Es bleibt spannend: Rätsel "Mensch": Kriminalistische Arbeit als Form von Theologie

Was verrät kriminalistische Spurensuche über den Menschen? G. K. Chestertons Father-Brown-Geschichten zeigen, warum dazu auch die Kenntnis der eigenen Abgründe gehört. In Thomas von Aquin findet Chesterton einen Verbündeten im Kampf gegen Skeptizismus und Nihilismus und auf der Suche nach einem tragfähigen Fundament der Wirklichkeit.

Portrait von G. K. Chesterton
G. K. Chesterton© See page for author, Public domain, via Wikimedia Commons

Wer ausgebufften TV-Kommissarinnen und Ermittlern beim Lösen ihrer Fälle über die Schulter schaut, erkennt schnell: Ihr Erfolg beruht hauptsächlich auf Revier- und Menschenkenntnis. Was die kriminalistische Arbeit ausmacht, erweist sich aber auch für die Theologie als äußert hilfreich, um das Rätsel "Mensch" zu entschlüsseln – und damit den ganzen Fall in den Blick zu bekommen. Von der Kriminalistik zu Gilbert Keith Chesterton (1874-1936), dem Verfasser von 49 Father-Brown-Detektivgeschichten, ist es bloß ein kleiner Schritt. Spannend zu lesen, dass der urbane Autor von Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen (1908) das Leben als eine Art Ermittlungsverfahren in eigener Sache begriffen hat; er musste sich den Glauben regelrecht erkämpfen: "Mit zwölf war ich ein Heide, mit sechzehn ein kompletter Agnostiker."

I.

"Vernunft und Gerechtigkeit umfassen die fernsten und einsamsten Sterne. Blicken Sie auf diese Sterne. Sehen sie nicht aus, als wäre ein jeder ein Diamant oder Saphir? Gut, Sie können sich jede tolle Botanik oder Geologie, die Sie wollen, vorstellen. Denken Sie an Wälder von Diamant und mit Blättern von Brillanten. Denken Sie, der Mond sei ein blauer Mond, ein einziger, riesiger Saphir. Aber bilden Sie sich nicht ein, daß all diese wahnsinnige Astronomie auch nur den kleinsten Unterschied für die Vernunft und Gerechtigkeit unseres Tuns ausmachen würde. Auf Ebenen von Opal und unter aus Perlen geschnittenen Klippen würden sie immer noch eine Warnungstafel finden: Du sollst nicht stehlen", sagt ein unscheinbarer Priester.

Wir, die Leserinnen und Leser, werden in der allerersten Father-Brown-Erzählung "Das blaue Kreuz" (1910) Zeuge, wie der Chefermittler der Pariser Polizei sich an die Fersen eines Meisterdiebs heftet. Valentin folgt Flambeau bis nach London und stößt hier auf eine Fährte, die kaum der Rede wert zu sein scheint: Salz und Zucker werden absichtlich umgefüllt, Schilder für Äpfel und Apfelsinen vertauscht und eine Fensterscheibe geht zu Bruch. Alles bloßer Zufall? Nur ein Malheur? Immerhin ist von zwei Priestern, einem kleinen, etwas naiv wirkendem Geistlichen und einem großen Glaubensbruder die Rede, die solche Spuren hinterlassen haben.

Anders als die analytisch auf Ludwig-Wittgensteinsche-Deduktion setzende Sherlock-Holmes-Figur von Arthur Conan Doyle arbeitet Father Brown nicht mit der Lupe oder schüttelt Reagenzgläser mit zischenden Substanzen. Vielmehr erforscht er die existentielle Logik eines Tathergangs und hat – indem er die eigenen Abgründe in Anschlag bringt – einen freien Blick auf das Leben.

II.

