Was wir kennen und was nicht: Hölle als innerweltliche Erfahrung

Christen reden kaum mehr darüber, doch es verschwindet einfach nicht. Hartnäckig ziehen Bezugnahmen auf das Inferno als Vorstellung und Geschehen sich durch das Gedächtnis gerade der Literatur. Anstöße zu seiner projektiven Identifikation gibt es genug.

James Tissot: Der böse Reiche in der Hölle (Detail). Um 1890.
James Tissot: Der böse Reiche in der Hölle (Detail). Um 1890. © Brooklyn Museum, New York

I.

Winnetou hatte es schon erwischt. Bittebitte wenigstens nun nicht auch dessen Blutsbruder! Doch erbarmungslos richtet Santer, der Erz-Schurke, seinen Revolver auf den Gefesselten: "Fahr zur Hölle, wohin du gehörst!" (Dass bei einer Ich-Erzählung der Held eigentlich überleben sollte, ging meinem emotionalen Aufruhr verloren.) Noch in der Erinnerung pocht das Herz etwas schneller.

Karl May zu lesen, um die Gelegenheit nicht ohne solchen Hinweis verstreichen zu lassen, bewirkt stets ein Doppeltes. Das Aufsteigen frühen Leben plus die Neu-Entdeckung des all seiner Merkwürdigkeiten ungeachtet famosen Schriftstellers. Den Schatz im Silbersee soll ihm erst einmal jemand nachmachen (und keineswegs bloß diesen)! Kapitel Acht dort, Ein Drama auf der Prairie, wo ich geheult habe wie ein Schlosshund, wird für immer zu meinen unauslöschlichen Lese-Eindrücken (und das heißt: Welt-Initiationen) zählen.

Doch ich schweife ab.

II.

"Fahr zur Hölle!" also wünscht Santer dem verhassten "Todfeind". Anders gewendet: "Im tiefsten Loch der Dschehenna soll er braten", wie Mays Orientromane derlei Fluchformel variieren. Just dieser Autor nämlich zählt, in verwackelten Bildern teils, zu den ersten überhaupt, der deutsche Leser mit dem Islam konfrontierte. Einen "schlafenden Riesen" heißt ihn 1901 der Roman Und Friede auf Erden! Mehr an Hellsicht geht kaum.

Auch das nur nebenbei.

III.

Über den Ort, wohin Santer Old Shatterhand fahren lassen will, wissen wir ungefähr Bescheid. Der einer Mischung von Horror und Depression soll er sein, von Verlassenheit in Folter und Qual, aus welcher es kein Entkommen gibt. Dauernd. Zeit ohne Zeit. 

Handelt es sich hierbei um mehr als nur eine maßlos brutale Straf- oder Rachephantasie? Wenngleich darüber selbst in den Evangelien manches verlautet, mag es Christen eher peinlich sein, werden sie darauf angesprochen. Angstbesetzt und mit ernster, als drohend empfundener Mahnung verbunden ist das Thema: zwei off limits für moderne Verkündigung. Theologen pflegen einen großen Bogen darum zu machen.

Andere Fakultäten hingegen nicht. Weniger allerlei Veralltäglichungen "höllischer" Bezüge wegen. Mit besonderem Grund jedoch, da die Jenseits-Vorstellung im sozialen Gedächtnis der Künste haftet, um immanente Ausgesetztheiten zu kennzeichnen. Jene inneren wie äußeren Höllen (befristete Durchgangsstationen wie solche schließlicher Vernichtung, berechtigte wie unverdiente), sind kein Mythos. So wirklich gibt es sie vielmehr, dass ihnen als projektive Identifikation kein sonstiger Begriff zu taugen scheint.

IV.

Kulturschaffenden (ein Wort, in das ich rasend verknallt bin!) pflegen die Unterwelten-Finsternisse stets besser zu gelingen als Paradieses-Schilderungen, und üble Charaktere eher als gute. Deshalb vielleicht, weil ihr Vorhandensein dichter (oder drängender) an unserer Wahrnehmung liegt.

Extreme Torturen sind unsagbar und fordern eben deshalb detailliere Veranschaulichung. Totales Glück jedoch, erst recht nicht zu beschreiben, nähert sich darstellerisch der Verschwiegenheit an, konturloser Helligkeit, paradoxem "Nichts".

V.

