Der heute zu betrachtende Psalm 94 wird vom Verbum "zurückzahlen" in V. 2 und 23 gerahmt. Dazu passt die doppelte Eröffnung mit "Gottheit der Vergeltungen" in V. 1.
1 Gottheit der Vergeltungen, JHWH, Gottheit der Vergeltungen, erscheine!
2 Erheb dich, Richter der Erde, zahl zurück den Lohn an die Stolzen!
3 Bis wann sollen die Frevler, JHWH, bis wann sollen die Frevler jubeln?
Hebräisch El bezeichnet die Gottheit in ihrem von den Kreaturen grundverschiedenen Wesen (Num 23,19; Hos 11,9). Die Menschen werden demgegenüber in V. 19 als vergleichsweise "Nichtigkeit" bezeichnet werden. Der Plural "Vergeltungen" meint nicht nur verschiedene Akte des Heimzahlens, sondern ist ein Intensivplural: Zahl's ihnen definitiv heim! Für "erscheine!" steht im MT (und LXX) "er erschien" (wie Ps 50,2). Das könnte verstanden werden von dem schon beginnenden Gericht, von dem V. 23 redet, aber die Fortsetzung mit zwei Imperativen in V. 2 legt doch einen Imperativ näher (wie Ps 80,2). Das dazu nötige h am Ende ist wegen des folgenden h im hebräischen Text durch Haplographie ausgefallen.
"Sie können sprudeln, reden ungehemmt, prahlen"
Die Abfolge "Gottheit – JHWH" eröffnet und rahmt die erste Strophe. Gott soll sich zeigen als überlegenes Wesen und Israels Gott JHWH. Als El ist er auch Weltenrichter und soll seine Überlegenheit offenbaren ("erhebe dich" wie Ps 7,7). "Heimzahlen" ("zurückgegeben") soll er, was die arroganten Mächtigen sich selbst verdient haben ("Lohn"). Die rhetorische Technik der Anadiplose ("Wiederholung") aus V. 1 kehrt in V. 3 gleich wieder (ebenso V. 23): Die Doppelfrage drängt: Wie lange sollen die triumphieren dürfen, die im Unrecht sind und längst schuldig gesprochen gehören?
Die zweite Strophe setzt die Du-Anrede an Gott fort und beschreibt klagend das Treiben der Stolzen:
4 Sie können sprudeln, reden ungehemmt, prahlen – alle Übeltäter.
5 Dein Volk, JHWH, zerschlagen sie (permanent) und dein Erbe unterdrücken sie.
6 Die Witwe und den Fremden töten sie und Waisen ermorden sie.
7 Und sie sagten: "Nicht kann sehen JH und nicht wahrnehmen der Gott Jakobs."
Ohne dass ihnen Einhalt geboten würde, schwätzen sie drauf los, "prahlen" (jmr wie Jes 61,6). Opfer sind Gottes "Volk und Erbe", die von nichtisraelitischen Fremdherrschern unterdrückt werden (vom 6. bis 2. Jh. v. Chr. herrschten Perser, dann Griechen über Juda). Das Himmelschreiende wird unterstrichen durch die Aufzählung der wehrlosen personae miserae in V. 6 (vgl. Dtn 24,17-21; Ps 146,9). Die Heiden meinen, der Gott Israels ("Jakobs") bekomme nichts mit oder kümmere sich nicht (vgl. Ps 10,4-6.11). Das ist mindestens praktischer Atheismus ("der macht nichts") oder wenigstens Verachtung des Gottes Israels wie einst beim Pharao: "Wer ist JHWH?" (Ex 5,2).
Die dritte Strophe redet nun nicht mehr Gott an, sondern die Israeliten, die fürchten, es könnte wahr sein, dass Gott nichts macht.
8 Nehmt's wahr, ihr Rindviecher im Volk, und ihr Dummköpfe, wann werdet ihr klug werden?
9 Der da pflanzte das Ohr, sollte der nicht hören können? Oder der da herstellte das Auge, sollte der nicht blicken können?
