Auftakt.
"Kleine drahtige Dealer / in riesigen Turnschuhen streiten sich / in einer Sprache knurrend, / die niemand versteht, an der Mauer / des Kirchhofs zum Heiligen Geist." Strophe zwei eines Gedichts von Hans Magnus Enzensberger mit dem Titel Altes Europa (1995).
Durchaus verschiedene Lesarten eröffnet die Szene, pfingstlich grundierte auch. Am Begräbnisplatz einer historischen Kirche wohl findet Zoff statt, in für Unbeteiligte völlig neuer Diktion, nicht-menschlichen Lautäußerungen analog. Eine Art Glossolalie, sogenanntes `Zungenreden´? Typischerweise tritt dieses Phänomen drogeninduziert auf, wenn die Sprachkontrolle des Gehirns aussetzt.
Oh, den letzten Vers hatte ich vergessen. Eine Frage in Klammern: "(Wer war der Heilige Geist?)". Ja, wer mag er wohl gewesen sein? Eine knappe Zwei-Drittel-Mehrheit in Deutschland weiß es nicht zu sagen. Fortschreitend perdu. Vermisst? Kaum.
Prominent aufgehoben jedoch. In Texten wie diesem treten uns, versteckt und offen, immer noch entsprechende Ahnungen entgegen. Einigermaßen kompakt, flüchtig hingestrichelt nur, im Folgenden eine Art Collage über knapp mehr als ein Jahrhundert hinweg.
I.
Überschrift: die Bezeichnung des Festes. "Und wiederum Pfingsten – / Es brauset sehr! / Nein, nicht der Geist, es ist / der Ausflugsverkehr. // Was aber, was macht der Heilige Geist? / Er weint, und er lacht, / er klagt, und er preist. // In der Kirche indes / der halbvollen, halbleeren, / ist der Pfarrer bestrebt, / dies zu erklären." (2001).
Wenn Ihr Kollege von heute, lieber Kurt Marti, unverdruckst eine Ursachen-Analyse schaffte, zöge ich meinen Hut vor ihm. Doch den Pfingststau gibt es tatsächlich. Ein Gedicht von Felix Philipp Ingold (2006) trägt diesen Titel, und ursprünglich auch vom Urlaubs- oder Langen-Wochenende-Gewühl angeregt, geht es doch darüber hinaus. Eine "Spra-rache" ist hier in ihrem Fluss gehemmt. Sie erreicht nicht mehr, bringt keine Erkenntnis hervor. Wären "Wort" und "Ding" etwa noch (oder überhaupt) Zwillinge von "Grund" zu "Grund"? Ersteres dazu imstande, Realität einzukreisen? Erfassungsfähig? Verstehen ermöglichend? "Dem Hiesigen" ("d'ici-bas", wie Ingolds Wendung ins Französische übersetzt wurde: hier unten, im Diesseits)? "Auch kommt alles von oben // Gesagte nie nicht zu spät und aber / Namen und Berge / versetzt es." (Mk 11, 23). Unsere Konvention dessen, was der Fall sei, in Frage stellend.
pfingstmikrophon (1995). Auch Ulrike Draesner registriert Blockaden: "meine sprache in der verzerrung / daß ich […] hörend nichts verstehe". Phonetische Lautketten ohne Bedeutung überfluten die neuronalen Wahrnehmungskanäle des Subjekts. Wundersamerweise tritt gegen Ende dann Wandlung ein (gewünscht vielleicht nur?): "die mich zerfunkende sprache / daß ich endlich / höre ich von fern den reinen klang worin / ich schwimme mein körperzelt sprachmaterial / fundus und findlich ich in meinem, / im loden, im dornenbusch." Wobei den biblischen Intertext-Vokabeln hier ein "r" fehlt und dort ein "en" zu viel ist. Sprechen, das Sinn hat, stellt sich als Kundgabe eines Fremden ein, das in uns zu wirken beginnt.
II.
Die Sprache also. Pfingstlich assoziierend haben Dichter vor allem sie im Kopf, und das mit Recht. Denn bei Sprache handelt es sich um weit mehr als flotte Darbietung von Information. Sie ist fordernd.
