Psalm 86 - "Nimm zu Ohren, JHWH, mein Flehgebet"Der Psalter als Buch des Messias

Mit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Babylonier 587 v. Chr., der Exilierung Judas und dem Ende der davidischen Dynastie schienen Babylons Götter über den Gott Israels gesiegt zu haben. Der David der Psalmen weiß, dass seinem Gott nichts aus der Hand gleitet und er Juda und Jerusalem wiederherstellen kann. Auch Israels Messiashoffnung gründete letztlich auf den Gebeten Davids im Psalter.

Bibel
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Die Überschrift "Flehgebet von David" nimmt Bezug auf den Kolophon Ps 72,20, der die Gebete Davids zu seinen Lebzeiten (Psalmenbücher I und II: Pss 1-72) abgeschlossen hatte. Ps 86 ist ein Gebet des verewigten David für sein Volk. "Flehgebet Davids" steht auch über Ps 17, "Flehgebet" außerdem über Pss 90 und 102. Dieser Davidpsalm steht mitten unter den Korachiter-Psalmen 84–85 und 87–88. Er fügt in das III. Psalmenbuch (Ps 73–89), das die Zerstörung Jerusalems und des Tempels, die Exilierung Judas durch die Babylonier und den Untergang der davidischen Dynastie beklagt, ein Gebet Davids für "David" ein – auf den ersten Blick ein individuelles Bittgebet. Im Kontext aber meint "David" wohl mehr: nicht nur seine Dynastie, sondern als König auch das ganze Volk Juda (Baethgen, Psalmen 268).

Ps 86 ist ein "messianisches Gebet" (Zenger-Hossfeld, Psalmen II, HThKAT, 547) – vielleicht sogar erst für diesen Kontext geschaffen (Zenger 539). Der Psalm zitiert daher ständig andere David-Psalmen (vgl. V. 1 mit Ps 55,3; 40,18; V. 4 mit Ps 25,1; V. 14 mit Ps 54,5) und ist insgesamt ein Echo auf Pss 40-41 und 69-72, also das Ende der beiden vorangehenden David-Sammlungen (Zenger 537).

Der Psalm ist durchweg in Ich-Rede gehalten und spricht Gott im Du an. Er besteht aus drei Strophen (V. 1b-7; 8-13; 14-17). Die erste Strophe ist gerahmt von "Ohr – antworten" in V. 1b und V. 6-7.

Neige, JHWH, dein Ohr, antworte mir, denn elend und arm bin ich.
2 Bewahre meine Kehle (Leben), denn loyal bin ich, rette deinen Knecht, du, mein Gott, der auf dich vertraut.
3 Gnade mir, mein Herr, denn zu dir muss ich rufen den ganzen Tag!
4 Erfreue die Kehle (Seele) deines Knechtes, denn zu dir, mein Herr, will meine Kehle (Seele) ich erheben.
5 Denn du, mein Herr, bist gut und vergebungswillig, reich an Loyalität für alle, die zu dir rufen.
6 Nimm zu Ohren, JHWH, mein Flehgebet, merke auf die Stimme meiner Gnadenrufe!
7 Am Tag meiner Bedrängnis will ich zu dir rufen, denn du wirst mir antworten.

"Keiner ist wie du unter den Göttern, mein Herr, und keines ist wie deine Werke"

David bittet Gott zunächst um Gehör, Gott wolle sein Ohr neigen, denn er empfindet ihn als fern. Er begründet die Bitte mit seinem Elend, in das er geraten ist. Im Hebräischen beginnen die ersten Wörter alle mit Gutturalen und malen ein Stammeln: ha ʼa ʽa ʽa ʼä ʼa. Das ehemals groß dastehende Haus David und sein Reich Israel-Juda sind sehr heruntergekommen. Mit sieben Imperativen bedrängt David Gott: "neige – antworte – bewahre – rette – gnade – erfreue – nimm zu Ohren – merke auf!" Am Anfang und Ende stehen Bitten um Gehör, in der Mitte das inhaltliche Anliegen. Ziel des Drängens ist, vom "antworte mir!" (V. 1) zum "du wirst mir antworten!" (V. 7) zu kommen. Es geht um seinen "Hals" ("Kehle"), um sein Leben. David will vor dem völligen Untergang bewahrt werden und verweist auf seine Loyalität gegenüber Gott. Waren sein Volk und seine königlichen Nachfolger alles andere als loyal, so war es doch er selbst, der hier für sie eintritt. Der Loyale will bewahrt werden, der vertrauende Knecht gerettet. Er spricht Gott an als "mein Gott" – mein Schutzherr (V. 2). Sich selbst nennt er wiederholt "deinen Knecht" (V. 2, 4, 16).

