Papst Franziskus hat am 8. Dezember 2015 das Heilige Jahr der Barmherzigkeit in Rom eröffnet. Eine unter den von Franziskus vorgeschlagenen Initiativen für dieses außerordentliche Jubiläum ist der Empfang des Sakramentes der Versöhnung. Dieser Impuls des Papstes ist in vielfältiger Hinsicht aufgenommen worden. Eine sichtbare Form, die Bedeutung dieses Sakramentes zu unterstreichen, zeigt sich darin, dass in Deutschland einige Diözesen die heilige Pforte nicht an der Bischofskirche einrichteten, sondern an zentralen Beichtkirchen in der Bischofsstadt (z.B. Berlin, Eichstätt, Regensburg, Würzburg). Darüber hinaus befinden sich an den großen Wallfahrtsorten, die zugleich Beichtzentren sind (z.B. Altötting, Kevelaer) heilige Pforten.
«Barmherzigkeit» als leitendes Thema des Pontifikats von Papst Franziskus erhält in der Beichte eine besondere Aufmerksamkeit, ohne sich darin zu erschöpfen. «Mit Überzeugung stellen wir das Sakrament der Versöhnung erneut ins Zentrum, denn darin können wir mit Händen die Größe der Barmherzigkeit greifen. Das Sakrament wird für jeden Bußfertigen eine Quelle wahren inneren Friedens sein.» (MV 17)1 Zugleich enthalten die Aussagen des Papstes in diesem Schreiben sowie in anderen Texten und Gesten Perspektiven, die über das unmittelbare Verständnis dieses Sakramentes hinausgehen. Dies ist deshalb hervorzuheben, weil vor allem die Entwicklung der Moraltheologie in der Kirche wesentlich mit dem Verständnis des Bußsakramentes zusammenhängt.2 Da Papst Franziskus in «Misericordiae vultus» unmittelbar nach dem Hinweis auf das Sakrament der Versöhnung mit der Rolle des Beichtvaters fortfährt, ist es sinnvoll, diese Spur als erste aufzunehmen.
1. Die Aufgabe des Beichtvaters
In der Perspektive von Franziskus kommt dem Priester, der das Sündenbekenntnis entgegennimmt, eine Schlüsselrolle zu. Dass hier ein biografischer Akzent zentral ist, wird vom Papst selbst hervorgehoben. Dabei verbindet Franziskus zwei Erfahrungen miteinander, wie er im Interview mit Andrea Tornielli zum Ausdruck bringt. Die eine ist die Erfahrung der Scham, «die der heilige Ignatius im Bekenntnis der Sünden vor dem gekreuzigten Christus erbitten lässt. Der Text von Ezechiel [Ez 16] lehrt uns, uns zu schämen. Er eröffnet den Weg zur Scham. Trotz unserer Geschichte von Not und Sünde bleibt Gott uns treu und erhöht uns. Genauso empfinde ich.»3 Dieses geistliche Geschehen verbindet er mit seiner Beichte am 21.9.1953, dem Fest des heiligen Matthäus. Beim Beichtvater Padre Carlos Duarta Ibarra habe er die Barmherzigkeit Gottes gespürt. Das habe ihn später als Bischof veranlasst, einen Satz aus der Berufungsgeschichte des Matthäus zu wählen, wie ihn der Kirchenlehrer Beda Venerabilis in seiner lateinischen Übersetzung formuliert hat – «miserando atque eligendo.» Jesus sah einen Zöllner und als er ihn liebevoll anblickte und erwählte, sagte er zu ihm: «Folge mir!» (Mt 9, 9). Franziskus übersetzt «miserando atque eligendo» mit «Barmherzigkeit schenkend und ihn erwählend.»4Hier zeigt sich das klassische Verständnis vom vorausgehenden Zuspruch, den der Mensch – konkret der Zöllner Matthäus – erfährt, dem der Anspruch, der Ruf zur Nachfolge, dann entspricht. Dabei erhält dieser Imperativ durch die vorherige «Erwählung» eine besondere Note, da er das aktive, barmherzige Handeln Gottes besonders betont.
