Sie wohnte draußen vor der Stadt in einer Villa allein und gab oft Gesellschaften. So auch an jenem Ostermontag. Die Gespräche bei Tisch waren lebhaft gewesen. Tags zuvor war ein Komet in die Erdatmosphäre eingedrungen. Man will Bruchstücke aus schwarzem Gestein entdeckt haben. Rund um die Erdkugel Orkane, Terror und Gewalt. Frauen werden geschändet, Kinder gemordet, die Flüchtlingsströme schwellen an. Hilflose Sanktionen, Reden und Konferenzen ins Leere.
Als sich um Mitternacht die Gesellschaft auflöste, bat die Gastgeberin mich, ihren Neffen, meinen Freund Patrick und Jan, einen polnischen Theologen, der bei ihr zu Besuch war, bei einem Cognac noch eine Weile zu bleiben.
«Vielleicht haben die Herrschaften noch Lust auf ein kleines Gespräch nach Mitternacht?» begann sie. «Ich hätte da noch eine Frage, eine österliche Frage». Und sie schenkte uns von ihrem französischen Cognac ein.
«Sie müssen wissen», erklärte der polnische Freund, «dann und wann beliebt es Madame Ingrid, ihren verbleibenden Gästen noch eine ihrer theologischen Nüsse aufzutischen.»
«Aber ich beiße sie nicht auf, meine Herren.».
«Nein, das überlässt sie unseren Zähnen.»
«Die nicht immer stark genug sind, Jan.»
«Ich wette, die jungen Herren haben beißfeste Zähne.»
«Nun also deine Frage», drängte Patrick voll Ungeduld.
«Ich frage Sie: Wie kann einer von den Toten auferstehen?»
«Wie kommst du darauf, Tantchen?»
«Gestern war doch Ostern.»
«Und?»
«Das Fest der Auferstehung.»
«Wer weiß das noch?»
«Jeder kann es nachlesen. Es steht in den Evangelien».
«Was sind schon diese Evangelien? Wundergeschichten.»
«Offenbarungen, meine Liebe.»
«An die ich nicht glaube.»
«Ich weiß, meine Liebe. Sie glauben nicht an das, was Sie fragen. Das mag ich an Ihnen. Sie stacheln uns zu neuem Überlegen an.
«Sie Schmeichler.»
«Nun, Sie werden nicht leugnen, dass wir alle einmal sterben.»
«Was soll nun das wieder?»
«Wenn eines gewiss ist, dann der Tod.»
«Wer wollte da nicht zustimmen?»
«Es gibt ein Leben in den Tod, und ein Leben aus dem Tod.»
«Nur, von einem Leben drüben wissen wir nichts.»
«Nein, wir können nur an es glauben.»
«Glauben, glauben! Ich möchte wissen, wie einer von den Toten aufersteht. Was denkst du, Patrick?»
«Wissenschaftlich gesehn, ist das etwas ganz und gar Unwahrscheinliches», meinte Patrick.
«Und was sagen Sie, Herr Andràs?»
«Im Grunde das Gleiche. Nur in einem anderen Sinn.»
«Ja wie denn anders?»
«Es gibt, auch für deine Wissenschaft, zwischen Himmel und Erde, mehr Unwahrscheinliches, als wir meinen.»
«Dass Tote auferstehen, widerspricht aber aller Vernunft», erwiderte Patrick.
«Vielleicht unserer logischen Vernunft, nicht aber einer glaubenden Vernunft.»
«Wusste ich‘s doch! Irgendwann bringst du deine glaubende Vernunft ins Spiel.»
«Was meinen Sie damit? Das müssen Sie uns erklären, Herr Andràs.»
«Nun, Madame, Sie können einen Satz nur verstehen, wenn Sie sich auf ihn einlassen.»
«Das gewiss.»
«Und hinnehmen, was buchstäblich dasteht.»
«Was denn anders?»
«Und den Wörtern zunächst glauben.
«Und dann?»