Guillaume Apollinaire, führender Vertreter der klassischen Avantgarde (dem die Pfingstgeschichte – im Plural: "mes pentecôtes"! – zur geheimen Achse seines Werks wird): "O Feuerzungen wo wird ihnen blühen / Meinen Gedanken die von überall und je". So die beiden letzten Verse des Gedichts Schloss (aus dem Maßstab-setzenden Band Alkohol, 1913). "Langues de feu": das kennzeichnet ihm eine Sprache, in der Pluralität und Simultaneität sämtlicher Zeiten und Welten artikulierbar wird. Durch die Entzweiung der Sprachen hindurch sollte eine einzige Stimme vernehmbar sein. Vom Geist erfüllt, spräche diese umgekehrt zugleich in Vielfalt. Ob der Mensch in solch Ein-Sicht stiftender Sprache Gott begegnet?
In einem inneren Zusammenhang mit der babylonischen Sprachverwirrung (Gen 11, 1–9) steht das Pfingstereignis. Was einst geschah, wird nun aufgehoben. Zum aktualisierendes Emblem dafür taugt bei Apollinaire der Eiffelturm: Das Projekt mit zerstreuenden Folgen als Vorgriff auf die sich wandelnde menschheitliche Verständigung der Moderne.
An dem, was der Pfingstdurchbruch verheißt,mangelt es jedoch nach wie vor. Babel ist unser Wohnort. Kein Durchbruch in Sicht. Peter Horst Neumann (Pfingsten in Babylon, 1995) fügt seinem intertextuellen Gewebe ein weiteres biblisches Motiv hinzu. Neben den Turmbau und die Herabkunft des Geistes tritt Mose, der Tafel-Zertrümmerer am Sinai. "Ein Gesetz, eine Sprache" – gescheitert (Ex 32, 19). "Verloren / […] im Goldstaub / der heiligen Kälber." Bleibt: "Gemeinsam zu schweigen / hier, auf der Zinne / des Turms." Finis.
Und was die mediale Hilfe betrifft: Ach, meint (mit zeichenhaftem Sprenkel verunglückter Grammatik) Norbert Lange sarkastisch: "Der Verbindung ist schlecht / Du hältst das Handy in die Kluft / Und hoffst auf bessern Empfang". Vom Echo aus der Lücke wird nichts mitgeteilt. Pfingsten (2005) lautet die Überschrift des Dreizeilers.
III.
Ja, die Technik hat ihre Tücken. "Ich sehe gerade, dass das Diktaphon ziemlichen Unsinn produziert hat", mailte mir kürzlich ein Freund: "Aus der Theologie wurde die Zoologie. Wenn das nicht symptomatisch ist!" Vielleicht. Aber auch nicht ganz falsch. Jedenfalls tummeln sich in Pfingstgedichten auch Tiere.
"Tauch auf aus unsren Flächen wund, / Delphin von aller Wesen Grund, / Alt allgemein und heiliger Fisch! / Komm, reiner Geist, Du schöpferisch, / Nach dem wir ewig uns entfalten, / Kristallgesetz der Weltgestalten." (Franz Werfel: Veni Creator Spiritus, 1915). Delphine galten der Antike als den Menschen befreundete Wesen, im Schiffbruch ihre Retter. Für unseren Erlöser aus den Fluten der Heil-Losigkeit übernahm die neue Religion sie als Symbol: Christus, der den Heiligen Geist (mit welchem er eins ist) verheißt und sendet. In ihm sind die Urbilder aller Dinge beschlossen.
Zur gleichen Zeit ähnlich René Schickeles Pfingsten: "wir sprechen mit Mensch und Tier. / Was unser Blick trifft, antwortet: 'Wir'. / Die Kiesel am Weg sind schallende Lieder […] // Die Fische schaukeln den Himmel auf ihren Flossen […] / Sonne tanzt auf dem Rücken der Hunde. / Jedes ist nach Gottes Gesicht ins Licht gegossen / und weiß es in dieser einzigen Stunde / und erkennt Bruder und Schwester und singt." Im Geist erweitert sich das Bewusstsein hin auf die Gemeinschaft von allem, das ist.