In diesen Zusammenhang stellt Franziskus den Dienst des Beichtvaters. Er ist zuerst gerufen, für sich selbst um Vergebung zu bitten und sich zugleich bewusst zu sein, «ein greifbares Zeichen der bleibenden göttlichen Liebe zu sein, die verzeiht und rettet.» (MV 17) Gezeigt wird dies am Gleichnis vom verlorenen Sohn, in dem auch das Leitwort des Heiligen Jahres «Barmherzig wie der Vater» (vgl. Lk 6, 36) anschaulich wird.5«Die Beichtväter sollen den reumütigen Sohn, der nach Hause zurückkehrt, umarmen und ihre Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass sie ihn wiedergefunden haben. Sie werden auch nicht müde zum anderen Sohn zu gehen, der draußen geblieben ist und dem es nicht gelingt, sich zu freuen. Ihm erklären sie, dass sein hartes Urteil ungerecht ist und dass es vor der grenzenlosen Barmherzigkeit des Vaters nicht bestehen kann.» (MV 17) Diese dem Gläubigen zugewandte Haltung verstärkt der Papst noch, wenn er betont, dass die Beichtväter «keine aufdringlichen Fragen [stellen sollen], vielmehr unterbrechen sie – wie der Vater im Gleichnis – die vorbereitete Rede des verlorenen Sohnes, denn sie verstehen es, im Herzen eines jeden Beichtenden den Ruf um Hilfe und das Verlangen nach Vergebung zu lesen.» (MV 17)
Ob heute noch «aufdringliche Fragen» gestellt werden, kann offenbleiben; aber es ist bemerkenswert, wenn man die Entwicklung seit dem Trienter Konzil bedenkt, das für das Verständnis des Bußsakramentes eine bedeutende Rezeptionsgeschichte hat. Dieses Konzil, welches sich in zwei Anläufen (Bologna 1547/48 und Trient 1551) mit der Bußthematik beschäftigte, hat die Bußkanones nach intensiven Debatten verabschiedet. In den Kanones 1–3 wird die Sakramentalität der Buße hervorgehoben, als Materie des Bußsakramentes werden Reue, Bekenntnis und Genugtuung des Beichtenden bestimmt (Kanon 4). In den folgenden Kanones (5–8, 12–14) werden diese näher beschrieben. Kanon 7 hält fest, dass es nach göttlichem Recht notwendig sei, im Bußsakrament alle Todsünden einzeln zu bekennen, ebenso die Umstände, welche die Art der Sünde ändern.6 Von daher hatte der Kanon weit reichende Folgen für das Verständnis der Sünde und der Beichte. Vor allem das Spektrum dessen, was Todsünde ist, wurde erweitert.
Diese «aufdringlichen Fragen», wie Franziskus sie beschreibt, waren ja in der Vergangenheit vor dem Hintergrund dieses Kanons von Trient zu verstehen, die den Beichtvater befähigen sollten, die geschilderte Situation und damit auch die Sünde angemessen zu beurteilen.
Selbstverständlich stellt Franziskus jene Kanones nicht in Frage. Aber da er vom «unterbrechen der vorbereiteten Rede» spricht, verstärkt er den gegenteiligen Aspekt. Es geht nicht um ein detailliertes Sündenbekenntnis, sondern darum, dass der Gang zu diesem Sakrament bereits der entscheidende Schritt der Umkehr ist, der vom Priester zu «würdigen» ist, indem er auf den Beichtenden zugeht. Die Perspektive von Gott her hat der Beichtvater zu verkörpern. Fast könnte man von einem Wechsel des Adressaten sprechen. Während das Konzil von Trient stärker den Beichtenden (Pönitenten) im Blick hat, verlagert Franziskus diesen auf den Priester, der das Bekenntnis entgegennimmt. Der Leitgedanke des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit – «Barmherzig wie der Vater» – erfährt in der Gestalt des Beichtvaters sichtbaren Ausdruck. Franziskus konkretisiert dies auch in der Hervorhebung bedeutender (heiliger) Beichtväter.
