Dass sich die Kirchen leeren, Gott und Glaube für immer mehr Menschen keine Rolle mehr spielen und weniger Kinder getauft werden, ist eine unleugbare Tatsache. Ob die Amtskirchen sie wirklich begriffen und die nötigen Folgerungen daraus gezogen haben, darf man bezweifeln. Vor dem Hintergrund einer verheerenden jahrhundertelangen Pastoral, die mit Sünden- und Höllenangst die Seelen verwüstete, und der erschütternden Berichte über sexuellen und geistlichen Missbrauch durch Priester und Ordensleute ist die Abkehr der Menschen von Glaube und Kirche verständlich.
Andererseits haben gerade viele Ältere in der Kirche auch positive Erfahrungen von Gemeinschaft und mit einfühlenden Seelsorgern gemacht, die sie den Glauben und religiöse Rituale als wertvolle Bereicherung und Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen erleben ließen. Diese Menschen, heute meistens Großeltern, bedauern nicht nur, dass ihre Kinder und Enkel kein Interesse mehr an der Kirche haben und ihr den Rücken kehren. Sie machen sich ehrliche Sorgen um deren Seelenheil und versuchen mit allen Mitteln, sie mit religiösen Inhalten in Kontakt zu bringen und die fehlende religiöse Erziehung der Eltern zu kompensieren.
Ihnen will der bekannte Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller die Augen öffnen für die völlig andere Situation, in der sich die jungen Menschen heute befinden, wenn es um Kirche und Glauben geht. In seinem Buch Enkel ohne Gott? macht er deutlich, dass die Zeit vorbei ist, in der die Kirche mit der Hölle drohte, wenn die Menschen nicht so lebten, wie es die kirchliche Moral lehrte – und auch Müller selbst es erlebte –, und in der ein Richtergott das Einhalten der Gebote forderte und ihre Nichtbeachtung bestrafte.
Kinder und Jugendliche suchen ihre eigene Spiritualität, die mit Kirche nicht zwingend etwas zu tun hat. Ernsthaft und nachdrücklich verbietet Müller den Großeltern, sich in die Erziehungsarbeit ihrer Kinder einzumischen und die Kompetenz der Eltern sowie die Autonomie der Kinder und Enkel zu missachten. Er macht klar, dass Gott und Kirche nicht identisch sind, sondern Gott überall wirkt und zu finden ist, zuweilen auch in der Kirche. Müller nimmt Großeltern falsche Schuldgefühle, dass sie die Enkel nicht religiös beeinflussen konnten. Er legt ihnen stattdessen nahe, bei sich selbst zu bleiben und sich zu fragen, was ihnen der Glaube wirklich bedeutet und welche Motive sie in der Kirche bleiben lassen. Das ist eine echte Stärke dieses lesenswerten Buches.
Freilich sollten die Großeltern es sich nicht nehmen lassen, religiöse Riten auch im Beisein der Enkel zu vollziehen, wenn diese und die Eltern das akzeptieren. Auch ein ehrliches Gespräch über unterschiedliche Einstellungen mag gelegentlich möglich sein. Großeltern müssen sich bewusst machen, dass ihre Kinder und die Jugendlichen ganz individuelle Erfahrungen und Begegnungen machen, die die Ausbildung der eigenen Identität beeinflussen. Letztendlich gelte es, so Müller, die jungen Menschen loszulassen und sich vor Augen zu führen, dass Gottes Liebe nicht zwischen Gläubigen und Ungläubigen unterscheidet, sondern seine Liebe jeden Menschen so annimmt, wie er ist. Eine weite Spiritualität kann die Spuren Gottes überall erspüren und seine Gegenwart erahnen.
Wunibald Müller: „Enkel ohne Gott? Wenn der Glaube in Familien verloren geht“, Verlag Herder, Freiburg 2026, 192 Seiten, 22 €