I.
"Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn." So der Auftakt zur 2008 erschienenen Autobiographie des englischen Top-Autors Julian Barnes. "Sentimentaler Quatsch", wie (ohne Kenntnis des Urhebers) sein als Philosoph namhafter Bruder Jonathan befand? Nostalgisches Aufseufzen des Abhandenkommens einer Perspektive über die Welt hinaus, samt den damit einhergehenden Tröstungen? Oder doch eine Befindlichkeit, die sich (auch durch die Brandmauer vermeintlicher Indifferenz) nicht einfach verscheuchen lässt, mag auch (wie im Falle von Barnes) nie ein Glaube vorhanden gewesen sein, der zu verlieren war?
II.
"Aber er fehlt. Mir." Macht Martin Walser geltend. Während der intellektuellen Spätmoderne kommen ähnliche Bekundungen einer als prekär empfundenen Leerstelle ab und an zum Vorschein wie der weiße Elefant im Kinderkarussell. Und dies nicht nur per eingängiger Ausdrücklichkeit, sondern (was allemal spannender ist) künstlerisch verschlüsselt.
Schaut man nur genauer hin, werden durchaus Übergänge in religiöses Herzland sichtbar, auf spezielle Weise freilich oft, fern von bekenntnishafter Sprache oder Bindung.
III.
Rolf Dieter Brinkmann zählt – unter anderem! – zu den zwei Handvoll maßgeblicher deutscher Lyriker des 20. Jahrhunderts. Wer jetzt etwa den Kopf wiegt, mag seinen letztes Jahr (flankiert durch die Pioniertat einer ausführlichen Biographie) erstmals unverstümmelt erschienenen Gedichtband Westwärts 1 & 2 zur Hand nehmen. Vertiefend bitte! Als er im Mai 1975 herauskam, lebte der Dichter bereits nicht mehr. Acht Tage davor gerade 35 geworden, war Brinkmann am 23. April in London beim Überqueren der Straße von einem Auto erfasst worden. (Just diese Todesart – Seltsamkeit immerhin, oder schwarze Ironie der Geschichte – finden wir früh schon in seine Prosatexte eingestreut.)
Endgültig zum "Kultautor" wurde der vormalige Außenseiter nun gelabelt. "Das einzige Genie" der alten Bundesrepublik (ließ Kollege-Ost Heiner Müller sich vernehmen). Ein Ich, das (so Peter Handkes Trauerrede) notorisch "quer zur Welt" stand. (Besser umgekehrt: sie zu diesem!) Tatsache ist: Ein fundamental Heimgesuchter war Brinkmann. Ein Beunruhigter. Ein Eifernder und Tobender auch, befeuert durch "rasende Wut und einen irrwitzigen Hass" angesichts umzingelnder Verhältnisse mit ihrem "alltäglichen Terror". Was ihm am wichtigsten war, erachtete er dadurch als angegriffen, ja unmöglich gemacht: "Leben" – und zwar in dessen überschießender Form.
IV.
"Ich habe keinen Glauben, keine Ideologie an eine heilsame Gesellschaftsordnung. Ich kann nur auf mich selber fallen", gab Brinkmann Ende 1972 dem wildesten seiner Texte bei, Rom, Blicke, einer Groß-Collage aus Aufzeichnungen, Briefen und Fotos über den Stand des allgemeinen Zerfalls. "In fanatisch-religiöser Gegend" aufgewachsen, dem Oldenburger Münsterland, sei er mit "irgendwelchen Spirituellen Ereignissen jahrelang vollgestopft" worden, lesen wir im Tagebuch. "Katholisch verseucht" nennt er die Heimatstadt Vechta. Der ehemalige Ministrant bricht mit dieser Welt seiner Herkunft. Nicht nur Kommentare über die äußeren Formen des Christentums oszillieren fortan zwischen Hohn, Verlästerung und Anklage: als "Brutstätte" sämtlicher Pression. "Die in den Körpern hockenden Priester treiben zu letzten Ich-Verstümmelungen an".
V.