Wie er der ganzen Natur zur Transparenz verhilft, macht im Hymnenton Gertrud von le Fort zum Thema (Pfingsten, 1948). "Ich bin wie eine junge Flur in Kränzen der Morgenröte!" jubelt die Stimme der Kirche, angesichts des "über sie gekommenen", in ihr "aufgebrochenen" Geistes. Den Erscheinungen der "Erde, die der Herr erfüllt" (Weish 1, 7), wird sie zur "Schwester und Verwandten". Sogar "das All" sei ein Geist-Milieu, schreibt wenige Jahre zuvor Maria Luise Thurmair in einem Kirchenlied, und noch früher tut dies Elisabeth Langgässer (Quatember-Samstag [nach Pfingsten], 1924).
(Dies nur von wegen exklusiver homo sapiens auch zu Pfingsten, jenes Winzlings im Kosmos, der gern wähnt, jegliches sei nur um seinetwillen vorhanden.)
IV.
Zeit nun endlich für meinen lyrischen Pfingst-Favoriten. Fünf Jahre bevor ihm der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, hat Derek Walcott ihn zu Papier gebracht, der feine Poet aus St. Lucia in der Karibik. Pentecost (1987), eine bildmächtige Evokation "wurzellos" starrer, von Menschenhand "beton"-versiegelter Verhältnisse, deren "Schneezungen" nicht "für den Heiligen Geist" zu sprechen vermögen. Gegenteilige Botschaften empfängt das Ich aus der Natur.
Im Original zunächst die letzten beiden Strophen: "But best is this night surf / with slow scriptures of sand, / that sends, not quite a seraph, / but a late cormorant, // whose fading cry propels / through phosphorescent shoal / what, in my childhood gospels, / used to be called the Soul." Auf Deutsch etwa: "Doch am besten ist diese nächtliche Brandung mit langsamen Schriften des Sandes, die kaum ein Seraph sendet, sondern ein später Kormoran, dessen verhallender Schrei durch phosphoreszierende Untiefe treibt, was in meiner Kinderbibel die Seele hieß."
Jene "slow scriptures" beziehen sich auf Spuren und Muster, welche der Ozean im Sand hinterlässt, sanft und unscheinbar, wechselnd und vergänglich – aufmerksame Lektüre erfordernd. (Nebenbei, Enzensberger variierend: Wer war es noch einmal, der sich niederbückte und mit dem Finger auf die Erde schrieb – ohne dass wir wüssten, was genau? [Joh 8, 6]).
V.
Feuerzungen zum Zweiten. Diego Valverde Villena, ein peruanisch-spanischer Dichter mit internationaler Ausstrahlung, von dem (vorangestellt der Vers Apg 2, 3) vor kurzem erst ein Gedichtband auf deutsch erschienen ist (Feuerzungen, 2024), entdeckt solche verzehrenden "lenguas de fuego" in den Augen von Beterinnen während der Liturgie: "Dem Mysterium hingegeben / Wandelt sich ihr Leib zur Hostie". Liebeslyrik, metaphysisch.
Nicht völlig von der Hand zu weisen ist das Adjektiv auch, wenn Paul Celan unter Gedichten Ossip Mandelstamms, eines Hauptvertreters der russischen Moderne, 1958 dieses (42 Jahre vorher entstandene) übersetzt: "ES TILGEN FEUERZUNGEN / mein trocknes, morsches Sein". Durchglüht-Werden bis zur Reinigung über sich hinaus, wobei der weitere Vollzug neue Ur-Sprünglichkeit zutage fördert: "vom Holz sei jetzt gesungen, / geschwiegen jetzt vom Stein. // Es ist das Roh-und-Leichte, / es ist aus einem Stück, / ist beides, Herz der Eiche / und Fischers Ruderglück. // Treibt eure Keile, rede, / du Hammer, poch und stoss: / dies ist ein hölzern Eden / von Dingen schwerelos."
VI.