10 Der da Nationen in Zucht nimmt, sollte der nicht zurechtweisen können, der da lehrt den Menschen Erkenntnis?
11 JHWH kennt die Gedanken des Menschen, dass sie eine Nichtigkeit sind!
"Wer wird aufstehen für mich gegen die Schlechten?"
Der Dichter knüpft an V. 7 an: Gott nimmt nichts wahr? Ihr nehmt nichts wahr! Ungeduldig wie in V. 3 fragt der Beter "wann?" Begreift doch, ihr Rindviecher und Dummköpfe (wie eben Ps 92,7; 73,22) im Volk Israel! Der Schöpfer sollte Fähigkeiten verleihen können, die er selbst nicht hat (V. 9-10; vgl. Ex 4,11)? Auch früher schon hat der Gott Israels Nationen gezüchtigt und Menschen belehrt. Der Erkenntnis gibt (V. 10) hat sie auch selbst (V. 11). Er weiß um die Nichtigkeit der Menschen – erst recht ihrer Gedanken und Pläne.
Die vierte Strophe macht nun einen Gegensatz zur dritten auf: Den "dummen" Israeliten, die beginnen zu glauben, die Heiden wären wirklich Gott überlegen, setzt er die glaubensstarken gegenüber, die es besser wissen: Selig der (starke) Mann, der Zucht und Belehrung (vgl. V. 10) aushält und als das erkennt, was sie sind: Ausdruck der Souveränität Gottes:
12 Selig der Mann, den du in Zucht nimmst, JH, und aus deiner Tora belehrst,
13 um ihm Ruhe zu geben vor Tagen der Schlechtigkeit, bis dass dem Frevler eine Grube gegraben wird!
14 Denn nicht wird verwerfen JHWH sein Volk, und sein Erbe wird er nicht verlassen.
15 Ja, zur Gerechtigkeit wird zurückkehren das Recht, und dahinter stehen alle Herzensgeraden.
Die vierte Strophe ist eine Seligpreisung mit Begründung: "Selig der Mann" (von gbr = stark sein) steht nur im Psalter, hier und in Ps 34,9; 40,5; 127,5. Wer aus der Tora und der Schrift gelernt hat, wie Gott sich zu verhalten pflegt, der wahrt eine innere Ruhe auch in bösen Tagen, weil er weiß: Das Ende der Frevler, die im Unrecht sind, kommt: "Wer eine Grube gräbt, fällt selbst in sie hinein" (Spr 26,27; Sir 27,26). Israel, Gottes Volk und Erbe – so V. 14 mit V. 5 – werden von Gott nicht im Stich gelassen, anders als die Heiden in V. 7 behaupten. Gott wird dafür sorgen, dass gesprochenes Recht wieder zum Maßstab der Gerechtigkeit zurückkehrt (V. 15).
Diese "Rückkehr" ist Anfang des "Zurückzahlens", das V. 2 erfleht hat und V. 23 kommen sieht. Wenn das angewandte "Recht" wieder gerecht wird, werden sich alle, die redlich Denken ("Herzensgeraden") dahinter versammeln, "das lange vermißte und ersehnte freudig begrüßend" (Delitzsch, Psalmen 608). Mit "zurückkehren – Recht" in V. 15 wird "Richter – zurückzahlen" in V. 2 aufgenommen und die Einheit der Strophen I-IV abgerundet. Die abschließenden Strophen V und VI sind gerahmt von "für mich/mir" in V. 16 und 22 und richten den Blick auf das betende Ich, das in V. 23 ins kollektive Wir münden wird. Der in V. 8-11 seine Mitisraeliten angesprochen hat, redet nun für sie.
