Wer den Menschen kennt, sieht auch, dass Religion zu seinem Wesen gehört und begreift, wie die verschiedenen Ausprägungen der einen Weltreligion aus seiner Sehnsucht nach dem Absoluten geboren werden konnten.
Der Mensch wird erzeugt, er bringt sich nicht selber hervor; sein Sippengefühl mag noch so stark sein, er weiß doch, dass er sich nicht allein seinen Eltern, sondern mit diesen und allen Ahnen zusammen einem erzeugenden Urgrund zu verdanken hat. Ist er ihm durch seine Vergänglichkeit und die Schuldverfallenheit des Weltzusammenhangs auch sehr fern, eine bestimmte Verwandtschaft muss er doch an sich tragen.
So kann er sich das Absolute als ein persönliches Wesen, als eine Mehrzahl solcher oder wegen seiner Erhabenheit als über- und unpersönlich vorstellen. Aus den ihm vertrauten Bildern und Symbolen kann, ja muss er sich Mythen von Weltanfang, Welterhaltung, Weltuntergang formen und sich selbst, den Sterblichen, in die Begegnung mit dem Unvergänglichen, in ein Totengericht mit Belohnung und Bestrafung hineindenken.
Mit den Hebräern bricht in diese Religionswelt etwas grundlegend Neues, Querliegendes ein, auch wenn sie sich viele Elemente aus jener Welt (verwandelt) angeeignet haben.
Vielleicht – wer kann es wissen? – beginnt nach Ablauf und Ende eines Weltenjahres alles wieder von vorn. Aber vielleicht auch kann der Mensch, wenn ein besonders Erleuchteter ihm den Weg, die Methode weist, dem dauernden Fluss der vergänglichen Wiedergeburten entfliehen und in den Urgrund zurückfinden, aus dem er, ins Endliche entfremdet, herausgefallen ist.
Gleichzeitig gibt es auch – denn der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen – eine öffentlich-soziale Religion des Staates, worin ein Herrscher die kosmische Ordnung, das der Welt einwohnende göttliche Prinzip repräsentiert. Religion des Tempels und des Hofes sind dann organisch ineinander verwoben; „Weise“, „Propheten“ vermögen, als Beamte des Gemeinwesens, die Gesetze und Weisungen der Gesamtnatur ins Praktisch-Sittliche und Politische deutend zu übertragen.
Der erwählende Gott
Mit den Hebräern bricht in diese Religionswelt etwas grundlegend Neues, Querliegendes ein, auch wenn sie sich viele Elemente aus jener Welt (verwandelt) angeeignet haben.
Das Jetzt, die Knüpfung eines Bundes zwischen einem Menschen (Abraham), ja einem Volk (am Sinai) und der Gottheit ist für sie nur das Festmachen einer Verheißung, die auf Zukunft und Ende der Menschheitsgeschichte vorausweist.
Jetzt nomadisch, jetzt durch die Wüste wandernd, jetzt in der zeitweiligen oder endgültigen Verbannung schmachtend, lodert im Volk immer brennender die Sehnsucht nach dem verheißenen messianischen Reich.
So kann ein spätes Judentum, des Wartens müde, die Geduld verlieren und das messianische Reich aus eigenen Kräften herbeiführen wollen.
Von Gott her ergeht „Weisung“ (Gesetz) für die in der Bundestreue zu bestehende Wanderung durch die Zeiten, eine Weisung, die zuweilen durch Propheten aktualisiert wird, aber, solange die Erfüllung aussteht, noch nicht „ins Herz geschrieben“ ist und deshalb eine gewisse Äußerlichkeit („steinerne Tafeln“) behält.
Wo sie „aus Religion“ verabsolutiert wird, kann sie deshalb zu einer bösen Verwechslung von Gesetz und dem frei es erlassenden Bundesgott führen („Pharisäismus“). Sofern der erwählende und verheißende Gott in souveräner Freiheit in die Geschichte einbricht, erscheinen Welt und Mensch als seine freie Schöpfung, radikal entmythologisiert.