Überhaupt Celan. Mit Begriffen wie "Atembaum", "Atemgeflecht", "Atemkristall", "Atemmünze", "Atemseil" oder "Atemwende" gespickt sind seine Texte. Und er ist (in meiner Durchforstung dazu wohl unvollständig) beileibe nicht der einzige, der die Semantik vom Odem des Geistes als lebenspendendes Prinzip handhabt.
Untergründig-Pfingstliches dieser Art versucht nachgerade programmatisch Christian Lehnert zu gestalten, "jene geistigen Bezirke (Atem, ruah, pneuma), die vor der Sprache liegen", wie er sagt. Aufkommender Atem (2011) oder Windzüge (2015) sind Gedichtbände von ihm überschrieben, und auch dort, wo deren Titel ohne solche Verweise auskommen, werden wir fündig. Nachdrucks-epigrammatisch etwa: "Der GOtt wird nicht gedacht, im Atem wird ER wahr" (Puls, 2018), oder: "Denn alle wissen GOtt, die ihren Atem wissen" (Atemgeräusch, 2018). Eine Weise innerster Gegenwärtigkeit.
VII.
Ent-Flammt-Sein, In-Spiriert-Werden anders gefasst (wie sich die Phänomene des Geistes ohnehin überlappen). Zu den Bedingungen schlechthin von Kreativität zählen sie. Franz Werfels expressionistische Anverwandlung des Preislieds aus dem 9. Jahrhundert ruft den Träger des schöpferischen Prinzips gleich viermal an. Für ein soziales Kunstwerk ist der Creator Spiritus vonnöten, neuen menschlichen Miteinanders, Abbrucharbeiten von Bestehendem inklusive: das Zerbrechen glänzender "Formen" und "Mauern", hinter denen wir "einsam" verhärten, unserer Bosheit, "Hass" und "Mord". (Es ist Weltkrieg, der erste.) Zu universeller Brüderlichkeit weist der Geist den Weg, wobei "jauchzend wir […] in uns selbst Dein Attribut erfahren!"
Yvan Goll lässt vor diesem Hintergrund 1912/18 (Der Panama-Kanal. Erste Fassung) eine Internationale des Friedens erstehen ("pacemque dones", so im alten Hymnus): "Alle reden sich voll Liebe an". Mit dem der Ausgießung einbegriffenen Zeichen des Wassers verschränkt er dieses Pfingst-Motiv und deutet so auf eine Wiedergeburt aus dem Geist (Alpenpassion [1917]).
Anderweitig verschränkt – wir kennen solches schon – eine Selbsterläuterung individuell kreativer Impulse und Verläufe (die übrigens selbst der Wissenschaft zwar als beschreibbar gelten, restlos auflösbar jedoch keineswegs). "Ich wanderte dann umher und im Hinterhof eines Abbruchhauses sah ich einen kahlen Strauch der plötzlich zu brennen begonnen hatte, es war ein [= nicht der!] Pfingsttag. Ich wanderte dann umher und kauerte nieder und schrieb im Anblick des brennenden Busches mein erstes Gedicht."
So endet ein autobiographischer Text (1981) der Magischen Blätter I von Friederike Mayröcker. Wiederholt verwies sie auf ihre Erfahrung, aus sich selbst heraus nicht schreiben zu können, sondern etwas zu empfangen. Noch 92-jährig, lakonisch im einem Zeitungs-Interview von 2016 daher: "Ich glaube an den Heiligen Geist".
Finale.
So weit (und bruchstückhaft nur) zu jenem "strahlenden Aufruhr des Geistes" (Yvan Goll, Der Panamakanal. Spätere Fassung, 1918]), wie er von Intellektuellen/Abteilung Literatur, unterschiedlichster religiöser Verortung übrigens, traktiert wurde und wird. Einer "Flaschenpost" alternativ, dass "zu Pfingsten eure Köpfe schiffbar sein" sollen, wie "uns der Herr […] verspricht" (Klaus Merz: Auffahrt 01, 2001).
Hielten wir Ausschau danach, dürfte vieles vermutlich nicht bleiben, wie es ist.