Schmerzhafte Entschlossenheit zum Frieden: Neuentdeckungen im Werk Gertrud von le Forts, die heute vor 150 Jahren geboren wurde

Zwei Texte nur, einer davon bisher verschollen. Sie vermögen deutlich zu machen, warum diese Autorin nicht bloß von literarhistorischer Bedeutung ist. In hohem Maße anregend bleibt es vielleicht gerade jetzt, sich mit ihr zu beschäftigen.

Gertrud von le Fort (1876-1971). Porträt von Walter Kalot auf einer von der Marktgemeinde Oberstdorf, dem letzten Wohnort der Autorin, zu ihrem hundertsten Geburtstag gestifteten Medaille für besondere kulturelle Leistungen und Verdienste.
Gertrud von le Fort (1876-1971). Porträt von Walter Kalot auf einer von der Marktgemeinde Oberstdorf, dem letzten Wohnort der Autorin, zu ihrem hundertsten Geburtstag gestifteten Medaille für besondere kulturelle Leistungen und Verdienste.© Markt Oberstdorf (Bearbeitung: Henning Klingen)

I.

Nein, kein Artikel üblicher Machart soll dies werden, der durch Leben und Werk einer Jubilarin rauscht, um das Wichtigste kurz anzutippen. Einer Jubilarin im konkreten Falle, über die es viel zu sagen gäbe, Relevantes und Rühmendes.

Die (beispielsweise) im Jahrfünft nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschlands meistgelesene Autorin war. Die (beispielsweise) den ersten literarischen Skandal der Vor-Bundesrepublik auslöste, welcher zumal ein damals noch bestehendes katholisches Milieu auf die Palme brachte, weil im Roman Der Kranz der Engel (1946) eine gläubige junge Frau ihrem atheistischen Gefährten in dessen Verlorenheiten hinein folgt. Die (beispielsweise), als "wertvollste, begabteste Vertreterin der intellektuellen und religiösen Widerstandsbewegung" im nationalsozialistischen Deutschland, drei Jahre später von Hermann Hesse für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen wurde. Die (beispielsweise) …

Aber Stop! Stop! Stop! So eben, einer verlängerbaren Meritenkette entlang, soll es gerade nicht weitergehen! (Wer das wünschte: bitte vorhandene Lexika benutzen!)

II.

Auf eine Engführung lediglich möchte ich mich konzentrieren, knappe Schlaglichter anhand zweier Texte. Die Zeit vor Gertrud von le Forts "eigentlicher" Autorschaft betreffend zudem, welche auch sie selbst erst spät beginnen ließ, als 48-jährige, mit ihren spätexpressionistischen Hymnen an die Kirche (1924). Unverkennbar ist ihr Durchbruch als Schriftstellerin mit einem kreativen Schub verbunden, den ihre zwei Jahre danach offiziell vollzogene Konversion auslöste. Veröffentlicht hatte sie freilich schon über drei Jahrzehnte hindurch.

Unter den Bedingungen heutiger "Kriegsertüchtigung" und Hochrüstung angesichts eines Feindes, dem alles zuzutrauen sein könnte, sollte der Auswahl meiner Schlaglichter noch denk-anstößiges Potenzial eignen. Schließlich stellen sie auch unter Beweis, inwiefern diese Autorin sich früh schon eine literaturgeschichtlich bisher übersehene Sonderstellung erschrieb.

III.

Weltkrieg, der Erste. (Von wie vielen, ist nicht abzusehen.) Auch die preußische Offizierstochter mit zurückreichendem französischem Stammbaum, nun als als Rotkreuz-Helferin tätig, beteiligt sich schriftstellerisch daran. Indem sie erwünschte Gesinnungen verbreitet ganz überwiegend. Das Narrativ, nach dem es sich um einen gerechten Krieg zur Verteidigung der eigenen Kultur handle. In die Feier errungener Siege kann derlei übergehen, hier und da aber auch porös werden, wenn Trauer über Verluste sich einschleicht.

IV.

An die 20 Gedichte und Erzählungen, die Gertrud von le Fort während der ersten beiden Kriegsjahre schrieb, wären erstmals überhaupt zu entdecken. Gedruckt in eher literaturfernen Zeitungen und Zeitschriften, kommentieren sie Verläufe von der Mobilmachung an.

Neben viel Üblichem, ja propagandistisch Eingefärbtem, finden sich hier aber auch jene beiden Texte, um welche es mir geht. Signifikant heben sie die Autorin vom seinerzeitigen Schwall der Kriegsliteratur ab.

V.

Zwei Vorkommnisse kurz hintereinander gleich in den ersten Wochen der Kämpfe sind es, die "vom Nordkap bis Patagonien" (wie es hieß) einen Aufschrei gegen Deutschland auslösten. Bis in die Gegenwart hinein ist ihre symbolische Bedeutung ungebrochen.