16 Wer wird aufstehen für mich gegen die Schlechten, wer wird hinstehen für mich gegen die Übeltäter?
17 Wäre nicht JHWH meine Hilfe geworden, um ein weniges würde wohnen in (Toten)stille meine Kehle (Seele)!
18 Wenn ich sagte: "Ausglitt mein Fuß!", dann hat deine Loyalität, JHWH, (stets) mich gestützt.
19 Wenn viel werden die Beunruhigungen in meinem Innern, werden deine Tröstungen beruhigen meine Kehle (Seele).
"Da wurde mir JHWH zur Schutzburg"
Die fünfte Strophe stellt wie V. 9-10 Fragen, die ihre Antwort in sich selber tragen: Wer steht für mich ein? Natürlich nur JHWH! Die arroganten Übeltäter von V. 4 finden nach V. 16-17 nur an JHWH ihre Grenze. "Meine bedrohte Existenz" ("meine Kehle"/"mein Hals") in V. 17 und 19 rahmt die Strophe in gewisser Weise (vgl. V. 21). Aus Erfahrung weiß der Beter schon, dass JHWH ihn in Gefahren stets gestützt hat (V. 18) und vertraut auch für die Zukunft (V. 19). Die fünfte Strophe war ab V. 16 unvermerkt wieder ins Du zu Gott übergegangen. Die sechste bleibt zunächst dabei:
20 Kann etwa dir sich verbünden ein zerstörerischer Thron, der herstellt Unerträgliches auf (der Grundlage göttlichen) Gesetzes?
21 Sie wollen anstürmen gegen die Kehle des Gerechten und unschuldiges Blut wollen sie frevelschuldig sprechen.
22 Da wurde mir JHWH zur Schutzburg und mein Gott zum Felsen meiner Zuflucht
23 und zahlte zurück an sie ihr Übel, und ob ihrer Schlechtigkeit wird er sie vernichten, vernichten wird sie JHWH, unser Gott.
Eine Herrschaft, die das Recht auflöst und die Gesellschaft zerstört, hat Gott zum Gegner, sicher nicht zum Verbündeten, ja nicht einmal, wie sie meinen mag (V. 7) zum passiven Zuschauer, denn ihre unerträglichen Regeln und Gerichtsurteile beruhen nicht, wie behauptet, auf göttlichem Recht. Stattdessen geht die Unrechtsjustiz, dem "Gerechten" (d.h. dem, der im Recht ist, gemessen an der Gerechtigkeit von V. 15) ans Leben und will den Unschuldigen schuldig sprechen. "Blut" als Sitz des Lebens (Lev 17,11-14) ist hier ein Wechselbegriff für nefesch, "Leben". Der übliche Ausdruck ist "unschuldiges Blut vergießen" (Dtn 19,10; 2 Kön 21,16; Ps 106,38; Spr 6,17; Jes 59,7; Jer 7,6; 22,3). Der Beter hat nach V. 22-23a erlebt, dass "JHWH" sich als "sein Gott" erwiesen hat, indem er ein solches Manöver bereits vereitelt hat. Er sieht darin den Beginn der in der ersten Strophe erflehten Vergeltungen, aber die vollständige Vernichtung der Unrechtsherrschaft steht nach V. 23b noch aus. Das letzte Wort ist "JHWH unser Gott", denn als dieser wird JHWH sich erweisen.
Ps 94 hat wie Pss 93-97 keine Überschrift, die von Ps 92 gilt fort. Die Septuaginta überschreibt ihn "Instrumentallied von David, für den vierten Wochentag". Die Zuordnung zum Mittwoch wird im Talmud bestätigt (s. o. zu Ps 92).
Das Schicksal Israels wie es der Psalm v.a. in V. 18-19 beschreibt, teilt die verfolgte Kirche, wie Augustinus in De Civ. Dei XVIII 51 schreibt: "Von Abel an, dem ersten Gerechten, den der gottlose Bruder getötet hat, und von da bis zum Ende dieser Welt kommt die Kirche voran, indem sie in der Fremde pilgert zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes". So drückt auch Ps 94, der Recht und Vergeltung für die unschuldig Verfolgten erbittet, eine leider notwendige Wahrheit aus und es bleibt bei der Meinung der Kirche, die Augustinus so formuliert: "Ich halte nichts für klüger, anständiger, frömmer als all jene Schriften, die die katholische Kirche unter der Bezeichnung 'Altes Testament' festhält" (De util. cred. 13).