2. Konkretion: Heiliger Leopold Mandić
Immer wieder illustriert Franziskus die Bedeutung der Beichte als Zeichen der Barmherzigkeit, indem er seine Wertschätzung gegenüber Beichtvätern ausdrückt, die er persönlich kennengelernt hat.7 Aber auch Beichtväter, die die Kirche als Heilige verehrt, hebt der Papst ins öffentliche Bewusstsein. Die Reliquien zweier heiliger Kapuziner, Pater Pio von Pietrelcina (1887–1968) und Pater Leopold Mandić (1866–1942) wurden in den Petersdom gebracht und waren beim Eröffnungsgottesdienst der österlichen Bußzeit am Aschermittwoch 2016 anwesend. Da der Papst in seinem Interview mit Andrea Tornielli ausdrücklich auf den heiligen Leopold Mandić einging8, sollen einige Charakteristika dieses Heiligen benannt werden. Franziskus bezieht sich hier auf seinen Vorgänger Johannes Paul I., der in einer Katechese als Kardinal von Venedig von diesem Heiligen berichtete. Als Kaplan hat Albino Luciani selbst in Padua bei Pater Leopold Mandić gebeichtet.
Der aus Kroatien stammende Ordensmann war ca. 30 Jahre lang in Padua Beichtvater und verbrachte täglich, wie berichtet wird, zwischen 10 und 15 Stunden in seiner Beichtzelle. P. Leopold, der körperlich eher unscheinbar war, hatte ein großes Herz für die Menschen, die zu ihm kamen. Ihm blieb der Neid anderer Mitbrüder nicht erspart. «Ihrer Meinung nach war er ein ‹ignoranter Beichtvater, viel zu großzügig, der allen ohne Unterscheidung die Lossprechung gewährte›, und manche nannten ihn abfällig den ‹Pater Allesvergeber.› Aber er war derjenige, der am meisten aufgesucht wurde.»9 Die Großzügigkeit gegenüber den Beichtenden war bei ihm zugleich mit dem Wissen, dem Leiden, ja der Angst verbunden, dass er selbst unter dem Gericht Gottes stehe, und er sich mit dem Kreuz des Herrn zu verbinden habe. Ihn hat die Einheit von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in Jesus Christus existentiell sehr belastet. Gegenüber den Beichtenden hat er die Barmherzigkeit Gottes verkörpert, er litt aber mit dem Gekreuzigten, der auch für seine Sünden gestorben war. Nur das Vergebungswort seines Beichtvaters konnte Pater Leopold in dieser Not eine Hilfe sein. Papst Johannes Paul II. hat Pater Leopold im außerordentlichen Heiligen Jahr 1983 heiliggesprochen. Wenn Franziskus das Beispiel von Leopold Mandić besonders hervorhebt, dann will er damit die immerwährende Barmherzigkeit Gottes zu den Menschen zum Ausdruck bringen, «denn seine Huld währt ewig.» (Ps 118, 1) Gerade die aus heutiger Sicht bereits von der Zeit her «extreme» Anwesenheit, um Beichten entgegenzunehmen, ist dafür ein Beleg.
Eine ‹Aufgabenbeschreibung› des Papstes für die Beichtväter ist noch besonders hervorzuheben: Sie «sind also berufen immer, überall, in jeder Situation und egal in welchen Umständen, Zeichen des Primates der Barmherzigkeit zu sein.» (MV 17) Diese Formulierung, die sich hier auf die Person des Beichtvaters bezieht, erinnert an Aussagen, die zur Kennzeichnung der «in sich schlechten» Handlungen (intrinsece malum) – also dem genauen Gegenteil – dienen. Papst Johannes Paul II. ist auf sie in der Enzyklika «Veritatis splendor» (1993) näher eingegangen. Es geht hier um menschliche Handlungen, die «in radikalem Widerspruch zum Gut der nach seinem (Gottes) Bild geschaffenen Person stehen […] Sie sind immer an und für sich schon schlecht, d. h. allein schon aufgrund ihres Objektes, unabhängig von den weiteren Absichten des Handelnden und den Umständen. Darum lehrt die Kirche – ohne im geringsten den Einfluss zu leugnen, den die Umstände und vor allem die Absichten auf die Sittlichkeit haben –, dass es Handlungen gibt, die durch sich selbst und in sich, unabhängig von den Umständen, wegen ihres Objekts immer schwerwiegend unerlaubt sind.» (VS 80)10 In der Moraltheologie gibt es über die «in sich schlechten Handlungen» eine breite Debatte11, die hier nicht näher nachgezeichnet werden muss. Die Diskussion entzündete sich nicht an den Vergehen, die bereits das II. Vatikanische Konzil genannt hat.12 Zwei Aspekte traten besonders in den Vordergrund: Zum einen wird durch Kennzeichnungen wie «in sich […], unabhängig von den Umständen, […] immer» der historisch inkorrekte Eindruck erweckt, als würden alle diese genannten Punkte, wie z. B. die Sklaverei immer schon von Seiten der Kirche verurteilt. Dass es sich aber um eine Entwicklung handelt, die zu diesem heutigen generellen Verbot führt, kommt in diesen Formulierungen nicht zum Vorschein. Zum anderen äußerte sich die Kritik an der Verbindung der im Konzil genannten Punkte mit dem Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung (Humanae vitae, 14) in der Enzyklika, was zu dem Ergebnis führte, dass es z. B. keinen ethischen Unterschied gebe zwischen der künstlichen Empfängnisverhütung und der Abtreibung.
