Rezensionen: Theologie & Kirche

Müller, Wunibald: Enkel ohne Gott? Wenn der Glaube in Familien verloren geht.
Freiburg: Herder 2026. 190 S. Gb. 22,–.

Das Buch des bekannten Psychotherapeuten greift ein Thema auf, das für viele ältere Katholiken schmerzhaft ist: dass schon ihre Kinder sich, obwohl sie von ihnen eine intensive religiöse Erziehung erfuhren, von Kirche und Glaube abwenden – und die Enkelgeneration erst gar nicht mehr dahin geführt wird. Oft ist für die Großeltern ihr Glaube und die kirchliche Praxis etwas sehr Vertrautes, ja Heiliges, und dessen Verlust in den nächsten Generationen können sie nicht verstehen und nur schwer akzeptieren.

Müller wirbt um einen guten Umgang mit dieser Erfahrung: Enkel sind, ohne Kirche und kirchliche Praxis, deswegen nicht ungläubig und unspirituell. Viele gehen andere geistliche Wege, entdecken christliche Werte und christlichen Geist auf andere Weisen. Großeltern sollen tolerant sein, auf Gott vertrauen. Sie dürfen sich nicht ungebührlich in die Erziehung der Eltern einmischen, sollen aber doch auf Nachfrage freimütig von ihrem Glauben erzählen. Müller gibt Hilfen zu guter Kommunikation über die oft als heikel empfundene Glaubensthematik. Er weist auf – oft falsche – Schuldgefühle und auf die bisweilen notwendige Trauerarbeit hin. Großeltern können die Abwendung der nächsten Generationen von der Kirche auch zum Anlass nehmen, ihre eigene, oft traditionelle Kirchlichkeit kritisch zu hinterfragen und sich selbst für neue und andere spirituelle Impulse zu öffnen – Gott ist größer als die eigene, manchmal eng kirchlich geprägte religiöse Erfahrung. Die Kirche selbst muss sich öffnen und Neues lernen. Die Liebe ist größer, und um diese geht es.

Der Autor erzählt auch aus seiner eigenen Glaubensbiografie, in dezenter und sympathischer Weise. Sein Blick ist der eines deutlich kirchlich geprägten, aber auch kritischen Katholiken, der für Öffnung, Toleranz und Freiheit wirbt. Das Buch ist gut verständlich geschrieben; die Kapitel sind auch einzeln lesbar, was gewisse Redundanzen mit sich bringt. Dem Autor sollte man dankbar sein, dass er ein Thema, das sonst eher tabuisiert wurde, in einem menschenfreundlichen und hilfreichen Stil aufgreift.

Stefan Kiechle SJ

Lintner, Martin M.: Jenseits der Verbote. Katholische Sexualmoral im Umbruch.
Freiburg: Herder 2025. 143 S. Kt. 16,–.

Martin M. Lintner OSM, Lehrstuhlinhaber für Moraltheologie in Brixen, legt eine Kurzfassung seines 2023 erschienen Bandes „Christliche Beziehungsethik“ (684 S.) vor. In der Einleitung begründet der Autor seine erneute Befassung mit dem Thema mit dem Hinweis, dass in vielen seelsorglichen Begegnungen tiefe Verletzungen durch die kirchliche Sexualmoral und dem Umgang damit in der kirchlichen Praxis zur Sprache gekommen seien. Er verbindet mit dieser Publikation die Hoffnung, „verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen“.

In acht Kapiteln behandelt er das breite Spektrum. Zu Beginn steht ein Kapitel, das die „wunderbare und komplexe Wirklichkeit der Sexualität“ (17-34) in ihren verschiedenen Erscheinungswei­sen ausleuchtet. Dazu gehört das gerade für die traditionelle Moraltheologie zentrale Thema der Lust, deren negative Bewertung für Augustinus zum Schlüssel seiner Auffassung über Sexualität und Ehe insgesamt wurde, was die nachfolgende Tradition bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil wesentlich geprägt hat. Weitere Themen wie Selbstbefriedigung, die Bedeutung der Scham oder die Mutterschaft werden ebenfalls behandelt. „Die christliche Sexualmoral trägt den Stempel der ‚Verbotsmoral‘. Nur schwer kann sie sich von diesem Image befreien“ (33). Zu den Hypotheken der traditionellen Sexualmoral gehören neben der folgenreichen negativen Bewertung sexueller Lust deren Fixierung auf die Ehelehre mit dem ersten Ziel der Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft, dem Verständnis der Fortpflanzung als dem naturgemäßem Ziel der Sexualität und damit verbunden der lehramtlichen Ablehnung künstlicher Empfängnisverhütung.