Gerade ein "Ich" aber wollte Brinkmann sein, mehr noch: ein "Einzelner" (als philosophisches Postulat keineswegs mit bloßem Individualismus zu verwechseln!). Nicht nur gegen Konformismus und Kollektivismus im Gefolge der mit dem Jahr 1968 verbundenen Bewegung. Wo nämlich wäre die Religion, welche jenem authentischen Existenzverlangen Raum böte? "Christus hat 'ne Gemeinschaft gewollt, Buddha das Nirwana, immer der Zwang zur Auslöschung des Einzelnen", notiert er aus Rom dazu. Soll dieser etwa nicht notorisch zugunsten eines zielhaften "Wir" überwunden, will heißen: eingeschmolzen werden?
Auf bemerkenswerte Weise lässt der 23-jährige sein Leitbild brieflich nach der Lektüre Paul Tillichs anklingen. Eine vorherrschende "Aftertheologie" schilt er, da deren "Wertungen" ("in einem wirklichen Frei-sein auf die Zukunft") "HEUTE" doch "aus dem Einzelnen selber genommen werden" müssten: "und sie könnten es! – vor allem, wenn man es wirklich ernsthaft meint, im Bereich des Religiösen! "
VI.
Und doch: Seiner Sozialisation entkommt Brinkmann trotz heftigster Abwehr nie ganz. (Selbst aus der Kirche ist er merkwürdigerweise nie ausgetreten.) Auch ohne "Gott-Gerede" erweist sein Denken und Dichten sich – ein kluger Germanist hat es im Detail nachgewiesen – in nicht geringer Weise als religiös unterfüttert. Eines unter mancherlei Beispielen christlicher Fortbestände nur. Drei späte Verse aus einem Poem über das "Alleinsein" (im, so andernorts, "Angst- und Todesuniversum"): "Keiner ist verloren,/ Aber jeder ist ein wenig stumm wie eine Nummer im/ Telefonbuch. Sind die Nummern […]/ nicht wie ein endloser Blues?" Eingeschmuggelt darin (wer hat's erkannt?) ein Zitatfetzen aus Jesu "hohepriesterlichem Gebet" bei Johannes (17,12).
VII.
Vor allem aber: Zentrale Fluchtpunkte von Brinkmanns künstlerischem Konzept sind Denkfiguren hin zur Metaphysik benachbart. Ob diese Affinität ihm selbst bewusst war, steht dahin. Seinen Lesern aber sollte sie es sein (zumal wenn es um Bestandsaufnahmen des "Fehls Gottes" in der Gegenwart geht).
Nichts unter den Realien, vermerkt er im Tagebuch, "befriedige" ihn in seinem "Hunger nach Schönheit und Anwesenheit". Eine Begehrens-Verbindung, die durchaus mit Theologie zu tun hat, negativer auch: "Das Schöne" nämlich, lesen wir weiter, "ist für mich sprachlos", un-nennbar. (Ausstrahlung und Anziehungskraft Gottes, dessen vollkommene pulchritudo, übrigens genauso wenig. Man konsultiere darüber nur Augustinus und die ihm folgende Tradition.)
VIII.
Standphotos aus Worten. Anwesend ist ein Gedicht explizit überschrieben. Der festgehaltene Augenblick kann Unterschiedlichstes abbilden, ein weißes Bettlaken ebenso wie die sommerliche Abend-Szene vor Kölner Kneipen. Zumal in seiner Phase der Poplyrik weist Brinkmann solche "Oberflächen" aus, die eben deshalb nicht ohne "Tiefe" und "Geheimnis" sind, weil ihre pure Faktizität flüchtig mehr umschließt: "beinahe/ ein Wunder: für einen Moment eine/ Überraschung". Eine Art Mini-Transzendenz kann sich im Banalen verhüllen. Aus einem seriellen Poster Liz Taylors lugt sie hervor, als Bedürfnis abgesunken im Kult um die Stars.
Von "Anwesenheit" spricht auch die Religionswissenschaft. Dort steht der Begriff für die rituelle oder tatsächliche Gegenwärtigkeit eines Göttlichen im Hier und Jetzt. Jenseits der verstörenden Erfahrung deformierter Wirklichkeiten "unmittelbare Präsenz [zu] erreichen", war Brinkmanns mehrfach erklärtes Ziel. Über zwei Jahrzehnte später dient das (Gottes-)Phänomen Reale Gegenwart im vieldiskutierten Buch eines Universalgelehrten als Chiffre für die unhintergehbare Angewiesenheit sinn-hafter Kunst auf transzendent Vorgängiges.
