Jahrzehntelang konnte man von alt-katholischer Seite hören, man lehne die im Ersten Vatikanum dogmatisierten Ansprüche des Papstes ab, erkenne ihm aber einen Ehrenprimat zu. Was man sich darunter vorzustellen habe, blieb im Ungefähren. Es war wohl die geringe Aussicht auf die Wiederherstellung der kirchlichen Gemeinschaft, die alles Nachdenken über eine konkrete Ausgestaltung des Papstamtes überflüssig erscheinen ließ.
Das änderte sich mit dem offiziellen Dialog zwischen dem Vatikan und den in der Utrechter Union zusammengeschlossenen alt-katholischen Kirchen Europas, dem „Internationalen Römisch-Katholisch/Alt-Katholischen Dialog“ (IRAD). In zwei Dialogphasen zwischen 2004 und 2016 wurden die Kontroversen behandelt und die Ergebnisse in dem Dokument „Kirche und Kirchengemeinschaft“ veröffentlicht. Das Faktum des Dialogs allein darf man bereits als großen Fortschritt bezeichnen und als Zeichen der Entspannung zwischen den beiden Kirchen deuten.
Der Dialog nötigte die Alt-Katholiken, konkret zu benennen, wie sie sich die Ausgestaltung einer möglichen Kirchengemeinschaft mit Rom vorstellen. Die von der alt-katholischen Seite verantworteten Abschnitte des Kommissionstextes halten fest, eine Gemeinschaft mit dem Papst würde nicht einschließen, „dass die Kirchen und Bischöfe der Utrechter Union seiner Jurisdiktion unterstellt sind“. Aber was die Formulierung positiv beinhaltet, bleibt offen. Im Grunde besteht die weitreichendste Befugnis, die dem Papst zugestanden wird, darin, bei Konflikten innerhalb der Utrechter Union „einen Prozess der Neubewertung einer umstrittenen Sache anzuregen“, auf Themen hinzuweisen, die die Gemeinschaft beeinträchtigen könnten, sowie Lösungen aufzuzeigen (Nr. 89). Aus der zeitlichen Distanz betrachtet wirken diese Aussagen sehr zurückhaltend, als wolle man keinesfalls den Eindruck erwecken, man unterwerfe sich den Machtansprüchen Roms.
Welche Entwicklungen müsste es auf römisch-katholischer Seite geben, damit ein künftiger Dialog eine Chance hat, nicht nur zu einem theologischen Konsens zu führen, sondern auch an der alt-katholischen Basis auf Zustimmung zu stoßen?
Erstens müsste es der römisch-katholischen Kirche gelingen, das Papstamt verbindlich in synodale Strukturen einzubinden. Derzeit kann der Papst von solchen Strukturen Gebrauch machen, aber es bleibt ihm überlassen, wie er mit synodalen Entscheidungen umgeht. Anzeichen für eine unumkehrbare Selbstbindung des Papstes an synodale Strukturen sind derzeit nicht zu erkennen.
Zweitens müsste die römisch-katholische Kirche Vielfalt „denken“ können. Sie ist eine plurale Kirche, aber die Pluralität wird oft überdeckt durch eine Theologie der Einheit. Diese Theologie wird zur Ideologie, wenn sie die plurale Wirklichkeit nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Die Art und Weise, wie die römische Seite bisweilen über den Protestantismus und Anglikanismus urteilt, nährt den Verdacht, Vielfalt werde als Dekadenzphänomen und als Zeichen für den Abfall von der Wahrheit gedeutet. Eine Kirchengemeinschaft mit Rom, in der Alt-Katholiken ihr eigenes Profil aufgeben müssten – zum Beispiel gekennzeichnet durch die Frauenordination, die „Ehe für alle“ und die Wiederheirat Geschiedener –, ist unrealistisch.
Und drittens müsste die römisch-katholische Kirche Veränderung „denken“ können, und zwar in einer Weise, die Innovation einschließt. Veränderung ist derzeit lediglich im Modell der Entfaltung des bereits Vorhandenen vorstellbar. Einer kirchengeschichtlichen Überprüfung hält dieser Entfaltungsmythos nicht stand. Neues ist nicht per se illegitim.
Die Ökumenefähigkeit steht infrage
Der offizielle Dialog mit dem Vatikan soll weitergehen. Allerdings muss man die Frage stellen, ob die römisch-katholische Kirche derzeit ökumenefähig ist, denn sie steht vor gewaltigen Herausforderungen, wie sich im Pontifikat von Franziskus zeigte. Zum ersten Mal zeigte sich eine Pluralität, die nicht konfliktfrei war. Ein Papst wurde der Abirrung vom rechten Glauben bezichtigt, etwa als Franziskus die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ins Gespräch brachte. Das ist beachtenswert und lässt ahnen, was noch auf Rom zukommt. Pluralität bedeutet eben manchmal auch, mit zentrifugalen Kräften klarzukommen.