Die «Deutsche Demokratische Republik», kurz DDR, ist ein Land, das es seit 1990 nicht mehr gibt. Sie ist zerbrochen: an ihren eigenen Widersprüchen, an einer problematischen Ideologie, an den inneren und äußeren Mauern, die sie errichtet hat, an ihrer Unmenschlichkeit. Mehr als 35 Jahre nach dem Fall der Mauer ist sie ein Phänomen der Vergangenheit.
Jüngere Menschen verfügen nicht mehr über Erinnerungen an sie aus erster Hand, sind auf die Berichte von Augenzeugen angewiesen, auf die Erzählungen in ihren Familien und Freundeskreisen, auf gesellschaftliche Debatten, historische und politikwissenschaftliche Studien zum real existierenden Sozialismus in Deutschland, auf die fiktionale Darstellung in Romanen, Filmen oder Theaterstücken wie dem vorliegenden.1
Ost und West – Differenzen und Indifferenzen
Das Bild der DDR, das sich dabei zeigt, ist durchaus komplex, oft kontrovers und widersprüchlich. Die persönlichen Erinnerungen sind oft von starken Gefühlen gekennzeichnet – sei es Trauer über das Ende einer als sinnvoll empfundenen Lebensweise, Freude über den Fall der Mauer und das Ende von Unterdrückung und Freiheitsbeschränkung, Wut über die Abwicklung der DDR oder Scham über das eigene Schicksal vor oder nach der Wende.
Der Begeisterung über den Fall der Mauer – Symbol der Menschenverachtung – und der Dankbarkeit für die neue Einheit Deutschlands ist eine "Ostalgie" an die Seite getreten.
Zwischen den persönlichen Erinnerungen und Lebenserfahrungen und der nüchternen Erforschung der Geschichte der DDR oder ihrer politisch-gesellschaftlichen Deutung kann es zudem beträchtliche Unterschiede geben. Wie sich seit einigen Jahren zeigt, kann sich die gesellschaftliche Debatte auch verschieben. Der Begeisterung über den Fall der Mauer – Symbol der Menschenverachtung – und der Dankbarkeit für die neue Einheit Deutschlands ist eine "Ostalgie" an die Seite getreten. Der geschichtliche Abstand lässt einerseits hier und da die Vergangenheit in verklärtem Licht erscheinen und andererseits mit neuer Vehemenz nach den Schattenseiten des Vereinigungsprozesses fragen.
Bleibende Differenzen zwischen Ost und West und die wechselseitige Indifferenz der Wessis und der Ossis füreinander rücken in den Blick, ja, neue Gräben tun sich auf, die man lange nicht für möglich hielt. "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört", hatte Willy Brandt einst verkündet. Doch dieses Zusammenwachsen dauert länger und ist kein gradliniger Prozess. Die DDR ist nicht nur ein Phänomen der Vergangenheit. Sie bestimmt auch die Gegenwart des vereinigten Deutschland.
Von Distanz und Nähe
Willibald Feinig hat ein Stück über das Leben in der DDR geschrieben: Merkwürdige Zeiten heißt es. Er selbst verfügt über persönliche Erinnerungen an die DDR nur in begrenzter Weise. Er hat nie dort gelebt. Der österreichische Dichter hat sich von außen auf das eingelassen, was im Osten Deutschlands mehr als ein halbes Jahrhundert lang Alltag war – nicht ohne Quellenstudium, hellhörig durch manche Begegnung, hellsichtig durch nachträglichen Augenschein. Bewusst gewählte doppelte Distanz also: Zeitlich – die Arbeit am Stück wurde 2025 abgeschlossen – und örtlich – aus einem Nachbarstaat fällt ein Blick auf die jüngere deutsche Geschichte.
Der Autor schaut in ein zunächst fernes, auch fremdes Land. Wie Reisenden vieles ins Auge springen kann, was Einheimische kaum oder nicht mehr wahrnehmen, kann er von seiner Position aus vieles in den Blick nehmen, was vor Ort oder in der Debatte selbst unter Fachleuten und Zeitzeugen oft an den Rand rückt
Solch doppelter Abstand kann dazu führen, dass die Ereignisse der Geschichte in unnahbarer Ferne verschwinden, undeutlich werden oder aber in allzu freundlichem oder auch allzu dunklem Lichte erscheinen. Doch kann der Abstand umgekehrt auch zu einer größeren Genauigkeit führen. Die unmittelbare Betroffenheit fehlt. Der Autor schaut in ein zunächst fernes, auch fremdes Land. Wie Reisenden vieles ins Auge springen kann, was Einheimische kaum oder nicht mehr wahrnehmen, kann er von seiner Position aus vieles in den Blick nehmen, was vor Ort oder in der Debatte selbst unter Fachleuten und Zeitzeugen oft an den Rand rückt – weil es zu selbstverständlich ist, weil es als unwichtig, als nebensächlich gilt und auf wenig Interesse stößt oder weil es mit Scham behaftet ist.