Wenn jetzt Franziskus die Charakteristika, die zur Kennzeichnung der in sich schlechten Handlungen und damit der schweren Sünden dienen, für die Beichtväter wählt, so geht dies mit einem mehrfachen Perspektivenwechsel einher: Der erste ist die Verlagerung von der Seite des Vergehens und damit der des Sünders auf die Seite der Zuwendung und damit des Beichtvaters. Der Papst – und das wäre der zweite Perspektivenwechsel – geht an dieser Stelle nicht auf die genannten Vergehen ein, zugleich kritisiert er sie aber auch nicht oder unterzieht sie einer Revision. Selbstverständlich lehnt er z. B. die Abtreibung (vgl. Evangelii gaudium, 213) und die Euthanasie – universalkirchlich immer als aktive Euthanasie am Lebensende zu verstehen – ab.13 Sein Blickwinkel aber ist ein anderer, in dem er von Seiten des Beichtvaters auf das Geschehene blickt und zwei andere «Gruppen» besonders nennt: «Die Männer und Frauen, die einer kriminellen Vereinigung angehören» und die «Förderer und Komplizen der Korruption», die Franziskus als «eine schwere himmelschreiende Sünde» (MV 19) bezeichnet.
Wie alle anderen, so werden auch die Menschen, die der Papst diesen Gruppen zuordnet, aufgerufen, die Barmherzigkeit Gottes auf sich wirken zu lassen, und zur Umkehr eingeladen. Unterstrichen wird das Engagement des Papstes durch die Entsendung von Missionaren der Barmherzigkeit, denen der Papst Vollmachten gibt, auch von den Sünden loszusprechen, die sonst nicht vom Priester ‹absolviert› werden können (MV 18).14 Als weiterer Punkt wäre zu nennen, dass Franziskus weniger das Einzelvergehen im Blick hat, mehr aber negative Grundhaltungen, die sich dann in konkreten Handlungen oder Unterlassungen niederschlagen, die den Menschen herausfordern, im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes sein Leben zu ändern. Kardinal Kasper, dessen Buch über die Barmherzigkeit der Papst bereits bei seinem ersten Angelusgebet nach seiner Papstwahl am 17. März erwähnt hat, hält fest: «Es ist interessant festzustellen, dass es sich bei den leiblichen und besonders bei den geistlichen Werken der Barmherzigkeit nicht um Zuwiderhandlungen Gottes handelt. Wie in der Gerichtsrede Jesu werden keine Sünder verurteilt, die gemordet, gestohlen, die Ehe gebrochen, andere belogen und betrogen hätten. Die Verurteilung Jesu betrifft nicht Zuwiderhandlungen gegen Gottes Gebot, sondern Unterlassungen des Guten.»15
Ein zentraler Punkt der Beichte ist das Sündenbekenntnis und damit verbunden die Frage nach dem Verständnis dessen, was Sünde ist. Von Franziskus her legt es sich nahe, besonders den Aspekt des personalen Sündenverständnisses hervorzuheben.
