Der heute zu betrachtende Ps 93 ist titellos. Der Titel von Ps 92 gilt fort. Ps 93 knüpft an den Vorgänger an und entfaltet v. a. sein Zentrum 92,9:
Du aber bist in Hoheit auf ewig, JHWH.
Der Ausruf "JHWH ist König geworden", der Ps 93 eröffnet, erscheint auch in Ps 96,10; 97,1 und 99,1. Er prägt die ganze Gruppe der Pss 93–99, die darum "JHWH-König-Psalmen" heißen. Nach dem Untergang des davidischen Königtums (Pss 73-89) wird die Dauerhaftigkeit der Königsherrschaft Gottes besungen.
Im Hebräischen kommt es auf die Wortfolge an. Die Aussage "JHWH ist König geworden" antwortet auf die Frage "Wer ist denn König geworden?" – Antwort: "JHWH und kein anderer!". Die umgekehrte Formulierung "König geworden ist X" würde auf die Frage "Was ist X geworden?" antworten: "König ist er geworden!" (vgl. Ps 47,9; 2 Sam 15,10; 1 Kön 1,11.18; 2 Kön 9,13; Ex 15,18; Jes 52,7).
Ps 93 ist gekennzeichnet durch einen steten Wechsel von Bekenntnissätzen über JHWH in der 3. Person (V. 1 und 3-4), die dann münden in Anreden im Du (V. 2 und 5). Ein weiteres Kennzeichen der poetischen Form des Psalms ist der sogenannte "Stufenparallelismus". Treppenartig nimmt ein Vers oder Versteil den vorangehenden auf und führt ihn weiter:
V. 1: bekleidet → bekleidet
V. 1b-2: feststehen → feststehen
V. 3: erhoben Strömungen → erhoben Strömungen → erheben Strömungen
"Ja, feststehen wird der Erdkreis, nie wird er wanken"
Die ersten zwei Verse waren in Bikola (zweiteilige Zeilen) organisiert, die V. 3-5 sind Trikola (dreiteilige Zeilen). Der Stufenparallelismus war ein Kennzeichen der altkanaanäischen Poesie, wie sie in den Texten von Ugarit belegt ist (ca. 1400 bis 1200 v. Chr.). Aber nicht nur der Form nach imitiert Ps 93 Ugaritisches, auch der Inhalt entfaltet sich auf dem Hintergrund kanaanäischer Mythen. In Kanaan galt der Wetter- und Fruchtbarkeitsgott Baal ("Herr") als der Schöpfer der Welt, der gegen die Chaosmächte Mot ("Tod" = Negation der Zeit) und Jamm ("Meer" = Negation des Raums) die kosmische Ordnung errichtete und aufrechterhielt.
Im ugaritischen Baal-Mythos heißt es (zit. nach Alonso Schökel, Salmi II 300):
Da – dein Feind, Baal,
da – dein Feind, du wirst in schlagen,
da – dein Gegner, du wirst ihn massakrieren.
Ps 93 benutzt die uralte Bildsprache, "der kanaanäische Mythos vom Götterkampf wird hier gebrochen aufgenommen" (Hossfeld in Zenger/Hossfeld, Psalmen II 647). Israel hat diese Ordnung schaffende Schöpfungsmacht seinem Gott JHWH als dem allein wahren Gott zugeschrieben.
1 JHWH ist König geworden, mit Majestät hat er sich bekleidet,
bekleidet hat sich JHWH, mit Macht umgürtet.
Ja, feststehen wird der Erdkreis, nie wird er wanken.
2 Fest steht dein Thron seither, seit Ewigkeit bist du!
"JHWH ist König geworden" bedeutet, er hat seine Herrschaft in dem Sinne angetreten, dass er sie urzeitlich bei der Schöpfung erstmals oder später in der Geschichte neuerlich geltend macht. Bei der Schöpfung ringt er die Chaosmächte nieder. Im Lauf der Geschichte schlägt er Weltmächte und Reiche zurück, die sein Volk bedrohen wollen. Der Herrschaftsantritt JHWHs zeigt sich in V. 1 durch eine "Investitur": der Monarch legt seinen Königsornat an. Hier in Ps 93,1 "gürtet er sich mit Macht", d.h. legt Schwert und Rüstung an, um in den Kampf zu ziehen, wie auch Jes 51,9 sagt:
Bekleide dich mit Macht, Arm des Herrn!
"... schwanken musste die Erde"
Ergebnis dieses machtvollen Herrschaftsantritts über die Chaosmächte ist die Stabilität des Kosmos: Fest steht der Erdkreis. V. 2 geht ins Du über und bekennt im Stufenparallelismus: Feststeht der Erdkreis, weil dein Thron feststeht, weil deine Herrschaft seit Ewigkeit feststeht, kannst du die Stabilität der Welt garantieren. Es ist im ersten Moment nicht klar, ob Ps 93 nur vom urzeitlichen Herrschaftsantritt Gottes bei der Schöpfung sprechen will oder auch die geschichtlichen Manifestationen seiner Königsherrschaft anspricht. Allerdings scheint V. 1b mit "nie wird er wanken" über die Schöpfung hinaus auch in die folgende Geschichte schauen zu wollen.
3 Es erhoben Strömungen, JHWH,
es erhoben Strömungen ihr Gedröhn,
erheben wollen Strömungen ihr Peitschen!
4 Mehr als das Gedröhn vieler Wasser, der gewaltigen,
der Wellenbrecher des Meeres
ist gewaltig in der Höhe JHWH!
