I.
Die immer wieder einmal gegebene Antwort, die "Bibel", mag als Verlegenheitslösung durchgehen. In András Viskys epochalem Roman Die Aussiedlung verliert sie jegliche Banalität. Von jeher begleitet die Bibel das Leben der reformierten Pfarrersfamilie, die als Teil der ungarischen Minderheit in Rumänien lebt, und steuert ihre vielen Stimmen zum Leben bei. Der Vater setzt auf "Bibelpoker". In ihm unbekannten Situationen zitiert er aus den ihm so vertrauten Texten, und zwar was immer sich ihm aufdrängt, "ohne sich klar darüber zu sein, warum genau diese Bibelstelle, er sprach einfach laut aus, was aus ihm herauswollte, er sprach es aus, weil er es aussprechen musste". Die Bibel hat sich eingegraben in das Bewusste und in das Unbewusste. Sie fließt in das Leben, in den Alltag, in die Sprache, in die Existenz.
In allem Spielerischen des Bibelpokers ist dieser Umgang mit der Bibel voller Ernst, dessen bittere Seite bald in den Vordergrund rückt. Der dissidente Vater wird nach Verhören und Folter durch die rumänische Securitate zu 22 Jahren Haft verurteilt. Die Mutter Júlia mit den sieben Kindern wird "ausgesiedelt". Wie Zehntausende andere, die dem kommunistischen Regime missliebig sind, werden sie in die Bărăgan-Steppe verschleppt und landen in verschiedenen Zwangsarbeitslagern. Die Familie haust teils in Erdlöchern, ist dem Tod meist näher als dem Leben und ersehnt den Vater. Das einzige Buch, das die Mutter – zufällig – eingesteckt hatte, ist die Bibel. Das tägliche Lesen daraus gibt dem Tag Struktur, aber nicht nur das: Ohne Heimat, herausgefallen aus jeglichem schützenden System, sind die Texte der Bibel ein Versprechen: zu einer Geschichte zu gehören, in der dann dennoch alles irgendwie einen Sinn hätte.
II.
Waren das Bibeltexte nicht immer schon? Ein Ringen darum, zu einem "System", zu einer Geschichte zu gehören, um nicht verzweifeln zu müssen angesichts von Krieg und Tod, von Verlust und Vergewaltigung, von Deportation und Exil? Im babylonischen Exil jedenfalls wird der Exodus erinnert, formen sich die Schöpfungserzählungen, entsteht der Glaube an JHWH als Herrn der Geschichte, der Israel aufgrund seines Unglaubens zu Recht bestraft hatte und von dem gerade deshalb auch Rettung zu erwarten ist. Text geworden, werden diese Erzählungen weitergegeben von Generation zu Generation, auf neue Situationen bezogen, reichern sich an, vermitteln Hoffnung bis hin zu der auf die schlichte Möglichkeit, wie Jesus übers Wasser zu gehen, denn das könnte helfen im Lager, beim Frühjahrshochwasser, wenn die Lagerbewohner durchs Schilfdickicht schleichen und auf den geeigneten Moment warten, um sich zu ertränken. András, der jüngste Sohn der Familie, aus dessen Perspektive erzählt ist, würde sie nicht aus den Augen lassen. Er würde die Hand ausstrecken wie Jesus, um den Petrus aus dem Wasser zu ziehen, so denkt man sich lesend dazu.
III.
András Visky erzählt in Die Aussiedlung seine eigene Geschichte. Als jüngster Sohn der Familie ist er 1959 zwei Jahre alt, als sie "ausgesiedelt" werden. 1964 entspannt sich die politische Lage ein wenig, und die Familie kommt frei. Visky bezeichnet in seiner Vorbemerkung das Buch dennoch als Fiktion, "der Phantasie eines irgendwie erwachsen gewordenen Kindes entsprungen, das seine Gulag-Erfahrung einfach nicht von seinen Phantasmen zu trennen vermag." 17 Jahre hat Visky an dem Buch gearbeitet, das 2022 erschienen ist, 2025 dann die sprachschöne Übersetzung aus dem Ungarischen ins Deutsche von Timea Tankó. In dem Buch mischen sich die Erinnerungen der Familienmitglieder, die Perspektive der Mutter dominiert, und wie im Bibelpoker des Vaters strömen Passagen, Stimmen, Figuren der Bibel immer wieder wie von selbst in den Text. Sie formen die erzählte Erinnerung, die weder mit der des Autors noch mit der des erzählenden Ichs deckungsgleich ist. Sie durchziehen die Prosaminiaturen wie ein Gewässer, das mal oberirdisch, mal unterirdisch fließt, und sind so das erzählerische Mittel, um Zusammenhang zu stiften, wo Leben, Erinnerung und Erzählung auseinanderzufallen drohen.
IV.
In der fragmenthaften Form der 822 Prosatexte spiegelt sich die Fragilität der Situation wie des Erinnerns. Als "S-Bahn-Literatur" hat Visky den Roman selbst bezeichnet, und tatsächlich: Man kann die schwere, dichte Geschichte in kleinen, meist halbseitigen, oft sprachspielerischen Portionen lesen, die es in der Kürze doch immer bis in die Tiefen der Existenz schaffen. Es bedarf einiges an Zutun der Lesenden, daraus eine kohärente Geschichte, vielleicht auch viele Geschichten zu formen. Die Aussiedlung ist ein schreibbarer Text, so würde es Roland Barthes bezeichnen. In den Worten Viskys: "Ich wollte meinen Lesern die Freiheit geben, kein dickes Buch in den Händen zu halten, sondern eines, das sie selbst kreieren können." Barthes, der selbst der fragmentarischen Schreibweise zugeneigt war, hat freilich postuliert, dass jedes Entwicklungsangebot auch ein Verwicklungsangebot ist: Denn wo die Lesenden mitschreiben, begeben sie sich in den Text, identifizieren sich, geben Kontrolle ab, und das Selbst wird durchlässig. Der schreibbare Text beginnt seinerseits, Fragmente des Lebens der Lesenden zu schreiben. Vorausgesetzt, der Text ist wahr.
