Psalm 89 - "Du hast verstoßen, verworfen, bist übergeschäumt"Der Psalter als Buch des Messias

Gottes Verheißungen an sein Volk sind ja schön und gut. Aber sie wollen auch wahr sein. Die Realität bleibt dahinter oft zurück. Eigentlich hält Gottes Wort nicht, was es zusagt – meint der Beter von Psalm 89 und nimmt Gott gnadenlos ins Gebet.

Bibel
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Die Überschrift schreibt den heute zu betrachtenden Psalm 89 Etan, dem Esrachiter zu, der in 1 Kön 5,11 als sprichwörtlich Weiser genannt wird (vgl. 1 Chr 2,6; 6,27). "Maskil" und die Nennung eines Esrachiters binden den Psalm an 88,1 zurück.

Das erste Wort dieses drittlängsten Psalms ist "Loyalitätserweise". Gottes Loyalität wird siebenfach Thema im Psalm (V. 2, 3, 15, 20, 25, 29, 50). Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit. Dazu kommen die Loyalen, denen sie versprochen waren (V. 20). Sodann folgt die Anrede "JHWH" – sie wird alle Strophen eröffnen (V. 2, 6, 16, 47) außer der vierten (V. 39), die eine völlige Abwesenheit Gottes beklagt und ihn daher auch nicht nennt.

Die erste Strophe ist der Aufgesang (V. 2-5), in dem der Sänger ankündigt, Gottes Loyalität und Treue besingen zu wollen. Als Beweis zitiert er ein erstes Mal in direkter Rede Gottes eigene Zusagen (V. 4-5) mit den entscheidenden Stichwörtern "Bund". "mein Erwählter", "David", "Ewigkeit", "deine Nachkommenschaft", "dein Thron". Gott hatte, darauf beruft sich der Sänger, David eine Ewigkeitszusage gemacht für seinen Thron (2 Sam 7). Die Verbindung der drei Wörter "Loyalität", "Treue", "David" rahmt in V. 2-4 und 50 das ganze Gedicht. Die Strophe V. 2-5 ist durchzogen von der Palindromie

"von Generation zu Generation" "bauen" "fest"
"fest" "bauen" "von Generation zu Generation"

Die zweite Strophe fordert die Himmel auf, mit dem Sänger Gottes Wunder zu loben und seine Treue in der Versammlung der Heiligen, der Himmelswesen (V. 6; vgl. V. 8). Dreimal nimmt sie die "Treue" der ersten Strophe auf und abschließend auch die Loyalität und den Ausdruck "dein Thron" (V. 15), der nun aber Gottes Thron meint und so die Stabilität von Davids Thron mit der des göttlichen in Verbindung setzt. Die Strophe besingt vor allem die Überlegenheit und Souveränität des Schöpfers, mit dem nichts verglichen werden könnte (V. 7). Achtmal steht in V. 10-14 betont "du", "dir" – nach der Zahl der Schöpfungswerke in Gen 1. "Du" hast alles in deiner Hand! "Arm", "Hand", "Rechte" (V. 14) bezeichnen Gottes uneingeschränkte Macht. Die aber ist nicht Willkür, sondern "Gerechtigkeit und Recht stützen deinen Thron" (V. 15).

"Mein Gott und Rettungsfels"

Am ausführlichsten ist die mittlere, die dritte Strophe (V. 16-38), die Gottes Zusagen zitiert. Sie verspricht, dass Gottes "Hand und Arm" (V. 22), seine Allmacht, Davids Dynastie befestigen würden. Die dritte Strophe hebt in V. 16 an mit einer Seligpreisung für das Volk, das im Licht des Angesichts dieses Gottes, in seiner Gnadensonne wandeln darf. Viermal "Treue" und dreimal "Loyalität" (V. 25, 29, 34, 38) – meist kombiniert – sind eine siebenfache Zusage in direkter Rede an David, den Gott gesalbt hat (V. 21), wie er den "loyalen" Propheten Natan und Samuel (V. 20) aufgetragen hat (1 Sam 16; 2 Sam 7). Dreimal "ewig" (V. 29, 37, 38) sollte die Verheißung sein. Zwar - das stimmt - wurde in deuteronomistischer Weise eine Bedingung damit verknüpft, der Toragehorsam (V. 31-33). Aber selbst, wenn der nicht erfüllt würde, sollte nur temporäre Strafe folgen, niemals Kündigung (V. 34-35).

