FORTSCHRITT UND VERÄNDERUNG: Wann ist das Neue gut?

Manche Bischöfe zeigen eine Doppelgesichtigkeit: Technischer Fortschritt wird skeptisch betrachtet, die Kirche hingegen müsse sich neu erfinden.

Es war ein dramatisches Schauspiel: Der Heilige Bonifatius soll im Jahr 723 die dem germanischen Gott Thor geweihte Donareiche umgelegt haben. Um die Überlegenheit des Christentums zu demonstrieren, zerstörte der Missionar das heidnische Heiligtum.

Zum Abschluss der Herbstvollversammlung verwies der Limburger Bischof Georg Bätzing nun im Fuldaer Dom am Grab des Apostels der Deutschen auf diese alte Szene und nannte sie einen „radikalen Akt“. Er will sie als Symbol für Unterbrechung und Neuanfang verstanden wissen. „Aufhören können“ sei auch in unserer Gegenwart „durchaus eine Voraussetzung“, um eine „neue Kultur zu etablieren“, meinte er mit Verweis auf den Soziologen Hartmut Rosa.

Veränderung und Reform sind im politischen wie im kirchlichen Raum das Zauberwort unserer Zeit. Furcht und Hoffnung gehen gleichermaßen mit ihnen einher. Das Bild der Donareiche dient hier nicht der Missionskritik. Das Christentum erschien damals vielen Germanen durchaus plausibel. Doch viel grundlegender stellt sich die Frage: Wie gehen wir heute mit sich beschleunigenden Transformationen um, mit diesem Sound von „alles wird anders“. Manch eine gewohnte Eiche fällt zu Boden. Neues beginnt.

Theologie und Kirche haben sich dabei bisweilen eine merkwürdige Doppelgesichtigkeit zu eigen gemacht. Während man in den Wäldern der innerkirchlichen Gewohnheiten und bei dogmatischen Baumriesen gerne schnell mit der Axt bei der Hand ist, scheinen sich im säkularen Feld Beharrungskräfte breitzumachen. Politisch soll Stabilität die oberste Wegweisung sein und Dynamik und Erneuerung vor allem als potentiell toxisch verbrämt werden.

Es ist ein erschreckendes Szenario, welches Bätzing uns in seiner Predigt offenbart: Wir würden an die Grenzen eines „rasenden Stillstands“ stoßen, das Fortschrittsversprechen habe sich totgelaufen. Die Zahl der Opfer von Armut, Hunger, Krieg und Klimanot würde täglich zunehmen. Bätzing zergeht sich im Dystopischen. „Wir müssen aufhören, menschliches Wohlergehen vornehmlich durch wirtschaftliches Wachstum, wissenschaftlichen Fortschritt und ökonomischen Wohlstand zu definieren.“ Das kann man in Fulda leicht sagen, möchte man ihm entgegenhalten.

Der langjährige Vorsitzende zitiert zur Untermalung seiner Fortschrittsskepsis die Enzyklika Magnifica humanitas von Papst Leo, obwohl gerade diese eine ausgewogene Einschätzung zu Fluch und Segen technischer Innovationen bietet. Nicht die Ablehnung neuer Technologien ist die Kernbotschaft des Lehrschreibens, sondern deren Humanisierung.

Zwei deutsche und ein amerikanischer Wissenschaftler haben für die Entdeckung der Optogenetik in dieser Woche den Nobelpreis für Medizin zuerkannt bekommen. Diese neue Technik ermöglicht ein tieferes Verständnis von Erkrankungen wie Blindheit, Depression, Sucht oder Demenz. Mutmaßlich wird in der Folge vielen Menschen geholfen werden können. Ist es diese Art von wissenschaftlichem Fortschritt, die Bätzing skeptisch betrachtet?

Wann ist das Neue eine Gefahr, wann eine Chance, das ist immer wieder die Kernfrage, auch im katholischen Denken. Doch wieso ist Bätzing in innerkirchlichen Fragen so schnell dabei, dem Neuen den größeren Vorzug zu geben, während sonst die Skepsis dominiert? „Aufhören werden wir innerhalb der Kirche lernen müssen“, predigt er angesichts kleiner Zahlen und geringerer Ressourcen. Nicht alles, was einmal gute katholische Praxis war, könne ewig bleiben. Zugleich fordert er: Evangelisierung brauche neue Strukturen. Es ist unschwer zu erraten, dass hier auch die ersehnte „Synodalkonferenz“ gemeint ist. Doch woher kommt die Gewissheit, dass neue Gremien gut sind und manches andere verschwinden muss?

Die Quintessenz der Homilie ist: „In manchen Fragen verhindert die theologische Fiktion der Kontinuität sogar die Erneuerung, die unsere Kirche so dringend braucht.“ Wirklich? 2000 Jahre Christusnachfolge: Ist die „Fiktion der Kontinuität“ nicht ein Wesenskern des Katholischen, ihr Schatz? Nicht zwanghafter Traditionalismus, aber eben das Wissen um den Wert eines auch narrativen roten Fadens. „Aufhören können und Neues anfangen – von Bonifatius kann man es lernen“, sagt Bätzing. Ist nicht das Gegenteil der Fall, ist nicht Inkulturation, also die Übernahme des Alten in die neue Zeit das Erfolgsgeheimnis des Christentums? Das Vergangene ist eben nie ganz vergangen und das Neue nie nur neu! Bonifatius hat zumindest der Legende nach aus dem Holz der Eiche eine neue Kapelle errichtet.

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