So kann ein spätes Judentum, des Wartens müde, die Geduld verlieren und das messianische Reich aus eigenen Kräften herbeiführen wollen und den Weg dazu durch die Geschichte hindurch (dialektisch-rational oder utopisch-hoffend) beschreiten.
Das endgültig Neue
Auf der Grundlage des Judentums erhebt sich, nochmals als etwas ganz Neues, ja als das endgültig Neue, aber gleichzeitig das Gültige in Heidentum und Judentum einbergend, das „dritte Geschlecht“ der Christen.
Dieser unüberbietbare Anspruch, der auch in eine bedingungslose „Nachfolge“ einfordert, wird mit unvergleichlicher Demut, Natürlichkeit, Nähe zu den Armen und Verachteten vorgetragen.
Das Neue beruht auf dem unvergleichlichen Anspruch des Mannes Jesus von Nazaret, mit der Autorität des Gottes Israels und Schöpfers der Welt reden und handeln zu können, schließlich als Mensch – nicht als Heros oder als Halbgott, wie die heidnischen Religionen sie ersannen – das endgültige Wort Gottes an Israel und die Welt im Ganzen zu sein.
Dieser unüberbietbare Anspruch, der auch in eine bedingungslose „Nachfolge“ einfordert, wird mit unvergleichlicher Demut, Natürlichkeit, Nähe zu den Armen und Verachteten vorgetragen, immer auch als Erfüllung und doch unerwartete Überbietung alttestamentlicher Prophetie.
Gottes Eintreten in das Schicksal des Menschen
Weil diese Erfüllung den irdisch-endzeitlichen Aspirationen der Juden nicht entsprach, wurde Jesus als ein falscher Messias verworfen und von der römischen Staatsmacht gekreuzigt, aber von Gott durch seine Erweckung von den Toten als der wahre Verheißene und darüber hinaus als die letzte Selbstkundgabe und Selbstverschenkung Gottes an die Welt bestätigt.
Was im Auferstandenen vorgezeigte Erfüllung ist, bleibt für die Christen „Angeld“ auf diese, somit Hoffnung in einem viel konkreteren und umfassenderen Sinn als im Alten Bund.
Der Ausblick auf das Ende der Geschichte aber ist aufgehoben in eine ganz neue Hoffnung: auf die Rettung der Menschheit und des Kosmos im Ganzen.
Nimmt man die für einen Menschen, der nicht innerlich am Gottleben teilnimmt, sinnlose Gebärde hinzu, sich leibhaftig selbst, seinen „für uns“ alle erlittenen Tod vorweg als Speise und Trank zu verteilen – und das für die damaligen wie für alle späteren Jünger –, so wird der Abstand von der jüdischen Hoffnung noch klarer.
Das Endgültige ist nicht nur geschehen und allen Geschlechtern als Ideal vorgesteckt, sondern geschenkt und gänzlich überantwortet, um im Heiligen Geist dieses Ewig-sich-Schenkenden weiter verkündet und verteilt zu werden.
Vom zeitlosen Mythos der Weltreligionen bleibt nichts übrig als die menschlichen Symbole, aus denen er aufgebaut worden war. Der Kern des Christentums ist schlicht Geschichte, in die hinein Gott nicht nur gesprochen, sondern sich in einem menschlichen Schicksal verkörpert hat.
Der Ausblick auf das Ende der Geschichte aber ist aufgehoben in eine ganz neue Hoffnung: auf die Rettung der Menschheit und des Kosmos im Ganzen aufgrund dieses freien Eintauchens Gottes in alle Dunkelheiten des Weltgeschicks. Das ist als Angebot und als Chance unvergleichlich. Wer daraus herausfällt, sinkt in jüdische Messianismen und heidnische Wege der Weltflucht zurück.
Mit freundlicher Genehmigung des Johannes Verlags
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