Fest wie die in der zweiten Strophe besungene Schöpfung (V. 37-38) sollten die Zusagen sein – sonst wollte sich Gott des Betrugs (V. 34), der Lüge (V. 36) schuldig machen. In der Mitte des Zitats der göttlichen Rede (V. 20-38) steht V. 27 (mit V. 28), eine Aussage, die Gott den Davididen in den Mund legt: "Mein Vater" würde der König ihn nennen (2 Sam 7,14), Gott ihn aber seinen "Erstgeborenen" – ein unkündbares Verhältnis. "Mein Gott und Rettungsfels" wollte Gott für ihn heißen. In dieser zentralen Strophe heißt Gott eingangs in V. 19 "der Heilige Israels", der sich dann in seiner Rede an Anfang und Ende auf seine Heiligkeit beruft: Mit dem Öl seiner Heiligkeit hat Gott David gesalbt (V. 21), und bei seiner Heiligkeit hat er David geschworen (V. 36) Die Ausdrücke rahmen das göttliche Redezitat:

V. 21: David – meine Heiligkeit
V. 36: meine Heiligkeit – David

Gibt es ein festeres Fundament für einen göttlichen Schwur (V. 36)?

In krassen Gegensatz zu all diesen Zusagen stellt der Sänger dann in der vierten Strophe (V. 39-46) die eingetretene Realität. Sie ist das Gegenüber auch zur zweiten Strophe, die Gottes Schöpferallmacht besungen hatte. Sie scheint geschwunden wie die Zusagen der dritten. "Du aber" beginnt sie (ohne Gottesnennung!). Dann folgt eine erste Siebenerreihe von Perfekten der 2. P. Sg. – eine vollkommene Verwerfungsserie:

Du hast verstoßen, verworfen, bist übergeschäumt, hast weggeworfen,
entweiht, eingerissen, gelegt in Trümmer (V. 39-41).

Die Serie wird in V. 42 zunächst unterbrochen mit dem, was die Feinde wegen Gottes Rückzug anrichten konnten. Ab V. 43 setzt die Verwerfungsserie dann wieder ein. Wieder folgen sieben Perfekte der 2. P. Sg., dazu aber auch ein Imperfekt in V. 44, acht Verben also:

Du hast erhöht, erfreut Feinde, wolltest umkehren sein Schwert, hast ihn nicht hochkommen lassen, beendet hast du, gestürzt, verkürzt, umhüllt.

Mit diesem fünfzehnfachen Fallenlassen des Hauses David hat Gott offenbar seine Versprechungen gebrochen. Die vierte Strophe nimmt die entscheidenden Stichworte der vorangehenden Verheißungsstrophe auf und zählt im Einzelnen auf, dass Gott jede einzelne Zusage der III. Strophe in der IV. gebrochen hat: Den "Bund" (V. 35) mit seinem "gesalbten" "Knecht" (V. 21) hat er verworfen (V. 39-40). "Bedränger und Feinde", die er nach V. 23-24 niederhalten wollte, hat er nach V. 43 hochkommen lassen. Hatte er einst David "erhöht" (V. 20) und wollte Davids "Rechte" ermächtigen (V. 26), hat er stattdessen "die Rechte" der Feinde "erhöht" (V. 43). Davids "Thron" mit der Ewigkeitszusage (V. 37) hat Gott selbst gestürzt (V. 45).

Wird der umgehauene Baum der Dynastie noch einmal sprießen?