In der Weltliteratur tritt eine imposante Reihe zutage. Vor Arthur Rimbaud bereits (Eine Zeit in der Hölle [entstanden 1873]) über Jean-Paul Sartre (mit seinem Stück Geschlossene Gesellschaft [1944]) – "die anderen" sind's, wie (s)eine berühmte Definition von "Hölle" dort lautet  –, Thomas Manns Doktor Faustus (1946) ferner oder Doris Lessing (Anweisung für einen Abstieg zur Hölle [1971]) bis hin zur unmittelbaren Gegenwart, Robert Menasses Roman Die Vertreibung aus der Hölle (2001) beispielsweise.

Wenige "Kreise" dieses Diskurses nur seien im Folgenden hingetupft.

VI.

Johann Georg Hamann, "seiner Zeit der hellste Kopf" (wie Goethe fand), notierte 1762 den "chimärischen Einfall", wonach "nichts als die Höllenfahrt der Selbsterkenntnis uns den Weg zur Vergötterung" bahne.

Schonungslose Bestandsaufnahme der eigenen Befindlichkeit wird hier gefordert. Gericht über sich selbst, wie es um einen bestellt und wozu man imstande ist. Höchst unangenehm ist das, schmerzhaft, verstörend. Doch der Zustand, in dem unsere Ich-Idolisierung in Flammen gerät, muss durchlitten werden. Was anschließend möglich wird, verbindet das Wissen um die eigene Erlösungsbedürftigkeit mit ihr entgegen kommender Befreiung durch Gott zu ihm hin.

VII.

Wie wir selbst uns Hölle(n) zu bereiten vermögen, ist Gegenstand eines nachgerade schon erzählerischen Sub-Genres. Um Schilderungen selbstzerstörerischer Folgen von Drogen und Alkohol geht es dort, der Heimsuchung durch ein Chaos erniedrigender Zwänge voller Wahnvorstellungen: halluzinogen, alptraumhaft, paranoid.

Unter dem Vulkan (1947) von Malcom Lowry (der nur zu gut wusste, worüber er schrieb!), ist das Stärkste dieser Bücher. An einem Allerseelentag in Mexiko begleitet der Roman seinen Protagonisten, teils aus dessen ständig mescal-drugged-Perspektive, durch den finalen Strudel des Verrottens. Inmitten des ihn umgebenden "Mitternachtsdunkels" zeitweise von einer Lichtquelle träumend, doch unerlösbar eingeschlossen im Stolz seiner Verdammnis, unfähig dazu, sich retten zu lassen, endet er zwischen Abfall und Hundeskeletten.

"Zuweilen sehe ich mich als einen großen Forscher", kritzelt jener britische Ex-Konsul vor sich hin, "der ein außerordentliches Land entdeckt hat, aus dem er niemals zurückkehren kann, um der Welt seine Entdeckung zu berichten; aber der Name dieses Landes ist Hölle. Es liegt in seinem Herzen." Wenn er im Vergnügungspark ein (als "tolle Attraktion" angekündigtes) Looping-Karussell besteigt, die "Máquina infernal", wird dies zum Sinnbild der ganzen Handlung (welcher ein dichtes Netz von Anspielungen einverwoben ist).

Was Lowrys "Dämonenroman" in den Blick nimmt, geht über die persönliche Dimension unaufhebbarer Einsamkeit und bodenlosen Grauens hinaus. Als er stirbt, glaubt der Konsul in den Vulkan zu stürzen – unter einem solchen war auch der antike Tartarus angesiedelt! –, dann immer weiter zu fallen, "durch die unbegreifliche Hölle von einer Million Panzern, durch das Flammenmeer von zehn Millionen brennenden Leibern". Es ist Krieg. Die Zivilisation implodiert.

VIII.

"Haben wir uns denn das Konzentrationslager nicht als Hölle vorzustellen?", wird am Ende von Imre Kértesz' Roman eines Schicksallosen (1975) der schwer gezeichnet Buchenwald entronnene Junge gefragt. "[I]ch meinerseits", bekommt der Journalist zur Antwort, "könne mir jedenfalls nur das Konzentrationslager vorstellen, denn das kenne ich bis zu einem gewissen Grad, die Hölle aber nicht."

Vergleiche haben ihre Grenzen. Die (quasi-religiöse?) Bildverweigerung des Autors betrifft hier eine Vorstellung, die, zum Sensations-Gemeinplatz geronnen, hinter dem Inkommensurablen der Realität zurückbleibt. Gleichwohl vergegenwärtigen Texte von Überlebenden der Shoah erlebte Räume und Situationen so gehäuft analog zur Hölle, dass dies wie eine Klammer zwischen ihnen bildet.

