Damit wird das Paradox dessen, was sich im Zug der durchgeführten Aufklärung heute als "Progressismus" bezeichnet, offenbar. Besteht er doch in einer Regression hinter das Zueinander von Glaubensinhalt und Glaubensakt.
So wird etwa der aufklärerische Exeget hinter die Wunderberichte der Evangelien zurückgehen, um aus einer Sphäre verbreiteter zeitgenössischer Wundergeschichten her zu zeigen, dass Jesu Wunder "nichts Besonderes" sind, vielmehr Teil jenes "Allgemeinen", das die Vernunft so oder anders erklären kann. Oder er wird hinter die Redaktion der Evangelien zurückfragen nach deren Quellen, in denen sich (vielleicht) der urchristliche Glaube in einer viel primitiveren, undifferenzierteren Form ausspricht, oder ein weltanschaulicher Zusammenhang sichtbar wird, der für Spätere nicht mehr vollziehbar war und von ihnen deshalb vertuscht wurde.
Man hat zwischen dem Standpunkt des kirchlichen Glaubens und demjenigen der Aufklärung zu vermitteln versucht, indem man den Grundsatz aufstellte, jeder theologische (das heißt Gott betreffende) Satz müsse auch ein anthropologischer, das heißt den Menschen nicht zufällig, sondern in seinem Wesen angehender sein.
Er wird auch als Theologe von den voll ausgebildeten Formen neutestamentlicher Theologie, die gewisse einfache Tatsachen zu überfrachten scheinen, als von "späten Theologien" reden und zurückfragen nach den Spuren früherer Stufen, die dem schlichten Menschenverstand näher stehen und kein solches "sacrificium intellectus" verlangen wie etwa der paulinische Glaube an Wesen und Wirkung des Kreuzes Jesu. Sind so die Hauptsätze der Heiligen Schrift einmal vor den Richterstuhl der bloßen Vernunft gezogen, dann werden mit Notwendigkeit auch deren kirchliche Auslegungen derselben Prozedur zu unterwerfen sein, mit wieviel feierlicher Autorität sie sich auch selber ausstatten mögen. Denn sie haben den entscheidenden Rück-Schritt hinter den Glaubensartikel nicht mitvollzogen und bleiben für den aufgeklärten Geist infolgedessen unkritisch-naiv.
Die Auflösung des Mysteriums
Man hat zwischen dem Standpunkt des kirchlichen Glaubens und demjenigen der Aufklärung zu vermitteln versucht, indem man den Grundsatz aufstellte, jeder theologische (das heißt Gott betreffende) Satz müsse auch ein anthropologischer, das heißt den Menschen nicht zufällig, sondern in seinem Wesen angehender sein.
In einer Hinsicht ist das natürlich richtig. Denn nicht nur offenbart sich Gott ja bloß, um den Menschen zu beschenken, ihn aus seinen Verstrickungen zu befreien und zur Teilnahme am göttlichen Leben zu erheben, sondern der Mensch muss auch fähig sein, das ihm Zugedachte irgendwie – in der Glaubenshingabe – zu begreifen und die sittlichen Folgerungen daraus zu ziehen. Dennoch bleibt der besagte Satz tief zweideutig, und diese unreflektierte Zweideutigkeit ist ein innerstes Kennzeichen der nachaufklärerischen Situation in der Kirche. Denn er kann auch dahin ausgelegt werden, dass jede Aussage über Gott vor dem Tribunal der menschlichen Vernunft geprüft und gutgeheißen werden muss.
Der versuchte Schritt über das Mysterium hinaus kann nichts anderes sein als die Zertrennung eines in seiner Einheit undurchschaubaren Ganzen, zum Beispiel der Einheit von Gottheit und Menschheit in Christus.
Die extremste Form dieser Forderung findet sich bei Hegel, für den schließlich in Gott, wenn er sich voll erschlossen hat, kein dem Menschen unverständliches Geheimnis bleibt. So weit gehen wenige, die noch als christliche Theologen gelten wollen, aber viele werden das zweite Glied des Satzes so betonen, dass die möglichste Allgemeinverständlichkeit einer Offenbarungswahrheit zum Prinzip ihrer Deutung gemacht wird. Der versuchte Schritt über das Mysterium hinaus kann nichts anderes sein als die Zertrennung eines in seiner Einheit undurchschaubaren Ganzen, zum Beispiel der Einheit von Gottheit und Menschheit in Christus.
Das Progressive gibt sich immer als Versuch der Auflösung eines historischen "Amalgams" um der leichtern Verständlichkeit willen; aber Johannes sagt warnend: "Jeder Progressist (pās ho pro-agõn), der nicht in der Lehre von Christus verharrt, hat Gott nicht" (2 Joh 9), weil er "Christus auflöst" (lyei Christon) (1 Joh 4,3).
Aus: Hans Urs von Balthasar, Kleine Fibel für verunsicherte Laien, Johannes Verlag 1989, S. 30-32.
Mit freundlicher Genehmigung des Johannes Verlags
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