Geh aus, mein Herz und suche FreudDer Garten des Menschlichen

Wer glaubt, der ist gewiss: Unsere Welt ist keine seelenlose Wüste. Dieser Glaube ruft nach Taten.

Der Christliche Garten in den Gärten der Welt in Berlin-Lichtenberg.
Der Christliche Garten in den Gärten der Welt in Berlin-Lichtenberg.© Thomas Brose
"Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben."

Beeindruckend, wie es dem Barockdichter Paul Gerhardt mit seinem Sommerlied gelingt, Abgründe zu überbrücken. Nur fünf Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1653) unternimmt er in immerhin fünfzehn Strophen – oft werden bloß die ersten drei gesungen – einen meditativen Sommerspaziergang. Dabei rühmt er die guten Gaben, die Menschen befähigen, auf ihrem Lebensweg nicht schlapp zu machen, sondern mit innerer Stärke voranzugehen, etwa wenn es in der sechsten Strophe heißt:

Die unverdrossne Bienenschar
fliegt hin und her, sucht hier und da
ihr edle Honigspeise;
des süßen Weinstocks starker Saft
bringt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise,
in seinem schwachen Reise.

I.

Der Weg des begnadeten Dichters, dessen 350. Todestag Ende Mai 2026 begangen wurde, führt in Geh aus, mein Herz, und suche Freud von der äußeren Pracht der Natur, von Eichen, Narzissen, Lerchen und Nachtigallen, immer mehr ins eigene Innere. Ein frommer Umweg? Keineswegs! Denn nach den Traumata des bis dahin verheerendsten aller europäischen Kriege müssen die Verwüstungen an Leib und Seele wieder heilen – und dazu brauchen Menschen, nicht zuletzt Paul Gerhardt selber, der seine Frau und vier Kinder verloren hatte, eines am allermeisten: Schönheit und Glanz, die in Erstaunen versetzten und in Epiphanien des Alltags neue Lebensfreude und Gottesliebe möglich machen.

Rainer Maria Rilke spricht in diesem Zusammenhang von einer "Lebensaufgabe":

"dass ich, wenngleich ganz anfängerhaft, unter denen bin, die das Schöne hören und seine Stimme erkennen, selbst wo sie sich kaum aus den Geräuschen hervorhebt; dass ich weiß, dass der liebende Gott uns nicht unter die Dinge gesetzt hat" (Briefe aus den Jahren 1906 und 1907).

Nicht unter die Dinge gesetzt zu sein – ist das nicht in einer Zeit, die unser Menschsein verdinglicht, aber das Technisch-Dinghafte überlebensgroß erscheinen lässt, die allertiefste Einsicht?

II.

Unsere Welt braucht Mystiker, die Den Garten des Menschlichen – so der wunderbare Titel einer von Carl Friedrich von Weizäcker vorgelegten Anthropologie – hegen und pflegen. Dies scheint nur dann gewährleistet, wenn das Innere und das Äußere, das Irdische und das Himmlische miteinander verbunden sind. Bei Paul Gerhardt klingt das so:

Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben,
und Pflanze möge bleiben.

III.

Der christliche Glaube lässt sich tatsächlich als ein Garten verstehen, in dem der Homo sapiens gut gedeihen kann. Derzeit aber erlebe ich, dass meine Kirche dabei ist, sich aus vielen Projekten, in denen es um Wachstum des Menschseins geht, zu verabschieden. Der Satz "Wir schaffen das nicht!" macht mich traurig und wütend. Ich weiß, dass es gute Gründe gibt, für einen Besuch im Kölner Dom Eintritt zu verlangen – aber wird die weit ausstrahlende Aura dieses Sakralbaus damit nicht nachhaltig beschädigt? Behält Friedrich Nietzsche recht, der prognostizierte, dass wir längst in einer Welt mit atheistisch-nihilistischem Vorzeichen leben und dass die Bedeutung von Gotteshäusern in Zukunft darin bestehen wird, schöne Museen abzugeben?

Den Substanzverlust des Christentums kenne ich aus DDR-Zeiten. Ich weiß, was es bedeutet, als gläubiger Mensch draußen vor der Tür zu stehen. Viele mussten einen hohen Preis bezahlen. Sie konnten kein Abitur ablegen, waren aufgrund ihres "falschen Bewusstseins" vom Studium ausgeschlossen und wurden gesellschaftlich mundtot gemacht. Die Friedliche Revolution von 1989 war für mich auch deshalb ein gewaltiges Wunder, weil Christinnen und Christen dabei plötzlich höchste gesellschaftliche Relevanz gewannen.

IV.

Ich musste nicht lange überlegen, als ich gefragt wurde: Möchtest Du an einem Christlichen Garten in der Trabantenstadt Berlin-Marzahn mitbauen?

