"Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, Gottes, was Gottes ist." (Mt. 22,21). "Apódote", gebt zurück, heißt es im griechischen Original dieses Spitzensatzes im Rahmen einer peinlichen Befragung des Jesus von Nazareth durch Pharisäer, die ihn mit der Unterstellung provozieren, er achte nicht das Ansehen eines Menschen, sehe nicht auf die Person (Mt 22,16). "Apódote", dieses Verb macht sich im Neuen Testament, in dem im Übrigen ja gern von der Gabe und dem Geben die Rede ist, ganz rar. Denn es ist ein besonderes Geben, nämlich eigentlich ein Zurückgeben, insofern es ein Geben von etwas ist, was man einem anderen sowieso schuldig ist. Diese Figur des Zurückgebens meditiert z.B. der Apostel Paulus im Nachdenken des Verhältnisses eines Christenmenschen zur Obrigkeit: Steuern, Zoll, Furcht, Ehre und Respekt (Röm 13,7).
Der Besonderheit dieses Zurückgebens zum Trotz scheint es beim Geben überhaupt elementar betrachtet immer um das Gleiche zu gehen: Erstens muss es einen Absender, zweitens einen Empfänger, drittens die Gabe selbst, und schließlich viertens den Akt des Gebens geben. Der Akt des Gebens lebt von der Qualität dieser vier Faktoren:
Ist zum ersten der Absender des Geschenks ein Feind, birgt das Unheil, wie beim Danaergeschenk, dem Trojanischen Pferd. Das Bürgerliche Gesetzbuch regelt zum zweiten in § 530, dass bei grobem Undank des Empfängers einer Gabe der Schenker die Schenkung widerrufen kann. Bisweilen lässt zum dritten die Gabe selbst an Qualität missen. Man stelle sich vor, ein angewelkter Blumenstrauß. Ein Tübinger Theologieprofessor machte sich seinerzeit bei unliebsamen Geburtstagseinladungen den Spaß, eine mit ihrem Kopf schon leicht nickende Rose zu überreichen. Schließlich kann der Akt der Gabe zum vierten selbst lieblos oder gedankenlos sein. Die Gabe kommt nicht von Herzen. Da kann die Gabe noch so groß sein. Der Gabenakt lässt der beschenkten Person das Blut in den Adern gefrieren. Das sind die denkbaren Qualitätsabgründe des Gebens.
Geben – seliger als Nehmen?
Die biblischen Texte üben freilich keinen Gabenskeptizismus, sondern urteilen recht euphorisch über das Geben. In jedem Fall sei, so behauptet Paulus in der Apostelgeschichte, Geben seliger als Nehmen. Das habe Jesus selbst so gemeint. (Vgl. Apg 20,35). So gesehen muss der Kaiser, das kann bereits hier schon angemerkt werden, als grundständiger Empfänger und Einnehmender von Steuergaben ein armer Teufel sein, indem er nur nimmt und nimmt und nimmt. Soll man ihm doch seine Münze geben.
Und so gesehen - womöglich der aktuellen Bundesregierung zum Trost - ist folglich ein Staat, der Schulden um der sozialen Gaben willen macht, die er sich zu geben verpflichtet sieht, ein seligerer Staat, als einer, dessen Einnahmen einen ausgeglichenen Haushalt oder gar einen Überschuss produzieren.
Nun gibt es beim Genaueren Hinsehen feine Unterschiede: Werden Steuern wirklich gegeben? Da die öffentliche Hand, wie Ilona Bodden meint, "sich meistens in unseren Taschen" befindet, werden Steuern – und das sind mit Gründen deutlich unpoetischere und häßlichere Verben als "geben" - bei Lichte besehen "eingezogen" oder "abgeführt". Bei der Steuer ist die Gabe eben eine Abgabe, die sehr abstrakt einer Institution überhaupt zugutekommt, damit sie wirken kann.
"Feine Pfote, derbe Patsche, fiedelt auf derselben Bratsche"
Anders schon ist es mit der Gabe, die als gezielte Spende daherkommt. Eine Spende – für einen guten Zweck zumal, hat etwas Verheißungsvolles:
Gott versah uns mit zwei Händen,
Daß wir doppelt Gutes spenden;
Nicht um doppelt zuzugreifen
Und die Beute aufzuhäufen
In den großen Eisentruhn,
Wie gewisse Leute tun.
dichtete Heinrich Heine ganz entsprechend mit einem Augenzwinkern in seiner anthropologischen Besinnung, die im Blick auf die Begabung und Gabe der Hand am Ende allerdings nachdenklich resümieren muss:
Feine Pfote, derbe Patsche,
fiedelt auf derselben Bratsche.
Durch dieselben Dämpfe, Räder
springt und singt und gähnt ein jeder,
und derselbe Omnibus
fährt uns nach dem Tartarus.
Nun kommt gegenüber den handgreiflichen Gaben und Spenden in der Wendung "jemand anderem die Ehre geben" eine soziale Haltung und somit eine deutlich andere Form der Gabe in den Blick, die für Paulus, wie oben gesehen, elementar war. Hier ist die "Gabe", um die es geht, die Anerkennung und die Bereitschaft jemanden zu sehen, jemanden verstehen zu geben, dass gesehen wird, was er darstellt, leistet und für ein soziales Miteinander bedeutet.
