Das Jahr 1978 war ein Jahr dreier Päpste. Am 6. August starb Paul VI. Am 26. August wurde Albino Luciani, der Patriarch von Venedig, zu seinem Nachfolger gewählt; er nahm – erstmals in der Papstgeschichte – einen Doppelnamen an: Johannes Paul I. Er starb schon nach 33 Tagen an einem Herzinfarkt. Im folgenden Konklave neutralisierten sich die stärksten italienischen Bewerber, Siri und Benelli, gegenseitig. Daraufhin wurde – unter starker Mithilfe deutschsprachiger Kardinäle, vor allem des Wiener Kardinals Franz König – der Erzbischof von Krakau, Kardinal Karol Jozef Wojtyła, ins Spiel gebracht und am 16. Oktober 1978 zum Papst gewählt. Es war der erste Nichtitaliener seit 1522 und der erste Slawe auf dem Stuhl Petri. Er nannte sich, in Erinnerung an seinen Vorgänger, Johannes Paul II.
Karol Wojtyła war zur Zeit seiner Wahl ein gut aussehender, sportlicher, weitgereister, vielsprachiger Mann. Er war mit 58 Jahren der jüngste Papst im 20. Jahrhundert. Er hatte nicht nur wissenschaftliche Bücher, sondern auch Gedichte und Theaterstücke geschrieben – hatte selbst Theater gespielt. Die Herzen der Tausenden von Wartenden auf dem Petersplatz gewann er, als er sie von der Loggia herab italienisch anredete, sich als «Papst aus einem fernen Land» vorstellte und humorvoll um Berichtigung bat, falls er in der italienischen Sprache einen Fehler mache.
Fast 27 Jahre dauerte sein Pontifikat – das längste eines Papstes im 20. Jahrhundert. Es war auch eines der wirkungskräftigsten. Äußerlich war es gekennzeichnet durch eine dichte Folge von Bischofssynoden in Rom und durch eine beispiellose Reisetätigkeit in alle Kontinente. Auch die Privat- und Generalaudienzen, die Besuche von Bistümern und Pfarreien, besonders in Italien, nahmen unter Johannes Paul II. gegenüber seinen Vorgängern stark zu. Kaum zu zählen sind die Selig- und Heiligsprechungen in der Zeit seines Pontifikats, es waren fast so viele wie unter den vorangegangenen Päpsten zusammen; der neue Papst rechtfertigte dies mit der Tatsache, dass im 20. Jahrhundert so viele Martyrer gestorben seien wie nie seit der Frühzeit der Christenverfolgung unter den römischen Kaisern. Auch zu zahlreichen Begegnungen mit Politikern, aber auch mit Vertretern anderer christlicher Kirchen und nichtchristlicher Religionen kam es in der Amtszeit Johannes Pauls II. Bei einem vom Papst initiierten Gebetstreffen in Assisi kamen Vertreter fast aller Religionsgemeinschaften der Welt zusammen – freilich beteten sie nicht miteinander zur gleichen Zeit, sondern hintereinander in einer wohldurchdachten Abfolge. Ökumenische Annäherungen wurden mit den Anglikanern und mit dem Weltluthertum erreicht, jedoch nur partiell mit den russisch- und griechisch-orthodoxen Kirchen. Nach Rußland wurde dem polnischen Papst der Zugang stets verwehrt – nicht nur von politischer, auch von kirchlich-orthodoxer Seite.