Das Gedicht geht über in Trikola, dreigliedrige Zeilen, um die Stufenparallelismen fortzusetzen. Baals Chaos-Gegner Jamm trug auch den Namen "Strömungen" (Alonso Schökel 301). Von diesen Meeresströmungen redet Ps 93 in den V. 3, von den gewaltigen Meereswellen V. 4. Das Dröhnen der Meeresfluten, das Aufpeitschen der Wellen symbolisiert in V. 3-4 das wiederholte geschichtliche Aufbäumen der Chaosmächte wie in Ps 46:
4 Mögen tosen, schäumen seine Wasser, Berge zittern bei seinem Anschwellen!
7 Es tosten Nationen, wankten Königreiche, er gab Laut mit seiner Stimme, schwanken musste die Erde.
"Deine Zeugnisse sind zuverlässig gar sehr"
In Ps 46,4.7 stellt das Tosen der Meere zunächst die auch urzeitlichen Chaosmächte im Allgemeinen dar. V. 7 deutet sie dann aber auf geschichtliche Mächte, auf Nationen und Königreiche, die Israel immer wieder bedrohten (vgl. Delitzsch, Psalmen 603f.). So gebraucht der Prophete Jeremia für die Großmacht seiner Zeit, Ägypten, das Bild vom anschwellenden Nil:
Wer ist es, der anschwoll gleich dem Nil, dessen Wasser wie Ströme tosen? Ägypten schwoll an gleich dem Nil, dessen Wasser wie Ströme tosen. Es sagte: Ich schwelle an, überschwemme das Land, vernichte die Städte und ihre Einwohner (Jer 46,7-8).
Für Jesaja symbolisiert in Jes 8,7 der Eufrat das Assyrische Reich. Diese hochgerüstete Macht warf gegen 700 v. Chr. die gesamte Levante nieder und belagerte schließlich auch Jerusalem, ohne es jedoch einnehmen zu können (1 Kön 18-20). Gegen solche Anmaßungen von Großmächten, jetzt die Weltherrschaft antreten zu wollen (vgl. Hengstenberg, Psalmen IV 18), steht die bleibende Überlegenheit des Königtums Gottes. Erhoben sie früher ihr Gedröhn (Perfekt), wollen sie ihr Peitschen immer wieder erheben, sagt V. 3. Aber V. 4 hält dagegen: Dem Gedröhn der gewaltigen Meeresfluten, d.h. dem Säbelrasseln der irdischen Mächte, ist der gewaltige Gott Israels haushoch überlegen. Mögen sie sich aufpeitschen und in die Höhe schwellen, die Hoheit JHWHs wird davon nicht berührt, bleibt darüber erhaben.
Mit V. 5 enden die Stufenparallelismen, das Trikolon bleibt. Die Bekenntnisse der V. 3-4 laufen wieder auf ein Gebet im Du hinaus:
5 Deine Zeugnisse sind zuverlässig gar sehr,
deinem Haus steht gut Heiligkeit,
JHWH, für Länge der Tage.
Gottes Selbstbezeugungen in der Geschichte haben sich für Israel bewährt. Die Heiligkeit des Jerusalemer Tempels als eines Monuments seiner Gegenwart in seinem Volk muss Gott selbst verteidigen gegen die immer neuen Versuche anstürmender Mächte, ihn zu entweihen (vgl. Pss 73–89!). Das Wort n'h bezeichnet Schönes, Angenehmes, Passendes, d.h. Heiligkeit ist das, was für den Jerusalemer Tempel allein passt, an ihm angenehm ist, "ihm steht" – alles andere wäre unpassend. Diese auf Erden respektierte Heiligkeit des Tempels ist Abglanz der "Majestät" (V. 1) und überlegenen Hoheit JHWHs (V. 4), so wie die "Länge der Tage" (V. 5; vgl. Pss 21,5; 23,6; 91,16) seine "Ewigkeit" und das Unvordenkliche seines Thronens (V. 2) widerspiegelt.
"... als besiedelt war die Erde"
Die Septuaginta gab dem Psalm eine Überschrift:
Für den Tag des Vorsabbats (Freitags), als besiedelt war die Erde. Lied, Gesang von David.
Tatsächlich war Ps 93 in der Zeit des Zweiten Tempels der Freitagspsalm (s.o. zu Ps 92) und besang den Schöpfergott, der mit der Bevölkerung des Festlands durch Mensch und Tier die Schöpfung am sechsten Tag vollendet hatte.
Das Thema von Ps 93, der Anbruch der Königsherrschaft Gottes, wird das Hauptmotiv der Predigt Jesu sein (Mk 1,15; Mt 4,17; Lk 10,9), wie sie es schon beim Täufer war (Mt 3,2). Die Bildsprache des Psalms von der Überlegenheit Gottes über die gewaltigen Wellen des Meeres liegt auch den Erzählungen vom Seesturm (Mk 4,35-41) oder dem Gang über das Wasser (Mt 14,25-33) zum Grunde: Wer Jamm, das Meer (und "Mot", den Tod) unter seine Füße bringt, in dem ist offenbar der Schöpfer selbst am Werk. Das NT zitiert den Psalm in Offb 19,6:
Da hörte ich etwas wie den Ruf einer großen Schar und wie das Rauschen gewaltiger Wassermassen und wie das Rollen mächtiger Donner: Halleluja! Denn König geworden ist der Herr, unser Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung.
So besang auch die bedrängte Christenheit am Ende des 1. Jh. n. Chr. mit Ps 93 die allen aggressiven Weltreichen überlegen Macht Gottes, des alleinigen Königs.