Feinig nähert sich in Merkwürdige Zeiten dem untergegangenen real-sozialistischen Staat, indem er die Geschichte der katholischen Kirche in der DDR zum Angelpunkt seines Stücks macht, es also in einem "Milieu" ansiedelt, das, von einzelnen wissenschaftlichen Studien abgesehen, im öffentlichen Diskurs bislang kaum Beachtung gefunden hat. Solch ein Fokus – gewissermaßen ein weiterer Abstand, den er einnimmt – lenkt den Blick von den "Hauptachsen" der DDR-Geschichte, von markanten Großereignissen wie dem Aufstand im Jahr 1953 oder dem Bau der Mauer im Sommer 1961 auf vermeintliche Nebenschauplätze.
Könnte es sein, dass gerade diese Refokussierung es ermöglicht, der Wirklichkeit der zweiten Diktatur auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert, dem Leben im Zeichen von Hammer, Zirkel und Ährenkranz im Ganzen nahezukommen, dass sie – mit Kafka gesprochen – eine «Axt» für das «gefrorene Meer» der Befangenheiten und Ideologien ist?
Minderheitsoptik
In der DDR, Stammland der Reformation und in bestimmten Gegenden früh schon stark säkularisiert, war die Zahl der Katholikinnen und Katholiken gering. Feinig – selbst Katholik –registriert die inneren und äußeren Spannungen, unter denen diese Minderheit in der DDR stand. In 25 Szenen, durch solche Optik lose miteinander verbunden, breitet Feinig unspektakulär die Geschichte des Arbeiter- und Bauernstaates aus, die mit dem Mauerfall nicht einfach endete.
Das Panorama katholischer Kirche im realen Sozialismus zeigt den Neupriester Verstege, der sich «für die (Ost)Zone gemeldet» hat, führt sein Ringen um ein Leben, das dem Evangelium und dem Gewissen gerecht wird, vor Augen, zeigt sein Engagement als "Mittelpunkt eines subversiven Kreises" (sprich: des Aktionskreises Halle), veranschaulicht sein Gespür für den Aufbruch der Weltkirche trotz strikter Abschottung (sprich: Zweites Vatikanisches Konzil). Sein Freund Adolf Brockhoff, charismatischer Studentenpfarrer in Halle, wird sein Priesteramt aufgeben und heiraten. Während die "Basischristen" auch gegen die eigene, von Spitzeln durchsetzte Hierarchie aufbegehren, diskutiert man in der Volkskammer über die Bedeutung der Kirchen im Sozialismus, darüber, ob sie "unsere Hauptfeinde" sind oder nicht.
Die Akteure in Merkwürdige Zeiten erlauben sich kaum kurze Stellungnahmen zu dem, was sie erleben. Geschichte lässt sich erst im Rückblick deuten.
Die Lehrerin Sigrid Henlein – aus dem Eichsfeld, also katholisch getauft, allerdings glühende Parteigenossin, alleinerziehende Mutter eines Sohnes – verliert wegen «politischer Irrtümer» ihre Stelle und wird mehr oder weniger zur Stasi-Mitarbeit gezwungen. Auf Pfarrer Verstege angesetzt, arbeitet sie als seine Sekretärin – ein Doppel- und Dreifachleben, das mit Herzversagen bald nach der Wende enden wird. Die Staatssicherheit sucht ein Vervielfältigungsgerät in der Wohnung des Priesters, dem auch die Verfolgung den kritischen Blick auf die eigene Kirche nicht trüben kann, während sein Bischof, um Ruhe und Frieden besorgt, ihn beschwichtigt.
In den teils sehr kurzen, stark verdichteten Szenen hinter dem "eisernen Vorhang" haben Schülerinnen und Schüler, Studierende, Techniker, SED-Politiker, Künstlerinnen und Künstler ihren Platz ebenso wie Konrad Feiereis, Priester und Erfurter Philosophieprofessor, an dessen Auto die Benzinleitung angesägt wird. Nach 1989, längst ausgebürgert, erhält Adolf Brockhoff seine Stasi-Akte per Post. «Papierkram», sagt er zum neugierigen Enkel, aber der Zuschauer weiß, was das schwere Paket enthält.