Johannes Paul II. wurde ein politischer Papst – als solchen nahmen ihn die meisten Menschen, innerhalb wie außerhalb der katholischen Kirche, wahr. Das war ihm durchaus nicht in die Wiege gelegt. In seiner seelsorglichen Praxis in Polen hatte er zwar immer mit Entschiedenheit darauf gepocht, dass Gottesdienste, kirchliche Feste, Kirchenbau, öffentliche Prozessionen vom Regime nicht behelligt wurden – berühmt wurde sein Kampf um den Kirchenbau in dem ursprünglich als «Stadt ohne Gott» geplanten Nowa Huta nahe Krakau. Aber frontale Zusammenstöße mit dem kommunistischen Staat hatte er klug vermieden. Dies blieb seine Linie auch als Papst. Auf der einen Seite rückte er von den Illusionen der vatikanischen Ostpolitik unter Paul VI. und seinem Berater Bischof Casaroli ab (obwohl er Casaroli in seinem Amt beibehielt und ihn sogar zum Kardinalstaatssekretär machte). So fielen die schon weit gediehenen Verhandlungen mit der DDR, die Vorbereitungen für die Erhebung der apostolischen Administraturen zu Bistümern, die Verselbständigung der Berliner Bischofskonferenz und die Errichtung einer eigenen Nuntiatur für die DDR gleich zu Beginn seiner Amtszeit ohne Kommentar fort – was die bedrohte Einheit der katholischen Kirche in den beiden deutschen Staaten rettete. Auf der anderen Seite ermahnte Johannes Paul II. die vor allem in Polen hervortretenden oppositionellen Kräfte stets zu gewaltlosem Vorgehen, um einen friedlichen Ausstieg aus dem kommunistischen System zu ermöglichen.
Bei den kommunistischen Führern des Warschauer Paktes hatte die Wahl Karol Wojtyłas Alarmstimmung ausgelöst. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Ministerpräsident Franz Josef Strauß, als dieser von einem Besuch im Spätherbst bei dem KP-Generalsekretär János Kádár in Budapest zurückkam. Strauß berichtete, man habe sich über weltpolitische Fragen ausgetauscht und sei in vielen Punkten einig gewesen (es war in Ungarn die Zeit des sogenannten «Gulaschkommunismus»!). Nur an einer Stelle sei Kádár zornig aufgesprungen und habe Verwünschungen und Drohungen ausgestoßen: als von der Wahl des polnischen Papstes die Rede war. In Polen sah die Parteiführung große Schwierigkeiten voraus, scheute aber angesichts der begeisterten Reaktion der Bevölkerung auf die Papstwahl die offene Kontroverse. Die polnischen Kommunisten wagten es auch trotz heftigen sowjetischen Drucks nicht, dem Papst die von ihm gewünschte Pastoralreise in die polnische Heimat im Mai 1979 abzuschlagen. Eisig ablehnend reagierten die kommunistischen Führer in der Sowjetunion, in Rumänien, Bulgarien und in der DDR auf die Veränderungen in Rom. Sie sahen sich plötzlich einer neuen, kaum einzuschätzenden Macht gegenüber, welche ganze Bevölkerungsgruppen zu mobilisieren verstand. Der Leitsatz vom «Absterben der Religion» erwies sich plötzlich als Illusion.
Am 13. Mai 1981 verübte der türkische Extremist Mehmet Ali Ağca am Petersplatz ein Pistolenattentat auf Johannes Paul II. Der Papst konnte durch eine sofortige Operation in der Gemelli-Klinik gerettet werden. Die Auftraggeber des Attentats wurden beim sowjetischen KGB vermutet, im Zusammenwirken mit dem bulgarischen Geheimdienst; definitiv geklärt wurde die Frage nie, zumal da der Attentäter über die Hintergründe hartnäckig schwieg. Der Papst verzieh Ali Ağca schon auf dem Krankenbett und suchte ihn später sogar im Gefängnis auf. Seine Rettung schrieb er der von ihm besonders verehrten Gottesmutter zu, und da sich das Attentat am Gedenktag Unserer Lieben Frau von Fatima ereignet hatte, bedankte sich der Papst 1982 mit einer Pilgerrreise nach Portugal und Fatima.
Johannes Paul II. war bei seinem ersten Besuch in seiner Heimat 1979 zu einer Identifikationsfigur für das katholische Polen geworden. Von den Menschenmassen, die er anzog, konnten Staat und kommunistische Partei bei ihren eigenen Kundgebungen nur träumen. Dabei nahm der Papst sich nur das Recht heraus, überall und unter allen Bedingungen, ob gelegen oder ungelegen, die christliche Botschaft zu verkünden. Manchmal genügte es ihm, einfach die Stimme zu heben oder ein Wort zu verdeutlichen, so wenn er bei seiner ersten Besuch als Papst in Warschau 1979 hinter das alte «Sende aus deinen Geist, und das Angesicht der Erde wird neu werden» mit leiser Stimme einfügte: «dieser Erde!» – was die Massen zu Stürmen des Beifalls hinriss.
