Nur das GanzeWarum Jesus Christus nicht fragmentiert werden kann

Sündenvergebung und Heilung, Zärtlichkeit und Strenge, Menschheit und Gottheit: Die Gestalt Jesu Christi erschließt sich nur im Zusammenhang des Ganzen. Hans Urs von Balthasar warnt davor, im Namen einer "durchschnittlichen Psychologie" das Geheimnis Christi aufzulösen.

Hans Urs von Balthasar
© Archiv Hans Urs von Balthasar, Basel (optimiert mit KI)

Unvergleichlich allerdings nur, wenn die Gestalt Jesu Christi nicht zerstückelt wird. Der Mensch erfindet listige Vorwände, da und dort und allenthalben Stücke aus der Gestalt wegzubrechen. Aber je fragmentarischer — und damit angeblich plausibler — sie zu werden scheint, desto unentzifferbarer wird sie in Wirklichkeit.

Immer verweist ein Aspekt auf alle übrigen, so wie im Orchester das Spiel eines einzelnen Instruments nur im Zusammenklang mit allen übrigen sinnvoll wird.

Wenn man vor Augen hat, dass er wirklich Wort Gottes in Menschengestalt ist, dann geht es nicht an, das scheinbar Unvereinbare in Jesu Verhalten nach den Maßstäben einer durchschnittlichen Psychologie zu glätten und einzuebnen.

Ein paar Beispiele: Wenn Jesus Gottes menschgewordenes Wort ist, dann spricht er nicht nur Wunderbares, sondern tut auch solches. Und unter diesen Taten sind die geistigen größer und wunderbarer als die materiellen: Sündenvergeben, sagt er selbst, hat den Vorrang vor der leiblichen Heilung. Aber auch diese Zeichen, die er an Blinden, Lahmen, Besessenen wirkt, sind menschförmige Offenbarungen der göttlichen Huld; wer sie leugnet, raubt der Inkarnation einen ihrer Aspekte.

Feuer des Zorns und Feuer der Liebe

Ein anderes: Wie könnte Jesus bedingungslose Nachfolge, sogar tägliches Kreuztragen von seinen Jüngern verlangen, wenn er nicht wüßte, dass er als erster und für alle vorbildlich diesen Weg gehen wird? Seine Forderung würde unverständlich, wenn man ihm dieses Bewusstsein abstritte.

Ein drittes: In seinem Verhalten finden sich vielfach gegensätzliche Züge: äußerste Zartheit kann sich mit höchster Schroffheit verbinden. Aber wenn man vor Augen hat, dass er wirklich Wort Gottes in Menschengestalt ist, und in Gott das scheinbar Gegensätzlichste identisch ist — Allmacht und höchste Langmut, Gericht und Erbarmen —, dann geht es nicht an, das scheinbar Unvereinbare in Jesu Verhalten nach den Maßstäben einer durchschnittlichen Psychologie zu glätten und einzuebnen. Das Feuer, das er "auf die Erde zu werfen gekommen" ist, kann sehr wohl gleichzeitig Feuer des Zornes und Feuer der Liebe sein.

Das sind nur Beispiele für den innern Zusammenhang der Gestalt. Man könnte und müsste lange fortfahren, die Proportionen dieser Gestalt des Heilbringers Jesus aufzuzeigen, die der wohlausgewogenen Statik einer gotischen Kathedrale vergleichbar ist. Diese Statik aber bleibt nur dann ungefährdet, wenn man dem Glauben der Urkirche, wie er sich in den Schriften des Neuen Testaments ausdrückt, seine Ganzheit belässt. dass dieser Glaube, entsprechend den unendlichen Sinnbezügen der Gestalt, diese von sehr vielen, sogar gegensätzlichen Seiten her annähern kann, die sich in ihren Ausdrucksformen ergänzen; dass es nicht nur ein, sondern vier Evangelien gibt, deren jedes seinen eigenen Blickpunkt hat, ist ganz natürlich.

Die Bücher der ganzen Welt könnten das menschgewordene Wort nicht fassen

Wie sollte Gottes Wort, auch Gottes menschgewordenes Wort, das lebt und leidet, stirbt und aufersteht, in den Kerker einiger menschlicher Worte eingefangen werden können! "Die Bücher der ganzen Welt könnten es, glaub'ich, nicht fassen!" (Joh 21,25.) Aber die Berichte umkreisen das zentrale Geheimnis so, dass es für den, der sehen will, was sich zeigt, überzeugend wirkt, und dass der von ihm eingeforderte Glaube sinnvoll erscheint. Dieser ergeht immer, wie der Glaube der ersten Jünger, an Gottes Wort.

Schon früh beginnen Außenstehende (Gnostiker, Ebioniter) die Gestalt Jesu anzufechten. Aber der Glaube der Gemeinschaft wacht über ihre Ganzheit und der Glaube des Einzelnen bleibt heil in seinem Anschluß an diesen Gemeinschaftsglauben

Der Glaube, der sich im Neuen Testament ausdrückt, ist nicht der Glaube Vereinzelter, sondern der einer Gemeinschaft, die sich als solche — Jesus hatte ihren Kern, die Zwölf selber erwählt, geschult und gesendet — auf ihren Gründer zurückbezieht und sich beauftragt weiß, sein Anliegen, ja seine Gegenwart fortzuführen. Deshalb bleibt dieser Gemeinschaftsglaube normativ für alle, die sich der Gemeinschaft anschließen wollen. Und glauben heißt, da er ja Nachfolge einschließt, nie ein bloßes theoretisches Für-wahr-Halten (Dogmatik), sondern ebenso unmittelbar praktische Lebensregel (Ethik), die, weil Ausdruck der gelebten Glaubensgemeinschaft, auch für den Einzelnen normativ ist (die alte Kirche nannte es "disciplina").

Schon früh beginnen Außenstehende (Gnostiker, Ebioniter) die Gestalt Jesu anzufechten. Aber der Glaube der Gemeinschaft wacht über ihre Ganzheit und der Glaube des Einzelnen bleibt heil in seinem Anschluß an diesen Gemeinschaftsglauben, der sich in den neutestamentlichen Schriften ausformt und im Gemeinschaftsvollzug des Gedächtnisses des Herrn, der Eucharistie, lebendig erhält.

Mit freundlicher Genehmigung des Johannes Verlags 

 

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