3. Sünde als personales Geschehen
Gerade wenn das Sakrament der Versöhnung von der Barmherzigkeit Gottes her verstanden wird, wie es in der Lossprechungsformel zum Ausdruck kommt: «Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit Gott versöhnt und den heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden», legt sich ein personales Verständnis der Sünde nahe.16 Es soll die Beziehung von Gott zum Menschen zum Ausdruck bringen, welche durch die Sünde gestört ist. Wenn das Beziehungsgeschehen in den Vordergrund rückt, dann tritt die Frage nach einer definitorischen Abgrenzung dessen, was Sünde ist, in den Hintergrund. Wenn ich es recht sehe, gibt auch Franziskus keine Definition der Sünde. In der Linie von Papst Franziskus können wohl die Bemühungen in der derzeitigen Moraltheologie verordnet werden, die Sünde als eine Haltung der Verweigerung anzusehen. Prägnant bringt dies Michael Sievernich auf den Punkt: «In Kurzform besagt Sünde, ob als Tun oder Unterlassen, Widerstand gegen personale Beziehungen zu Gott und zum Mitmenschen oder Verweigerung der Gott und dem Nächsten (im Maß der Selbstliebe) geschuldeten Liebe, die im ntl. Doppelgebot (Mk 12, 29ff ) so verschränkt ist, dass Gott in dem beleidigt wird, was Menschen gegen sich selber tun (Contr. Gent. III,122).»17 Sünde ist also Beziehungsabbruch, sie kann die Weigerung, beziehungsweise die Verweigerung sein, Verantwortung zu übernehmen. Insofern ist der Aspekt des «Unterlassens des Guten», wie ihn Walter Kasper bei der Beschreibung der «Werke der Barmherzigkeit» hervorhob, besonders zu nennen. Die defensive Einstellung «ich habe doch nichts getan», wird dieser Auffassung nicht gerecht. Das sittliche Handeln beschränkt sich nicht auf ein Nicht-Übertreten, sondern auf ein Herausgerufensein zum Tun des Guten. Von daher ist die Einschätzung treffend: «Die Sünde besteht also zunächst in einem falschen, nämlich ego-zentrischen Verhältnis gegenüber Gott, der Welt, den anderen und letztlich auch zu sich selbst. Daraus entspringen jene konkreten Handlungen, die dieses Sünder-Sein realisieren.»18
Otto Hermann Pesch macht noch auf einen anderen Beziehungsaspekt aufmerksam, wenn er die Auffassung des Thomas von Aquin zur Sünde als «negative Tugendlehre»19bezeichnet. Es gilt, danach Ausschau zu halten, wo sich falsche Grundhaltungen eingeschlichen haben und die Verweigerung jener Liebe deutlich wird, die im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe zum Ausdruck kommt. Als Anhaltspunkt können die Wurzelsünden genannt werden, aus denen sich weitere Sünden bilden können.20 Natürlich gehört nicht nur der Beziehungsaspekt zu der Sünde als personalem Geschehen. Gerade aber ausgehend von Texten Papst Franziskus’, der nicht den Anspruch erhebt, dieses Thema umfassend zu behandeln, ist die Konzentration auf diesen Aspekt legitim, vor allem wenn man vom Bild des barmherzigen Vaters, das der Beichtvater verkörpern soll, ausgeht.
Dass zu einer umfassenderen Betrachtung der Sünde neben dem relationalen Aspekt auch die strukturelle Seite, die Perspektiven der feministischen Theologie gegen eine falsch verstandene Unterordnung und auch die Frage des existentiellen Widerspruchs gehören, sei angemerkt. Auch die klassische Unterscheidung der Sünden ist hier zu erwähnen.21 Noch eine Perspektive scheint mir in diesem Zusammenhang wichtig, auf die Papst Benedikt XVI. in seiner Predigt bei der Ökumenischen Vesper im Dom zu Regensburg (12.09.2006) hingewiesen hat: «Dass wir zuallererst die Vergebung von Gott her, die Gerechtmachung durch ihn brauchen, das steht kaum im Bewusstsein. Dass wir Gott gegenüber ernstlich in Schulden sind, dass Sünde eine Realität ist, die nur von Gott her überwunden werden kann: das ist dem modernen Bewusstsein weitgehend fremd geworden.»22 In der Predigt im Dom hat er noch die Frage hinzugefügt, die im publizierten Text nicht aufgenommen worden ist: «Und sind wir nicht in diesem Sinne alle modern?»
