Seufzen! – Ein Wort deutscher Sprache mit schillerndem Tiefgang. So hat es seine Ursprünge im althochdeutschen Verb sufan, schlürfen und trinken, hat sich über das althochdeutsche sufton, ächzen, stöhnen fortgeschrieben in "siufzen" — und dann eben "seufzen". Seufzen, den Atem einschlürfen, ja aussaufen bis auf den letzten Grund. Denn das Suffix "-zen" intensiviert den Vorgang, ähnlich, wie beim Schluchzen oder Ächzen.
Seufzen, aus der Fülle der Seufzerarien mit ihrem Gestöhne über die Ungerechtigkeit der eigenen Existenz, des persönlichen Schicksals und die die Ungerechtigkeit des Alltagsleben, von Händel über Bach bis Mozart, hier nur eine kurze Erinnerung an Kurt Tucholzky, der gesellschaftkritisch bissig in wenige Zeilen gebannt vortrug:
"Gestoßener Seufzer
Kreuzt mir die Lustjacht in der Badewanne?
Knirscht mir das Auto auf dem gelben Kies?
Bräunt mir das Roßbüff in der Kupferpfanne?
Blitzt mir am Hemd der Diamant-Türkis?
Hin hauch ich einen Seufzer des Verzichts:
ich brings zu nichts."
Tucholskys Seufzen, darüber, es zu nichts zu bringen, und dass es die Falschen scheinbar zu maßlos viel bringen, hat immer noch einen gewissen Aktualistätswert: "Der Reichtum ist der Lohn des Bösewichts. Ich brings zu nichts", heißt es später im Gedicht.
Emotionale Verdichtung
Zugleich. Seufzen kommt eben von "sufan": Ob das Dietrich Bonhoeffer vor Augen hatte, als er dichtete: "Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar, ohne Zittern, aus deiner guten und geliebten Hand"? Eine Assoziation sicher auch an den Kelch im Garten Getsemane, den Jesus im Gebet ansprach. Leid austrinken bis auf den letzten Rest…
Wer seufzt, spricht nicht mehr so, dass eine konkrete Bedeutung aufzuschlüsseln wäre. Ein Seufzer ist eine Art existentiell multirationale emotionale Verdichtung und der Ausruf "Ach" – seine lautmalerische Entsprechung, in der sich Emotion konzentriert, von der Trauer bis zur Sehnsucht. Selten eindringlich hat das theologisch Tritojesaja gefasst: "Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen" (Jes 63,19). Ein Ausruf, der intensive Trauer und Sehnsucht zusammenballt, und das im Angesicht einer Situation radikaler Gottverlassenheit.
"Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde", heißt es unmittelbar zuvor. Entsprechend ist die ersehnte eschatologische Hoffnung beim ersten Jesaja frei von allen Seufzern: "Die Erlösten Gottes werden … nach Zion kommen mit Jauchzen … Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen werden entfliehen" (Jes 35,10). Und in der Mitte der aktuellen Erfahrung der Gottverlorenheit auf der einen Seite und der Sehnsucht auf der anderen Seite, einst einmal nie mehr seufzen zu müssen, findet sich die Gewissheit: "Gott erhört das Seufzen seines Volkes" (Ex 2,24).
Paulus registriert ein einziges globales Vergänglichkeitsseufzen, ein allumfassendes einziges "Ach", das auf die "Herrlichkeit der Kinder Gottes" hofft.
Vor diesem Hintergrund hat ein Exeget einmal gemeint, biblisch betrachtet, sei Seufzen der Ausdruck tiefster seelischer Not, die ins Gebet treibt. Stimmt das? Diese Frage führt mit der dreigliedrigen alttestamentlichen Seufzerdialektik von Gottverlorenheit, eschatologischer Gottinnigkeit und Erhörungsgewissheit im Rücken mitten hinein in den Römerbrief. "Und der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen" (Röm 8,26). Von wegen tiefe seufzende Not führt UNS ins Beten! Wir mögen viele Worte fassen, der Zerrissenheit der Welt in diesem Augenblick ein Sprachgewand in plastischten Stickmustern umhängen und den Abgründen des Lebens vor Gott Ausdruck verleihen. Paulus meint: Glaubt nicht, dass Ihr damit schon betet, so, dass es Gott erreicht. Gesellschaftskritik alla Tucholsky, kirchlich in gebundenen Worten als Abgrund vorgetragen und die Anrufung des Gottesnamens drangeklatscht — das ist nicht schon Gebet, jedenfalls kein Gebet, das die Gemeinde oder den Vorbetenden in die Gottesgegenwart hineinbringt.
Paulus und das unaussprechliche Seufzen des Geistes
Wie kommt das? Nun, Paulus nimmt einen gründlichen Anlauf und beginnt mit der gesamten Schöpfung (Röm 8,22). Erste Seufzereinsicht: Die gesamte Schöpfung seufzt gemeinsam. Paulus registriert ein einziges globales Vergänglichkeitsseufzen, ein allumfassendes einziges "Ach", das – und hier kommt die Seufzersehnsucht ins Spiel — auf die "Herrlichkeit der Kinder Gottes" hofft, auf eine menschliche Existenz also, die nicht nur fortlaufend auf ihre Würde Anspruch erhebt, sondern auch ihr entsprechend lebt. Menschen, einmal nicht nur Botschafter, sondern Baumeister der Würde also. Die radikalste Infragestellung der Würde jedoch ist der Tod. Ach! "Ach, wie flüchtig ach wie nichtig ist der Menschen Leben, wie ein Nebel bald entsteht und auch wieder bald vergehet, so ist unser Leben, sehet!" So ist nicht nur das menschliche Leben, sondern das Leben aller Geschöpfe, meint Röm 8,22.