Mit Dantes Inferno als fiktionalem Muster nicht selten, welches, im unzulänglichen Versuch von dessen Sagbar(er)-Machung, Authentisches sich verfremdend immerhin anverwandeln kann. Vollste Entfaltung finden die Höllenkreise dort besonders in Primo Levis "autobiographischem Bericht" Ist das ein Mensch? (1947). Von der Deportation an führt jede Station einen Schritt weiter in eine scheußlich "andere Seite": "Heute, in unserer Zeit, muss die Hölle so geschaffen sein …"

IX.

Umgibt Finsterwelt vielleicht gar unsere gesamte Existenz? Beobachtungen und Widerfahrnisse überführt August Strindbergs Bekenntnisbuch Inferno (1897) eine entsprechende Idee. Verwundert über sich selbst ist der Autor, als ihm, am Tiefpunkt heftigster Lebenskrise, derlei evident zu werden beginnt:

"Die Hölle?" sinniert er: "Aber ich bin doch in tiefster Verachtung gegen die Hölle erzogen worden, ich sah sie als Produkt unserer Einbildung, die auf den Mist geworfen ist wie andere Vorurteile." Von wegen! "Und dennoch kann ich das Faktum nicht bestreiten: Wir sind schon längst da unten! Unsere Erde ist die Hölle, dieses mit überlegener Klugheit errichtete Gefängnis, wo ich nicht einen Schritt gehen kann, ohne das Glück der anderen zu verletzten …"

In sich unheil ist demnach die Lage des Menschen, vermögen wir doch nie zu leben, ohne Mitwesen dadurch notwendigerweise Schaden zuzufügen. Vor solcher Verstrickung findet Strindberg schließlich auf das Kreuz als einzige Zuversicht: "spes unica".

X.

Bei dem wohl meistbewunderten Sprach-Extremisten der neueren deutschen Literatur führt die verschärfte Diagnose hingegen zu Spekulationen des Maltheismus. Ausweglos kommt der Zug auf einem Viadukt zum Stehen, dessen vordere und hintere Pfeiler im Bombenhagel zerbröseln. In Arno Schmidts Erzählung Leviathan oder Die Beste der Welten (1949) endet so ein Fluchtversuch kurz vor Schluss des Zweiten Weltkriegs.

"Eisiger Nebel wallt auf, schluchthoch. (Hel, die Wasserhölle.)" Lokal germanische Bezüge weiten sich zum Bild des Universums als Reich eines unentrinnbar grausamen Weltprinzips, des "Leviathan", in dessen kultureller Tradition Natur, Macht und Gewalt sich verschränken. "Um das Wesen des besagten Dämons zu beurteilen, müssen wir uns außer uns und in uns umsehen. Wir selbst sind ja ein Teil von ihm". Zur Menschheits-Euphorie besteht auch bei dem "Topographen der horizontalen Höllenstürze" (als welchen Schmidt sich später einmal bezeichnete) kein Anlass. (Erstaunlicherweise aber währt diese "Bestie" nicht ewig.)

Behauptungen der "Existenz eines `lieben´ Gottes" muten angesichts jenes "verfinsterten" Phänotyps dennoch wie "faule Witze" an. Dass es vor dem Hintergrund der irdischen Zustände immer noch Gläubige an ihn gibt, wird bissig gekontert: "Haben diese Leute denn nie daran gedacht, dass Gott der Schuldige sein könnte?"

Das Theodizee-Problem, radikalisiert bis zum Äußersten.

XI.

Die Hölle, wo immer sie auch sein mag, chiffriert in all jenen Texten eine bedrückend reale Erfahrungswirklichkeit. Das Fertigmachende, nicht Auszuhaltende, nach Aufhebung Schreiende. Schutz und Gnade abgewandt (deren womöglich abgründiger Verborgenheit selbst). Als Anklage lässt sich dies formulieren, gewiss.

Gegen den Strich bürsten jedoch nicht minder. Gott, der "allein Gute" nämlich (vgl. Mk 10, 18): sofern er endlich alles in allem erfüllt, würden sämtliche Rätsel, an denen wir uns wundscheuern, gelöst und jegliche Hölle ausgeschlossen sein. Kein leichthiniger Optimismus bleibt dies, sondern lastend ertragene "Hoffnung wider alle Hoffnung" (Röm 4,18).

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