Rezensionen: Wissenschaft & Bildung

Bauer, Joachim: Menschlichkeit in digitalen Zeiten. Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können.
München: Heyne 2026. 320 S. Gb. 24,–.

Eigentlich schimmert durch dieses Buch des international renommierten Neurowissenschaftlers Joachim Bauer, das sehr kenntnisreich und in empirisch fundierter Sorge die Wirkungen von Social Media, Games und Chatbots auf die psychische und intellektuelle Entwicklung von Kindern und Jugendlichen (107-164), auf De-Skilling durch KI in Kitas, Schulen und Universitäten (165-190) sowie in der Medizin und in der Psychotherapie (191-217) benennt, immer wieder eine gute Nachricht durch: „Diese Vorstellungen“ (etwa die, dass der Körper langfristig abgeschafft und der menschliche Geist auf Computer hochgeladen werden könne) „sind nicht deshalb gefährlich, weil zu befürchten wäre, sie könnten realisiert werden – sie werden nicht realisierbar sein. Ihre Gefährlichkeit ergibt sich daraus, dass die Menschheit begonnen hat, diesen Unsinn zu glauben“ (197). Anders gesagt: Wer meint, der Mensch ließe sich mit KI verschmelzen und schließlich ersetzen, der irrt schlicht und einfach. Da muss man sich keine Sorgen machen. Allerdings: Wer sich auf diesen Irrtum gläubig einlässt, begibt sich auf eine Geisterfahrt, die zweigleisig verläuft: Zum einen werden illusionäre Optimierungsillusionen erzeugt, zum anderen – damit einhergehend – Verunsicherung und Angst, den Anschluss an das digitale Leben zu verpassen; so wird der „folgsame Käufer“ (220) geformt, der zwischen vermeintlichen und „wirklichen Gefahren“ (222-231) nicht unterscheidet und die „digitale Vernunft“ (232-244) mit der Kompetenz verwechselt, digitale Angebote bedienen zu können und zu konsumieren.

Die Gewinner dieses Spiels sind die „Barone des Silicon Valley“. Wie denken sie? Bauer stellt drei von ihnen vor (25-59): Marc Andreessen (Techno-Optimist-Manifesto), Ray Kurzweil (The Singularity is Nearer) und Peter Thiel (From Zero to One, The Straussian Moment). Auf den ersten Blick wirken sie unterschiedlich und sie positionieren sich in Einzelfragen durchaus unterschiedlich, zum Beispiel im Verhältnis zur Demokratie. Und doch gibt es in ihrem Mindset grundlegende Gemeinsamkeiten, die sie repräsentativ machen für das vorherrschende Denken im Silicon Valley. Im Zentrum steht die Reduktion der menschlichen Intelligenz auf Datenverarbeitung, insbesondere bei Kurzweil verbunden mit der Reduktion der biologischen Abläufe auf ein modulares, digital simulierbares Maschinengeschehen. Hier setzt Bauer mit seiner Korrektur an: Der menschliche Körper spielt eine überragende Rolle für die Entwicklung von Bewusstsein und Intelligenz (60-106); das wird von den Baronen nicht gesehen, unterschätzt oder gar bewusst ausgeblendet. Bewusstsein ist kein körperloses Produkt von Informationsverarbeitung. Es entsteht vielmehr gar nicht ohne Körper, und Maschinen haben eben keine Körper. „Alles Wissen, das Menschen über die Welt erwerben, stammt aus sensomotorischen Handlungserfahrungen“ (71). Deswegen ist das Wissen, das Maschinen „wissen“, nicht dasselbe wie jenes, das Menschen auf Grund ihrer Körperlichkeit und Sozialität erwerben. Die Ausführungen hierzu in Kap. 3 („Bewusstsein und Intelligenz“ – 60-90) und in Kap. 4 („Voraussetzungen für Wachstum und Entwicklung“ – 91-106) bilden die Grundlagen für den weiteren Argumentationsgang.

Als Wissenschaftler kennt der Autor den Unterschied zwischen Biologie und Physik. Als Arzt begrüßt er die positiven Möglichkeiten von KI, sofern sie zielgerecht und sachkundig eingesetzt werden (z. B. 191-195 u. a.). Als Psychotherapeut hat er in mehrjähriger Arbeit mit Schulen und Lehrkräftegruppen das Freiburger Modell für Lehrkräfte-Coaching entwickelt und erfolgreich eingeführt; er kennt Schule von innen und weiß, dass digitale Geräte sinnvoll im Unterricht eingesetzt werden können. Aber er weiß eben auch, dass sie niemals die Bedeutung der Lehrer-Schüler- oder der Arzt-Patient-Beziehung auf der analogen Ebene nur annähernd ersetzen können. Auf faszinierende Weise eröffnet Joachim Bauer den Leserinnen und Lesern deswegen vor allem einen Blick auf den Menschen – das Kind, die Jugendliche, die Patientinnen und Patienten –, den er gerade in seiner Körperlichkeit sieht und wertschätzt. Das Silicon Valley hingegen hat sich auf die Abwege einer neuen „technizistischen Religion“ (12) begeben, die auf eine Entmündigung des Menschen hinausläuft.

Diese kritische Zuspitzung des Autors macht wiederum die evolutionsbiologisch geprägte Sicht auf den Menschen besonders anregend für den rezensierenden Theologen. „Die modernen Neurowissenschaftler stehen eher auf der Seite seines [Platons] Kollegen Aristoteles.“ Das reizt dazu, im Geiste des Aristoteles-Schülers Thomas von Aquin einen Schulterschluss der Theologie mit der Neurowissenschaft gegen den Techno-Platonismus des Silicon Valley zu vollziehen. Das wäre dann auch ein ordentlicher Schub für die Bildung: eine „Bürgerinitiative zur Verteidigung analogen Lebens“ (244), wie es der Autor am Ende seines Buches vorschlägt.

Klaus Mertes SJ

Ryan, Fáinche / Ansorge, Dirk / Quitterer, Josef (Hgg.): Theology and the University.
London / New York: Routledge 2024. 264 S. Kt. 52,99.

Der englischsprachige Band vertieft die Frage nach der Bedeutung der Theologie an den Universitäten und im öffentlichen Leben. Die Autorinnen und Autoren zeigen auf, dass es dort, wo die Theologie aus den akademischen Diskursen gedrängt wird, zu schwerwiegenden Auswirkungen nicht nur auf die Integrität der akademischen Theologie kommt, sondern auch auf die Universitäten und das Verständnis der Wissenschaftlichkeit.

Die insgesamt 14 Beiträge sind in vier Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel mit Beträgen von Sharon Rider, Fáinche Ryan und Massimo Faggioli hinterfragt kritisch die Funktion von Universitäten für die gegenwärtige Gesellschaft. Sie müssen ihre Aufgabe wiederfinden, der Gesellschaft und dem sozialen Umfeld, in das sie integriert sind, zu dienen. Das zweite Kapitel mit Beiträgen von Dirk Ansorge, Marcello Neri, Marie-Jo Thiel und Ethna Regan beleuchtet die unterschiedlichen Formen der Beziehung zwischen der Theologie und säkulare Universitäten in verschiedenen Ländern Europas. Besonderer Akzent liegt dabei auf der Kritik gegenüber der Theologie als akademischer Disziplin, weshalb sie in manchen Ländern aus den Universitäten verdrängt wird. Das dritte Kapitel mit Beiträgen von Serge-Thomas Bonino, Robert J. Woźniak, Michael A. Conway und Michael Kirwan vertieft die Frage nach dem Selbstverständnis der Theologie als wissenschaftlicher Disziplin. Das vierte Kapitel schließlich, mit Beiträgen von Josef Quitterer, Lieven Boeve und Cornelius Casey reflektiert über den Beitrag, den die akademische Theologie im Dialog mit der Kirche, der Gesellschaft und der akademischen Welt säkularer Universitäten bieten kann.

Der Band bietet vertiefende Reflexionen über die Universitäten als Orte der Wahrheitssuche sowie über die universitäre Verortung der Theologie, die von ihrem Bezug zu Kirche und Glauben geprägt bleibt und sich zugleich in säkularen Diskursen bewähren muss. Die Grundthese wird entfaltet, dass die Präsenz der katholischen Theologie an säkularen Universitäten von beiderseitigem Nutzen ist. Es wird also einerseits argumentativ Bestrebungen entgegengetreten, der Theologie die Wissenschaftlichkeit abzusprechen und sie aus dem Bereich der akademischen Welt zu verdrängen, andererseits aber auch den Befürchtungen, die akademische Theologie würde durch ihre Präsenz an staatlichen Universitäten ihren Charakter als wissenschaftliche Reflexion über den christlichen Glauben verlieren, insofern sie den Anspruch auf Wahrheit wissenschaftlich begründen müsse. Während die Theologie durch ihre Präsenz an säkularen Universitäten herausgefordert wird, ihren Anspruch auf Wahrheit zu begründen, müssen auch die säkularen Wissenschaften die Voraussetzungen ihrer Methodik und die Grenzen ihrer Erkenntnisse reflektieren.

Insgesamt ist der Band ein wichtiger und lesenswerter Beitrag in der kontroversen Debatte über die Verortung der akademischen Theologie an staatlichen Universitäten. Er zeigt auf, dass eine gesellschaftlich relevante Theologie die Prämissen ihres wissenschaftlichen Denkens offenlegen muss, auch wenn dadurch religiöse Überzeugungen durch Kritik und Einwände angreifbar werden. Umgekehrt zeigt sie die Bedeutung der Theologie für Studierende, die dafür ausgebildet werden, in akademischen und sozialpolitischen Entscheidungsprozessen Verantwortung zu übernehmen, insofern diese lernen, wissenschaftlich strukturiert eigene implizite Vorannahmen und Wertvorstellungen offenzulegen und zu hinterfragen.

Martin M. Lintner

Bucher, Anton A.: Geschwister. Liebend, streitend, prägend. Fakten zur längsten Beziehung im Leben.
Münster: Waxmann 2026. 243 S. Kt. 29,90.

Menschen sind zutiefst soziale Wesen und können nur in Beziehungen leben. Eine der längsten Beziehungen im Leben ist die zwischen Geschwistern. Im besten Fall können sie 80 Jahre oder noch länger gemeinsame Lebenszeit miteinander verbringen. In den prägenden Kinderjahren teilen sie mehr Zeit miteinander als mit den Eltern und machen dabei unterschiedliche Erfahrungen: von großer Zuneigung und herzlichem Miteinander bis hin zu Wut, Streit und Eifersucht. Während im Erwachsenenalter Ehen scheitern, Lebensabschnittspartner*innen sich ablösen und Freundschaften enden, kann ein Geschwister im besten Fall Fels in der Brandung des Lebens sein.

Trotz der enormen Rolle, die Geschwister im Leben der meisten Menschen spielen, wurden und werden sie in der Pädagogik und Psychologie oft randständig behandelt. Im Vergleich zur Beziehung zwischen Eltern und Kindern und zu Freunden liegt die Forschung zu Geschwistern weit dahinter zurück. Anton Bucher, Professor für Religionspädagogik und Erziehungswissenschaften in Salzburg, füllt mit seinem gründlich recherchierten und gut geschriebenen Sachbuch diese Lücke.

Er erörtert vorliegende Statistiken zur Geschwisterschaft, entfaltet historische Aspekte und stellt das empirisch gesicherte Wissen vor. Mit Geschwistern groß zu werden, wirkt sich auf die Entwicklung von Kindern in allen Lebensbereichen aus. Was ist dazu heute bekannt? Welche Bedeutung und Auswirkungen haben Geschwisterpositionen und -typologien, die von „innig“ bis „feindlich“ reichen? Bucher thematisiert auch dunkle Seiten der Geschwisterbeziehungen. Was passiert, wenn Geschwister getrennt werden, ein Geschwister schwer erkrankt oder stirbt? Sexuelle Kontakte zwischen Geschwistern sind nicht immer einvernehmliche „Doktorspiele“. Was heute bekannt ist über sexuellen Missbrauch, mehrheitlich von älteren Brüdern gegenüber jüngeren Schwestern begangen, wird dargestellt und diskutiert.

Im Laufe der Zeit haben sich im mitteleuropäischen Kulturkreis tiefsitzende Überzeugungen über Geschwister gebildet und zahlreiche weit verbreitete Stereotypen hervorgebracht: Da gäbe es das „verwöhnte Einzelkind“ und die „übersehenen Sandwichkinder“, den „gefügigen Erstgeborenen“, der neidisch auf alle nachgeborenen Geschwister schaut. Fest ist auch die Überzeugung, dass Eifersucht unvermeidlich sei, wenn Geschwister geboren werden, und dass Geschwister um die elterliche Zuwendung rivalisieren. Die Ältesten würden die Jüngeren hassen und müssten entthront und entmachtet werden. Scheidungen seien ein großes Drama und würden für den Rest des Lebens traumatisieren. Der Selbstwert eines Kindes nähre sich aus der elterlichen Bevorzugung.

Diesen und weiteren Stereotypen hält Bucher solides, empirisch gesichertes Wissen entgegen und zeigt, dass überwiegend das Gegenteil zutrifft. Sehr hilfreich sind seine Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels und das umfangreiche Literaturverzeichnis. Wer auf der Basis seriöser Studien und nach dem heutigen Forschungsstand verstehen möchte, wie sehr Geschwisterbeziehungen das gesamte Leben prägen, ist mit diesem Sachbuch von Bucher bestens bedient.

Hermann Kügler SJ

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