Im Kapitel „Was sagt die Bibel über die Sexualität?“ (43-70) geht Lintner unter dem Titel „Sex & Crime“ (43) jenen Stellen nach, in denen es auch nach heutigem Empfinden um die negativen Seiten sexuellen Begehrens und sexueller Handlungen geht: der sexuellen Gewalt gegenüber Gästen (vgl. Gen 19,1-19; Ri 19,15-30) oder des wenig bekannten zweimaligen Angebots von Abraham, für sexuelle Dienste Mächtigen vor Ort seine Frau Sara als seine Schwester auszugeben (Gen 12 und 20). Dass sich an solchen Stellen die prekäre Stellung der Frauen in diesen patriarchalen Kulturen zeigt, ist nicht zu bezweifeln. Von Frauen als Opfern von sexueller Gewalt wird im Alten Testament an mehreren Stellen berichtet: Dinar (Gen 34), Tamar (2 Sam 13,1-22), Susanna (Dan 13) u. a. Lintner zeigt, dass Sexualität schon seit alten Zeiten als Macht- und Kontrollinstrument eingesetzt wurde.

Eine überaus positive Wertung der Liebe zwischen Mann und Frau findet sich im sogen. „Hohen Lied der Liebe“, das in poetischer Form das erotische Werben von Mann und Frau preist. Lintner sieht in diesem Lied „ein wichtiges Zeugnis dafür, dass Körperlichkeit, Erotik, Sinnlichkeit, Intimität usw., die in die Dynamik liebender Hingabe eingebettet sind, als Gaben der Schöpfung gewürdigt werden“ (68).

„Warum die Kirche seit ihren Ursprüngen die Ehe schützt“ (71-80) bietet einen Überblick über die rechtliche Dimension der Ehe als einer sozialen Wirklichkeit, die das Verhältnis der Gatten zueinander (Ehescheidung) wie auch den Schutz der Familie betrifft. In diesem Zusammenhang zeichnet Lintner auch die Linien der Lehre von der Sakramentalität der Ehe nach, die erst im Trienter Konzilsdekret Tametsi (1563) ihre letzte lehramtliche Verbindlichkeit gefunden hat.

Das Kapitel über neutestamentliche Aussagen über die Ehe (81-101) beginnt Lintner mit der Feststellung, dass Jesus auffallend wenig über die Ehe sage. Zwei Verhaltensweisen sind für Jesus bezüglich der Ehe abzulehnen: Ehebruch und Scheidung (vgl. u. a. Mt 5,27-32). Für das sakramentale Verständnis der Ehe gibt Eph 5,21-33 den Anstoß, insofern die Ehe zwischen Mann und Frau in Analogie zum Verhältnis Christi und der Kirche gesetzt wird. Dieser Passus bereitet heutigem Verständnis allerdings einige Probleme durch die Aussage, der Mann sei das Haupt der Frau wie auch Christus das Haupt der Kirche sei (Eph 5,22 f.). unterordnen, aber im Bewusstsein, dass sie von ihm geliebt wird und dass ihre Unterordnung keine Unterwerfung aus Angst, sondern eine Hingabe der Liebe ist“ (96).

Ein Abschnitt ist der Würde der Person gewidmet (103-113). In der Pastoralkonstitution Gaudium et spes (GS 48-52) vollzieht das Zweite Vatikanische Konzil eine Korrektur: Die Ehezwecke Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft und liebende Vereinigung der Gatten werden gleichrangig verstanden und stehen nicht mehr in einer hierarchischen Ordnung zueinander. Die Frage des Umgangs mit geschiedenen und wiederverheirateten Katholiken bleibt weiterhin umstrittenen. Zu der Position von Papst Franziskus in Amoris laetitia zu strittigen Fragen wie Homosexualität, künstliche Empfängnisverhütung oder Zulassung von Wiederverheirateten zu den Sakramenten bemerkt Lintner: „Indem er [Franziskus] gewisse Normen seiner Vorgänger nicht mehr wiederholt, stellt er diese zwar nicht infrage, öffnet aber doch einen gewissen Spielraum für deren Interpretation“ (113). Einem nach wie vor strittigen Thema um die Frage des angemessenen Verständnisses von Geschlecht widmet sich das 7. Kapitel: Müssen wir statt von zwei (m/w) von mehreren Geschlechtern ausgehen?

Zum Schluss zitiert Lintner Franziskus’ C’est la confiance (2024): „Das Zentrum der christlichen Moral ist die Liebe, die Antwort auf die bedingungslose Liebe der Dreifaltigkeit ist [ …]“ (129). Interessierten ist die Lektüre dieses Buches zu empfehlen. Es ist mehr als eine Einführung in die Sexualmoral, es bietet einen guten und verständlichen Durchgang durch alle relevanten Themen.

Josef Schuster SJ

Sutter Rehmann, Luzia: Dämonen und unreine Geister. Die Evangelien, gelesen auf dem Hintergrund von Krieg, Trauma und Vertreibung.
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2023. 432 S. Kt. 34,–.

Die Autorin liest die Evangelien, insbesondere das Markusevangelium, als „Traumaliteratur“ (88-110). Ihr Anliegen ist es, die übliche Vorstellung von „Besessenheit“ und „austreiben“ zu durchbrechen, wie sie heute gängig in die Vorstellung von psychisch kranken Menschen übersetzt wird. Doch damit geht der gesamte sozialgeschichtliche, transgenerationale und postkoloniale Kontext der Phänomene verloren; sie werden quasi zu individuellen Erkrankungen von Menschen in einem Umfeld von Gesunden degradiert. Sorgfältige Untersuchungen der Schlüsselbegriffe zeigen hingegen, dass Dämonen nicht in Menschen wohnen, sondern an Orten hausen, an Orten der „Verwüstung“ (vgl. 218-252). Die „Wüste“, in die Jesus geht, ist keineswegs zu verstehen als ein stiller Ort mit sandigen Dünen, sondern als Ort der „Verwüstung“, der gemieden wird, weil in ihm die wilden Tiere, die Dämonen und unreinen Geister sowie Menschen hausen, die von Traumata geprägt sind. Es ist das „Reich Satans“ (218-252). An diese Orte geht Jesus, um zu beten.

Kapernaum und Magdala sind geprägt von traumatischen Erlebnissen der Verwüstung, für die es keine Worte gibt (253-330; 401-420), an den Gräbern von Gerasa stört eine Schweineherde die Grabesruhe (331-352), die Kinder sprechen Unsagbares aus (353-400). Traumaliteratur lebt von der Spannung zwischen Verschweigen und Ansprechen. „Besessene“ sind Menschen, die mit Mächten ringen (131-165). Sie haben eine Botschaft. „Die ansonsten geltenden sozialen Regeln und Hierarchien gelten für sie nicht mehr; sie nehmen sich das Recht, für eine bestimmte Zeitdauer auszusteigen und außer Rand und Band zu agieren, weil das ihrem Schmerz entspricht“ (339).

Die „Besessenen“ leben in einem „Dazwischen“ (vgl. das Konzept der instrumental agency von Mary Keller, 134-137). Um den Kontext der Verwüstungen sichtbar zu machen, legt die Autorin den Bericht von Josephus Flavius über den judäischen Krieg (66-74 n. Chr.) zugrunde. Markus schreibt für Menschen, die von den Grausamkeiten dieses Krieges traumatisiert sind. Sie leben in einer verwüsteten Welt. Der Jesus, von dem Markus erzählt, ist ihr Zeitgenossene, der Auferstandene. „Wenn es in Mk 16,7 hieß, in Galiläa werdet ihr ihn sehen, dann ist der am frühen Morgen Betende in Mk 1,35 dieser Auferstandene … Wir sehen, wie er das Land dem Tod entreißt“ (315). Man muss der Konsequenz, mit der die Autorin die Ereignisse des „galiläischen Frühlings“ in die Zeit am Ende und nach dem judäischen Krieg verlegt, nicht unbedingt folgen. Ich tue es nicht. Aber trotzdem lese ich das Buch mit großem Gewinn. Die Evangelien, als Traumaliteratur gelesen, werden auf eine neue Weise zu zeitgenössischer Literatur. „Dämonen“ und „unreine Geister“ sind nicht bloß überwundene Vorstellungen aus der Vergangenheit.

Klaus Mertes SJ

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