Mose gegen HitlerDie Zehn Gebote als antifaschistisches Manifest – zu Thomas Manns Novelle «Das Gesetz»1

I

Mitten im zweiten Weltkrieg, als es darum ging, das eher isolationistisch eingestellte amerikanische Volk für den Krieg gegen Deutschland zu motivieren und mobilisieren, gewannen die Zehn Gebote einmal höchste Aktualität. Ein amerikanischer Journalist plante einen Film über die Zehn Gebote, den er dann aber mangels ausreichenden Budgets als Buch realisierte: The Ten Commandments. Ten Short Novels of Hitler’s War against the Moral Code. Zehn prominente Schriftsteller wurden eingeladen, eine Kurzgeschichte zu einem der zehn Gebote beizutragen, darunter kein Geringerer als Thomas Mann, der das Erste Gebot behandeln sollte. Als Honorar wurden ihm $1 000 geboten, damals sehr viel Geld. Ziel des Buches war, die Welt über den wahren Charakter des Hitlerkriegs als eines Frontalangriffs auf die menschliche Zivilisation – Recht, Moral und Religion – überhaupt aufzuklären und aufzurütteln. Was Thomas Mann dann ablieferte, die Novelle «Das Gesetz», ging über die bestellte Kurzgeschichte weit hinaus. Sein Beitrag behandelte nicht nur das Erste Gebot, sondern den Dekalog insgesamt und verstand sich als eine umfassende Einleitung in das Projekt. Er war zwar in meinen Augen kein literarisches Meisterwerk aber – das steht völlig außer Frage – die $1 000 durchaus wert, die ihm dafür bezahlt wurden.

Als Thomas Mann diesen Auftrag erhielt, beendete er gerade den vierten und letzten Band seiner Tetralogie Joseph und seine Brüder, an der er sechzehn Jahre gearbeitet hatte. Weil er die $1 000 brauchte, räumte er daher seine umfangreiche ägyptologisch-orientalistisch-bibelwissenschaftliche Bibliothek, die er für das Joseph-Projekt um sich versammelt hatte, noch nicht gleich beiseite, um für sein neues großes Projekt, Doktor Faustus, Platz zu schaffen, sondern machte sich an das kleine Auftragswerk, für das er diese Bibliothek noch einmal brauchte. Denn darin sollte es um Mose gehen, also um eine Art Fortsetzung des biblischen Stoffes, um das zweite nach dem ersten Buch Mose, nach dem Einzug nun um den Auszug aus Ägypten. Es liegt nahe, diese beiden biblischen Arbeiten hinsichtlich ihres Umgangs mit der biblischen Vorlage zu vergleichen.2 Zuvor muss aber natürlich der ganz grundsätzliche Unterschied hervorgehoben werden zwischen einem selbstgewählten Lebenswerk wie den Joseph-Romanen und einem lukrativen Auftragswerk, das Thomas Mann kaum zwei Monate in Anspruch genommen hat. Das Josephswerk ist trotz mancher zeitgeschichtlicher Bezüge gegen die Zeit angeschrieben und errichtet eine Gegenwelt zur immer unerträglicheren Gegenwart, die Mose-Novelle stellt dagegen auftragsgemäß eine engagierte politische Intervention dar. So endet die Mose-Novelle denn auch mit einer förmlichen Verfluchung Adolf Hitlers als des aktuellen Anti-Mose, des Zerstörers von dem, was Mose aufgebaut hat.

Bevor ich aber auf Thomas Manns Novelle im Besonderen eingehe, möchte ich einen Blick auf die biblische Vorlage werfen. Da fällt nämlich auf, dass zwischen dem Buch Genesis, dessen Kapitel 12–50 als Vorlage der Josephsromane gedient haben, und den Büchern Exodus bis Deuteronomium, auf die sich die Novelle «Das Gesetz» bezieht, ganz ähnliche Unterschiede bestehen wie zwischen den Josephsromanen und der Novelle. Wenn das Buch Genesis ähnlich wie die Josephsromane ein großes Erzählwerk ist, in dem es um Welt und Menschheit, Gott und Individuum geht und politische Themen eher am Rande stehen, dann sind die Bücher Exodus bis Deuteronomium entschieden politisch, hier geht es um Ethnogenese, die Entstehung des Volkes Israel im Bund mit JHWH, der es befreit, erwählt und durch Gebote und Gesetze moralisch und politisch konstituiert hat, also um einen politischen Mythos kat‘exochen.3

In den Erzväterlegenden der Genesis herrscht daher ein ganz anderer Geist als in der Mose-Erzählung des Buches Exodus.4 Schon Goethe hatte diesen Unterschied bemerkt. «Eine ungeheure Kluft», schreibt er in Dichtung und Wahrheit, trennt das zweite Buch [Mose] von dem ersten». In seinem Essay «Israel in der Wüste», der in den Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des West-östlichen Diwan erschien, führt er den Eindruck dieser Kluft näher aus: «Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Weltgeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind», schreibt er dort, «bleibt der Conflict des Unglaubens und Glaubens. Alle Epochen, in welchen der Glaube herrscht, […] sind glänzend, herzerhebend und fruchtbar für Mit- und Nachwelt.»5 Auf eine solche Epoche beziehen sich die Erzvätergeschichten. «Die vier letzten Bücher Mose», fährt er fort, «haben den Unglauben zum Thema», worunter er die ungeheuren Schwierigkeiten versteht, mit denen Mose zu kämpfen hat und an denen er bei Goethe letztlich scheitert. So kommt es, dass nach Goethe «der Gott Abrahams den Seinen freundlich erscheint, wenn uns der Gott Mosis eine Zeitlang mit Grauen und Abscheu erfüllt hat.»6