"I follow the Moskva
Down to Gorky Park
Listening to the wind of change"

– so beginnt die Rockballade der Scorpions, die zur "Hymne der Wende" wurde. Jedes Mal, wenn ich im Christlichen Garten zu Besuch bin und diese Worte erneut lese, kann ich ihn wieder auf meiner Haut spüren: den "Wind der Veränderung".

Dass die Wortarchitektur dieses Gartens – ein offener, aus golden glänzenden Aluminium-Buchstaben bestehender "Kreuzgang" aus Zitaten, Liedern und Gedichten, der einen grünen Zufluchtsort umschließt – im Stadtbezirk Lichtenberg in den Gärten der Welt überhaupt realisiert wurde, erscheint mir nach wie vor wunderbar. Denn hier sind 95 Prozent der über 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner Gewohnheitsatheisten.

V.

"Marzahner Christianisierung" lautete denn auch nach Bekanntwerden der Idee (2010) eine Überschrift in der Berliner Zeitung. Als "Theologischer Berater" des Garten-Projekts, dessen Nummer unübersehbar neben dem Bauzaun angebracht war, klingelte damals öfter mein Telefon: "Werden wir jetzt alle christianisiert?", "Die Bibel ist ein Märchenbuch!", "Das mit der Religion hatten wir doch längst hinter uns!"

Ich denke: Ein Glaubensgarten, der zugleich ein Garten des Menschlichen sein soll, funktioniert ohne Bezug zu seiner säkularen Umwelt mit ihren Brüchen und Verwundungen nicht. Genau darum war der Songtext der Scorpions – Wind Of Change –, ohne den es diesen Ort niemals gegeben hätte, für mich als Text gesetzt.

Dass der Christliche Garten sich dem Irdischen und dem Himmlischen verpflichtet weiß, lässt sich besonders gut an einem Gedicht von Reiner Kunze ablesen:

"Einer – an gott zu glauben war ihm nicht
gegeben – steht
vor gott,
und gott, gewichtend
tat und leben,
spricht:
Ich bin mit dir zufrieden."

VI.

"Dies ist ein Geschenk einer kleinen, weit entfernten Welt, eine Probe unserer Klänge, unserer Wissenschaft, unserer Bilder, unserer Musik, unserer Gedanken und unserer Gefühle. Wir versuchen, unsere Zeit zu überleben, um so in eure Zeit hinein leben zu dürfen."

Die 1977 gestartete Raumsonde Voyager – Reisender – führt eine Datenplatte aus Kupfer mit sich, die zum Schutz mit Gold überzogen ist: Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit wurde eine so schlichte und doch so spektakuläre Botschaft auf einen Weg gebracht, der sich eines Tages in den Weiten des interstellaren Raums verlieren wird. Manchmal – scheint es – muss man erst Abstand gewinnen, um das Naheliegende und Wesentliche wahrzunehmen: dass unser Blauer Planet ein Garten im Weltall ist.

VII.

"Weißt du, wie viel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wie viel Wolken gehen
weithin über alle Welt?
Gott der Herr hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet
an der ganzen großen Zahl."

Der evangelische Pfarrer Wilhelm Hey hat diese Zeilen 1837 gedichtet – und beim Singen des beschützenden Liedes sorgte in der zweiten Strophe die Erwähnung der kleinsten Tiere, so erinnere ich mich, für das größte Glücks- und Geborgenheitsgefühl:

"Weißt du, wie viel Mücklein spielen
in der heißen Sonnenglut,
wie viel Fischlein auch sich kühlen
in der hellen Wasserflut?
Gott der Herr rief sie mit Namen,
dass sie all ins Leben kamen,
dass sie nun so fröhlich sind."

Was Kindern einleuchtet, sorgt bei Erwachsenen nicht selten für den Verdacht, die harten Realitäten des Lebens auszuklammern. Aber ist es naiv, angesichts kreatürlicher Angst die Frage zu stellen, ob das Kleinste und das Größte, das Irdische und das Himmlische, bloß zufällig-dinghaft vorhanden oder vielleicht doch "gezählt" sind? Und verbürgt der Glaube an den Schöpfer des Himmels und der Erde nicht die Heiligkeit allen Lebens? Ich denke: Oft haben wir gar keine echten Problemlösungen gefunden, sondern trotz Feuerbach, Marx und Freud bloß das Weiterfragen vergessen. Neil Armstrongs "kleiner Schritt für einen Menschen" war tatsächlich ein metaphysisches Hinausschreiten über Grenzen: "ein großer Schritt für die Menschheit", ein erster Fußabdruck des Homo sapiens im Sternenstaub.

VIII.

"Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott."

Was Jean Paul in seiner Rede des toten Christus vom Weltengebäude herab, dass kein Gott sei Ende des 18. Jahrhunderts als schreckliche Vision darstellt, lässt sich nicht allein theoretisch bewältigen, sondern ruft nach Taten, die erweisen, dass unsere Welt keine seelenlose Wüste, sondern ein Garten des Menschlichen ist.

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