Merkwürdige Zeiten
Die Akteure in Merkwürdige Zeiten erlauben sich kaum kurze Stellungnahmen zu dem, was sie erleben. Geschichte lässt sich erst im Rückblick deuten. Immer wieder taucht in Feinigs Stück wie ein Leitmotiv jedoch das titelgebende Wort von den "merkwürdige Zeiten" auf. "Merkwürdig" bedeutet zum einen: Ungewöhnlich, seltsam, nicht der Norm entsprechend, nicht in Einklang mit dem, was man erwarten könnte. Dieses Adjektiv mag fast zu unscheinbar, zu harmlos klingen für das, was in der DDR passiert ist. Die DDR, man kann es drehen und wenden, wie man will, war ein Unrechtsstaat. Reicht es, ein solches System "merkwürdig" zu nennen? Ist es nur merkwürdig, wenn Menschen staatlicherseits bis in den intimsten Bereich überwacht werden und engsten Freunden oder Angehörigen nicht mehr trauen können? Wenn elementare Rechte nicht mehr gelten? Wenn die Grenze nicht nur mit einer Mauer, sondern auch mit einem Schießbefehl abgeriegelt werden muss?
Geschichte, das sind die Geschichten aus den Zeiten, die Menschen erleben, den Zeiten, die einander ergänzen, interpretieren oder widersprechen und auch beziehungslos nebeneinanderstehen, einander überlagern oder aufeinander folgen können.
Vielleicht sind diese Fragen falsch gestellt. Müsste man nicht besser fragen, warum Feinig seine Akteure – aus unterschiedlichen Perspektiven – immer wieder zu dem Urteil kommen lässt, dass sie in "merkwürdigen Zeiten" leben? Dann könnte man feststellen, dass es Feinig nicht darum geht, den Zuschauern die Arbeit abzunehmen und für sie ein historisches Urteil zu fällen. Der Autor stellt sich vor, was geschehen ist, er malt sich aufgrund eingehender Recherchen aus, was geschehen sein könnte. Wer die Szenen vor sich sieht, kann nachvollziehen, was die Beteiligten mitmachen. Er erlebt, dass für sie etwas nicht in Ordnung war, nicht stimmte, den Gang der Dinge störte. Nicht erst in der Rückschau, nicht erst in der gern moralisierenden Sicht der später Geborenen oder der Außenstehenden. Die Worte fehlen ihnen, um mehr zu sagen, aber die Literatur bietet ihnen eine Bühne und zeigt in geschichtlicher Rückschau, was geschehen ist, was hätte geschehen können.
Von merkwürdigen "Zeiten" im Plural sprechen die Akteure. Das heißt wohl: Die DDR-Geschichte einfach unisono gibt es nicht, so wenig wie die Geschichte nicht einfach auf eine Zeit reduziert werden kann: Geschichte, das sind die Geschichten aus den Zeiten, die Menschen erleben, den Zeiten, die einander ergänzen, interpretieren oder widersprechen und auch beziehungslos nebeneinanderstehen, einander überlagern oder aufeinander folgen können. Dieser Plural – Hinweis auf die Vielgestaltigkeit der Geschichte, ihre Widersprüche und Ambivalenzen, aber auch ihre Komplexität und innere Pluralität – könnte in der Debatte über die DDR von besonderer Bedeutung sein.
Damit rückt noch eine zweite Bedeutung von "merkwürdig" in den Blick. Verschiedenheit und Widersprüchlichkeit sind des Merkens, der Erinnerung würdig. Die Vielfalt der erlebten Zeiten sollte man in historischen Debatten nicht vergessen. Wer immer über die DDR nachdenkt, muss der Versuchung widerstehen, sie auf nur eine Zeit, eine Geschichte zu reduzieren. Es ist wert und der Geschichte und den in ihr handelnden Menschen gegenüber nur gerecht, dass man sich differenziert erinnert, dass man hinschaut und Erfahrenes durchspielt, ehe man zu einem Urteil kommt.
Erinnerung macht Versöhnung möglich
Merkwürdige Zeiten, das sind Zeiten, Geschichten, die des Merkens, des Erinnerns würdig sind. Mit dieser Würdigkeit ist ein Sollen verbunden: Weil sie erinnernswert sind, sollte man sich ihrer, um ihnen überhaupt gerecht zu werden, auch erinnern. Sie vergessen, heißt schon, die Fehler der Geschichte wiederholen.
