I. Abgründe der Heimat
Das Wort "Heimat" gehört zu den "Grundworten", zu jenen Worten, die für das menschliche Leben von unverzichtbarer Bedeutung sind. Wenn Menschen sich ihrer selbst vergewissern, wenn sie darüber nachdenken, was und wer sie sind, als Menschen auf dieser Erde und unter diesem Himmel, allein oder zusammen mit anderen Menschen, mit dieser Herkunft und jener noch offenen Zukunft, bedürfen sie dieser Grundworte: Worte, die ihnen Antworten auf die großen Fragen ihrer Existenz zeigen können. Worte, die ihnen ein Fundament sein können, auf dem sie stehen und sich bewegen können. Worte, die ihnen Orientierung ermöglichen.
Doch hat es eine eigentümliche Bewandtnis mit diesen Grundworten: Wer nach ihnen fragt, sie nicht nur als "Grund" versteht, sondern ihnen auf den Grund geht, kann schnell den Boden unter den Füßen verlieren. Grundworte können sich als abgründig zeigen, als Abgrund-Worte, die keinen festen Halt ermöglichen, sondern in ein immer weiteres, tieferes Fragen hineinführen. Man kann sich dieser Dynamik und Offenheit der Grundworte verschließen.
Man kann sie auf feste Bedeutungen, starre Formeln, eine sterile Semantik reduzieren. Doch würde man sie dann verstehen? Wäre das ihrer spannungsvollem Dynamik, ihrem geschichtlichen Wandel, ihrer existenziellen Dramatik angemessen? Und führen, wenn man sie recht versteht, wenn man nur ihre Abgründigkeit aushält, nicht gerade die Grundworte menschlicher Existenz – nicht nur "Heimat" gehört dazu, sondern auch Welt und Gott, Natur und Geschichte, Kultur und Person und viele andere – vor ein Geheimnis, ja, vielleicht sogar vor das Geheimnis schlechthin?
II. Wege der Heimat
Heimat ist fremd geworden – die Sache und auch das Wort. Sie wird in Frage gestellt, schwindet, verliert sich. Was kann noch Heimat schenken? Was ist Heimat – jenseits all der Missverständnisse und auch des Missbrauchs der "Heimat"? Die Gegenwart kann mit Heimat wenig anfangen. Ihr Blick ist universal und global. Ihre Perspektive weist in die Zukunft. Das Besondere dient als Einzelfall des Allgemeinen. Das Vergangene, Überlieferte, das, worauf "Heimat" verweisen könnte, muss, wenn es überhaupt noch eine Rolle spielen darf, sich vor den Versprechungen von Fortschritt, Verwertbarkeit und Nützlichkeit rechtfertigen. Angesichts einer solchen Gegenwart, so Arnold Stadler, könne man "schon ins Reimen kommen und von einer Schwarzwaldtannenschwermut befallen werden. Darüber dass das, was ich mit dem schönen, aber verworfenen Wort Heimat bezeichnet habe, immer weniger wird." (166)
In Die Falltorgasse oder alle Wege führen nach Rom (zus. mit Edwin Ernst Weber, Meßkirch 2026) wendet sich Stadler, gelegentlich schwermütig, aber nie ohne Hoffnung, der Frage nach der Heimat, nach seiner Heimat zu. Dabei nähert er sich Rast, jenem kleinen Ort bei Meßkirch, der für ihn Heimat ist – und so wendet er sich der Welt zu, der oft heimatfremden, heimatlosen Welt von heute und der anderen Welt, die Heimat eröffnet, in die Heimat führt, in der Heimat erfahrbar wird. Heimat, so betont er, ist nicht einfach ein Punkt auf der Weltkarte. Heimat ist anderes, so verdeutlicht er, anderes und viel mehr. Denn Heimat kann als Ort, als Herkunft auf den Weg, auf die Wege des Lebens schicken. "Ich wollte nur sagen, dass Heimat jener Ort ist, von dem aus sich der Mensch mit seinen Beinen in die Welt aufmacht, in der vielleicht nie ankommt." (146).