Goethes Einschätzung wird von manchen neuesten Alttestamentlern auf überraschendste Weise bestätigt. Die Geistigkeit der Genesis wird als universalistisch, inklusivistisch, irenisch und weltoffen charakterisiert, geht es hier doch um Gott als Schöpfer von Himmel und Erde, der für alle Menschen und Völker zuständig ist. Die Tendenz der vier letzten Bücher Mose gilt dagegen als partikularistisch, exklusivistisch, identitätsfundierend und aggressiv, hier geht es um Gott als den Befreier aus ägyptischer Knechtschaft und um die Gründung und Absonderung des Gottesvolks aus dem Kreis der Völker und ganz besonders um seine Abgrenzung gegen die Kanaanäer.7 Dieser Unterschied prägt sich auch in Thomas Manns beiden biblischen Erzählungen, der großen und der kleinen, aus.

Ein anderer wichtiger Unterschied, der sich auch in Thomas Manns biblischem Werk ausprägt, besteht innerhalb des Buches Genesis zwischen den Erzväterlegenden und der Josephsgeschichte. Die biblische Josephsgeschichte ist theologisch anspruchslos; Gott kommt hier kaum vor. Darin unterscheidet sie sich von den Erzväterlegenden, in denen Gott ja eine zentrale Rolle spielt, man denke nur an die Erzählungen von den Verheißungen an Abraham, der Zerstörung von Sodom und Gomorra, der Fast-Opferung Isaaks, Jakobs Traum von der Himmelsleiter und seinem Kampf mit dem Engel. Nichts Derartiges geschieht in der Josephserzählung, sie atmet einen vergleichsweise weltlichen Geist. Gott tritt nicht auf. Sie ist ein Lehrstück aus der weisheitlichen Tradition und zeigt, wie weit es ein Jude in der Dia­spora bringen und doch ein gesetzestreuer Jude bleiben kann.8 Joseph ist der Inbegriff eines zaddiq, eines Gerechten, der allen Versuchungen der Gastkultur, in der er sich hervorragend auskennt und bewährt, zum Trotz dem Gottesbund treu bleibt. In ihrer Weltlichkeit kam die biblische Vorlage Thomas Mann entgegen. Nicht, dass die Josephsromane keine theologischen Themen berührten. Aber sie ließen sich hervorragend mit seinem Grundthema, der Humanisierung und Psychologisierung des Mythos verbinden und Thomas Mann konnte sie fast alle im ersten Band, den Geschichten Jaakobs, unterbringen.

II

Das ist bei der in den Büchern Exodus bis Deuteronomium entfalteten Mose-Geschichte vollkommen anders. Sie ist theologisch anspruchsvoll, ja von allerhöchster fundierender theologischer Bedeutung. Es handelt sich um die Gründungserzählung des Monotheismus und des Volkes Israel, die hier in einen untrennbaren Zusammenhang gebracht werden. Anders als in der Josephsgeschichte tritt Gott hier nun zentral und massiv auf. Das Generalthema des Buches Exodus ist «Offenbarung» in dem völlig neuen Sinne einer ein-für-alle-maligen Gründung, der dann von Christentum und Islam übernommen wird.9

Dieses Thema muss Thomas Mann vor schwere Probleme stellen, denn Offenbarung ist in seiner Theologie nicht vorgesehen. Thomas Manns Theologie ist strikt anthropologisch, vom Menschen her gedacht; sein Gott changiert zwischen Erfindung und Entdeckung; Abraham hat ihn «hervorgedacht», Mose hat ihn in sich als eine innere Stimme wiedergefunden.10 Gott, d. h. die Konzeption Gottes, ist für Thomas Mann eine große menschliche und kulturelle Leistung, bei der es darum geht, Gott «hervorzudenken» und sich zu ihm in Beziehung zu setzen. Abraham errichtet durch sein Hervordenken Gottes diese Beziehung, in der Joseph dann lebt. Mose errichtet sie neu aus den Trümmern der Versklavung.

Dieses Gegenüber von Gott und Mensch ist für Thomas Mann ein psychologisches, kein theologisches oder ontologisches Faktum. Es ist der religiös begabte Mensch, der homo religiosus, der sich in die Gottesbeziehung gestellt sieht. Thomas Manns Mose ist wie auch sein Abraham der Inbegriff eines homo religiosus. So muss Thomas Mann die verschiedenen Offenbarungen oder Offenbarungsschritte, von denen das Buch Exodus handelt, auf innere bzw. natürliche Vorgänge zurückführen. Darin kann er sich übrigens weitgehend auf seine wichtigsten Quellen, Goethes Israel in der Wüste, Elias Auerbachs Wüste und Gelobtes Land11 und Sigmund Freuds Der Mann Moses und die monotheistische Religion berufen, die von einem ähnlichen rationalistischen Interesse geleitet sind.12

Dabei gilt es aber, einen wichtigen Unterschied zu beachten. Goethe, Auerbach und in diesem Sinne auch Sigmund Freud13 verfolgen mit ihrem radikal enttheologisierenden, rationalistischen Ansatz ein historisches Interesse. Ihnen geht es darum, hinter den legendenhaften Übermalungen und Ausschmückungen der Bibel die Konturen historischer Personen und Vorgänge freizulegen. Jenseits aller Fragen des Glaubens oder Unglaubens sind sie von der Historizität des Exodus und Moses überzeugt. Ganz anders Thomas Mann: sein Interesse ist genuin literarisch. Wenn er die biblische Erzählung enttheologisiert und auf die Erde herunterholt, dann, um sie, wie er sagen würde, «genau zu machen», ihm geht es um narrative Konkretisierung. Nicht «so war es» ist seine Devise, sondern «so wird es lebendig, farbig, vorstellbar.» In ausdrücklicher Absetzung von jedem historischen Anspruch spricht er von seiner Novelle als einer «Mose-Phantasie».14