IX.
Im primären Anspruch des Autors konvergiert alles. "Wo aber ist das Leben?" lautet die dringliche Frage des von der obwaltenden Blockiertheit Gepeinigten. Vorstellungen eines größeren Ganzen schwingen hier mit, von etwas, das einfach DA ist, in Fülle er-füllende Möglichkeit, intensiv fühlbar wie das Bewusstsein durchdringend.
Sind das aber nicht sämtlich Zuschreibungen von … – ja, `was´ mag es wohl sein? Worauf läuft die Fahndung nach dem Vorschein eines über die zerstörte Welt Hinaus-Weisenden klandestin hinaus? Uneingestanden.
X.
Gedicht. Mehr braucht es nicht zur Überschrift (denn es mag paradigmatisch sein): "Zerstörte Landschaft mit/ Konservendosen, die Hauseingänge/ leer, was ist darin?/ Hier kam ich// mit dem Zug nachmittags an,/ zwei Töpfe an der Reisetasche/ festgebunden. Jetzt bin ich aus// den Träumen raus, die über eine/ Kreuzung wehn. Und Staub,/ zerstückelte Pavane, aus totem// Neon, Zeitungen und Schienen/ dieser Tag, was krieg ich jetzt,/ einen Tag älter, tiefer und tot?// Wer hat gesagt, daß sowas Leben/ ist? Ich gehe in ein/ anderes Blau." (Aus Westwärts 1 & 2.)
XI.
Eine Szene, nach außen wie innen konkret gesehen (mag sie vielleicht auch Vorgänge im Bewusstsein beschreiben oder Beschwörung sein). Tiefenschichtig-komplexe Ver-Dichtung daneben. Jedes Wort beinahe des Parlandos streift Zwischenräume und Ambivalenzen. Zu vorangeschrittener Zeit ist das Ich unterwegs, angekommen in provinzieller Öde, nichts Nahrhaftes vorhanden. Ein Vakuum. Verwehte Illusionen, an einer Kreuzung noch dazu. Der Totentanz einer kaputten "Ziviehlisation" (wie Brinkmann gern sagte): Künstliches Licht, Medialität (statt Wirklichkeit), vorgegebene Pfade. Dem Ende entgegen. Wer belesen ist, entdeckt sogar eine Variation aus Rimbauds Eine Zeit in der Hölle (der so gut zu Brinkmann passt): "Das wahre Leben ist woanders."
XII.
Was die letzten sechs Worte sagen, scheint unabschließbar. Im gegenständlichen Bild geht jemand auf einen Horizont zu. Einfach so? Oder ist er auf der Suche? Handelt es sich um nüchterne Beschreibung? Den Ausblick voller Neugierde? Diffuse Erwartung? Gewissheit? Anwesenheit also? Reale Gegenwart? Oder eine Fata Morgana?
Erst recht die Farbe Blau selbst. Über meteorologische Deutung hinaus lässt sie vielfache Imaginationen zu. Inwiefern ist dieses Blau (und substanziell?) "anders" als das plural gewohnte? Transparenter? Leuchtender? Oder eben nur unbestimmbar verschieden von allem übrigen Blau? In dieser Hinsicht mental affizierend? Rätsel über Rätsel. Die sich vielleicht erst beim Gehen auflösen?
Dauer-Irritation? Oder Vorhang einer Utopie? Sprachlich jedenfalls ist Blau die Farbe, welche dem Himmel anliegt. Keine weiteren Benennungen mehr. Stille.
XIII.
Aus der Zerstörung, welche dem Ich wohlbekannt ist, ein Grenzgang ins Fremde, Un-Fassbare. Anhebende Selbst- und Welt-Über-Schreitung. Expedition auf Numinoses zu. Wer wollte ausschließen, dass diese Verse darauf hinauslaufen mögen?
XIV.
Nach so vielen Fragen zweieinhalb letzte noch, die wichtigsten vielleicht. Brinkmanns Reisender: wird er auch ankommen? Und wäre dem Hinter-ihm-Liegenden damit definitiv entronnen? Erlöst?