Ein schöner Gedanke: Heimat als Ursprung der Lebenswege, als Bezugspunkt, als Orientierung. So verbietet sich für Stadler jede heimattümelnde Beschwörung einer Heimat, in der ein Mensch "verwurzelt" ist – und die er nur verlassen kann um den Preis der Entwurzelung. Er weiß, "daß der Mensch keine Wurzeln hatte, sondern Beine mit denen er sich auf den Weg machte" (147). Heimat nicht nur als Herkunft, sondern, für den Menschen, das Wesen mit Beinen, auch als Station eines Weges, als Zukunft, als das, was immer noch kommt, als "‘ein Ort oder nicht, an den der Mensch zu oft denkt, etwas, wo er vielleicht gar nicht ankommt. Und nie gewesen ist …'". Dabei ist Stadler in besonderer Weise die Sprache Heimat. Denn sie steht am Anfang des Unterwegsseins: "Mit dem Wort Mama macht sich der Mensch auf den Weg. Mit seiner Muttersprache, die in meinem Fall das Gegenteil von Hochdeutsch ist. … Das mag sich vielleicht befremdlich anhören." Befremdlich, ja, so hört es sich an, aber nicht entfremdend, heimatlich eben.
Gerade weil Heimat dies ist, die Sprache der Mutter, die Sprache der Eltern und Vorfahren, weil diese Sprache in Gefahr steht, verwahrlost, verschwindet, bedroht ist, sieht Stadler es als seine Aufgabe, zu schreiben – von der Sprache, die ihm Heimat ist, und manchmal auch in der heimatlichen Sprache, denn so ist seine Sprache, sein Schreiben – von der Heimat durchstimmt: "Ich komme vom Land, und all meine Sätze sind von da grundiert" (81)
Zu schreiben ist für ihn in Zeiten des Sprach- und Heimatverlustes auch ein Akt der Barmherzigkeit:
"Ich sehe das Schreiben als Aufgabe, um etwas, das sonst verloren wäre, um das es schade wäre, aufzuheben. Und den übergangenen Menschen ein Denkmal zu setzen. Auf die Weise des Erbarmens." (105)
Im Schreiben, im Wort hebt er auf, bewahrt, erinnert, all dies in der Hoffnung, dass die Worte ihre Leser finden und neu Heimat schenken. Stadler ist nur bewusst, dass dieses Unterfangen heute, in den Gefahren der "Globalisierungskelter" auf ein "Requiem", einen "Nachruf" hinausläuft – den er an andere Stelle "anhänglich" nennt (100). Heimat, die sich im Entschwinden, im Entzug gibt, ja, sich vielleicht erst jetzt zeigen kann, da sie ihre Selbstverständlichkeit verloren hat. Heimat, die sich allen Widerständen zum Trotz schenken kann und für die Stadler im Schreiben auch daher auch Dank sagt: "Ja. Schreiben ist auch Danksagen." (106)
Diese Heimat, gefährdet, wie sie ist, kann jedoch manchmal ganz in der Ferne, in der Distanz wieder aufscheinen. So in einem Lied, das weit über sich hinausweist, Menschen miteinander verbindet und durch diese Verbindung ihre jeweilige Heimat finden lässt, die einen hier, die anderen dort. Stadler erzählt, wie er in Afrika einmal an einer katholischen Messe teilnahm. Ein Lied wurde gesungen, in einer ihm ganz fremden Sprache:
"Es war 'Großer Gott, wir loben dich' auf Swaheli. Ich konnte mitsingen. Kannte sogar noch die Nummer im Gesangbuch zu Hause. War das Heimat? Die Nummer des Liedes, das ich auswendig kannte, im Gesangbuch?" (150).
Auch das Singen, ein Gottesdienst, Religion kann Heimat schenken: in der Schönheit der feierlichen Musik, der liturgischen Sprache, im schönen Klang des Latein, den Stadler noch als junger Mensch erlebt hat und der ihn berührte, ohne dass er es schon verstanden hätte: "Sie müssen nämlich das Schöne gar nicht verstehen, sondern nur von ihm berührt, nein: erfasst sein wie von einem unbeschreiblichen Geheimnis" (79). Das Schöne, seine Unverständlichkeit als Heimat. Heimat, die gar nicht verstanden werden muss. Heimat, die berührt, erfasst, ver-rückt und ins Geheimnis führt.