Daher wird die Offenbarung, mit der Goethe, Auerbach und Freud nichts anfangen können – bei Auerbach kommt der Begriff gar nicht vor – von Thomas Mann psychologisch gedeutet. Sein Mose ist «erschüttert von Eingebungen und Offenbarungen, die in einem gewissen Fall sogar sein Inneres verließen und als flammendes Außen-Gesicht, als wörtlich einschärfende Kundgebung und unausweichlicher Auftrag seine Seele heimsuchten»15: das ist Thomas Manns Version der Dornbusch-Szene. Im Laufe der Ereignisse verdichtet sich dann diese Stimme immer mehr zu einem Partner, der Mose gegenübertreten, mit dem er verhandeln kann. Das geschieht z. B., als Mose seinen Auftrag als zu schwer aufgeben will und «Gott ihm aus seinem Inneren mit so deutlicher Stimme» antwortete, «daß er’s mit Ohren hörte und aufs Angesicht fiel»16, oder als Mose nach der Geschichte mit dem Goldenen Kalb Gott davon abbringen muss, das ganze Volk zu vernichten. Auch wo Thomas Mann Gott auftreten lässt, ist klar, dass es sich hier um innerpsychische Vorgänge handelt. Eine ähnliche Deutung prophetischer Offenbarung findet sich im Übrigen schon bei Spinoza. «Da der menschliche Geist einen Begriff vom Wesen Gottes umfasst und daran teilhat, sind wir zu der Annahme berechtigt, dass die Natur des [menschlichen] Geistes die Erstursache göttlicher Offenbarung ist.»17 Offenbarung ist Imagination im Geist außerordentlicher dazu befähigter Personen.

In der Bibel sind auch die zehn Plagen, mit denen JHWH die Freilassung seines Volkes erzwingt, Offenbarungen, «Zeichen und Wunder». Thomas Mann dagegen reduziert sie auf natürliche Vorgänge und hat damit keine Probleme. Die ersten neun Plagen, die Rotfärbung des Nils, das Überhandnehmen der Frösche, Läuse und Stechmücken, das Auftreten von Krankheiten bei Mensch und Vieh, schwerer Hagel, Heuschreckenschwärme, eine Sonnenfinsternis, sind Phänomene, die in Ägypten schon einmal vorkommen können.18 Die zehnte Plage aber, die Tötung der Erstgeburt bei den Ägyptern durch den masḥît, den «Verderber», Luthers «Würgeengel», dem die Israeliten nur dadurch entgehen, dass sie die Türen ihrer Häuser mit dem Blut des Opferlamms bestreichen, erfährt bei Thomas Mann eine zutiefst schockierende Deutung: sie wird auf eine Terroraktion, eine Pogromnacht reduziert, die Joshua mit seiner Terrormiliz in den Häusern und Palästen von Memphis durchführt.19

Ähnlich sah schon Goethe in der zehnten Plage eine «umgekehrte sizilianische Vesper […]: der Fremde ermordet den Einheimischen, der Gast den Wirth».٢٠ Goethe war ja, wie schon erwähnt, das Buch Exodus und der Rest des Pentateuchs unsympathisch. So erscheint auch Mose bei ihm sehr ambivalent, als «ein trübsinniger, in sich selbst verschlossener, rechtschaffener Mann, der sich zwar zum Thun und Herrschen geboren fühlt, dem aber die Natur zu solchem gefährlichen Handwerke die Werkzeuge versagt hat»21, «ein Mann der That und nicht des Raths»22, «ein trefflicher, starker Mann» zwar, «aber unter allen Verhältnissen roh geblieben»23, «immer gewaltsam, aber auch gewaltsam zur rechten Zeit».24 Die Szenen des Murrens zeigen für Goethe, «wie wenig Moses seinem großen Berufe gewachsen war». 25 So sind es bei ihm Josua und Kaleb, die beschließen, «die seit einigen Jahren ertragene Regentschaft eines beschränkten Mannes zu endigen, und ihn so vielen Unglücklichen, die er vorausgeschickt, nachzusenden»26, also Mose zu erschlagen. So weit, wie später auch der Alttestamentler Ernst Sellin27 und in seinem Gefolge Sigmund Freud, geht Thomas Mann nicht. Sein Mose führt bei allen inneren Beschränkungen und äußeren Anfeindungen sein Werk zu Ende. Gemeinsam aber ist Goethes und Thomas Manns Behandlung des Exodus-Themas die rationalistische Reduktion der Offenbarung, bei Goethe auf politische Strategie, bei Thomas Mann auf psychologische Faktoren sowie auf politische Gewalt.