Gott spricht er in diesem Psalm siebenmal als "mein Herr" (Adonai) an. Unentwegt muss er um Gnade rufen (V. 3). Wie in Ps 25,1 will er seine "Seele" zu Gott erheben, vielleicht sogar wirklich seine "Kehle", d.h. Stimme, damit Gott diese wieder erfreue, Klage zum Loblied werden kann. Hatte David die ersten Bitten in V. 1-4 mit seiner Armut und Loyalität, mit dem Hinweis auf sich begründet, wendet er in V. 5 den Blick auf Gott und seine Selbstdefinition in Ex 34,6: Gott soll helfen, weil es seiner Güte, seiner Vergebungswilligkeit und Loyalität entspricht. Die "Güte" Gottes in V. 5 wird zum "guten" Ergebnis in V. 17 führen. V. 6 nennt Davids Gebet ein Flehgebet wie schon die Überschrift.

Die zweite Strophe V. 8-13 bittet nicht mehr, sondern rühmt Gottes unvergleichliche Größe. Sie ist durchzogen von dreifachem "dein Name" in V. 9, 11-12 sowie von "ehren – groß" in V. 9-10 und erneut V. 12-13. Gottes "Wirken" (V. 8-10) steht im Vordergrund. Die Strophe nimmt universale Dimensionen in den Blick: von den Göttern oben (V. 8) bis zur tiefsten Unterwelt unten (V. 13) und horizontal mit den zusammenströmenden Nationen (V. 9):

8 Keiner ist wie du unter den Göttern, mein Herr, und keines ist wie deine Werke.
9 Alle Nationen, die du gewirkt (gemacht) hast, werden kommen und huldigen vor dir, mein Herr, und ehren deinen Namen.
10 Denn groß bist du und Wunder wirkend, du bist Gott allein.
11 Weise mir, JHWH, deinen Weg, dass ich gehe in deiner Wahrheit, eine mein Herz, zu fürchten deinen Namen!
12 Ich will dir danken, mein Herr, mein Gott, mit meinem ganzen Herzen, und ehren deinen Namen in Ewigkeit.
13 Denn deine Loyalität ist groß über mir und du hast herausgerissen meinen Hals (Kehle, Leben) aus dem untersten Totenreich.

"Wirke mit mir an Zeichen zum Guten, dass es sehen, die mich hassen und beschämt werden"

Mit einer neuerlichen Rettungstat würde Gott sich einen "Namen" machen bei den Nationen. Er, der ja auch die Nationen geschaffen hat, würde durch Wunderwirken wie einst in Ägypten seine Reputation so erhöhen, dass die Nationen sich zum Gott Israels bekehren. Auch diese Strophe kennt zwei Bitten, aber es sind nicht Rettungsbitten, sondern Bitten um Belehrung: Weise mir deinen Weg (wie Ps 27,11) und "eine mein Herz", konzentriere mein Denken – hin auf die Gottesfurcht. David verspricht für den Fall eines neuen göttlichen Wunders Dank und Verehrung (V. 12), wenn Gott sich dem Haus David loyal zeigt und Davids "Hals", sein Leben, das Leben seiner Dynastie und Judas rettet. "Eine mein Herz", dann will "ich dir danken aus meinem ganzen Herzen!" Den großen Namen Gottes "in Ewigkeit" ehren, kann nur Israel oder das Haus David wenn sie denn erhalten bleiben, jedenfalls nicht das Individuum.

