In dieser Woche sagen wir Christ & Welt in der ZEIT Adieu, den wöchentlichen Extra-Seiten für Glaube, Geist, Gesellschaft. Drei Päpste haben wir in den Jahren seit 2010 begleitet (und sie uns). Und immer haben wir versucht, ein Kirchenvolk anzusprechen und abzubilden, das einerseits selbstbewusster wurde und andererseits mutloser. Und manchmal regelrecht verzweifelt ist an sich selbst und seiner Kirche, der katholischen zumal.
Christ & Welt ist stets konfessionell quergestreift gewesen, einesteils evangelisch, andernteils katholisch. Seit wir es 2010 aus der Konkursmasse des Rheinischen Merkurs herausgelöst haben, hat Christ & Welt innerhalb der ZEIT die Rolle übernommen, den katholischen Akzent zu stärken. Nach 15 Jahren unter Katholiken überwiegt bei mir als Protestant die Bewunderung für Kraft & Zauber des Katholischen die Kritik bei Weitem. Was wünsche ich Euch?
I) Freut Euch an Euren Päpsten, auch den schwierigen! Sie zeigen Euch, wo Ihr steht, als Kirche wie als Kirchenvolk. Die Zustimmung für sie ist genauso wie die Kritik an ihnen ein Spiegel Eurer Einheit: Wo verkörpern sie die Kirche, die Ihr sein wollt – wo fordern sie Euch zum Widerspruch heraus? Ohne sie fehlt dem Katholizismus der Fixpunkt.
II) Vertraut dem Freigeist der Volksfrömmigkeit! Im Münchner Stadtteil Au steht die Kirche Mariahilf. Im 19. Jahrhundert sollte die dortige Madonna weichen, weil ihre Verehrung aus der Zeit gefallen wirkte. Die Gläubigen erzwangen durch einen Boykott ihre Rückkehr: Maria 2.0 vor bald 200 Jahren. Mich rührt die Einfachheit der Bitte auf den Andachtskerzen: „Gottesmutter von der Au, Deinem Schutz ich stets vertrau“.
III) Erfreut Euch Eurer Vielfalt! Ein evangelisches Klischee sieht den Katholizismus als monolithischen Block. Tatsächlich ist die Vielfalt der spirituellen Farben, Geschmäcker und Richtungen, die ich kennenlernen durfte, von einer ungeahnten Weite. Allein die Unterschiede unter den Orden!
IV) Nutzt die Schärfe der Theologie! Nicht verstaubtes Buchwissen, sondern das scharfe Schwert der Unterscheidung macht die Theologie relevant: Die Freiheit eines Christenmenschen liegt darin, erstmal zu glauben, was er will. Die Theologie hilft, Sinn von Unsinn zu trennen und Heil von Unheil.
V) Versteht die alten Formen als Flügel, nicht als Fesseln! Vom einstigen Benediktiner Fulbert Steffensky stammt die Einsicht: Der Zwang zur Authentizität kann eine Geißel sein. Das Geschenk alter Gebete und Gesänge liegt manchmal darin, dass ich nicht immer selbst glauben muss, sondern mich tragen lassen darf.
VI) Misstraut der Macht – vertraut der Macht! Missbrauch gehört zur DNA der Kirche, hat Bischof Wilmer einst konstatiert, denn wo Macht sitzt, da ist auch ihr Missbrauch möglich. Und großen wie kleinen Machthabern gehört auf die Finger geschaut. Wer aber seiner Kirche gar keine Macht zugestehen mag – Entscheidungs-, Handlungs-, Deutungsmacht –, der will in Wahrheit keine Kirche.
VII) Nein, die Frauenfrage ist keine offene Frage! Wer Frauen ausschließt von der Verkündigung des Himmelreichs Gottes, der kann auch gleich Schwarze ausschließen oder Asiaten oder Latinos. Nach 15 Jahren Debatte über Frauen im Priesteramt muss ich sagen: Die Argumente dagegen erinnern mich an die Argumente von Rassisten – sie täuschen Vernunft nur vor. Es ist genauso Sünde, Menschen wegen ihres Geschlechts zu benachteiligen wie wegen ihrer Hautfarbe.
VIII) Traut Euch die Gabe der Prophetie zu! Glaube versetzt Berge – und manchmal hilft er, durch Mauern zu sehen. Viel zu selten trauen wir uns zu, gestützt auf die Fundamente der Schrift, zu glauben, was die Augen noch nicht sehen können. Die Sehnsucht nach dem Himmel auf Erden weiß um ihre Vergeblichkeit. Aber sie erkennt am Horizont manchmal den Vorschein einer besseren Welt, während andere kaum wagen, den Blick vom Staub vor ihren Füßen zu heben.
IX) Und an Bischöfe wie Firmlinge gleichermaßen: Delegiert Gott nicht an andere – glaubt selber! Firmlinge mögen nach dem Fest denken: Das mit dem Glauben können dann ja die Eltern übernehmen oder der Pfarrer. Und groß ist die Versuchung für Bischöfe, den Glauben in Formeln und Floskeln einzusargen. Doch glauben muss man schon selber, Irrwege inklusive.