Wer solche Heimat hat, kann in die Welt hinausgehen – und wird immer wieder, so schwer es auch sein mag, Heimat finden. Und er wird, wo er Heimat findet, merken, dass alle Wege nicht nur nach Rom führen. Für Stadler führen sie auch nach Rast, und sie führen über Rast nach Rom.
"Die Fahrt nach Hause (aus Meßkirch, wo Stadler zur Schule ging) war immer ein Stück weit in Richtung Italien. Das Sehnsuchtsziel war Rom." (65)
Heimat und Sehnsucht schließen sich eben nicht aus. Das Ziel des einen Weges erlaubt andere Wege, andere Ziele. Vielleicht bedingen sie einander sogar, die nahe und die ferne Heimat, das kleine Rast und das große Rom. Für andere Menschen führen "alle Wege" anderswohin, in ihre Heimat, wenn sie denn noch eine Heimat kennen, und auch zu anderen Sehnsuchtszielen, wenn sie denn in sich noch Sehnsüchte verspüren können.
Dabei ist Stadler, der Vielgereiste, Vielreisende, ja, der auf allen Wegen Sehnsuchtsvolle und Unruhige, sich der Ironie einer Heimat namens "Rast" durchaus bewusst. Dies sei "ein Ortsname, der wie kaum einer nicht passt zu mir, denn unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, wie ich noch auf manch altem Grabstein lesen konnte" (77) Kinder, so Stadler, konnten "auf manch altem Grabstein … noch lesen lernen" (77). Lesen lernen, das meint hier mehr als Buchstaben, Worte und Sätze zu erkennen und zu deuten. Es bedeutet, etwas zu erfassen, das für das Leben von zentraler Bedeutung ist. Es ist die Paradoxie des Grabsteins: Denn es ist der feste, ruhig in der Erde stehende, unerschütterliche Stein, der an die Vergänglichkeit, die Unruhe erinnert – und an die Hoffnung, die letzte Ruhe und Rast, die ein jeder Mensch, mit Augustinus, im Lichte christlicher Hoffnung gesprochen, als Gast auf Erden nicht im Grab, sondern nur in Gott findet.
Heimat als Nicht-ruhig-sein-Können, als Auf-dem-Weg-Sein, als Nicht-zuhause-sein-Können. Gehört diese Heimat nicht auch zum Menschen – als Verweis auf Herkunft, auf Zukunft, auf Glück und wirklichen Frieden, auf eine ganz andere Heimat?
III. Die Unruhe und Ruhe der Heimat
Auch der Friedhof ist eine Heimat. Für die Toten, die auf ihm begraben sind. Und für die Lebenden, die ihre Toten auf dem Friedhof besuchen können. Nicht nur der Muttersprache schämt man sich, so stellt Stadler jedoch fest, sondern auch der "alten Grabsteine, die angeblich nicht mehr in die Zeit passen" (118). Der moderne, rationale, von der Heimat ferne, des Heimatlichen überdrüssig gewordene Mensch verändert die Welt – und hinterlässt dabei, so Stadler, eine Spur der Verwüstung: "So sehen die Friedhöfe nun aus: irgendwie geschändet oder verwüstet." (118). Doch bleibt trotzdem, trotz der Wüste, die, so Nietzsche, noch weiter wächst, die "Unruhe des Menschen. Die kann der Mensch nicht einfach wegräumen" (77). Ist nicht die Unruhe, so schwermütig sie manchmal sein mag, auch eine Heimat des Menschen?
Heimat als Nicht-ruhig-sein-Können, als Auf-dem-Weg-Sein, als Nicht-zuhause-sein-Können. Gehört diese Heimat nicht auch zum Menschen – als Verweis auf Herkunft, auf Zukunft, auf Glück und wirklichen Frieden, auf eine ganz andere Heimat? Wenn man in diesen Tagen, zu Allerheiligen oder Allerseelen, die Gräber der Toten besucht, wenn man an das eigene Grab denkt – wo wird es einmal sein? Wann wird es einmal ausgehoben? Wer wird an ihm stehen? –, wenn man angesichts des Todes, der sich weder vermeiden noch wegräumen lässt, still wird und ganz ruhig, zeigt sich dann, angesichts der Grabesruhe und der Grabsteine, so es sie noch gibt, so sie noch von Hoffnung künden, nicht diese ganz andere Heimat, eine Heimat, voller Geheimnis, jenseits aller Unruhe?