Psalm 95 - "Geht, wir wollen jubeln JHWH, schmettern dem Felsen unserer Rettung"Der Psalter als Buch des Messias

Psalm 95 ist vielleicht der meistgebetete Psalm des Psalters – allein schon, weil er seit Benedikts Zeiten jeden Morgen das kirchliche Stundengebet eröffnet.

Bibel
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Der heute zu betrachtende Ps 95 hat, wie die ganze Gruppe Pss 93-97, keine eigene Überschrift. Der Titel von Ps 92 gilt fort. Innerhalb der Psalmen vom Königtum JHWHs thematisiert Ps 95 – wie schon Ps 94 – das Problem der ständigen Gefährdung der Gottesherrschaft durch menschliche Rebellion. Der Psalm besteht aus drei Strophen. Die ersten beiden beginnen jeweils mit einem Imperativ, dem dann Adhortative (Selbstaufforderungen) folgen, zunächst vier, dann drei – insgesamt also sieben, die Zahl der Vollkommenheit und Vollständigkeit. Beide Male wird die Begründung für die Aufforderung mit einem Denn angeschlossen:

V. 1-2: Geht, wir wollen jubeln, schmettern, zuvorkommen, schmettern!
V. 3: Denn
V. 6: Kommt, wir wollen uns niederwerfen, beugen, hinknien!
V. 7: Denn

Die dritte Strophe ist von ganz anderer Art. V. 7b kündigt Gottes eigene Stimme an: "Wenn ihr doch auf seine Stimme hören wolltet", die dann plötzlich ertönt. Die direkte Rede Gottes in V. 8-11 ist durchzogen von dem Chiasmus

V. 8: Herz – Massa ("Erprobung") – V. 9-10: erproben – Herz

"Wir wollen begegnen seinem Antlitz mit Dank"

Thema dieser Strophe ist die Gesinnung Israels ("Herz"), die Gott nicht vertraut und ihn wieder und wieder erproben will. Die dritte Strophe beginnt mit einer göttlichen Aufforderung an sein Volk, anders als die ersten beiden, die je mit einer Selbstaufforderung anheben:

Geht, wir wollen jubeln JHWH, schmettern dem Felsen unserer Rettung!
2 Wir wollen begegnen seinem Antlitz mit Dank, mit Saitenspiel schmettern ihm.
3 Denn eine große Gottheit ist JHWH und ein großer König über alle Götter,
4 in dessen Hand die Tiefen der Erde, und die Gipfel der Berge sind sein,
5 sein ist das Meer, und er hat es gemacht, und das Trockene haben seine Hände geformt.

Die beiden stropheneröffnenden Imperative ("geht" in V. 1 und "kommt" in V. 6) sind eigentlich nur Interjektionen im Sinne von "auf geht’s!", da sie aber Bewegungsverben sind, meinen sie doch auch "bewegt euch!": 1. überhaupt und 2. auf Gott hin. "Kommen" wird in V. 11 auch das letzte Verbum des Psalms sein. Jubel und Dank wollen JHWH schmettern, d.h. festlich feiern. "Seinem Antlitz begegnen" bedeutete einst, ihn im Tempel aufsuchen (sein Antlitz sehen bzw. sich vor ihm sehen lassen wie Ex 34,24; Ps 42,3). "Fels meiner Zuflucht" hatte Ps 93 Gott am Ende in V. 22 genannt. Daran knüpft Ps 94 an mit "Fels meiner Rettung" in V. 1.

V. 3 schließt mit "denn" die Begründung an: zunächst Gottes zweifache Größe im göttlichen Bereich. JHWH ist eine alles, was sonst "göttlich" genannt wird, überragende Gottheit, der alles beherrschende "Großkönig" unter den Göttern, die die Völker verehren – wie der assyrische Großkönig über den Vasallenkönigen (2 Kön 18,19.28; Ps 47,3 vgl. 48,3). Sodann ist er auch am irdischen Bereich alles überragend als Schöpfer. V. 3 benennt mit den Meerestiefen und den Bergen, ja Berggipfeln, die untersten und obersten Bereiche, also den vertikalen Raum, V. 4 beschreibt mit Meer und Festland den horizontalen Raum. Gott ist hier nicht einfach "größer", sondern als Schöpfer und "Ursache" um Dimensionen überlegen (vgl. Augustinus, Conf. VII 10,16: "nicht so, wie der Himmel oberhalb der Erde ist, sondern höher – weil es mich gemacht hat"). Gottes Schöpferhände rahmen die Schöpfungsaussagen in V. 3-4. Sie werden in V. 7 gleich noch als leitende Hände des Hirten Israels erscheinen.