Zwar lässt sich, so scheint es, nur begrenzt aus der Geschichte lernen. Die Gegenwart zeigt deutlich genug, wie wenig die viel beschworenen "Lehren" der Geschichte tatsächlich zur Veränderung des Denkens und des Verhaltens führen. Doch darf man deswegen jede Hoffnung aufgeben, dass Geschichte auch für die Gegenwart von Bedeutung sein könnte, dass historische Erinnerung Kraft hat auch über Fest- und Feiertagsreden hinaus? Hier und dort und vielleicht nur für eine begrenzte Zeit können Menschen Lehren aus der Geschichte ziehen. Vielleicht nicht aus den Floskeln in Lehrbüchern oder sozialen Medien. Von Geschichten im Plural, «Bildern», wie sie Feinig in Erinnerung an Büchner nennt, aber sehr wohl.
Wie es ein billiges Mitleid gibt, ein Mitleid, das nur aus Gefühlen besteht und nicht zum Handeln führt, zur Tat, die selbst Leid mindert, so gibt es auch die billige Versöhnung des "Schwamm drüber", eine Versöhnung, die Schuld und Leid, Drama und Tragik herunterspielt oder leugnet, die die Opfer verhöhnt und die Täter davonkommen lässt, als sei nichts passiert.
Erinnerung gerade auch an die dunklen und abgründigen Seiten der Menschheitsgeschichte tut daher not. Angesichts der Wiederkehr autoritärer und totalitärer Herrschaft weltweit – und leider auch der Attraktivität, die sie für viele hat – kommt wirklicher Er-Innerung an die DDR-Geschichte heute nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Noch einen anderen Grund gibt es, sich zu erinnern: Die bleibende Aufgabe, jene, die in schwierigen, denkwürdigen Zeiten nicht mitgelaufen sind und zu Zeugen der Menschlichkeit wurden, aber auch jene, die Schuld auf sich geladen haben, ohne dass sie das wollten, nicht zu vergessen und in ihren Lebensläufen anzuerkennen. Willibald Feinigs Merkwürdige Zeiten erinnert, aus christlichem Impetus heraus, auch an sie, an die tragische Dimension der Geschichte.
Diese Erinnerung macht Versöhnung möglich. Wie es ein billiges Mitleid gibt, ein Mitleid, das nur aus Gefühlen besteht und nicht zum Handeln führt, zur Tat, die selbst Leid mindert, so gibt es auch die billige Versöhnung des "Schwamm drüber", eine Versöhnung, die Schuld und Leid, Drama und Tragik herunterspielt oder leugnet, die die Opfer verhöhnt und die Täter davonkommen lässt, als sei nichts passiert. Versöhnung im Angesicht der Geschichte mit ihren unmenschlichen Dimensionen ist so billig nicht möglich. Versöhnung heißt, sich mit der mächtigen Erinnerung messen. Sie ist angewiesen darauf, dass bekannt wird, wie es wirklich gewesen ist. Solcher Wahrheit sind nicht nur Historiker verpflichtet. Auch Schriftsteller dienen ihr. Auch die künstlerische Fiktion kann diese Wahrheit erschließen.
Das Theater heute ist nicht mehr der Ort des Weltgerichtes und der moralischen Besserung. Auch die Künste werfen Schatten. Auch sie haben sich politischer Macht untergeordnet und der Unmenschlichkeit zugearbeitet. Bedeutet das, dass das Theater gar keine moralische, gesellschaftliche, politische Bedeutung mehr hätte? Auch das wäre eine falsche Sicht. Denn seine besondere Bedeutung liegt im Indirekten, im Mittelbaren. Wenn es das, was passiert ist, dem Vergessen entreißt und darstellt, inszeniert, ins Spiel, auf die Bühne bringt, jene merkwürdigen Geschichten, in die Menschen sich verstricken, egal, ob sie sich wirklich ereignet haben oder hätten ereignen können, dann kann das bei den Zuschauern, in der Gesellschaft zu einem besseren Verständnis dessen führen, was alles wirklich, in Wahrheit geschehen ist.
Soll dauerhafte, wirkliche Versöhnung möglich sein, dann nicht ohne die Anerkennung dessen, was war, auch wenn sich die Wahrheit nur in einer Vielfalt von Perspektiven, als Reflex merkwürdiger Zeiten erschließt. Feinigs Schauspiel ist eine solche kraftvolle Erinnerung an merkwürdige Zeiten, an Leben und Christsein unter den Bedingungen der Diktatur, an Größe, Erhabenheit und Würde, aber auch an Schwäche, Hinfälligkeit und Verführbarkeit des Menschen.
1 Vgl. Willibald Feinig, Merkwürdige Zeiten, Weitra: Verlag der Provinz, 2026. Der vorliegende Text ist in diesem Band „statt eines Vorwortes“ erschienen.