Am 24. und 25. August 1914 kam es zur teilweisen Verwüstung Leuvens, der alten Universitätsstadt in Belgien (einem Land, das seine Neutralität erklärt hatte). Als die Methoden der kaiserlichen Kriegsführung international heftig angeprangert wurden, protestierten 93 Wissenschaftler und Künstler öffentlich "gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten". Naturwissenschaftler wie Max Planck und Conrad Wilhelm Röntgen etwa, der Theologe Adolf von Harnack, unter den Schriftstellern zumal Gerhart Hauptmann, außerhalb dieser Aktion auch Gottfried Benn oder Vertreter des Kreises um Stefan George.

Wenig später, am 19. September, nachdem die Kathedrale von Reims durch deutsche Truppen beschossen worden war, wurde der Ton noch heftiger. Während die mediale Weltöffentlichkeit hier pure Zerstörungswut der rechtsrheinischen "Sauvages", "Barbares", "Vandales", "Huns", "Goths" oder "brutes furieuses" am Werk sah, entschuldigten namhafte deutsche Autoren den Angriff auftrumpfend teils, teils spöttisch, als Notwehr oder rechtfertigten ihn kühl mit der Logik des Krieges. Thomas Mann ebenso darunter wie Alfred Döblin, Ricarda Huch ebenso wie Stefan Zweig. Niederschmetternde Lektüren nach wie vor.

VI.

Reims zunächst. Am 11. November bietet Gertrud von le Fort ihr Gedicht Die Kathedrale nach der Schlacht, eines, "das vom Kriege spricht" (und inhaltlich quer zu dem Chor der literarischen Zelebritäten steht), Martin Rade, dem Herausgeber der liberal-kulturprotestantischen Christlichen Welt zur Veröffentlichung an. "Sehr gerne" willigt er ein, nur mit der Bitte um "eine andere Überschrift", denn: "Bei Kathedrale denkt man gleich an Reims". Genau an das Zerstörungswerk dort solle man aber denken, repliziert die Autorin.

Um Rollenlyrik handelt es sich, welche das Gotteshaus selbst zu Wort kommen lässt. Jenes blutig misshandelte Lebewesen aber beklagt keineswegs nur oder vor allem die seiner Gestalt und Ausstattung massiv zugefügte Beschädigung. Vielmehr richtet ihr Blick sich mehr noch auf die menschlichen Leidensgenossen. Für sie will die Kathedrale gerade jetzt Refugium und Lazarett sein – ausnahmslos aller: der Opfer wie der selbst getroffenen Verursacher ihres Leids, ohne Anschauung ihrer Nationalität. Trotz eigener Lädiertheit bleibt sie Stätte der Heilung im umfassenden Sinn, ja darüber hinausgehend: "Noch hab ich Macht über Frieden."

VII.

Dem in ihr wirkenden Geist können Völkerhass und Krieg nichts anhaben. Nach dem und trotz des Geschehenen vermag er durch das eigene Beispiel Versöhnung anzuregen: "Freunde und Feinde, die mich versehrt/ Seid willkommen!" (Und hört auf, zu kämpfen!)

Nicht nach dem Grad von Schuld also trennt der Text, nach Angreifern und Verteidigern. Im Ertragen des Leids hier wie dort werden solche Unterscheidungen gleichsam neutralisiert. "Vergeben" von Unrecht (auf beiden Seiten) müsse sich als elementare Kraft zur Wandlung auswirken. Erst dadurch werde ein neuer Anfang möglich: die Überwindung von kriegerischer Gewalt und deren Voraussetzungen. Mitten in der Destruktion scheint so die Möglichkeit kommenden Friedens auf.

Natürlich ist derlei Absage an die zeitgenössische Kriegsmentalität keine Beschreibung eines Ist-, sondern eines Soll-Zustands. Appell und Tun dazu wird als Auftrag der Kirche begriffen. "Aber freilich", schreibt Gertrud von le Fort in jenem Brief an Rade, wo sie ihre Titelwahl verteidigt: "auf Verstandenwerden bei den Vielen darf man dabei nicht rechnen, wenigstens jetzt noch nicht."

Ein Typoskript des Gedichts mit Widmung schenkte Gertrud von le Fort später Franz Stock. Die helfenden und tröstenden Aktivitäten des Abbés während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich, sein Wirken für Frieden und Aussöhnung, sah sie wohl nicht zu Unrecht als Umsetzung dessen an, wovon ihre Verse handeln.

VIII.