"Denn er ist unser Gott, wir aber das Volk seiner Weide"

Mit dem Imperativ "kommt" eröffnet die zweite Strophe eine neue Einladung zum Lob gefolgt von drei Adhortativen. Hatten die ersten vier in V. 1-2 das musikalisch-hörbare Lob hervorgehoben, so benennt die zweite Serie die körperlichen Gesten der Niederwerfung, des Sich-klein-Machens vor dem Großen. Dabei wird eine Bewegung sichtbar (vgl. Delitzsch, Psalmen 611): Zuerst sollen sie sich ganz ausgestreckt mit dem Gesicht zu Boden werfen, dann aber wieder halb aufrichten und gebeugt, auf den Knien, begegnungsbereit machen.

6 Kommt, wir wollen uns niederwerfen und beugen, uns hinknien vor JHWH, der uns gemacht hat!
7 Denn er ist unser Gott, wir aber das Volk seiner Weide, die Herde seiner Hand. Heute, wenn ihr doch auf seine Stimme hören wolltet:

"Der uns gemacht hat" knüpft an das Ende der vorigen Strophe an: Wir sind nicht nur "kleiner" als er, wir verdanken ihm alles, gerade auch uns selbst. Das zweite "Denn" in V. 7 identifiziert als singendes "Wir" nun Israel: "er ist unser Gott, wir das Volk seiner Weide, die Herde seiner Hand." V. 7a klingt an die sogenannte "Bundesformel" an: Ich bin euer Gott, ihr seid mein Volk. "Herde seiner/deiner Weide" sagen Ps 74,1; 79,13; 100,3. Der Ausdruck ist hier in Ps 95 aufgespalten. Seine Hand war in V. 4-5 die Schöpferhand. Sie ist auch die geleitende Hand für Israel.

"Wenn sie je kommen sollten zu meiner Ruhestatt …"

In V. 7b trennt sich der Beter, der bisher im Wir Israels aufgegangen war, als Sprecher dem Ihr gegenüber und fordert Gottes Volk auf, "heute" – anders als früher bei der Wüstenwanderung, als Gott sein Volk hirtengleich führte mit seiner Hand – auf Gottes Stimme zu hören. Der Sprecher bricht aber ab – der Halbvers wird nicht durch eine parallele Hälfte vervollständigt. Stattdessen bricht die eben genannte göttliche Stimme selbst ein und redet zu Israel:

8 "Nicht verhärtet euer Herz wie in Meriba, wie am Tag von Massa in der Wüste!
9 Da mich erprobten eure Väter, mich prüften, hatten sie auch mein Tun gesehen!
10 Vierzig Jahre widerte mich an die Generation. Da sagte ich: 'ein Volk von Herzensverirrern sind sie und sie kennen nicht meine Wege,'
11 so dass ich schwor in meinem Zorn: 'wenn sie je kommen sollten zu meiner Ruhestatt …'"

Gott spricht. Er sucht sie auf, bevor sie ihn aufsuchen können (vgl. V. 2). Dass der Sprecher gewechselt hat und wer er ist, wird nicht sofort klar. V. 8 wäre ohne weiteres noch im Munde des israelitischen Sprechers denkbar. Erst das "mich" und "mein" in V. 9 macht klar, dass unterdessen Gott selbst das Wort ergriffen hat. Hatte Gott am Ende selbst Pharaos Herz verhärtet (Ex 7,3; Ex 10), nachdem dieser selbst es lange Zeit verschlossen gehalten hatte (Ex 7-9), machte Israel schließlich auch sein Herz hart Gott gegenüber (Ez 3,7; vgl. Spr 28,4). Der Ausdruck ist in der Bibel eher selten.

