Psalm 87 - "All meine Quellen in dir!"Der Psalter als Buch des Messias

Die Kirche versteht sich als "Zeichen und Werkzeug der Einheit des Menschengeschlechts". Alle Völker sind in der Gottesstadt freiwillig vereint durch einen gemeinsamen Glauben. Von dieser Hoffnung singt Israel in Psalm 87.

Bibel
© Foto von Aaron Burden auf Unsplash

Schon Ps 82 hatte den Monotheismus für die Nationen propagiert. In Ps 86 hatte David ein Wunderzeichen von Gott erbeten, das die Nationen zur Bekehrung zum Gott Israels bringen würde. Ps 87 besingt im Zusammenhang des III. Psalterbuchs (Pss 73-89) die Bekehrung der Völker zum Gott auf dem Zion. Allerdings müsste Jerusalem nach der Zerstörung durch die Babylonier erst wieder aufgebaut werden (Ps 89,39-42).

Die Überschrift ordnet Ps 87 zu den zwölf Korachitenpsalmen (Ps 42-49; 85f.; 87f.). Sie lautet wie in Ps 48 und 88 – nur rückläufig.

1 Von den Korachiten, Instrumentallied, ein Gesang.

Der Psalm ist ein Lied, das unter Instrumentalbegleitung gesungen wird, aber eben betont ein "Gesang", bei dem es auf den Text ankommt. Vom "Singen" handelt denn auch der letzte Vers (V. 7). Das kurze Lied hat zwar keine Strophengliederung, ist aber poetisch kunstvoll gestaltet. Die vier Nennungen Gottes (V. 2: JHWH; V. 3: Gott; V. 5: Höchster; V. 6: JHWH) deuten schon auf die vier Himmelsrichtungen, die auch sonst in der Bibel eine große Rolle spielen (Gen 13,14; Dtn 3,27; 1 Kön 7,25; Ps 48) und hier die universale Ausrichtung des Psalms symbolisieren. Das Thema des Psalms ist der Zion, der wie folgt genannt wird:

V. 2: Zion   –   V. 3: Gottesstadt   –   V. 5: Zion

Der Psalm insgesamt ist in den V. 3-7 durchzogen von der konzentrischen Palindromie "in dir – dieses geboren dort – geboren in ihr – dieses geboren dort – in ihr". Der Psalmist beginnt in V. 1b-2 mit einer Rede über den Zion und Gottes Verhältnis zu ihm, bevor er in V. 3 den Zion im Du anspricht.

Seine Gründung auf Heiligtumsbergen –
2 es liebt JHWH die Tore Zions mehr als alle Wohnungen Jakobs.
3 Ehrenvolles wird geredet über dich (hebr. "in dir"), Stadt Gottes: Sela
4 "Ich kann nennen Rahab und Babel unter denen, die mich kennen, da: Philistäa und Tyrus samt Kusch – je dieses ist geboren dort!"
5 Über Zion aber kann gesagt werden: Jedermann ist geboren in ihr. Er aber wollte sie festmachen, der Höchste.
6 JHWH wird aufzählen, wenn er aufschreibt die Völker: Dieses ist geboren dort! Sela
7 Und sie singen wie Tanzende: "All meine Quellen in dir!"

Betont setzt der Dichter als erstes Wort nicht "JHWH hat gegründet", sondern schickt das Akkusativobjekt voraus: "seine Gründung" (hebr. "Die Gründung sein") liebt er. Wessen? JHWHs! Der Zion selbst, als Gründung JHWHs ist das erste Wort des Gedichts. Das Suffix "sein" meint zwar dann JHWH, aber aufgelöst wird der Bezug erst im nächsten Vers. Der Zion als Gottesgründung ist das erste Wort und das Thema des Psalms.

"An jenem Tag wird es einen Altar für den HERRN mitten im Land Ägypten geben"

Zum "Heiligtumsgebirge" wurde der Zion eben durch den Jerusalemer Tempel, das "Heiligtum" (hebr. qodesch, vgl. den arabischen Namen für Jerusalem: al quds). In V. 2 folgen erst Verbum und Subjekt: "Seine Gründung … liebt JHWH", bevor das Objekt mit neuem Namen wiederholt wird: die Tore Zions. Gott liebt den Zion mehr als alle anderen Siedlungen Israels. Wohnt Jakob in seinen "Wohnungen", so weiß der Israelit: In Zion "wohnt" JHWH, hat er seine "Wohnung". JHWH "ist liebend" (Partizip), seine Liebe zum Zion ist ein Dauerzustand. Die Aussagen über Zion sind: Gott hat sie gegründet, er liebt sie, sie ist seine Stadt. "Tore" sind eine Metonymie für eine Stadt (Ex 20,10; Dtn 5,14; 12,18.21; 14,27.28.29). Die Metonymie deutet hier schon an, dass die Tore der Zugang zur Stadt, zum Heiligtum sind für ungezählte Menschenmengen. In V. 3 spricht der Dichter die Stadt im Du an: Ehrenvolles, Herrliches redet man über dich! Die eben noch "Zion" hieß, heißt jetzt "Gottesstadt" wie Ps 46,5 (vgl. Ps 48,9).