Während Die Kathedrale nach der Schlacht (ohne die zentralen Bezüge recht zu erläutern) nachmals sogar in zahlreiche Anthologien aufgenommen wurde, ist Gertrud von le Forts Text über die Zerstörung Leuvens völlig unbekannt geblieben. Anders als bei dem unter direktem Eindruck des Geschehens entstandenen Gedicht, lässt sich ihr Echo darauf Zeit, eineinhalb Jahre lang. Unter dem Pseudonym "G. von Stark" erschien Die Rache ist mein! in einer patriotisch ausgerichteten Familienzeitschrift. Vielleicht ist Gertrud von le Fort nie mehr darauf zurückgekommen, weil ihre Novelle eingangs flüchtig die deutsche Lesart der Ereignisse in der Stadt referiert. Entscheidend ist hier freilich etwas ganz anderes.

IX.

Zwei junge Frauen, deren Wege sich in einem Logis unvermutet kreuzen, Vertreterinnen ihres im Krieg besonders "armen, leidtragenden" Geschlechts, stehen im Mittelpunkt der Handlung. Eine Flämin und eine Deutsche. Wechselseitiger Eingesponnenheit in Feindbild-Verblendungszusammenhänge geschuldet, sind ihre Männer bei den Straßenkämpfen umgekommen. Ähnlich wie im Gedicht von der Kathedrale wird das "Gemeinsame" der zeitgenössischen Erfahrung von Schmerz "für alle Völker" nicht verschwiegen.

Zeichenhaft ist es Ostermorgen, als Blanche, die belgische Witwe, ihr "Widerstreben" zaghaft überwindet und auf Rita aus Deutschland zugeht. Letztere befällt dabei "das Gefühl, als müsse sie abwehrend die Hände ausstrecken gegen die Frau jenes gehassten Volkes". Wider Willen kommt nun aber ein "Sichansehen zweier Menschen" in Gang, mehr noch: das "Ineinander-Tauchen" der "beiden Augenpaare". Fast schon Gedanken von Levinas vorgreifend, öffnet es sie für die Möglichkeit zum Gespräch als einem Akt, der verpflichtende Hinwendung impliziert. (Zum Stärksten überhaupt, das die Autorin in ihrem langen Leben schrieb, zählen jene Passagen.)

X.

Wie der Prozess "unheimlich" anmutenden "Verstehens im gegenseitigen Groll" bei den durch Abneigung und Elend verschwisterten Frauen abläuft, während sie sich mühsam aufeinander zubewegen, wird penibel geschildert. Die Simultaneität zweier sie überwältigender Eindrücke schließlich bewirkt, dass Rita sich schließlich dazu durchringt, auf Rache, ja auch nur juristische Genugtuung, zu verzichten: Der Anblick des Kindes, das ihr von der Flämin "wie beschwörend" entgegengehalten wird, und ein Satz, den sie im zurückgegebenen Notizbuch ihres Mannes wahrnimmt (der von dem Blanches erschossen worden war): "Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da."

Mehrfach wird Gertrud von le Fort später das Zitat aus der Antigone des Sophokles heranziehen, um die Position der "mütterlichen" Frau als naturwüchsige Hüterin des Lebens zu beschreiben. (Nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt die "Internationale Frauenbewegung" es übrigens in ihr Leitbild "stetiger Arbeit für den Weltfrieden" auf.)

XI

Das Geschehene wird aus dem Bewusstsein keineswegs getilgt, soll aber der Wiederholung entzogen werden. Nicht versöhnt bleiben die beiden Frauen zurück, doch mit einem "Versprechen", was ihre künftige Haltung anbetrifft. "Einen Augenblick lang" stehen sie "über das Kind geneigt wie jener fernen Zukunft zugewandt, da kein Kampf und kein Hass mehr zwischen den Völkern sein würde, schon jetzt ein Bild des Friedens mitten im Kriege". Auf diese zentrale Szene steuert die Geschichte aus dem Frühjahr 1916 zu: das Neben-, ja Miteinander von Staaten, in dem keine bewaffneten Auseinandersetzungen mehr stattfinden (dürfen).

XII.

Innerhalb der deutschen Literatur sind ihre Texte zu den Kriegsgräueln von Leuven und Reims einzigartig. Kein anderer Autor hat über beide so gegen den mainstream geschrieben. Vorklänge zugleich sind sie auf weitere Gestaltungen eines zentralen Motivs ihrer Literatur. Seinen Höhepunkt erreicht Gertrud von le Forts (dann auch praktisches) Engagement in den späten 1950er Jahren, als sie sich, jetzt unter dem Eindruck der nuklearen Gefahr, als eine wichtige Stimme der weltweiten Friedensbewegung profiliert.

Ähnliches täte uns heute not.

"Die unbekannte Kriegsfrau – Friede braucht Frauen" von Liliane Versluys. Das 2021 in Leuven aufgestellte Denkmal mutet wie ein anonymes Echo auf die Novelle Gertrud von le Forts an
"Die unbekannte Kriegsfrau – Friede braucht Frauen" von Liliane Versluys. Das 2021 in Leuven aufgestellte Denkmal mutet wie ein anonymes Echo auf die Novelle Gertrud von le Forts an © Hans-Rüdiger Schwab

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