Die zweite Seufzereinsicht des Paulus folgt auf dem Fuße. Die Christinnen und Christen seufzen. Da kann noch so viel Geist als Erstlingsgabe unterwegs sein, Auferstehungsgewissheit und was es auch sein mag, die über Endlichkeitsresignation siegt. Auch Dein Leib, lieber Christenmensch, ist vergänglich. Und das ist und bleibt brutal.
"Ich steh‘ hier
Hände in den Taschen
weiß nicht mehr, was ich sagen soll
Hab hundertmal den Satz geübt …
Dein Name steht hier schwarz auf grau
Das Datum fühl sich falsch an
Ich dachte immer, wir hätten Zeit
Jetzt seh‘ ich Dich zum letzten Mal an Deinem Grab…"
So singt RocktDeutsch – und findet dafür Hunderttausende von Followern. Auch Christen und Christinnen aller Zeiten bevölkern ohne Ausnahmen die Friedhöfe. Ihre Namen stehen dann da in schwarz auf grau.
Und dann folgt eben die dritte und entscheidende Seufzereinsicht. Paulus bescheinigt, seine Person eingeschlossen, der Christenheit im tiefsten Sinne eine elementare Gebetsunfähigkeit. "Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen" (8,26). Das ist ein Satz zum frommen Innehalten. Er sollte über den Brevieren und Gebetsbüchern, die unser kirchliches Leben bevölkern, stehen. Ich nehme mir jedenfalls als Abt von Amelungsborn vor, ihn in die neue Ausgabe unseres Klosterbreviers aufzunehmen.
Um nicht mehr und nicht weniger geht es in der Existenz eines Christenmenschen: Sich mit einem ebenso sehnsüchtigen und realistischen Seufzer "Ach" täglich der göttlichen und darin gerade mitmenschlichen, nämlich mit uns seufzenden Gnade Gottes anzuvertrauen.
Es scheint mir wichtig zu sein, einer ebenso gedankenschweren wie gedankenlosen Rastlosigkeit und Gebetsratlosigkeit unserer Tage dieses Gegengewicht von der apostolischen Dignität eines Paulus entgegenzuhalten. Das Seufzen der Welt und unser Seufzen über die Welt überwinden wir nicht allein durch noch so durchdachte Botschaften in und um das Gebet herum. Nicht wir, sondern "der Geist hilft unserer Schwachheit auf". Diese Einsicht geht mit einer doppelten Demütigung einher. Erste Demütigung: Der Geist selbst, er also höchstpersönlich in uns vertritt uns vor Gott. Wir müssen Abschied nehmen von der hohen Meinung, im Gebet ganz unmittelbar am himmlischen Podium der Trinität Platz nehmen zu können und dort den geistlichen Diskurs führen zu können.
Zweite Demütigung: Diese Vertretung kostet dem heiligen Geist ein "unaussprechliches Seufzen". Unaussprechlich, das meint nicht, dass es ein Seufzen ist, für das wir vielleicht nicht die richtigen Worte finden. Sondern es ist ein Seufzen, das in Worte nicht mehr zu fassen ist, weil es solch ein ungeheuerliches Gewicht hat, ein Seufzen, das also alles, was nicht in Ordnung geht und nicht in Ordnung ist bis auf den letzten Grund "aussäuft".
Der Heilige Geist als Tröster
Die Kehrseite dieser doppelten Demütigung ist für mich allerdings auch ein doppelter Trost. Der erste Trost ist der, dass wir mit dem Geist selbst als "Tröster" eben stets und ständig rechnen dürfen. Er hilft auf am Morgen und am Abend. Der zweite Trost ist der, dass er für das Unsägliche in dieser Welt allererst die "richtigen Worte" findet, nämlich ein tiefes universales Seufzen vor und in Gott selbst. Wir sind schwerlich in der Lage, die Summe irdischen Elends auch nur ansatzweise seufzend auszutrinken. Gott hat das auf sich genommen. Damit aber befreit uns Gott zu einem Elementarseufzer ganz eigener Art. Es war Karl Barth, der einmal bemerkt hat: In dem Seufzer, in dem wir "zu Gott sagen: Ach, ja! … steckt Alles. Und Alles muß auch immer wieder zu diesem kleinen Seufzer werden."
Um nicht mehr und nicht weniger geht es in der Existenz eines Christenmenschen: Sich mit einem ebenso sehnsüchtigen und realistischen Seufzer "Ach" täglich der göttlichen und darin gerade mitmenschlichen, nämlich mit uns seufzenden Gnade Gottes anzuvertrauen. Und in einem befreiten "Ja" sich an der festen Zusage seiner Geistesgegenwart unbändig zu freuen.