"Massa und Meriba" ("Erprobung/Versuchung" und "Streit") beziehen sich auf den Vorfall von Ex 17 (vgl. Dtn 33,8; "Meriba" in Num 20 ist wie eine Neuauflage), als Israel Gott herausforderte mit der Aufforderung, in der Wüste für Wasser zu sorgen – Ps 78,15-20 und 81,8 hatten zuletzt darauf Bezug genommen. Obwohl sie, angefangen vom Durchzug durch das Rote Meer (Ex 14-15) über die Trinkbarmachung des Bitterwassers (Ex 15,23-27) zur Gabe des Manna (Ex 16), Wunder über Wunder gesehen hatten, zweifelten sie immer noch an Gottes Willen und Fähigkeit, sie durch die Wüste zu bringen. Die Erprobung von Massa und Meriba in Ex 17 war am Anfang des vierzigjährigen Wüstenzugs, wie auch das Schlechtreden des Gelobten Landes in Num 13-14, mit dem das Gemurre des Volkes zu seinem Höhepunkt kam. Daraufhin sagte Gott in Num 27ff:

27 Wie lange soll das mit dieser bösen Gemeinde so weitergehen, die über mich murrt? Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Gegen mich murren sie. 28 Sag ihnen: So wahr ich lebe – Spruch des HERRN –, wovon ihr mir die Ohren vollgeredet habt, das werde ich euch tun: … 30 Keiner von euch wird in das Land kommen, …. 31 Eure Kinder aber, von denen ihr gesagt habt, sie würden eine Beute der Feinde werden, sie werde ich in das Land bringen. Sie werden das Land kennenlernen, das ihr verworfen habt. … 34 So viele Tage, wie ihr gebraucht habt, um das Land zu erkunden, nämlich vierzig Tage, so viele Jahre lang – für jeden Tag ein Jahr – müsst ihr die Folgen eurer Schuld tragen, also vierzig Jahre lang, dann werdet ihr erkennen, was es heißt, wenn ich mich von euch abwende.

"Darum beherzigt, was der Heilige Geist sagt ..."

V. 10b ist ein Selbstzitat in der Gottesrede. Das "Volk seiner Weide" (V. 7) stellte sich heraus als "Volk von Herzensverirrenden", solchen also, die mit ihrem Herzen, dem Organ des Denkens, Wollens, Erinnerns, irregehen (Jes 21,4). Die Wege, die sie gehen, sind nicht Gottes Wege, darum schwor er ihnen: sie sollen zu keinem Ziel führen – nicht für diese Generation, sondern erst für ihre Kinder. War das erste Wort des Psalms "geht", fortgesetzt durch "kommt" in V. 6 und "kommen" in V. 11, ist das letzte Wort des Gedichts "meine Ruhe" – das Ziel der ganzen Bewegung. Der abschließende Wenn-Satz ist nur angefangen und wird nicht beendet (wenn … dann soll das und das passieren). Er ist streng verneinend gemeint: Sie werden bestimmt nicht hineinkommen.

Die Verteilung der Gottesbezeichnungen in diesem Psalm ist charakteristisch. Dreimal "JHWH" und dreimal "Gott(heit)" wechseln sich ab:

V. 1: JHWH – V. 3: El – JHWH – Elohim – V. 6: JHWH – V. 7: Elohim

Die erste Strophe hat vier (davon dreimal für Israels Gott), die zweite nur noch zwei Nennungen. In der dritten, in der Gottesrede, wird Gott verständlicherweise nicht mehr genannt. Aber das langsame Schwinden zeigt eben doch die Gefahr des Rückzugs Gottes an, der im Inhalt zum Ausdruck kommt.

Der Hebräerbrief zitiert in 3,7-11 die Schluss-Strophe von Ps 95 und macht dann bis 4,11 daraus eine ganze Katechese über das Thema des Hineinkommens in Gottes Ruhe:

7 Darum beherzigt, was der Heilige Geist sagt: Heute, wenn ihr seine Stimme hört, …
13 ermahnt einander jeden Tag, solange es noch heißt: Heute, damit niemand von euch durch den Betrug der Sünde verhärtet wird; … 6 Da es nun dabei bleibt, dass einige hineinkommen, …. 7 setzt er aufs neue einen Tag fest, Heute, indem er durch David, wie schon gesagt, nach so langer Zeit spricht: Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet nicht eure Herzen! 8 Denn hätte schon Josua sie in das Land der Ruhe geführt, so wäre nicht von einem anderen, späteren Tag die Rede. 9 Also verbleibt dem Volk Gottes noch eine Sabbatruhe. … (Hebr 3,7-4,11).

Ps 95 ist seit der Benediktsregel (Nr. 8) bis heute der Invitatoriumspsalm, der mit seiner siebenfältigen Aufforderung zum Gotteslob das tägliche Stundengebet der Kirche eröffnet.

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