ISRAEL UND DIE HAMAS: Die Falle des Feindes

Die Strategie der Terrororganisation Hamas ist aufgegangen. Sie hat den Kompass der Welt verdreht und Israel allein auf die Anklagebank gesetzt.

In Rückblicken auf den 7. Oktober 2023 heißt es oft, die Hamas habe „in Kauf genommen“, dass die israelische Reaktion die Zivilbevölkerung des Gazastreifens in Mitleidenschaft ziehen werde. Das ist ein Irrtum. Die Hamas hat diese Folgen nicht in Kauf genommen, sondern beabsichtigt; sie hat die Logik der Selbstmordattentate auf eine kollektive Ebene gehoben. Niemand käme auf den Gedanken zu behaupten, dass ein Selbstmordattentäter den eigenen Tod „in Kauf nimmt“. Nein, er betrachtet den eigenen Tod als notwendig, um bestimmte politische Ziele zu erreichen.

Was war das politische Ziel der Hamas? Sie wollte, wie vielfach belegt, die Weltmeinung gegen Israel aufbringen. Dazu brauchte sie auf palästinensischer Seite möglichst viele „Märtyrer“, einschließlich Frauen, Kinder, Kranke und Alte. Ihre Hoffnung ist in Erfüllung gegangen. Israel tappte in die von ihren Todfeinden gestellte Falle. Netanjahu überhörte die Warnung des US-amerikanischen Präsidenten Joe Biden, er solle im Zorn nicht dieselben Fehler machen wie George W. Bush nach dem 11. September 2001. Die Regierung in Tel Aviv ließ sich auf die Hamas-Strategie ein. Dahinter stand ihre eigene Verblendung. Der Genozid-Vorwurf gegen das Vorgehen Israels in Gaza konnte Fahrt aufnehmen, und zwar nicht „nur“ deswegen, weil – in der militärischen Logik gedacht – die „Kolateralschäden“ wesentlich größer waren als taktisch erforderlich, sondern weil sie von einer Regierung verursacht wurden, die selbst im Westjordanland gemeinsam mit den Siedlern mit Vertreibungsabsicht gegen die palästinensische Bevölkerung vorgeht.

Misst man Sieg und Niederlage nicht an militärischen Erfolgen, sondern am Erreichen politischer Ziele, dann hat die Hamas strategisch triumphiert. Es ist ihr gelungen, den moralischen Kompass der Welt zu verdrehen – nicht nur durch Täter-Opfer-Umkehr, sondern auch deshalb, weil inzwischen die Energiepreise weltweit in die Höhe geschnellt sind. Der Misserfolg von Trumps Iran-Abenteuer, ebenfalls eine mittelbare Folge des 7. Oktober 2023, hat gezeigt, dass nicht einmal die führende Weltmacht in der Lage ist, ihre politischen Ziele militärisch durchzusetzen. Israel sitzt auf der Anklagebank, immer mehr Freunde wenden sich von ihm ab. Die von der Hamas bekämpfte Zweistaatenlösung ist auf unabsehbare Zeit von der Tagesordnung verschwunden. Das terroristische Kalkül ist aufgegangen.

Gibt es in dieser Lage Hoffnung auf Frieden? In Palästina steht das „Zelt der Nationen“, oder auf Englisch Tent of Nations. Es befindet sich auf einem Hügel in der Nähe von Bethlehem. An der Einfahrt zum Grundstück steht auf einem größeren Stein: „Wir weigern uns, Feinde zu sein.“ Die palästinensisch-christliche Familie Nassar betreibt einen Bauernhof auf 42 Hektar Land. Das Land macht ihr derzeit die israelische Regierung streitig. Diese will es aus militärischen Gründen zu Staatsland erklären. Das ist einerseits völkerrechtswidrig, folgt aber der Politik, die palästinensische Bevölkerungsgruppen mit israelischen Siedlungen zu umgeben.

Die Farm ist also von allen Seiten von völkerrechtlich illegalen israelischen Siedlungen umzingelt. Es gibt Übergriffe und Okkupation durch Siedler, Zugangsbeschränkungen und Blockaden zur und von der Farm, das Zerstören von Obst- und Olivenbäumen. Der Familie gehört das Land seit 1916. Sie ist im Besitz von Original-Besitzurkunden. Sie bemüht sich seit Jahren um Klärung vor Gericht – bislang ohne Erfolg.

Der Fall bewegt sich hin und her zwischen Ausschüssen und Gerichten. Die Nassars leisten gewaltfreien Widerstand gegen alle Enteignungspläne. Vier Prinzipien sind dabei für sie leitend: „Wir weigern uns, Opfer zu sein. Wir weigern uns, zu hassen. Wir handeln nach unserer Glaubensüberzeugung. Wir glauben an Gerechtigkeit.“ Sie haben ihr Anwesen auch zu einem ökologischen Bildungszentrum ausgebaut. Gemeinsam verwandeln sie Verzweiflung in Hoffnung: durch Umwelterziehung, Bio-Landwirtschaft, Empowerment-Programme und globale Solidarität. Sie glauben daran, dass Krieg kein Schicksal ist, dem man sich zu fügen hat.

In einer Welt, in der Hass ansteckt, gibt es eine alternative Möglichkeit, sich anstecken zu lassen. Sie beginnt mit der Weigerung, sich vom Hass zum Feind machen zu lassen, auch dann, wenn einen „die Welt“ dann noch mehr hasst. Hass siegt, wenn es ihm gelingt, den Willen zum Frieden zu brechen. Er verliert, wenn er an der Weigerung des imaginierten Feindes scheitert, der Feind zu sein, den er in ihm sieht. Aus dieser Quelle lebt die Hoffnung, von der das Evangelium spricht.

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