Wer seit acht Jahren in Jerusalem lebt, lernt die Stadt in all ihren Facetten kennen – ihre Schönheit, ihre Spannungen und ihre Zerbrechlichkeit. Doch in den letzten Monaten ist das Klima für die christliche Minderheit gekippt. Jerusalem, das Herz der drei Weltreligionen, verwandelt sich in einen Ort, an dem religiöser Fanatismus staatlich geduldet, wenn nicht gar befeuert wird. Die Anzeichen der Verrohung begegnen uns täglich. Es sind die verächtlichen Spuckattacken auf Geistliche, die längst kein Randphänomen mehr sind. Was von offizieller Seite oft als Tat „geistig Verwirrter“ abgetan wurde, hat sich unter der aktuellen rechtsreligiösen Regierung normalisiert. Kameras haben aufgezeichnet, wie ein religiöser Siedler eine katholische Ordensschwester brutal zu Boden stößt und tritt. Das Video hat sich in das Gedächtnis der Christen eingebrannt.
Diese Aggression ist dabei kein isoliertes Problem radikaler Einzelgänger. Die Atmosphäre wird vergiftet durch eine Politik der maximalen Provokation. Itamar Ben-Gvir, Minister für Nationale Sicherheit, fungiert als Brandbeschleuniger. Ein Foto der Torte zu seinem 50. Geburtstag kursierte im Netz: Verziert mit einer goldenen Henkersschlinge und dem Satz „Manchmal gehen Träume in Erfüllung“. Ein zynischer Hinweis auf das kurz zuvor verabschiedete Gesetz zur Todesstrafe, das faktisch nur Palästinenser treffen soll. Wenn ein Minister den Tod als Geburtstagswunsch feiert, ist die moralische Verrohung der Gesellschaft kaum noch aufzuhalten. Wir sahen Videos von israelischen Soldaten im Südlibanon, die eine Christusstatue mit einem Vorschlaghammer zertrümmerten. In Jerusalem selbst wird der Zugang zur Grabeskirche für den Lateinischen Patriarchen durch massive Polizeisperren und bürokratische Schikanen zur Demütigung.
Es geht hier um die schleichende Verdrängung einer Gemeinschaft, die seit 2000 Jahren Teil dieser Stadt ist. Und doch gibt es Lichtblicke: Israelische Organisationen wie Tag Meir („Lichtbringer“) oder Rabbis for Human Rights („Rabbiner für Menschenrechte“) bringen den Mut auf, sich gegen den Strom zu stellen. Sie erinnerten mit ihrem Solidaritätsbesuch nach dem Angriff auf die Nonne daran, dass der Konflikt nicht zwischen den Religionen tobt, sondern zwischen jenen, die Frieden suchen, und den „Hooligans der Religion“. Doch ihre so notwendigen Worte erinnern leider an den Versuch, einen Waldbrand mit einer Teetasse zu löschen, da die Aggression von höchster politischer Ebene gedeckt wird. Was heute Christen trifft, richtet sich in Wahrheit gegen jede Form von Vielfalt. Unter Druck geraten alle, die nicht in das enge nationalreligiöse Weltbild der Extremisten passen – seien es Reformjuden, säkulare Israelis, linke Aktivisten oder andere Minderheiten.
Als jemand, der diese Stadt liebt und hier seit acht Jahren seinen Alltag bestreitet, beobachte ich mit Erschrecken den schleichenden Exodus von Christen. Jerusalem beansprucht für sich, ein Mosaik der Weltreligionen zu sein. Doch ein Mosaik zerfällt, wenn eine Seite beginnt, die anderen Steine systematisch herauszubrechen. Wenn das religiöse Erbe der Christen nur noch als Zielscheibe wahrgenommen wird, verliert Jerusalem sein Gesicht. Die internationale Gemeinschaft darf hier nicht länger wegsehen.
Wer glaubt, man könne das Christentum aus den Gassen Jerusalems spucken, ohne die Seele dieser Stadt endgültig zu vernichten, irrt gewaltig. Eine Stadt, die ihre Vielfalt opfert, verliert am Ende sich selbst.