In eine noch ephemere Sphäre schwebt der Gabensdiskurs bei Jaques Derrida. Derrida urteilt, dass eine Gabe im strengen Sinne eine Gegengabe ausschließen müsse:
"Damit es Gabe gibt, ist es nötig, daß der Gabenempfänger nicht zurückgibt, nicht begleicht, nicht tilgt, nicht abträgt, keinen Vertrag schließt und niemals in ein Schuldverhältnis tritt."
Die wahre Gabe schließe den Tausch, das Zurückgeben aus. In der Gabe gebe eine Person etwas her ohne jede Absicht, beim Empfangenden etwas erreichen zu wollen. Mehr noch: In der wahren Gabe merke weder der Gebende, dass er es ist, der etwas gibt, noch der Empfangende, dass er etwas empfängt. Man kann sagen: Über der in diesem Sinne idealen Gabe liegt eine eigentümliche Selbstvergessenheit und entsprechend spezifische Seligkeit.
Zirkuläre Gabedynamik
Wie kommt nun in diesem Panorama des Gebens und der Gabe die Pointe des jesuanischen Hinweises zu stehen, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gottes, was Gottes ist? Der Akt des Gebens, so zeigte sich eingangs, hat eine identische Grundstruktur: Einen Gebenden, die Gabe, den Akt des Gebens, und einen Empfangenden. Die Gabendynamik im Fall des Denars, den sich Jesus geben ließ, schlüsselt sich entsprechend wie folgt auf:
Zunächst steht nur die Gabe des Denars im Raum. Aus der Gabe des Denars heraus entwickelt Jesus die sachgerechte Gabesituation, indem er die Umstehenden befragt: "'Wessen Bild und Aufschrift ist das?'. Sie sprachen zu ihm: 'Des Kaisers'." (Mt 22,20f.) Diese ikonische Identifikation entfacht eine Gabedynamik. Denn das Bildnis klagt einen Rückgabeanspruch ein, den Jesus lediglich referiert: "Gebt dem Kaiser zurück, was des Kaisers ist."
Die Umstehenden, die Jesus herausgefordert haben, werden mit der Anerkennung des Kaisers als des Kaisers im Bild, zwangsläufig zu Gebenden, die dem Kaiser seine Ehre geben, indem sie ihm steuerlich zurückgeben, was er beansprucht. Dabei ist der Kaiser zugleich der Empfangende, aber auch in der Münze als Gabe und in der Ausgabe der Münze als Gebender präsent. Diese zirkuläre Gabedynamik mit mehrfach reziproken Gabe- und Empfangsmechanismen einer "Steuermünze" spiegelt die Anerkennungsdynamik des Reiches dieser Welt.
Gott als Empfangender und Gebender
Dieser Dynamik stellt nun Jesus in Abbreviatur die andere Gabedynamik Gottes gegenüber: "und Gottes, was Gottes ist" (Mt 22,21b.). In dem Fall wird die Gabesituation scheinbar vom Empfänger her gedacht. Gott erscheint als ein den Besitzanspruch reklamierender Empfangender. Dass Gott zugleich der Geber ist, ist aufgrund der Verbfigur des Zurückgebens deutlich. In einer geradezu derridarisch anmutenden Schwebelage bleibt dann aber die Gabe als Gabe in diesem selbstverständlichen Akt der Gabe und Rückgabe unbenannt.
Kein Wunder, dass die Umstehenden staunen (Mt 22,22). Der Gabendiskurs Jesu provoziert sie zum Nachdenken und mag sie im Nachdenken auf die Spur bringen, dass die Gabe sie selbst sind. Der Mensch, so mag ihnen weiter klar werden, kann, darf und soll sich als Gabe und sich Gott Hingebender Gott zurückgeben.
Es zeigt sich: Was ist schon ein läppischer Denar im Unterschied zu all denen, die in dieser peinlichen Befragungsstunde beieinanderstehen, nämlich Menschen mit Herz, Leib und Seele. Menschen sind als Ikonen, Bilder Gottes ohne Inschrift und Bildprägung? Sie sind Bilder Gottes deshalb, weil Gott als Geber und Empfänger in essentiell schöpferischer Weise in ihnen selbst im Bilde ist. So und nur so sieht Gott, sieht Jesus eben doch auf die "Person der Menschen" (Mt 22,16b).
An Gegengaben desinteressierte Selbstvergessenheit
Aufgedeckt werden so keine Reziprozitätsdynamiken, in denen ein Mensch sich hingebungsvoll in Gott aufgibt. Aufgedeckt werden vielmehr Dynamiken, in denen der Mensch sich selbstvergessen von Gott empfängt und sich dem Leben und der Liebe, die Gott selbst ist, hingibt.
In der Abbreviatur "und Gott, was Gottes ist" geht es also um eine existentielle Form der Hingabe an Gott als das Leben in Liebe; eine Hingabe, die es als Lebensaufgabe sieht, in einer an Gegengaben desinteressierten Selbstvergessenheit hingebungsvoll im Leben unterwegs zu sein.
So ist der Mensch als Gabe geradezu lustvoll über sich hinausschießend unterwegs und dabei zugleich im höchsten Sinne bei sich selber – ein Gedanke, dem in den Darstellungen Heiliger in Exstase – sei es der Maddalena in estasi von Caravaggio oder Berninis Exstase der Heiligen Theresia gabenikonisch weiter nachgesonnen werden kann.