Die Offenbarung des Gesetzes am Sinai bildet in der Bibel den Höhepunkt, auf den alles Vorhergehende als Vorgeschichte zuläuft. Gott selbst, der in Feuer und Rauch, Donner und Trompetenschall auf dem Sinai erscheint, verkündet die zehn Gebote mit eigener Stimme, die Gesetze des Bundesbuchs empfängt dann Mose, der sie dem Volk, das die Stimme Gottes nicht erträgt, verkündet. Die Zehn Gebote sind also in der biblischen Erzählung als eine Theophanie aus dem Rest der 613 Gebote und Verbote herausgenommen. Diese werden dann von Gott durch Moses Vermittlung erlassen, der zu ihrem Empfang vierzig Tage und Nächte auf dem Sinai verweilt. Die Zehn Gebote aber schreibt Gott mit eigenem Finger auf zwei Tafeln, die er Mose als Verfassungsurkunde des Bundes zwischen Gott und Volk aushändigt. Thomas Mann macht auch aus der Gesetzesoffenbarung eine Sache der inneren Stimme, die Tafeln beschriftet Mose selbst, der zu diesem Zweck zunächst einmal die hebräische Alphabetschrift erfindet, eine geistige Anstrengung, über welcher ihm die berühmten Hörner aus der Stirn wachsen. Daher dauert das Ganze auch vierzig Tage, während derer ihn Joshua heimlich des Nachts mit Nahrung versorgt. Die Tempeloffenbarung, die in der Bibel ja 16 Kapitel, also mehr als ein Drittel des ganzen Buchs Exodus in Anspruch nimmt, kommt als solche nicht vor, das Zeltheiligtum denkt sich vielmehr Mose selber aus, und die Wesensoffenbarung mit der berühmten Gnadenformel «JHWH, JHWH, barmherzig und von großer Güte…» wird Mose selbst in den Mund gelegt.

Thomas Manns Einstellung zu den Gotteserzählungen der Bibel ist also wesentlich rationalistisch – er selbst spricht von «ironischem Realismus»28 –, mit wie liebevollem Respekt auch immer er mit dem biblischen Stoff umgeht. Im Fall der Josephsgeschichte funktioniert dieser weltliche Zugang ausgezeichnet, und auch die Erzväterlegenden lassen sich gut in dieser psychologisierenden Weise erzählen, ohne ihnen allzu viel Gewalt anzutun. Beim Buch Exodus dagegen funktioniert das in meinen Augen nicht, hier geht es nicht ohne Gewalt gegen den Sinn des biblischen Textes ab. Die zehnte Plage als Terroraktion Josuas darzustellen und die Gesetzesoffenbarung am Sinai auf einen von Josua unterstützten Trick zurückzuführen geht in jene Richtung, die Bloch, Jaspers und andere «Aufkläricht» nannten, also der Vulgäraufklärung des 18. Jahrhunderts mit ihrem entlarvenden Gestus, zu deren zentralen Anliegen die Dekonstruktion des Offenbarungsbegriffs gehört. Aus Briefen und Tagebucheinträgen geht denn auch hervor, dass Voltaires Candide zur Abfassungszeit der Novelle Thomas Manns Lieblingslektüre bildete und ihn bei der Abfassung der Novelle stark inspirierte.29 In der Entstehung des Doktor Faustus schreibt Thomas Mann von dem «voltairisierenden Spott», der «im Unterschied zu den Joseph-Erzählungen die Darstellung färbt».30 In der Tat unterscheidet sich die Mose-Erzählung in der voltairisierenden Tonart stark von den Joseph-Romanen, denen diese Tonart vollkommen fremd ist. Das ist der Punkt, an dem man nach der Lektüre der Novelle noch einmal mit neuer Bewunderung auf die Josephs­romane zurückblickt, denen zwar Ironie und Humor keineswegs fremd sind, die aber keinen Augenblick in den spöttischen Ton verfallen, der die Mose-Novelle prägt.

Die Josephsgeschichte der Bibel, die Thomas Mann zu seinem vierbändigen Romanwerk ausbaute, ist ein literarisches Kunstwerk, eine Perle altorientalischer Erzählkunst. Ganz anders steht es mit der Mose-Geschichte der Bücher 2–5. In ihrer Verbindung von Erzählung und Gesetz erhebt sie kaum literarischen, dagegen höchsten theologischen Anspruch. Daher lässt sie sich nicht so leicht literarisieren wie die schon an sich literarische Josephs­geschichte. Schon gar nicht aber lässt sie sich «voltairisieren», ohne das Entscheidende ihres Sinngehalts einzubüßen.

III

Dafür legt aber Thomas Mann sehr viel neuen Sinngehalt hinein. Das betrifft seinen Begriff von Menschenanstand, Zivilisation, decent society, wie Avishai Margalit das nennt31, den er in den Zehn Geboten gegründet sieht. Aber auch dieser neue moralische Sinngehalt (Stichwort «Gesetz») verträgt den voltairisierenden Spott ebenso wenig wie der alte theologische (Stichwort «Offenbarung»). Die Dissonanz bleibt, und sie empfinde ich als irritierend. Voltaires Spott ergibt sich aus seinem religionskritischen Ansatz, Religionskritik ist aber Thomas Manns Sache gerade nicht. Er will ja die Religion als Bundesgenossen für seine Sache, die Zivilisierung der Menschheit, stark machen. «Es war mir Ernst mit dem Gegenstande», schreibt er in seiner Entstehung des Doktor Faustus, war doch mit dem Titel Das Gesetz «nicht sowohl der Dekalog, sondern das Sittengesetz überhaupt, die menschliche Zivilisation selbst bezeichnet.»32 Auch wenn Thomas Mann die Religion verweltlicht, will er sie doch auf keinen Fall abschaffen. Im Gegenteil, er sieht in ihr das Fundament und die Vorschule der Sittlichkeit, die ihm vorschwebt. Mit diesem Anliegen steht Thomas Mann mit seiner Mose-Novelle nicht in der Nachfolge Voltaires, den er sich zu seinem stilistischen Vorbild erwählt hat, sondern in einer Linie, die von Schiller über Heine bis zu Sigmund Freud mit seiner Formel vom Fortschritt in der Geistigkeit reicht.

