christologischen, zugleich aber auch dem kantischen Gesichtspunkt, der mehr Gewicht auf die Pflicht der Achtung für die Würde als auf Freiheit und moralisches Schaffen im Bereich der Werte legt.
Der Papst hatte das Gefühl, dass Gott in allen Religionen derselbe, und Christus als Erlöser Garant für diese Identität ist. Dem wortwörtlichen Sinn der Sentenz, die von Nikolaus von Kues stammt, hätte er wohl nicht zugestimmt: «una religio in rituum varietate», er hatte aber ein tiefes Verständnis der Anwesenheit des einzigen Gottes in den meisten Religionen – einmal fragte ich ihn danach expressis verbis. Es sei eben die «antidiluvianische» Universalität, die den Ökumenismus endgültig begründet und zugleich einen Triumpf der – ihrem Wesen nach universalistischen – Philosophie bedeutete. Davon zeugt ja auch das denkwürdige Gebetstreffen der Vertreter vieler Weltreligionen in Assisi; für die authentische Religiosität sei der – um einen Ausdruck von Hegel zu verwenden – «Aufstieg des Geistes zu Gott» im Gebet wichtiger als jegliche, immer unvollkommene und unsichere, doktrinäre Formulierungen. Denn die doktrinäre Religiosität solle man nicht mit der Weisheit verwechseln, die jedes System herausfordert – weil «jedes philosophische System, auch wenn es […] in seiner Ganzheit anerkannt wird, dem philosophischen Denken die Priorität zuerkennen [muss], von dem es seinen Ausgang nimmt», wie der Papst in der Enzyklika Fides Et Ratio schrieb (Einleitung, Punkt 4). Der Aufruf zur Rückkehr zum Thomismus gegen Ende dieser Enzyklika («vom Phänomen zum Fundament», Kapitel 7, Punkt 83) spiegelt ihren Geist nicht wider – er scheint eine didaktische Ergänzung zu sein, die wahrscheinlich nicht vom Papst selbst, sondern von jemandem aus seiner Umgebung stammt. Die Enzyklika scheint eher augustinisch als thomistisch, die Betonung liegt viel mehr auf der Intuition als auf rationalen Notwendigkeiten.
Wojtyłas Verhältnis zur Kirche ist einerseits das der Liebe zur «Mutter», die eine ehrwürdige Tradition in sich trägt, für deren Sünden sich man aber verantwortlich fühlt, andererseits ist es eine theologische und philosophische Herausforderung bezüglich der Idee der Gemeinschaft. Wojtyła verehrte natürlich die großen Figuren der Tradition, war aber auch ehrlich und mutig genug, um die Sünden aus ihrer Geschichte öffentlich einzugestehen. Damit meinte er die dunklen Seiten der Geschichte der Kirche, wie die Folter der Inquisition und die Unmoral der Päpste der Renaissance. Wenn wir die falsche Sakralisierung der Kirche durch die Mitglieder dieser Institution und die Ausweitung des unglücklichen Dogmas der päpstlichen Unfehlbarkeit auf das Gefühl der Sündenlosigkeit seiner prominenten Vertreter und ihrer Institutionen (Inquisition!) kennen, können wir den Mut von Johannes Paul II. besser verstehen, der die Last dieser Selbstvergöttlichung der Kirche trug – eine Idolatrie, die die wahre Heiligkeit Gottes durch ihre Karikatur ersetzt. Das Geständnis dieser Sündhaftigkeit war sicherlich bahnbrechend, und es ist keine Entscheidung, die man zurücknehmen könnte – sie muss noch vertieft werden, indem man ihren Mut auch auf die heutige Zeit ausdehnt, was immer schwieriger ist. Leider war Wojtyła in dieser Hinsicht ambivalent: Er kritisierte scharf eventuelle Fehler der Befreiungstheologie, nicht jedoch den Missbrauch der verzögerten Inquisition, welche die Gedankenfreiheit von Theologen und sogar Philosophen (Henry Duméry!) einschränkte – die er persönlich eher nicht billigte, der er aber auch nicht ausreichend entgegenwirkte. Und vor allem war er nicht imstande, solche entsetzliche Sünden wie die Pädophilie in der Kirche angemessen zu erkennen.
Wojtyła verstand jedoch den Gemeinschaftscharakter der Kirche, der sich von seiner Korporativität unterscheidet – er las zweifellos Catholicisme (Glauben aus der Liebe) von Henri de Lubac, der von einem verdächtigen und verfolgten Theologen schließlich zum Experten des Konzils und zum Kardinal erhoben wurde. Die Gemeinschaft der Kirche hat eine tiefe theologische Bedeutung und älteste Tradition und könne nicht auf die Kirche als Institution übertragen werden. Wojtyła befasste sich mit dem Thema der Gemeinschaft und der Teilnahme daran als dem grundlegenden Bestandteil der persönlichen Menschlichkeit in Person und Tat; die Teilnahme könne entweder authentisch – wenn sie nach dem «Gemeinwohl» sucht – oder unecht und konformistisch sein. Auchfür die «organischen» Gemeinschaften wie Stadt, Region, Heimat oder Europa hatte er ein tiefes Verständnis. Er war ohne Frage ein echter polnischer, aber auch europäischer Patriot. Wie ich bereits erwähnte, schloss er Polen aus dem Gebiet und Erbe Europas nie aus und war ein großer Befürworter des Beitritts Polens zur Europäischen Union, deren Prototyp er in der Polnisch-Litauischen Union im 16. Jahrhundert sah. Er sagte: «Von der Lubliner Union zur Europäischen Union». In dieser Hinsicht hatte er Gegner in der polnischen Kirche, die eine starke Vorliebe für Nationalismus zeigt.
Als Papst erlebte er die Gemeinsamkeit und Universalität der Kirche bei den unzähligen Pastoralreisen in die ganze Welt. Er freute sich über die Vielfalt der Kulturen, denen er begegnete. Er verstand sehr gut, dass die Allgemeinheit der Kirche in keiner Hinsicht ihre Einheitlichkeit bedeutet. Persönlich unterstützte er eine offene und ökumenische Kirche – er war aufgeschlossen für andere christliche Konfessionen und bekanntlich auch für das Judentum.
Er war ein auffallend guter und herzlicher Mensch, er kümmerte sich um das Schicksal Einzelner, vergaß sie nicht, korrespondierte mit uns allen und mit vielen anderen, die wir nicht kannten. Er war ein Lobredner der göttlichen Barmherzigkeit, deren Fest er einführte. Seinem gescheiterten Mörder Ali Agca vergab er sofort. Wie alle Menschen auf der Welt hatte auch er seine Beschränkungen, dabei war er aber zutiefst menschlich, er war ein wirklich großer Mensch, Humanist und Heiliger.
Leider wurde er in Polen größtenteils zu einem Idol gemacht, man errichtete ihm unzählige Denkmäler aus Stein und Metall, ohne jedoch eine offene Debatte über ihn und eine aufmerksame, aber kritische Lektüre seiner vielfältigen Schriften anzuregen.