Psalm 88 - "Denn satt ist an Übeln meine Kehle"Der Psalter als Buch des Messias

Gottes Volk hat Phasen vollkommener Hoffnungslosigkeit durchgemacht, z. B. die Exilierung nach Babylon (597/587 – 539 v. Chr.). Psalm 88 fasst diese ins Wort, weil auch diese Phasen zum Leben des Gottesvolkes gehören und von Gottes Rettungsmacht zeugen.

Bibel
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Der heute zu betrachtende Psalm 88 hat eine doppelte Überschrift: Die erste lautet wie in Ps 87, nur rückläufig. Sie bindet den Psalm in die Korachiten-Sammlung ein (Pss 42-49; 84-85; 87-88). Die zweite schreibt ihn dem Esrachiter Heman zu. Ein Sänger-Levit Heman ist aus 1 Chr 6,18; 25,4-6 bekannt. Ein sprichwörtlich Weiser Heman zur Zeit Salomos (neben einem Esrachiter genannt) erscheint in 1 Kön 5,11. Die Bestimmung "Esrachiter" bindet die Pss 88 und 89 zusammen.

Schwer zu sagen ist, was "über Machalat" heißen soll. Die altgriechische Septuaginta transkribiert nur, weil der Übersetzer es nicht zu deuten weiß. Andere altgriechische Übersetzungen (Aquila, Symmachus, Theodotion) und Hieronymus deuten es als mecholah, "Tanz", was zum deprimierten Inhalt nicht recht passen will. Die Einheitsübersetzung deutet "Krankheit" (machalah), was als Inhaltsangabe passen würde, nur nicht eng geführt werden darf auf eine bestimmte Krankheit. Es geht im weitesten Sinne um schweres Siechtum – wohl gar des Volkes Israel. Zu "Maskil" s.o. zu Ps 78.

1 Gesang, Instrumentallied von den Korachiten.
Für den Musikmeister: Über Machalat, zum Singen.
Ein Maskil von Heman, dem Esrachiter.

"Du hast mich versetzt in die unterste Grube, in Finsternisse, in Meerestiefen"

Für sich betrachtet ist der Psalm das Klagelied eines Einzelnen. Der Kontext aber (Pss 73-89, Zerstörung Jerusalems, Exilierung Judas) legt eine kollektive Deutung auf das Volk nahe, wie sie antike wie moderne Ausleger vornahmen (Baethgen, Psalmen 273: "die dem Tode nahe Gemeinde", die sich in V. 6 "Durchbohrte" im Plural nennt; das aramäische Targum deutet V. 7 auf das Exil). Alle drei Strophen beginnen mit einer Anrufung Gottes (V. 2, 10, 14f.):

2 JHWH, Gott meiner Rettung, am Tag, da ich zeterte, in der Nacht dir entgegen
3 komme vor dich mein Flehgebet, neig dein Ohr meinem Jammern!
4 Denn satt ist an Übeln meine Kehle (Leben), und mein Leben ist bis zur Unterwelt gelangt.
5 Ich wurde gerechnet zu denen, die in die Grube steigen, ich wurde wie in Mann ohne Kraft.
6 Ein unter die Toten Freigegebener, wie Durchbohrte, die liegen im Grabe, an die du nicht mehr denkst, sind sie doch von deiner Hand abgeschnitten.
7 Du hast mich versetzt in die unterste Grube, in Finsternisse, in Meerestiefen.
8 Auf mich hat gestemmt dein Grimm, und mit all deinen Brandungen hast du mich niedergedrückt.
9 Du hast entfernt meine Nahbekannten von mir, hast mich gesetzt zum Gräuel ihnen, zum Eingesperrten und ich kann nicht heraus.