Besonders nahe steht Thomas Manns Erzählung Heines Mose-Deutung. Das sagt er selbst. «Wahrscheinlich unter dem unbewussten Einfluss von Heine’s Moses-Bild gab ich meinem Helden die Züge – nicht etwa von Michelangelo’s Moses, sondern von Michelangelo selbst, um ihn als mühevollen, im widerspenstigen menschlichen Rohstoff schwer und unter entmutigenden Niederlagen arbeitenden Künstler zu kennzeichnen».33 In diesem Bekenntnis kann man die Wörter «wahrscheinlich» und «unbewusst» getrost streichen. Heine schreibt in seinen «Geständnissen»,

daß Moses, trotz aller Befeindung der Kunst, dennoch selber ein Künstler war und echten Künstlergeist besaß. Nur war dieser Künstlergeist bei ihm, wie bei seinen jüdischen Landsleuten, nur auf das Kolossale und Unverwüstliche gerichtet. Aber nicht wie die Ägypter formierte er seine Kunstwerke aus Backstein und Granit, sondern er baute Menschenpyramiden, er meißelte Menschenobelisken, er nahm einen armen Hirtenstamm und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein großes, ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen anderen Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte: er schuf Israel!34

Dieser in die Bildhauer-Metapher gefasste Prozess der Erschaffung eines Volkes aus dem Rohstoff einer formlosen Masse, diese Umwandlung von Rohstoff in Form, bildet in der Tat das Zentralthema von Thomas Manns Erzählung. Durch Erziehung und Indoktrination formt Thomas Manns Mose – durchaus in Übereinstimmung mit dem biblischen Bericht die Masse der Auswandernden zu dem, was das Deuteronomium eine «weise und gebildete Nation» (cam chacham ve-navon, Dtn 4, 6) und die Priesterschrift ein «Königreich von Priestern und ein heiliges Volk» (mamlechet kohanîm ve-goj qadoš, Ex 19, 6) nennt. Den Aspekt der Volkserziehung ins Zentrum der Mose-Geschichte zu stellen, war etwas Neues im Moses-Diskurs. Bisher war von Spencer und Warburton über Schiller, Herder, Heine, Nietzsche und Freud viel mehr von der Entstehung des Monotheismus als von Sittengesetz und Zivilisation die Rede.35 Bei Thomas Mann aber ist der Glaube an den Einen unsichtbaren Gott auch nur ein Mittel zum Zweck der Zivilisierung der Menschheit.

Dieser eher politische als theologische Ansatz stellt Thomas Mann vor das Problem, wie denn das menschliche «Rohmaterial» – «ein bloßer Rohstoff aus Fleisch und Blut»36– zu bezeichnen sei. Begriffe wie Volk, Nation, Gesellschaft, Gemeinschaft usw. beziehen sich ja nicht auf die formlose Masse, sondern auf die organisierte, gleichsam veredelte Form, die sich ihrer Zusammengehörigkeit bewusst geworden ist. Schiller sprach von «Sklavenpöbel» und verglich in seinem Essay sogar die Juden mit den indischen Paria, ein Vergleich, den Max Weber dann aufgriff und theoretisch ausbaute.37 Thomas Mann fährt eine ganze Palette von Ausdrücken auf. Die häufigsten sind «Pöbelvolk»38 und «Gehudel»39. Den einen Ausdruck fand Thomas Mann bei Luther, der andere kommt ein einziges Mal in dieser Bedeutung in Schillers Wallenstein vor.40 Besonders häufig aber sind biologistische Vokabeln wie «Blut», «Geblüt» , «Vaterblut», «Vatergeblüt» (bei Thomas Mann hat Mose ja einen hebräischen Vater und eine ägyptische Mutter), «Blutgenossen», «Fleisch und Blut» und sehr oft auch «Fleisch». Auch diese in der Erzählung auf Schritt und Tritt begegnende Terminologie berührt einen in ihrer Penetranz unangenehm, auch weil sie an die von Thomas Mann sonst so verabscheute völkische Blut-(und-Boden-)Terminologie erinnert. Es ist aber natürlich vollkommen klar, dass diese Assoziation von Thomas Mann durchaus beabsichtigt ist. Um Mose und Hitler als Antipoden aufbauen zu können, muss ein gemeinsamer Nenner gefunden werden.41 Diesen gemeinsamen Nenner bildet das Projekt der Volksformung, der bei Mose in der Umformung einer barbarischen, gesetzlosen, sklavischen Masse durch Erziehung zu einem gesitteten, zivilisierten Volk und bei Hitler umgekehrt in der Umformung eines hochzivilisierten Volks durch Verhetzung in eine barbarische, gesetzlose, sklavische Masse bestand. In seinen Methoden schreckt aber auch Thomas Manns Mose vor demagogischer Propaganda, Terror und Gewalt nicht zurück.42

Die Gegenüberstellung von Mose und Hitler war Thomas Mann vorgegeben. Das Buch, zu dem er einen Beitrag über das erste Gebot beisteuern sollte, trug ja den Titel «The Ten Commandments. Ten Short Novels of Hitler’s War against the Moral Code». Diesem Band hatte der Herausgeber Armin Robinson ein Vorwort von Hermann Rauschning vorangestellt, worin dieser Hitler mit folgendem Ausspruch zitierte:

Der Tag wird kommen, an dem ich gegen die Gebote die Tafeln eines neuen Gesetzes aufrichten werde. Und die Geschichte wird unsere Bewegung als die große Schlacht für die Befreiung der Menschheit vom Fluche des Berges Sinai erkennen, vom dunklen Gestammel der Nomaden, die ihren eigenen gesunden Instinkten nicht mehr vertrauen konnten, die das Göttliche nicht mehr akzeptieren konnten außer in Form von Geboten, Dinge zu tun, die niemand mag. Dagegen kämpfen wir: gegen den masochistischen Geist der Selbstquälerei, gegen den Fluch der sogenannten Moral, die man zum Idol macht, um die Schwachen vor den Starken zu schützen, angesichts des ewigen Kampfes, des großen Gesetzes der göttlichen Natur. Gegen die sogenannten Zehn Gebote kämpfen wir.43

Hitlers Krieg erscheint hier geradezu als ein Religionskrieg. Rauschning hatte Robinsons Filmprojekt die Stichworte geliefert und auch zu seinem Buchprojekt ein Vorwort geschrieben. So erklärt sich die Aufbietung Moses und der Zehn Gebote gegen Hitler und seinen Krieg. Inzwischen haben sich Rauschnings Zitate aus seinen angeblichen «Gesprächen mit Hitler» als freie Erfindung herausgestellt. Damals aber galten sie als authentische Zeugnisse für Hitlers größenwahnsinniges Machtstreben.