Nach dem Willen des Papstes sollte die Überwindung des Kommunismus friedlich, ohne Gewalt, in einem evolutionären Prozess erfolgen. Die Unterdrückten und Verfolgten sollten in ihrem Selbstvertrauen gestärkt werden, sie sollten die Furcht vor Repressionen verlieren und ermutigt werden, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Diese Rechnung ging am besten in Polen auf. Ohne den polnischen Papst im Rücken hätte der Elektriker und Streikführer Lech Walęsa es wohl nie gewagt, 1980 auf der Danziger Lenin-Werft durch einen anhaltenden Streik das kommunistische System herauszufordern. Die Solidarność-Bewegung erstarkte – nach dem zeitweiligen Rückschlag des Kriegsrechts – in den achtziger Jahren zu breiter Kraft, sie umfaßte am Ende die Mehrheit des Volkes. Das polnische Beispiel wirkte in alle Länder des Warschauer Paktes hinüber, mit historischen Folgen.
«Ohne diesen Papst kann man nicht verstehen, was in Europa am Ende der achtziger Jahre geschehen ist.» Dieses Urteil stammt nicht von einem westlichen Staatsmann, sondern von Michail Gorbatschow (der fünf Jahre nach dem Danziger Streik seine Reformpolitik in der Sowjetunion begann). In der Tat hat Johannes Paul II. durch die politischen Wirkungen, die er auslöste, nicht nur die höhnische Frage Stalins «Wieviel Divisionen hat der Papst?» auf seine Weise beantwortet – er hat auch Mao Tse Tungs These widerlegt, wonach angeblich alle Macht der Welt «aus den Gewehrläufen kommt». Historisch folgte der Papst-Befreier den Spuren Mahatma Gandhis und Martin Luther Kings; denn lebenslang, auch in den Jahren seines größten Einflusses, hielt er strikt am gewaltlosen Vorgehen fest.
Von den Päpsten, die ich persönlich kennenlernen durfte – Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI. – war der Wojtyła-Papst für mich die eindrucksvollste Erscheinung. Mehrfach konnte ich mit ihm zusammentreffen und Gespräche führen. Ich sah ihn im November 1980 bei seinem Deutschlandbesuch in Köln, flog mit ihm nach Fulda an das Bonifatius-Grab (der Hubschrauberpilot umkreiste die Kölner Domtürme!), spielte bei seiner Rede vor Künstlern und Publzisten zur Begrüßung auf der Orgel im Münchner Herkulessaal, wo August Everding den Papst unter großem Beifall als «Autor und Schauspieler» willkommen hieß. Bei Gesprächen in Castelgandolfo im August 1996 «Aufklärung heute» konnte ich in seiner Gegenwart Gedanken über «Die Freiheitsidee der Aufklärung und die katholische Tradition» vortragen und war Zeuge, wie sich Karol Wojtyła und Leszek Kolakowski – zwei Philosophen, zwei Polen! – bei diesem Treffen minutenlang in den Armen lagen.
Johannes Paul II. «hat das gängige Papstbild verändert, indem er es vemenschlicht hat. Er ging in die Berge, um Ski zu fahren, er machte Urlaub und ließ sich in einem öfentlichen Spital behandeln» (Luigi Accattoli). Gewiss, der Pontifex war im Grund seines Herzens ein Konservativer. Viele haben sich darüber gewundert, dass dieser entschiedene Weltveränderer sich im Kirchen-Inneren ganz anders verhielt, nämlich als überzeugter, oft rigoroser Bewahrer. Doch unzweifelhaft gehört Johannes Paul II. zu den zentralen Figuren des 20. und 21. Jahrhunderts. Will man ihm gerecht werden, muss man ihn von seiner starken Seite nehmen wie andere historische Persönlichkeiten auch. Im übrigen läßt auch der größte Papst seinen Nachfolgern etwas übrig.