András Visky bei der Göteborger Buchmesse (Gothenburg Book Fair) 2015.
© Albin Olsson, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
V.
Im schreibbaren Text Die Aussiedlung begegnet die Bibel als solch ein ebenfalls schreibbarer Text. Die Erzählfiguren haben sich verwickelt wie die mittelalterlichen Religiosen, die wie ein Bernhard von Clairvaux in der Sprache der Bibel ihre eigenen Gedanken formen und – ebenso bewusst wie unbewusst – eine Identifikation vollziehen. Womit? Für Bernhard letztlich mit Gott. Den Weg dorthin weisen Sprachfiguren, in die sich die Lesenden seiner Predigten einfühlen sollen, so dass sie aus vollem Herzen heraus dieselben Worte sprechen können, wie die Braut des Hohelieds: "Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes." Die Sprache der Bibel formt den Affekt, von dem niemand wissen kann, ob er wirklich identisch ist. Identisch ist die Sprachfigur als eine Art Gestus, eine Topik, die nur halb inhaltlich gefüllt ist und je neu und anders aufgefüllt werden kann. Eine solche Figur sieht Roland Barthes "dann zustande gekommen, wenn wenigstens einer sagen kann: Wie wahr das ist! Diese Sprachszene kenne ich doch."
In Die Aussiedlung sind diese Identifikationen Legion. Das Warten auf den Messias bildet die Topik für das Warten auf den Vater, von dessen Rückkunft man weder Tag noch Stunde kennt. Die Identifikation funktioniert auch, wenn sich die Bibel einmal irrt: Wenn etwa die Füchse Gruben haben und die Vögel Nester, aber des Menschen Sohn nichts, wo er sein Haupt hinlege, dann steht im Lager dennoch die Grube bereit, "sogar mehrere Gruben, wir können unser Haupt also hinlegen, in den verlassenen Aushöhlungen wohnen sogar Füchse … wir Kinder legen unser Haupt an die gleiche Stelle wie sie, die Bibel kann auch nicht alles wissen." Es ist die Mutter, die wirklich um die Wahrheit der Bibel fürchtet, denn "wenn die Worte der Heiligen Schrift sich nicht bewahrheiten, dann gibt es keinen Gott, und wenn es keinen Gott gibt, gibt es nichts, und gemessen an diesem Nichts ist die Geschichte eine unfassbar große Scheiße".
VI.
So geht es im Buch immer auch um die Wahrheit der Bibel im eigentümlichen Sinn der Figuren: Es ist ein Ringen darum, ob die Fragmente und Figuren, die schon Generationen zuvor "über das Wasser getragen haben", die Verlorenen bergen können. Ob die poetischen Figuren der Bibel helfen können, der lügnerischen Technokratensprache der Kommunisten etwas entgegenzusetzen und einen menschlichen Blick zu behalten wie den auf das verlassene, noch vollkommen eingerichtete Haus, dass nun zum Lager gehört, unter dessen dichter Staubschicht aber die ehemaligen Bewohner spürbar sind. Ob man sich der Sprache überhaupt anvertrauen kann oder ob nicht jeglicher Sinn längst zusammengebrochen ist. Das Ringen um die Sprache der Bibel, um die Wahrheit ihrer Figuren und um Gott ist durchlässig aufeinander.
VII.
Am engsten verflochten sind religiöse und, wenn man so will, säkulare Rede in den Passagen, die die Liebesgeschichte der Eltern erzählen. Die Mutter kann sich gar nicht vorstellen, sich am Abend alleine auszuziehen, und "wie hätte sie sich dieses den Tag abschließende Ritual auch abgewöhnen sollen, wenn sie nun einmal das Wort der Heiligen Schrift erfüllt und ein Fleisch geworden waren." Sie preist ihren Mann mit Worten, die die Tradition Gott zugedacht hatte. Der Vater wiederum "liebte unsere Mutter aus ganzem Herzen, ganzer Seele und mit aller Kraft seines Körpers, so wie es das erste Gebot vorschreibt". Freilich ist das Ziel der Liebe die Mutter Júlia und nicht Gott.
Es entsteht eine Art Dreiecksgeschichte zwischen Gott, dem Vater und der Mutter und daraus entsteht eine Deutung, die der Roman nach dem Wiedersehen mit der Familie anbietet – im Nachhinein, und es ist eine lachende Mutter, die sie gibt: In Gefangenschaft und Aussiedlung schreibt sich die Geschichte des eifersüchtigen, liebesrächenden Gottes fort, wie ihn schon der Prophet Hosea kannte, denn "wenn es um Liebe und Liebesrache geht, gibt es auf der Welt tatsächlich niemanden, der ihm das Wasser reichen könnte, sagte unsere Mutter, er ist unvergleichlich, sagte sie". Verstrickt in seine Liebe und machtlos gegenüber der Liebe der Mutter zum Vater wird so schließlich auch Gott mit in die Geschichte verwickelt und erhält eine Stimme im Roman: "Gott weiß, wer lenkt, sagte Gott, und sich unserer Mutter zu widersetzen, das würde nicht einmal der Tod sich trauen".