Thomas Mann greift diesen Auftrag auf, indem er die Zehn Gebote universalisiert. Aus der Verfassung des Gottesvolks macht er «das ABC des Menschenanstands». In einem Brief an Robert S. Hartman vom 7.April 1943 schreibt er:

Die Tendenz zu irgendeiner Art von Welt-Organisation ist unverkennbar vorhanden und nichts dergleichen ist möglich ohne eine bestimmende Dosis säkularisierten Christentums, ohne eine neue Bill of Rights, ein alle bindendes Grundgesetz des Menschenrechts und Menschenanstandes, das unabhängig von Staats- und Regierungsformen ein Minimum an Respekt vor dem Homo Dei allgemein garantiert.44

Es geht also Thomas Mann nicht um die Bibel, Mose und die Zehn Gebote als solche, sondern um die Menschenrechte, und das immerhin zwei Jahre vor der Gründung der UNO (1945) und fünf Jahre vor deren allgemeiner Erklärung der Menschenrechte (1948), die ja genau seinen Plan umsetzt und «eine neue Bill of Rights, ein alle bindendes Grundgesetz des Menschenrechts und Menschenanstandes» sein will. Diese Idee eines alle bindenden Grundgesetzes will Thomas Mann in der Bibel historisch verankern. Die Sinai-Offenbarung galt zwar nicht der Menschheit, sondern exklusiv Israel, aber, mit Heine zu reden, um «allen anderen Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp zu dienen». Jetzt, in der Stunde äußerster Gefährdung, sahen Thomas Mann und sein Auftraggeber Armin Robinson die Stunde gekommen, dieses Vorbild der Menschheit in Erinnerung zu rufen.

IV

Man muss zugeben, dass Thomas Mann sich mit dieser Auftragsarbeit sehr elegant und wie immer geistreich aus der Affäre gezogen hat. Die Frage ist nur, ob die Zehn Gebote eine derartige Generalisierung in Richtung allgemeiner Menschenrechte wirklich hergeben. In ihnen steht ja nichts von Religionsfreiheit (ganz im Gegenteil), Gleichberechtigung der Geschlechter, Menschenwürde, Meinungsfreiheit usw. Nicht um Menschenrechte, sondern Menschenpflichten geht es im Dekalog: auf der ersten Tafel stehen die Pflichten des Israeliten gegenüber Gott, auf der zweiten die gegenüber seinen Mitbürgern.

Hier bietet es sich an, wenigstens einen kurzen Blick auf die Zehn Gebote selbst zu werfen und die Form, in der sie in der Bibel erscheinen. Sie sind in eine Geschichte eingebettet, ohne die sie nicht voll verständlich sind und die ja auch Thomas Mann in seiner Novelle auf seine Weise nacherzählt. Auf diese Geschichte spielt Gott in seiner eröffnenden Selbstvorstellung an: «Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, herausgeführt hat.» Die Israeliten waren vor Jahrhunderten als Großfamilie in Ägypten eingewandert und hatten sich dort zu einem großen Volk vermehrt, sodass die Ägypter Angst vor ihnen bekamen und sie mit harter Fronarbeit zu unterdrücken und geradezu zu vernichten suchten. In dieser Lage offenbart sich JHWH Mose, einem der Ihren, und gibt ihm den Auftrag, zu Pharao zu gehen und die Freilassung seines Volkes zu fordern. Das gelingt endlich auch nach zehn immer furchtbareren Plagen, mit denen JHWH Ägypten schlägt. Pharao gibt sie zunächst frei, setzt ihnen dann aber doch mit seinem Heer nach, JHWH aber spaltet für sein Volk das Rote Meer (bzw. trocknet den Sirbonischen See aus) und lässt die Ägypter in den zurückflutenden Wogen ertrinken. Am Berg Sinai kommt es dann zu der großen Offenbarung. Das zitternde Volk sieht die gewaltigen Naturerscheinungen eines Vulkanausbruchs und hört Gottes Stimme, die allem Volk die zehn Gebote verkündet, bevor sie dann später mit Gottes eigener Hand auf zwei Tafeln geschrieben werden, die Mose ausgehauen und auf den Berg gebracht hat.

Die zwei Tafeln entsprechen den zwei Gruppen, in die die zehn Gebote zerfallen. Die einen erhalten eine mehr oder weniger ausführliche Begründung (die ausführlichste erhält das Sabbatgebot), die anderen sind knapp und apodiktisch formuliert. Die Juden verteilen die Gebote zu 5 und 5 auf die zwei Tafeln, auf die sie, wie es in der Bibel mehrfach heißt, Gott selbst mit eigener Hand geschrieben hat (Ex 31, 18; Dtn 4, 13; 5, 22). Die erste Tafel enthält die religiösen Gebote, die die Pflichten Gott gegenüber regeln, hierzu gehört nach jüdischer Zählung, der Thomas Mann folgt, auch das Gebot, die Eltern zu ehren; die zweite Tafel enthält die Gebote des mitmenschlichen Zusammenlebens. Das Besondere des biblischen Monotheismus, was daher auch besonderer Begründung bedarf wie Fremdgötterverbot, Bilderverbot, Namenstabu und Sabbatgebot, steht auf der ersten Tafel; die zweite Tafel enthält lauter Selbstverständlichkeiten, die sich auch in anderen Kulturen finden, die aber vom jüdischen und christlichen Monotheismus und auch von Thomas Mann als Errungenschaften der Bibel gefeiert werden.