«Beim längeren Verweilen und Einlesen öffnen sich Ihnen Sinnebenen. Das dem Schein nach Eindeutige wird vieldeutig, die Wörter werden zu Worten. Die Worte entfalten offene, schwebende Bedeutungen. Auch bei einem Gedicht können Sie das erleben, wenn sie es, wie soll ich sagen, kontemplativ lesen. Es wäre gut, wir würden auch die Evangelien wie ein Gedicht betrachten. Das bloß buchstäbliche Nachlesen und Bereden, tötet ihren Geist und Sinn.»
«Das kann nur ein Gedichteschreiber sagen», warf Madame ein.
Jan aber erwiderte ihr, es gebe auch Wissenschaftler, die es ähnlich sehen. Sie finden, die Evangelien erzählen und berichten in einer Sprachform, die sich von allem unterscheide, was zur gleichen Zeit geschrieben worden sei.
«Warum sie also nicht wie ein Gedicht lesen? Dann erscheint auch die Auferstehung in einem neuen Licht», fügte ich bei.
Die Gastgeberin zündete sich eine Zigarette an und forderte Patrick auf: «Was denkst du denn von dieser Auferstehungsgeschichte?»
Und Patrick begann, er halte es eher mit jenen Leuten, die annehmen, man habe die Leiche gestohlen und verbreitet, da sei einer von den Toten auferstanden. Von einer Auferstehung wird einmal so, einmal anders berichtet. Nichts Eindeutiges liegt vor. Da kommt etwa ein Engel mitten in einem Erdbeben vom Himmel herab. Er sieht aus wie ein Blitz und sein Gewand ist weiß wie Schnee. Er wälzt den Stein vom Grab und erklärt, der Tote sei auferstanden. Ein anderes Mal sitzt ein Jüngling in Weiß da und erklärt, der Tote sei auferweckt worden. Dann wieder fragen zwei Männer in leuchtenden Gewändern die Frauen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferweckt worden. Zu guter Letzt kommt weinend eine Frau ans Grab, wo zwei Engel sitzen, und fragt sie, wo man den Toten hingelegt habe. Da wandte sie sich um und sah den Gärtner, der sich als der Auferstehende zu erkennen gab. Vier Geschichten, welche ist nun die wahre?
«Alle.»
«Wie denn?»
«Verschieden ist die Wahrnehmung eines Ereignisses, verschieden seine Wiedergabe. Das gemeinte Ereignis, die Auferstehung, leuchtet hinter dem Erzählten auf. Wenn ich mich auf das wie immer Erzählte einlasse, geht mir das Licht des Gemeinten auf. Worte sind Evokationen. In ihnen selbst erscheint, was sich in der Tat ereignet hat.»
Daraufhin schwieg man. Ich fügte noch bei: «Auch in Gedichten kann dann und wann etwas Unerahntes aufscheinen. Aber lassen wir das, es ist schon spät.»
«Noch etwas Cognac, die Herren?» Und die Gastgeberin schenkte nach.
Dann meinte sie: «Herr Andràs, mit allem, was Sie da eben sagten, beantworten Sie meine Frage nicht: Wie kann einer von den Toten auferstehen?»
«Ich weiß es nicht». sagte ich zu ihrem Erstaunen.
«Das ist für Sie keine Frage?»
«Ich habe keine Antwort. Ich habe ein Gedicht.»
«Dann bitte das Gedicht.»
Und ich sagte es aus dem Gedächtnis:
Lichtblau jener Morgen, und erleuchtet
im Felsgrab die weißen Tücher,
und leer die Höhle,
wo vor Tagen noch der Tote lag
und draußen die Frauen, die um ihn weinen.
Er sei nicht hier, sagt ein Gärtner, der dort war.
Er war es selbst,
der Gott, der starb und auferstand.
Das alles kann nicht sein, denken viele,
doch sie vergessen,
dass Tod und Auferstehung
das Geheimnis allen Lebens sind.