Die betende Stimme ruft JHWH als "Gott meiner Rettung" an, von dem allein sie Hilfe erwartet. Im Mittelalter bedeutete das deutsche "Zeterschrei" die Einforderung eines Rechts. Tag und Nacht fleht der Beter Gott an und bittet um Gehör des offenbar fernen Gottes: Neig dein Ohr! Ab V. 4 beschreibt die Stimme das Elend, das sie getroffen hat: Der Beter fühlt sich so gut wie tot (V. 4), wird auch von anderen so gesehen (V. 5). Er scheint ein aus dem Verband der Lebenden Entlassener ("Freigegebener" V. 6). "Wie Durchbohrte" (V. 6) klingt nach dem ganzen Volk. Der Grund für den schlimmen Zustand ist bei Gott zu suchen: Er hat sie vergessen, er hat sie von seiner mächtigen Hand abgeschnitten und weggeworfen. Das heißt aber auch: Nur er kann die Sache beheben.

"Du hast mich versetzt" beschuldigt V. 7 nun offen Gott. Die altaramäische Übersetzung Targum deutet "die Grube" als das Exil in Babylon (wie Ez 36-37). Dreimal steigernd sagt die Beterstimme, wie weit weg Gott sie geworfen hat: "in die Grube" (ins Grab, wie Tote), "in Finsternisse" unsichtbar, "in Meerestiefen" unerreichbar. Dorthin hinuntergedrückt wurden sie von Gottes Grimm (V. 8), der wie Meeresbrandungen sie in Meerestiefen hinunterpresste. Von dort unten kann kein Mensch mehr retten (Jona 2,4), nur Gott (Ps 68,23). V. 9 formuliert abschließend, die Bilder verlassend, was das auf der Sachebene konkret heißt: Der Beter wurde von allen, die ihm vertraut waren, verlassen – Gott hat sie entfernt! – ist ein Abscheu geworden, mit dem niemand mehr zu tun haben will, gefangen (Exil!) ohne jede Aussicht auf Freiheit.

"Werden Totengeister aufstehen, dir danken?"

Alle drei Strophen beginnen mit einer Gottesanrufung, einer Zeitangabe und enden auf "erkennen":

I V. 2-6 JHWH, Gott Tag, Nacht Flehgebet, Kehle, Tote, Grab
V. 9: entfernen Nahbekannte
II V. 10: JHWH Tag V. 11-2: Tote, Grab
V. 13: bekannt
III V. 14f: JHWH Morgen Flehgebet, Kehle
V. 18f.: Tag entfernen Nahbekannte

Manche Kommentatoren möchten V. 10a noch zu V. 9 rechnen. Der Beginn der II. Strophe in V. 10b wäre dann den anderen Strophenanfängen in V. 2 und 14 ähnlicher. Andererseits würde der Strophenschluss V. 9 (mit 10a) dem Strophenschluss V. 19 unähnlicher. Der Beginn mit "Mein Auge … meine Handflächen" könnte auch poetisch beabsichtigt sein.

Wie die I. Strophe mit "ich zeterte" begann, so die II. in V. 10 mit "ich rief" (die III. in V. 14 mit "ich schrie").

10 Mein Auge verschmachtete vor Elend, ich rief dich, JHWH, alle Tag, breitete aus zu dir hin meine Handflächen.
11 Wirst du etwa an den Toten ein Wunder tun, oder werden Totengeister aufstehen, dir danken?
12 Wird etwa erzählt werden im Grab deine Loyalität, deine Treue am Verlorenheitsort?
13 Wird etwa bekannt werden in der Finsternis dein Wunder und deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens?

Die zweite Gottesanrufung in V. 10 ist gerahmt von Ausdrücken, die die Ferne Gottes ausdrücken: Seit langem verschmachtet das Auge des Beters, das den fernen Gott erfolglos sucht (ʽeni "mein Auge" und ʽoni "Elend" bilden ein Wortspiel). Die leeren Handflächen strecken sich in Gebetshaltung aus nach dem Unerreichbaren. Ihre Machtlosigkeit steht im Kontrast zur mächtigen "Hand" Gottes in V. 6. Diese II. Strophe spricht ansonsten nicht von der Not des Beters, sondern hält Gott seine Wundertaten vor Augen mit der Frage, ob der Totenzustand des Beters ("Tote – Grab" in V. 11-12 wie schon V. 6) wirklich geeignet sei, Gottes Ruhm zu mehren:

V. 11: Wunder – V. 12: deine Loyalität, deine Treue –
V. 13: dein Wunder, deine Gerechtigkeit

Die dreifache Frage "etwa" ("oder") in V. 11-13 bestimmt diese II. Strophe. Die Fragen verlangen die Antwort: Natürlich nicht! Die Toten in ihrer Schattenexistenz danken Gott nicht (Jes 38,18; Ps 6,6). Im Grab, am Ort der Verlorenheit, wird gar nichts mehr erzählt, schon gar nicht Gottes Treue. In der Finsternis, die gar nichts mehr erkennen lässt, wird nichts erkannt noch bekannt, im Land des Vergessens wird nichts überliefert, kein Gedächtnis gehalten. Der "Verlorenheitsort" kommt nur in Ijob 26,6; 28,22; 31,12 und Spr 15,11 vor – meist parallel zu "Unterwelt" oder "Tod". Der Beter will Gott sagen: Wenn ich vergessen werde, wirst du es auch! Das ist insbesondere dann wahr, wenn der Beter ganz Israel ist. Die Rede von Gott muss verstummen, wenn es keine Zeugen mehr für ihn gibt.

"Über mich gingen hinweg deine Zorngluten"

Die III. Strophe beginnt und endet wie die I. mit der Anrufung Gottes aus der Ferne und der Ferne der Vertrauten. Wie die I. stellt sie das Leiden des Beters dar.

14 Ich aber, zu dir, JHWH, schreie ich hiermit, und am Morgen mein Flehgebet soll dir entgegenkommen.
15 Wozu, JHWH, willst du verstoßen meine Kehle (Seele), verbergen dein Gesicht vor mir?
16 Elend bin ich und hinsterbend von Jugend an, hab getragen deine Schrecken, muss hilflos sein.
17 Über mich gingen hinweg deine Zorngluten, deine Schrecknisse haben mich vernichtet.
18 Sie haben mich umgeben wie Wasser all den Tag, haben mich eingekreist allesamt.
19 Du hast entfernt von mir Freund und Gefährten; meine Nahbekannten? – Finsternis!

"Ich aber" setzt sich der Beter zu den Toten von V. 11 in Gegensatz, "ich schreie noch aus der Distanz zu dir!" (das Perfekt ist ein "performatives Perfekt" nach GK 106i: "hiermit"). Morgens, wenn das aufgehende Licht alle Finsternis vertreiben müsste, kommt des Beters Flehen Gott entgegen. Wozu, fragt er? Die II. Strophe hatte doch gezeigt, dass der Untergang des Beters nur zur Gottvergessenheit führen würde. Wozu also soll das führen? Gott ist fern, verbirgt sein Gesicht, statt es segensreich strahlen zu lassen (Num 6,25). Wozu verstößt er des Beters Leben, ja die "Kehle", d.h. seinen Hilferuf? Schon V. 6 und 11 hatten von "Toten" gesprochen, V. 16 spricht vom Sterben. "Elend bin ich" ist ein Wortspiel (ʽani ʼani). Schrecken – Zornesgluten – Schrecknisse drohen ihm, wie Todesfluten (V. 7-8) unter sich zu begraben. Die Sozialkontakte aller Grade, Freund, Gefährte, ja Nächstvertraute – alle sind weg. Die einzig verbliebene Vertraute ist jetzt nur noch die Finsternis, die keinen Ausweg, einfach nichts erkennen lässt.

Psalm 88 knüpft an Ps 86 und 87 an (V. 3: Ps 86,1.6; V. 9 und 19: 87,4; V. 19: 87,2). "Finsternis" ist das letzte Wort des Psalms. Hoffnung leuchtet in Ps 88 noch keine auf. Ps 89,16 erst wird "vom Licht deines Angesichts" sprechen, das dann aufgeht, wenn Gott seine Königsherrschaft wieder ausübt, wie Ps 89 das einfordert.

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