Fast am Ende seiner Verfolgungsjagd bekommt Polizeichef Valentin Angst – hat er vielleicht in einer für ihn fremden Umgebung einen Riesenfehler begangen: "Valentin hinter seinem Baum zerrte in stummer Wut an seinen Fingernägeln. In seinen Ohren klang schon das Gekicher der englischen Geheimpolizisten, die er auf eine phantastische Vermutung hin soweit mitgejagt hatte, nur um dem metaphysischen Geplauder zweier sanfter, kindlicher Geistlicher zu lauschen." Plötzlich jedoch offenbart sich der blumig daherredende Geistliche als krimineller Verkleidungskünstler; dieser will nach akribischer Vorarbeit jetzt endlich den Lohn seiner Mühen ernten. Aber Father Brown, der – wie Brotkrumen – jene Spur hinterlassen hatte, war es längst gelungen, das sakrale Meisterwerk in Sicherheit zu bringen.

"'Ist es Ihnen niemals aufgefallen', fragt er Flambeau, 'daß ein Mensch, der so gut wie nichts tut, als anderer Leute wirkliche Sünden anzuhören, wahrscheinlich in menschlicher Schlechtigkeit nicht ganz unerfahren ist? Übrigens, um die Wahrheit zu gestehen, eine andere Seite meines Berufes gab mir die Sicherheit, daß Sie kein Priester seien.'" "'Was?', fragte der Dieb, beinahe starr vor Staunen. 'Sie griffen die Vernunft an', sagte Father Brown. 'Das tut kein Theologe.'"

III.

Der kleine Geistliche liest sein Gegenüber auf erstaunliche Weise. Anders als die analytisch auf Ludwig-Wittgensteinsche-Deduktion setzende Sherlock-Holmes-Figur von Arthur Conan Doyle arbeitet Father Brown nicht mit der Lupe oder schüttelt Reagenzgläser mit zischenden Substanzen. Vielmehr erforscht er die existentielle Logik eines Tathergangs und hat – indem er die eigenen Abgründe in Anschlag bringt – einen freien Blick auf das Leben. Er baut Brücken zwischen Vernunft, Glaube und Gewissen und behält dabei die Conditio humana immer scharf im Auge. "Der Mensch, den er als Beispiel für die Natur des ganzen Menschengeschlechts nahm", erklärt Martin Mosebach dazu in seiner Einleitung zu Orthodoxie, "war er selbst. Das entsprach bei Chesterton nicht einem unkontrollierten Egozentrismus, sondern einer Grundhaltung, die er 'demokratisch' genannt hätte: der Überzeugung, daß sich die eigene wahrhaft überwältigend geistreiche und originell schöpferische Person in den wesentlichen Punkten des Menschseins in Nichts von den dümmsten und unbegabtesten Nebenmenschen unterschied."

IV.

Tatsächlich ist sich Father Brown der kriminalistisch-theologischen Zusammenhänge in seinem ersten Fall aber erst dann wirklich sicher, als Flambeau abfällig über die Vernunft herzieht – womit er sich automatisch als Geistlicher der römischen Kirche disqualifiziert. Allerdings passt der Autor von Orthodoxie mit seinem Vernunftbegriff nicht spannungslos zur Zeitströmung der Neuscholastik. Dem Glaubensdenker geht es in seinem Werk nämlich nicht darum, die Philosophie Thomas von Aquins zu einem wasserdichten, überzeitlichen Ganzen zu erheben – nicht um Objektivierung, sondern um Offenheit für die Wendungen und Verwundungen menschlichen Lebens. Das klingt an, wenn Chesterton in seiner Thomas-Darstellung mit dem Titel Der stumme Ochse schreibt:

"Neuerdings ist der hl. Thomas in der Geisteswelt der Hörsäle und Salons in einer Weise in Erscheinung getreten, die noch vor kurzer Zeit Aufsehen erregt hätte. Und die Stimmung, die ihn zum Mittelpunkt machte, ist ohne Zweifel sehr verschieden von jener, die vor erheblich längerer Zeit den hl. Franziskus volkstümlich gemacht hat. Der Heilige ist ein Heilmittel, weil er ein Gegengift ist. Darum ist er wahrhaft oft ein Märtyrer; denn weil er ein Gegengift ist, hält man ihn für ein Gift. Meistens erneuert und heilt er die Welt dadurch, daß er ganz besonders in sich verkörpert, was die Welt vernachlässigt hat, und das ist fraglos in jedem Zeitalter etwas Verschiedenes."
Carlo Crivelli, Thomas von Aquin
Carlo Crivelli, Thomas von Aquin © Wikimedia Commons/gemeinfrei

V.

Wenn es tatsächlich zutrifft, dass Namen auch Nachrichten sind, dann klingt ein Spitzname wie "Der stumme Ochse" doch so, als wäre Thomas von Aquin selbst weitaus mehr gewesen als eine geniale Denkmaschine: nämlich jemand, der über ungeheure Kräfte verfügte, die meist im Verborgenen schlummerten. Das passt gut zu dem Wort, das der Naturphilosoph und Theologe Albertus Magnus in Hinblick auf seinen Kölner Assistenten geprägt haben soll: "Wir nennen ihn den stummen Ochsen, doch das Brüllen seiner Lehre wird in der ganzen Welt widerhallen." Es ist also kein Zufall, dass der Erfinder der Father-Brown-Geschichten für seine eigene Thomas-Biografie genau diesen Titel auswählt: Der stumme Ochse.

Es gelang dem Scholastiker, sein "ochsenhaftes" Temperament zu zügeln, um große philosophisch-theologische Synthesen zu schaffen.

Der Dialektiker, der sich erst aufgrund existenzieller Gefährdung dazu durchringt, katholisch zu werden, entdeckt in dem keineswegs unumstrittenen Aristoteliker und vom Logos durchdrungenen Kirchenlehrer einen Verbündeten im Kampf gegen Skeptizismus und Nihilismus sowie einen "Zeitgenossen", der ihm beisteht, das metaphysische Fundament der Wirklichkeit mit dem gesunden Menschenverstand (Common Sense) zu versöhnen. Dabei ist  zu bedenken, woran Richard Heinzmann erinnert, wenn er Thomas von Aquin als "Klassiker der Philosophie" porträtiert: dass dieser gelehrte Mönch zu seiner Zeit keineswegs unumstritten gewesen sei, etwa ablesbar an einem Nekrolog der Pariser Universität.

"An diesem Dokument, das uns belegt, daß bereits die Zeitgenossen die herausragende Genialität des Aquinaten erkannt hatten, ist allerdings etwas merkwürdig und bedenkenswert: Neben dem Rektor der Universität werden alle Professoren der philosophischen Fakultät als Absender genannt, nicht aber die Theologen. Die theologische Fakultät, der Thomas zweimal, insgesamt etwa zehn Jahre angehörte, schweigt bei seinem Tode. Gleichwohl unterliegt es keinem Zweifel, Thomas war in erster Linie und immer Theologe. Aber er war auch ein Philosoph von höchstem Rang."

VI.

Dass es übrigens immer noch möglich erscheint, neue Erkenntnisse über den "Stummen Ochsen" zu gewinnen, machte erst vor einigen Jahren eine Entdeckung in der Kölner Diözesanbibliothek deutlich. Die wahrscheinlich ersten handschriftlichen Randglossen, die Thomas als "Wissenschaftliche Hilfskraft" für Albert den Großen notierte, zeigen nach Ansicht eines beeindruckten Handschriftenexperten Folgendes: Da Thomas fähig war, "sich so leidenschaftlich zu äußern, kann man sich gut vorstellen, wieviel tugendhafte Beherrschung für die Entstehung der ausgefeilten Werke vonnöten war." Mit anderen Worten: Es gelang dem Scholastiker, sein "ochsenhaftes" Temperament zu zügeln, um große philosophisch-theologische Synthesen zu schaffen.

VII.

Mehr als eine Randglosse ist das, was der Erfinder der Father-Brown-Geschichten antwortet, als er – wie bekannte Zeitgenossen – von der Times mit der Frage konfrontiert wird:

"Was ist faul an dieser Welt?"

Seine schlichte Antwort:

"Sehr geehrte Herren:
Ich.
Ihr sehr ergebener
G. K. Chesterton"

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