Die dritte Strophe kehrt zu den flehentlichen Bitten zurück, denn das Dankversprechen war Zukunftsmusik. Jetzt herrscht noch die Notlage.

14 Gott, Vermessene sind aufgestanden gegen mich, und eine Rotte von Gewalttätern trachteten nach meiner Kehle und haben dich nicht vor sich gestellt.
15 Du aber, mein Herr, eine Gottheit erbarmungsvoll und gnädig, langmütig und reich an Loyalität und Wahrheit.
16 Wende dich mir zu und gnade mir, gib deine Kraft (Schutzmacht) deinem Knecht, und rette den Sohn deiner Magd!
17 Wirke mit mir an Zeichen zum Guten, dass es sehen, die mich hassen und beschämt werden, weil du, JHWH, mir geholfen und mich getröstet hast!

Fünf Imperative in V. 16-17 vervollständigen die acht der ersten und die beiden der zweiten Strophe zu fünfzehn, zu einem drängenden Flehgebet. Was David in seinem persönlichen Leben erlebte, Verfolgung durch Saul (1 Sam 19-31), einen Putsch vonseiten seines Sohnes (2 Sam 15-19), das erlebte auch Davids Haus und ganz Juda z. B. durch die babylonische Eroberung. Sie trachteten dem Königshaus nach dem Leben (2 Kön 25,7). Den Gott Israels, der sein Volk nicht schützen konnte, hielten sie für den Verlierer und rechneten nicht mit einer Befreiung aus Babylon. Neuerlich appelliert David an Gottes Selbstdefinition aus Ex 34,6: Anders als Babels Götter ist JHWH eine "Gottheit erbarmungsvoll und gnädig, langmütig und reich an Loyalität und Wahrheit".

David nennt sich erneut betont JHWHs "Knecht" wie zehnmal in seiner Reaktion auf die Natanverheißung in 2 Sam 7,19-29, wo er dankt für die Zusagen zum "Haus deines Knechtes", zu Dynastie Davids. Das dritte "dein Knecht" in diesem Psalm wird ergänzt durch "Sohn deiner Magd". Er vergleicht sich hier nicht mit einem "gekauften Sklaven", sondern mit einem im Haus geborenen, der zu Gottes Haushalt gehört. Viermal "Loyalität" (oder "Huld", V. 2, 5, 13, 15), viermal "Gnade" (V. 3, 6, 15, 16) und zweimal "Wahrheit" (oder "Treue"; V. 11,15) fordern zehnfach, also nachdrücklich die alten Zusagen ein. Der allein "wunderwirkende Gott" (V. 10) soll ein "Zeichen" tun an David, der "gute" Gott (V. 5) ein "Zeichen zum Guten" (V. 17), dass alle Feinde Israels und Davids "es sehen und beschämt werden" (V. 17), vor aller Welt blamiert, weil Gott David geholfen, ihn getröstet hat (V. 17).

"Du allein bist loyal, alle Nationen werden kommen und huldigen vor dir!"

Der Gesamtpsalm ist gerahmt von den Stichwörtern "retten – Knecht" in V. 2 und – in chiastischer Aufnahme – "Knecht – retten" in V. 16. Dazu kommen die Wörter "gut" und "reich" in V. 5, die in V. 15 und 17 chiastisch aufgenommen werden. Denn darum geht es: Dass Gott in seiner reichen Güte das Haus Davids, seines Knechtes, rette.

Der Apokalyptiker Johannes lässt in Offb 15,3-4 Mose und das siegreiche Lamm, den hingeschlachteten, dann aber doch triumphierenden Davidsohn mit Ps 86,9-10 singen:

"Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, Allherrscher, gerecht und wahr sind deine Wege, König der Nationen! Wer wird dich nicht fürchten, Herr, und ehren deinen Namen, denn du allein bist loyal, denn alle Nationen werden kommen und huldigen vor dir!" (Offb 15,3-4).
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