In V. 3 spricht Gott selbst "seine" Stadt an. Gott "nennt", "erwähnt" Völker, die ihn, den wahren Gott, kennengelernt haben, weil sie in Jerusalem Geburtsrecht erworben haben. Zuerst nennt er die Großreiche und mit ihnen die Himmelsrichtungen: Ägypten (poetisch "Rahab", vgl. Ps 89,11; Jes 30,7; 51,9), die südwestliche Weltmacht, dann Babel, die nordöstliche im Zweistromland. Allein die Vorstellung, die kulturell, politisch und militärisch alles beherrschenden Weltreiche könnten sich einst dem Gott des kleinen Volkes Israel beugen, muss damals größenwahnsinnig erscheinen. Von den Extremen geht er dann mit einem göttlichen Fingerzeig ("da!") nach Kanaan: im Süden das völlig kulturfremde Philistäa, im Norden die extrem reiche Handelsstadt Tyrus (vgl. Ez 27), zuletzt ins geheimnisvolle Äthiopien (vgl. Jes 18), noch südlich von Ägypten. Jedes dieser Völker macht eine kulturelle und religiöse Wiedergeburt in Zion durch. Die fünf Völker stehen für die universale Menschheit aller Himmelsrichtungen und erinnern an die Vision Jesajas von der Bekehrung und Berufung Ägyptens und Assurs zum wahren Gott:

18 An jenem Tag werden fünf Städte im Land Ägypten sein, die die Sprache Kanaans sprechen und beim HERRN der Heerscharen schwören. … 19 An jenem Tag wird es einen Altar für den HERRN mitten im Land Ägypten geben, und eine Stele an seiner Grenze für den HERRN. …21 Der HERR wird sich den Ägyptern offenbaren, und die Ägypter werden den HERRN erkennen an jenem Tag; sie werden ihm dienen mit Schlachtopfern und Speiseopfern, sie werden dem HERRN Gelübde geloben und erfüllen. … 24 An jenem Tag wird Israel neben Ägypten und Assur der Dritte sein, ein Segen inmitten der Erde. 25 Denn der HERR der Heerscharen hat es gesegnet, indem er sprach: Gesegnet ist mein Volk, Ägypten, und das Werk meiner Hände, Assur, und mein Erbbesitz, Israel!

Einst werden Israels mächtige Feinde und Unterdrücker (Frondienst in Ägypten! Babylonisches Exil!) zum erwählten Volk hinzuerwählt! "Dieses ist geboren dort" bezieht sich auf die Völker, nicht die einzelnen Menschen. Sie werden, wie Ps 47,10 gesagt hatte "Volk des Gottes Abrahams". In V. 5 spricht der Dichter wieder: Über Zion kann und wird gesagt werden: "Jedermann", "Mensch für Mensch" – eine unübersehbare Menschenmenge "ist dort geboren". Zion wird religiös die Mutter aller Völker. Der hebräische Text sagt in V. 5: "aber zu Zion wird gesagt werden: Mensch für Mensch …".

"All meine Quellen, alles, was ich zum Leben brauche, beziehe ich aus dir, Gottesstadt!"

Der griechische Psalmtext sagt: "'Mutter Zion' wird sagen ein Mensch/jedermann". Jerusalem wird für alle Nationen zur religiösen Mutter. Schon in der Abrahamsverheißung hatte Gott gesagt, die Nationen würden zum wahren Gott nur vermittels Israels kommen (Gen 12,1-3). Das hatte auch der Psalter schon zum Ausdruck gebracht (Ps 24,6). Gott selbst wollte die Stadt festmachen, stabil machen, so dass sie für alle Völker zur Zuflucht wird. "Der Höchste" (Eljon), allen Göttern der Heiden überlegen, heißt Gott hier, wie schon in Ps 46,5; 47,3, wo ebenfalls die Bekehrung der Nationen besungen wird. JHWH, der Gott Israels, schreibt die Nationen in sein Bürgerschaftsverzeichnis ein (V. 6) und nennt sie nicht mehr "Nationen" (gojim), sondern "Völker" (ammim), wie sein eigenes Volk. Die so Hinzuerwählten feiern dann singend und tanzend: All meine Quellen, alles, was ich zum Leben brauche, beziehe ich aus dir, Gottesstadt!

Gegen Ende des III. Psalmenbuchs (Ps 73-89), das von der Zerstörung Jerusalems handelt und seine Wiederherstellung erfleht, träumt der Psalmist in Ps 87 bereits von der großen Zukunft dieser Stadt, der Mittlerin zwischen dem wahren Gott und den Nationen der Menschheit – wenn sie dann einst wiederhergestellt ist. Augustinus von Hippo, der größte Kirchenvater des Westens, bezog den Titel seines Hauptwerks de Civitate Dei aus Ps 87.

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen