Führen in der Kirche

Führung in der Kirche ist monarchisch: Ein Pfarrer hat in der Pfarrei das letzte Wort. Ein Bischof entscheidet, ob er das, was in der Bischofskonferenz oder in einem vielleicht synodal verfassten Gremium beschlossen wird, in seinem Bistum umsetzt oder nicht. Schließlich: Ein Papst entscheidet für die Weltkirche; er ernennt Entscheidungsträger; er setzt Recht, spricht in Streitfällen Recht und wendet Recht nach Ermessen an – nach der klassischen Drei-Gewalten-Lehre fallen hier Legislative, Jurisdiktion und Exekutive in eins. Eine solche Verfassung wird in der Staatslehre als absolute Monarchie definiert – der Heilige Stuhl ist die letzte dieser Art in Europa.

Wenn diskutiert wird, ob synodale Gremien Entscheidungsbefugnis erhalten sollen, wird entgegengehalten, das gehe nicht, weil die – in dieser Form gottgewollte – Verfassung der Kirche vorsehe, dass allein der geweihte und rechtmäßig eingesetzte Bischof bzw. Papst die Verantwortung und die Entscheidungsgewalt innehabe. Man fragt sich unmittelbar: Ist die jetzige Verfassung sicher gottgewollt? Ist immer das gesetzte Recht das höchste Kriterium für Handeln und verlangt unbedingten Gehorsam? Kann oder muss Recht in Angelegenheiten, in denen es nicht mehr auf die Wirklichkeit passt, nicht bisweilen durch neue Praxis weiterentwickelt und dann auch neu gefasst werden? Das wird es ja, durchaus vielfach … Viele Anhänger der bisherigen Kirchenverfassung legen großen Wert auf Papstgehorsam, aber wehe, der Papst entscheidet gegen ihre Vorstellungen; dann bezichtigen sie ihn gerne der Häresie und gehorchen nicht mehr.

Die beiden dringlichsten Fragen für eine zeitgemäße Führung der Kirche sind m. E. die der Partizipation und die der Frauen: Wie kann das monarchische Prinzip aufgebrochen werden, so dass mehr Menschen an der Führung partizipieren? Der Heilige Geist leitet nicht nur einzelne Amtsträger, sondern die ganze Kirche; also soll – ein altkirchliches Prinzip – das, was alle betrifft, von allen entschieden werden. Synodale Gremien – mit ihrem Procedere, das intensiv auf das geistgewirkte Hören setzt – sind dafür ein wirksames Mittel, das teilweise aus ignatianischer Tradition stammt und vom Jesuitenpapst Franziskus eingeführt wurde. Wie kann Synodalität gestärkt werden? Dabei wird synodales Entscheiden vor allem für das Arbeiten an Grundsätzen und Zielvorstellungen passen, weniger für das operative Handeln – dafür braucht es klar bestimmte und verantwortliche, nicht zu bürokratische oder zu hierarchische Exekutivorgane.

Frauen sind die (größere) Hälfte der Kirchenmitglieder, die bisher an der Führung – nicht nur der Administration, sondern auch der inhaltlicher Prägung kirchlichen Lebens – nur sehr reduziert beteiligt ist. Viele Frauen, vor allem gebildete, sind frustriert: Sie gehen nicht mehr zur Eucharistie, weil sie selbst besser predigen könnten, und nicht mehr zur Beichte, weil sie Intimes nicht einem (zölibatären) Mann erzählen wollen. Viele ziehen sich in ihre Kreise zurück oder wandern ganz aus der Kirche aus. Dass Frauen in Einzelfällen in Ordinariaten und im Vatikan mittlere Führungsaufgaben bekommen, löst das Problem nicht, denn über ihnen amtieren weiter die höheren Kleriker. Ist das alles nur ein Problem westlicher liberal-emanzipativer Kulturen? Nein, die Anfragen kommen weltweit, aus vielen Kulturen. Braucht es dafür eine weltweite Entscheidung? Nein, man könnte dezentral vorangehen, indem „Rom“ den Bischofskonferenzen oder – das wäre besser – lokalen synodalen Gremien die Freiheit gibt, erste nächste Schritte zu gehen. Übrigens: Für Ordensgemeinschaften gilt gemäß ihrer Tradition und Spiritualität anderes: Frauenorden werden – hoffentlich ohne übergeordnete männliche Einmischung – von Frauen geleitet, Männerorden von Männern. Die Frustration findet sich eher in der diözesan verfassten und weltweiten Kirche.

Was hilft zum guten Führen in der Kirche? Kluge Beratung ist zentral: fachkundig und innovativ, ehrlich und freimütig – in hierarchischen Systemen ist die Kultur des Zuhörens meist ausbaufähig. Gutes Kommunizieren hilft: Was breiten Kreisen in der Kirche nicht oder nicht mehr vermittelbar ist, wird kaum vom Heiligen Geist sein und sollte nicht gemacht werden. Bürokratien neigen dazu, zu beharren, langsam und überkomplex voranzugehen; sie denken rechtlich. Geistliche Führung darf von Bürokratie nicht gestutzt werden, sondern sie soll dieser vorgeben, was umzusetzen ist. Das rechte Zeitmaß ist wichtig: Manches geht quälend langsam, anderes wird zu schnell und autoritär durchgezogen. Die Menschen vor Ort sollen im Mittelpunkt stehen: wirkliche Zuwendung, Gemeinschaft, geistliches Wachstum – sind die XXL-Pfarreien, oft aus dreißig Dörfern oder aus einer Großstadt gebildet und sicherlich rechtskonform und perfekt verwaltet, unter dieser Rücksicht günstig? Die Mittel auf die Ziele hin auswählen: Wenn eine Organisation nicht mehr taugt, muss man sie schließen und die knappen Ressourcen besser und für wirkliche Ziele einsetzen. Führen ist ein Charisma und ein seltenes: Wer immer es hat, ob Frau oder Mann, wie auch immer liiert oder nicht, soll es einsetzen dürfen, zum Wohl der Kirche und der Christenheit.

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