4. Praktische Impulse
Es besteht, soweit ich sehe, weitgehend Übereinstimmung, dass für das Sakrament der Versöhnung, das Bußsakrament, die Beichte – um alle drei Bezeichnungen zu verwenden – die Rahmenbedingungen sehr wichtig sind. Es verdient Erwähnung, dass bei den Ankündigungen und Hinweisen in den Kirchen (auch in den Gottesdienstanzeigern) das Wort Beichtgelegenheit oder Beichtzeiten bevorzugt wird, manchmal noch ergänzt um die Möglichkeit zum Gespräch. Die Bezeichnung «Sakrament der Versöhnung» hat sich an dieser Stelle (noch) nicht durchgesetzt. Um dieses Sakrament wird im praktischen Zusammenhang auch innerhalb der Pastoraltheologie23 und der Liturgie24 zu Recht gerungen. Zu den Rahmenbedingungen gehören geeignete Zeiten, Orte und Anlässe, aber vor allem auch das Eingebettetsein in Vollzüge des Glaubens. Für das Jahr der Barmherzigkeit hat Papst Franziskus besonders auf die Verwirklichung der geistigen und leiblichen Werke der Barmherzigkeit hingewiesen. Das Anliegen von Franziskus ist in vielfältiger Weise aufgegriffen worden. Unter den Initiativen und Hilfen für dieses Heilige Jahr möchte ich auf zwei aufmerksam machen: In einem vom Deutschen Liturgischen Institut herausgegebenem Gemeindezettel zu «Barmherzig wie der Vater» werden die Werke der Barmherzigkeit genannt und mit entsprechenden Fragen versehen. Der Gemeindezettel, auf dem die Heilige Pforte in der Stiftskirche von Berchtesgaden abgebildet ist, schließt mit einem Gebet «Barmherziger Gott, ich danke dir für alles Gute in meinem Leben. Vergib mir, wo ich vor dir und den Menschen schuldig geworden bin. Ich vertrau auf deine Barmherzigkeit und bekenne dir meine Sünden.» Der Dank an Gott für das Gute, das man empfangen hat, auch für das Gelungene im eigenen Leben, wird und soll zuerst zur Sprache gebracht werden. Dann wird die Frage der eigenen Schuld im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes thematisiert, die schließlich im Sündenbekenntnis endet. Die Texte mit diesem Gebet können als Anstoß zur Gewissenserforschung persönlich vor einer Beichte, zum Abschluss des Tages oder wie bei einem Bußgottesdienst in Gemeinschaft betrachtetet werden. Immer geht es darum, im eigenen Leben etwas von der Barmherzigkeit Gottes sichtbar werden zu lassen, aufgrund der zuvor erfahrenen Barmherzigkeit des Vaters.
Der frühere Bischof von Erfurt Joachim Wanke hat zum Elisabethjubiläum in Erfurt im Jahr 2007, bei bleibender Gültigkeit der klassischen Werke der Barmherzigkeit, sieben Aspekte der Barmherzigkeit für die heutige Zeit formuliert, die an zahlreichen Stellen auch in den Unterlagen zu diesem Heiligen Jahr aufgenommen worden sind. Eines dieser «Werke» heißt: «Ich rede gut über dich.» Dies scheint im Augenblick ein sehr kostbares Gut zu sein: Gut reden über andere. Wer die vielfältigen Formen von Hass – gerade auch in den sozialen Netzwerken – wahrnimmt und die damit häufig verbundene Gewalt sieht, spürt, wie wichtig das Pendant für unsere Gesellschaft ist: das Positive hervorheben, sich der herabsetzenden Sprache widersetzen. Das hat nichts mit «Schönreden» zu tun, oder mit dem Verzicht auf Kritik, wo sie notwendig ist. Dazu gehört auch der Austausch über kontroverse Meinungen.
Aber die Zurückhaltung in der Sprache und dort, wo es möglich ist, das positive, anerkennende und dankbare Wort zu sprechen, das ist heute sicher ein Zeichen der Barmherzigkeit, des barmherzigen Vaters, das zur Versöhnung im zwischenmenschlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Bereich beiträgt. Manchmal sind wir selbst die, die mit der Negativrede anderer zu kämpfen haben, manchmal aber auch die, die hinter diesem «Werk der Barmherzigkeit» zurückbleiben. Und genau hier wird dann auch die Beichte zum Ort, zum Sakrament der Versöhnung25 – jetzt in diesem von Papst Franziskus ausgerufen Heiligen Jahr der Barmherzigkeit.