Wären die Welt und die Landflächen darauf wirklich flach wie der Westen Australiens, hätten sich größere Säugetiere und wir als Primaten nicht entwickeln können. Es sind die Gebirge als Wassertürme, die Flüsse und Wälder, sehr viel später auch menschliche Dörfer und Zivilisationen ermöglichten. Doch so sehr ich als Baden-Württemberger unseren europäischen Alpenraum und die Mittelgebirgszüge in Thüringen und Sachsen auch liebe, so ehrlich muss ich als Fachmann für Antisemitismus doch auch über die Ambivalenz der Geografie Auskunft geben: Zwischen den Bergen entwickelten sich besonders viele Dialekte und stark selbstverwaltete Zivilgesellschaften, deren Obrigkeitskritik oft in Esoterik und Verschwörungsmythen umkippt.
Der moderne Faschismus entstand nicht zufällig in Mailand, entwickelte sich auch nicht zufällig in Österreich zum antisemitischen Austrofaschismus und eskalierte dann auch nicht zufällig in München und Nürnberg zum massenmörderischen Nationalsozialismus. Und bevor Adolf Hitler vor 100 Jahren, am 9. November 1923, seinen ersten Putschversuch unternahm, hatte er im August auf Spendentour für die NSDAP die Schweiz bereist und sich von begeisterten, großbürgerlichen Antisemitinnen und Antisemiten Zehntausende Schweizer Franken zustecken, sich gar in der Villa eines Generals hofieren lassen.
Während sich Deutschland widerwillig und Österreich halbherzig der Aufarbeitung des alpinen Antisemitismus widmeten, wird er in der Schweiz weiterhin weitestgehend geduldet. Das derzeit bekannteste Beispiel ist der Schweizer Automechaniker und selbsternannte „Prophet“ Ivo Sasek, der 1956 in Zürich geboren wurde. Nach eigenen Angaben erlebte er seit 1977 religiöse Visionen, die jedoch auch in freikirchlichen Bibelschulen nicht anerkannt wurden. So begann der seit 1983 verheiratete Sasek mit dem Aufbau eigener, dem Selbstverständnis nach christlicher oder jedenfalls zutiefst autoritärer Gemeindestrukturen. Nur wer Saseks sogenannten „Bemessungsdienst“ übersteht und sich der „apostolischen“ und „prophetischen“ Autorität des Gründers unterwirft, kann zum Mitglied der „Organischen Christus-Generation“ (OCG) – aber auch jederzeit wieder verstoßen – werden.
Saseks Lehre unterscheidet in einem strikten Freund-Feind-Dualismus zwischen Glaubenden und Widerstreitenden. Zusammenarbeit mit Verschwörungsunternehmern wie Daniele Ganser, rechtsextremen oder islamistischen Akteuren gibt es allenfalls im Hinblick auf gemeinsame Feindbilder. Zudem werden antijüdische Verschwörungsmythen verbreitet, die die Entstehung des Covid-19-Virus mit einer angeblichen Weltverschwörung von George Soros zusammenbringt und die über Digitalmedien wie „Klagemauer.TV“ Ansprüche auf jüdische Traditionen erheben. Daher zögere ich nicht, die OCG als antisemitische Verschwörungssekte einzustufen.
Inhaltlich bietet die OCG eine Mischung aus biblisch-fundamentalistischen Auslegungen mit Sonderlehren wie der Reinkarnation, die laut Sasek erst durch das zweite Konzil von Konstantinopel um 533 „gestrichen“ und verdrängt worden sei. Eltern sollen möglichst viele Kinder zeugen und diese auch mit Gewalt erziehen. Mehrere seiner eigenen Kinder, die Sasek zu Missionszwecken einsetzte, haben die OCG inzwischen verlassen und klären teilweise aktiv über die autoritären und gewalthaltigen Strukturen der Sekte auf.
In sogenannten „Missionsreisen“ hat Sasek immer wieder auch europäische Nachbarländer aufgesucht, solange dies für ihn strafrechtlich sicher schien. Kritische Politiker wie auch Journalistinnen und Wissenschaftler werden OCG-seitig scharf angegangen, auch sogenannte Feindeslisten wurden angelegt. In Deutschland wäre die OCG längst ein Fall für den Verfassungsschutz und mitunter auch für Strafbehörden, die Schweiz duldet sie bisher jedoch ebenso wie andere antisemitische Akteure unter dem allzu weit aufgefächerten Schirm der Religionsfreiheit.
Die gefährliche, vor allem digitale Propaganda von Ivo Sasek wirkt bis tief in den süddeutschen Sprachraum und trägt zur Entkirchlichung, vor allem aber zur Verbreitung antisemitischer und antidemokratischer Verschwörungsmythen auch in Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen und Sachsen bei. Aufrufe für einen interstaatlichen Dialog zur Bekämpfung des Antisemitismus im EUSALP-Alpenraum sind bisher von Schweizer Seite leider nicht aufgegriffen worden. Dabei wäre es im Interesse so vieler von Gewalt wie von Verschwörungsmythen Betroffener, dass dem Treiben des Sektengründers endlich Einhalt geboten wird.