AufklärungDer Preis des methodischen Zweifels

Durch die Aufklärung geriet die Christusgestalt unter das Urteil der Vernunft – mit dem Ziel einer "Entmythologisierung des Glaubens". Was aber geschieht dabei mit dem Offenbarungsverständnis der Kirche?

Hans Urs von Balthasar
© Archiv Hans Urs von Balthasar, Basel (optimiert mit KI)

In Frage gestellt wird diese Einheit von Offenbarung und geschichtlicher Überlieferung und damit die Einsicht in das Ganze erst in der Neuzeit: erstmals in der Reformation, die das Prinzip des Amtes aus der beschriebenen Verflechtung herausbricht, es, statt von Christus direkt, von der Gemeinde ableitet, und damit auch die Fülle des Sakramentalen gefährdet. Zumindest das "ego te absolvo", im Namen Christi gesprochen, wird verunmöglicht, aber auch das "hoc est corpus meum" problematisiert.

Der Aufklärer weiß es besser

Der entscheidende Eingriff erfolgt mit der Aufklärung. Diese wird gewiss zu einem großen Teil durch die Zerstrittenheit der Christen heraufgeführt. Man sucht hinter den "Konfessionen" nach einer das Konfessionelle neutralisierenden Position, indem man sie auf das Niveau der vor der menschlichen Vernunft bestehenden Kriterien zu reduzieren versucht. Die zwischen der Christusgestalt und dem kirchlichen Glauben (getragen von Schrift- Amt- Sakrament) bestehende Gegenseitigkeit wird aufgebrochen.

So zerfällt durch "entmythologisierendes" Hinterfragen der Schrift die Figur Jesu: Inkohärenzen (zum Beispiel in den Auferstehungsberichten) lassen an den bezeugten Tatsachen (etwa an der Auferstehung selbst) zweifeln, die Wunder könnten hinzugedichtet, zumindest stark aufgeschwellt, die Reden Jesu zu einer größeren Autorität, als sie selber beanspruchten, emporstilisiert, die Jugendgeschichte aus Legenden hinzugefügt worden sein. Über den Sinn des Kreuzestodes, über dessen Einschätzung durch Jesus selbst herrscht Ungewissheit, desgleichen über die genaue Bedeutung seiner Worte und Gebärden beim letzten Abendmahl.

Der neutrale Raum, der sich öffnet, wenn man das Zueinander von Anspruch Christi und kirchlichem Glauben auch nur versuchsweise vor das Tribunal der "bloßen Vernunft" zitiert, wird sogleich durch die Forderung einer "freien Diskussion" über Sinn und Tragweite der Glaubenswahrheiten besetzt.

Durch solches Hinterfragen der Texte (durchaus gegen ihren klaren Aussage-willen: aber der Text ist "zeitbedingt", der Aufklärer weiß es besser) verblasst die Gestalt Jesu zu der eines mit andern vergleichbaren Religionsstifters, seine von der Vernunft nicht bewältigbare Unvergleichlichkeit schwindet, er wird zu einem vielleicht bedeutsamen moralischen Vorbild in einer "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft".

Das Tribunal der bloßen Vernunft

Natürlich wird mit der Auflösung der im bisherigen Glauben erkannten Christusgestalt auch die Verflechtung von Schrift, Amt und Sakrament aufgehoben. Wie die Schrift zu einem religionsgeschichtlichen Text wird, der auf neutral-wissenschaftliche Art "kritisch" befragt werden kann, so verliert das in ihr bezeugte Amt seine christologisch begründete Autorität; es erscheint soziologisch als eine Funktion innerhalb einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, durchaus vergleichbar mit analogen Funktionen anderer Religionsgemeinschaften, die ja meistens auch ihre Ämter und "Priestertümer" besitzen. dasselbe gilt von den sakramentalen Liturgien, für die es anderswo ebenfalls viel Vergleichbares gibt.

Dass, wie kirchliche Theologie bis anhin immer festgehalten hat, der lebendig geglaubte Glaubensartikel Grundlage und Ausgangspunkt eines vertiefenden rationalen Überlegens sein muss: dieser Grundsatz gilt nicht mehr.

Der neutrale Raum, der sich öffnet, wenn man das Zueinander von Anspruch Christi und kirchlichem Glauben auch nur versuchsweise vor das Tribunal der "bloßen Vernunft" zitiert, den Glauben mit der Klammer eines auch nur "methodischen Zweifels" versieht, wird sogleich durch die Forderung einer "freien Diskussion" über Sinn und Tragweite der Glaubenswahrheiten besetzt. So kann zum Beispiel die Gottheit Christi, obschon feierlich genug von allgemeinen Kirchenversammlungen definiert, zur Diskussion gestellt werden, womit natürlich im gleichen Zug das Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes, das der Kirche und der Sakramente und vieles andere fragwürdig wird.

Dass, wie kirchliche Theologie bis anhin immer festgehalten hat, der lebendig geglaubte Glaubensartikel Grundlage und Ausgangspunkt eines vertiefenden rationalen Überlegens sein muss, genauso wie der Versuch, ein Kunstwerk besser zu begreifen, immer von seiner Ganzheit auszugehen hat: dieser Grundsatz gilt nicht mehr. Man soll vielmehr hinter den Glauben - sowohl seinen Gegenstand wie seinen Akt - zurücktreten, um von dorther das entscheidende Licht über ihn zu gewinnen.

 

Aus: Hans Urs von Balthasar, Kleine Fibel für verunsicherte Laien, Johannes Verlag 1989, S. 28-30.

Mit freundlicher Genehmigung des Johannes Verlags 

 

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