Thomas Manns Quelle ist weniger die Bibel selbst als ein Buch des jüdischen Arztes und Zionisten Elias Auerbach, Wüste und Gelobtes Land; von ihm übernimmt er auch die vermeintliche Urfassung des Dekalogs, bei der die Begründungen auf der ersten Tafel entfallen. Auerbach datiert diese Urfassung in die vermeintlich mosaische Zeit des 13. Jhs. v. Chr. Die Zehn Gebote und die sie rahmende Erzählung gewinnen ihre Form aber in einer viel späteren Zeit, in der Israel auf traumatische Erfahrungen zurückblickt. Das Reich war untergegangen, Stadt und Tempel zerstört, die Elite nach Babylon verschleppt. Die einzige Sinngebung dieser furchtbaren Katastrophe sahen die geistigen Führer darin, dass Gott sein Volk für seine Untreue gestraft hat, weil es sich mit anderen Göttern eingelassen und die Gebote der Mitmenschlichkeit nicht beachtet hat. Das ließ noch Hoffnung übrig und war besser als der Gedanke, dass Gott sich für immer abgewendet hat oder dass es ihn – horribile dictu – gar nicht gibt. Strafe war doch immer noch ein Akt der Zuwendung und ließ auf Vergebung hoffen.

Auch die Bibel versteht die Zehn Gebote als eine einleitende Kurzfassung des gesamten in 613 Geboten und Verboten ausformulierten Gesetzeswerks, das sich an ihre Verkündung anschließt und das dem Volk dann durch Mose vermittelt wird, weil es die Stimme Gottes nicht erträgt. Der Dekalog hat den Rang einer Verfassung oder Grundgesetzes, nicht eines Gesetzeskodex.45 Die beiden Rundbogenstelen, auf die Gott sie nach traditioneller Ikonographie mit eigenem Finger geschrieben hat, zitieren einen ägyptischen Denkmalstypus.46 Das ägyptische Wort dafür heißt «Königsbefehl» und genau darum geht es hier: die zehn Gebote sind herrscherliche Anweisungen. Sie definieren die Bedingungen, unter denen JHWH die Israeliten als sein Volk annehmen und ihnen zugleich Gott und König sein will. D. h. es geht hier nicht nur um Gesetzgebung, sondern auch um den Abschluss eines politischen Bündnisses, durch das Israel zu einem Gottesstaat wird. Wer die Gebote hält, verbleibt im Bund, wer sie bricht, wird daraus verstoßen. Das gilt auch für das Volk insgesamt: wenn es den Boden der Gebote verläßt, wird JHWH es verstoßen. Das wird in einem Fluch ausgedrückt, der konstitutiv zum Gedanken des Bündnisses dazugehört. An zwei Stellen des Pentateuch, im 26. Kapitel des Buches Leviticus und im 28. Kapitel des Buches Deuteronomium erscheinen solche furchtbaren Flüche. Thomas Mann folgt also durchaus dem biblischen Vorbild, wenn er seine Novelle mit einem förmlichen Fluch enden lässt. Allerdings gilt die biblische Verfluchung nicht einem Aggressor von außen wie bei Thomas Mann, sondern dem Volk selbst, wenn es den Bund bricht.

Den entscheidenden Kontext, in den der Dekalog eingebettet ist, bildet der Zusammenhang von Erwählung, Befreiung, Offenbarung, Bund und Gesetz. Gott hat sich Israel als sein Volk erwählt, um mit ihm einen Bund zu schließen und sein Gott zu werden. Dieser Bund ist, was wir heute, Juden, Christen, Muslime, unter Religion verstehen. Religion heißt, im Bund mit Gott zu stehen und dadurch von den Zwängen dieser Welt zumindest geistig, innerlich, befreit zu sein. Wer den Bund bricht, verfällt den Mächten dieser Welt. Genau diese Erfahrung steht hinter der biblischen Konzeption von Gesetz und Bund. Das Problem von Thomas Manns Mose-Novelle besteht darin, dass er das Entscheidende, den bundestheologischen Rahmen, ausblenden muss, wenn er das Gesetz säkularisieren und universalisieren will. Im religiösen Zusammenhang der Exodus-Erzählung ist Mose entbehrlich, er kommt ja außerhalb des Pentateuchs in der Bibel ganz selten und in der Pessach-Haggadah, der jüdischen Liturgie des Passafests, überhaupt nicht vor. Die entscheidenden Motive sind Bund und Erwählung.

Um so etwas wie Menschenrechte – im Gegensatz zu Menschenpflichten – geht es nur in einem einzigen Thema des Bundesgesetzes, das im Dekalog gar nicht vorkommt. Das sind die Rechte, die den Unterprivilegierten der Gesellschaft, den Witwen und Waisen, Armen, Fremden und Asylanten zugesprochen werden. Im Grunde geht es aber auch hier um Menschenpflichten: die Pflichten der Besitzenden gegenüber den Besitzlosen und der Mächtigen gegenüber den Machtlosen. Davon handeln alle Ethiken der Antike. Das Neue am alttestamentlichen Gesetz ist, dass Gott sich selbst dieser Sache annimmt und durch seine Propheten, vor allem die frühen Propheten Amos, Jesaja und Micha, auf ihre Beachtung dringt. Das verwandelt die Pflichten der Starken in Rechte der Schwachen, denn diese können sie nun einklagen, nicht vor weltlichen Gerichten, aber vor Gott, dem wiederum im utopischen biblischen Gottesstaat die weltlichen Gerichte verantwortlich sind.

V

Auf diesem Punkt könnte man aufbauen. Vielleicht sollte man aber bei der Suche nach einem alle bindenden Grundgesetz des Menschenrechts und Menschenanstands die Religion aus dem Spiel lassen. Auf einen Gott und eine Offenbarung wird sich die Menschheit niemals einigen, aber vielleicht auf einige unausweichliche vernunftgebotene Spielregeln des Zusammenlebens. Das ist in der Tat, mit Hamlet zu reden, «ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen». Die Zehn Gebote in dieser Richtung zu universalisieren oder globalisieren, bedeutet, sie radikal zu säkularisieren. Ebendies hat Thomas Mann in seiner Novelle unternommen. Zwar ist sein Mose ein homo religiosus, aber seine Religiosität grenzt doch hart an neurotische und psychotische Symptome, wie ja auch Sigmund Freud die monotheistische Religion als eine kollektive Zwangsneurose, wenn auch als «Fortschritt in der Geistigkeit» diagnostiziert hat. Krankheit und Geistigkeit schließen sich ja nicht aus, am allerwenigsten im Werk Thomas Manns. Der Echnaton der Josephsromane ist ein Epileptiker und Décadent, aber zugleich ein visionärer Religionsstifter.

Man würde Thomas Manns Novelle gewiss Unrecht tun, wenn man sie als ein rein literarisches Kunstwerk auffassen würde. Sie ist littérature engagée und verfolgt ein politisches Anliegen. Das ist die Sache, bei der es ihm bei allem voltairisierenden Spott wirklich Ernst war: die Generalisierung der Zehn Gebote zu einer globalen Bill of Rights.

Rauschnings Hitler war aber im Irrtum, wenn er Moral und Gewissen, gegen die er zu Felde zog, auf die Zehn Gebote, die «Tafeln vom Sinai» zurückführte. Auch nach biblischem, d. h. jüdischem und christlichem Verständnis, gehen Moral und Gewissen weit über das hinaus, was auf den zwei Gesetzestafeln geschrieben steht. Diese gelten dem Bundesvolk, Moral und Gewissen aber sind allen Menschen ins Herz geschrieben. Als König Salomon sich von Gott «ein hörendes Herz» wünschte (übrigens ein alt­ägyptisches Ideal), meinte er nicht Gesetz, sondern Weisheit, nicht Tora, sondern Hochma. Daran hat Papst Benedikt XVI. in seiner eindrucksvollen Rede vor dem deutschen Bundestag am 22. September 2011 aufmerksam gemacht. Das Christentum, sagte der Papst, hat

im Gegensatz zu anderen großen Religionen […] dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen […] In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts. In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den «unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt» bekannt hat.47

Die Menschenrechte sind ein Kind, nicht der Bibel, sondern der europäischen Aufklärung. Der Aufklärung ging es darum, die bibelfromme Menschheit aus ihrer Unmündigkeit zu befreien, Thomas Mann ging es aber im Gegenteil darum, eine moralvergessene Menschheit an die Bibel als die Urquelle aller Gesittung zu erinnern. Die allgemeine Gesittung, die globale Bill of Rights, die Thomas Mann vorschwebt, steht aber nicht in der Bibel, ebenso wenig wie in anderen heiligen Schriften, sie ist der Menschheit nicht als Ursprung, sondern als Ziel vorgegeben.

Bei der Bemühung um eine allgemeine Bill of Rights können die zehn Gebote heute zwar nicht als Grundlage, aber durchaus als ein Modell dienen. So wie damals die Juden, braucht heute die Menschheit ein allgemein und absolut verbindliches Fundament, um darauf etwas ganz Neues, eine in Frieden und Freiheit lebende Weltgesellschaft der Nationen, Kulturen und Religionen zu errichten. Dieses «alle bindende Grundgesetz des Menschenrechts und Menschenanstands» (um noch einmal Thomas Manns Worte zu zitieren) ist genau wie die zehn Gebote ein Manifest der Bindung und der Freiheit. So wie die Juden die Knechtschaft in Ägypten nie vergessen sollen, um eine Gesellschaft der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu werden, in der niemand unterdrückt werden soll, so darf die heutige Menschheit die Greuel von Sklaverei, Kolonialismus, Weltkrieg und Holocaust nie vergessen, um die Welt in eine Sphäre von Frieden und Gerechtigkeit umzuformen. Das ist keine Utopie, sondern die Grundlage unseres Überlebens, so wie auch das jüdische Volk auf der Grundlage seiner Verfassung und seines Gesetzes allen Verfolgungen zum Trotz zweieinhalb Jahrtausende der Verfolgung und Vertreibung überlebt hat.

Auf dieses Ziel hin, darin ist Thomas Mann unbedingt Recht zu geben, kann man auch die Bibel lesen und ihr starke Impulse in dieser Richtung abgewinnen. Das gilt aber ebenso für andere religiöse, moralische und humanistische Traditionen innerhalb und außerhalb des westlichen Raums. Die Menschenrechte sind eine Sache der Vernunft, nicht des Glaubens. Das aber muss und darf kein Widerspruch sein. Vielmehr kann sich die Vernunft in ihrem Streben nach Frieden und Gerechtigkeit auf den Glauben als Bundesgenossen berufen und alle Religionen der Welt sind aufgerufen, sie in diesem Streben zu unterstützen.

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