Neun Versprechen aus V. 20-38 – dem göttlichen Zitat in wörtlicher Rede! – hat Gott eins nach dem anderen abgeräumt (V. 39-46). "Schande!" ist das letzte Wort dieser Strophe (V. 46). "Du aber" war das erste gewesen (V. 39). Die fünfte Strophe (V. 47-52) nennt die Gottesnamen wieder: zweimal rahmend "JHWH" in V. 47 und 52, dazwischen aber (erstmals!) auch zweimal "mein Herr" ("Adonai") in V. 50-51: Bist du noch Weltenherr, wie die zweite Strophe dich besungen hat, oder nicht?

Nach den Widersprüchen zwischen den untrüglichen Zusagen Gottes und den danach eingetretenen Realitäten, ist dem Beter alles fraglich geworden. Er stellt in der letzten Strophe abschließend nur noch Fragen:

V. 47: Bis wohin? V. 48: Zu was?! V. 49: Wer? V. 50: Wo?

Und dazwischen immer wieder: V. 48: denk! V. 51: bedenk! Der Schluss-Satz sagt dann nur noch zweimal "welche schmähten" und als letztes Wort "dein Gesalbter!". Wird der Gesalbte "Fußspuren" hinterlassen wie V. 52 sagt? Der Beter bringt den Untergang der davidischen Dynastie nach 587 v. Chr., die Zerstörung Jerusalems und die Exilierung Judas nach Babylon nicht zusammen mit den Zusagen der Natanweissagung aus 2Sam 7: eine ewige Dynastie, den Bau des Tempels als Willen Gottes, die dazugehörige Erwählung Jerusalems und sicheres, angstfreies Leben für Juda und Israel (2 Sam 7,10). Nichts davon hatte Bestand!

Die Heimkehr aus dem Exil, der Wiederaufbau des Tempels und der Heiligen Stadt erfolgten nach 539 v. Chr. unter den Perserkönigen aber dann doch (Buch Esr-Neh). Der Davididenprinz Serubbabel leitet diesen Wiederaufbau (Esr 2-3; Hag 1-2; Sach 4). Serubbabel wird von Matthäus (1,12-23) und Lukas (3,27) als davidischer Vorfahre Jesu vorgestellt. Wird der umgehauene Baum der Dynastie noch einmal sprießen (Ijob 14,7; Jes 11,1)? Der Erzengel Gabriel kündigt der Jungfrau die Geburt Jesu an mit den Worten:

Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben  (Lk 1,32-33).

Das NT bekennt sich zur Gültigkeit der Verheißungen an David und sieht sie im Christus eingelöst.

"Gepriesen sei JHWH in Ewigkeit, Amen"

V. 53 schließt Ps 89 ab und mit ihm das ganze IV. Psalmenbuch (Pss 73-89), das den Untergang Judas beklagt hatte:

Gepriesen sei JHWH in Ewigkeit, Amen. Amen!

Es ist eine Doxologie wie die anderen vier in Pss 41,14; 72,18-19; 106,48 auch. Aber keine ist so wortkarg, keine weiß so wenig Preiswürdiges zu sagen wie diese. Der Beter "preist" Gott trotz des Psalminhalts, der ihn ratlos lässt.

"Die Doxologie passt zu ihrem Psalm. Neunfaches 'JHWH' in 89,2.6.7.9.16.19.47.52 wird durch das Tetragramm in der Doxologie 89,53 zur zehnfachen Namensnennung ausgebaut. Das doppelte 'Amen' der Doxologie nimmt die zehnmal vorkommende Wurzel ʾmn (V 2.3.6.9.15. 25.29.34.38.50) auf und vervollständigt sie zur Zwölferreihe. Das sechsfache ‚Ewigkeit‘ aus 89,5.29.37.38 wird in V 53 zur Siebenheit. Die knappste Doxologie 89,53 ist doch zugleich ebenfalls stark im Gedicht verankert" (Böhler, Psalmen I, HThKAT, 29). Buch IV des Psalters (Pss 90–106), das auf die Klagen von Buch III folgt, beginnt mit Ps 90, der "von Mose" überschrieben ist. Mose wird in Pss 90-106 siebenmal genannt. Der Psalter verweist nach dem Untergang Judas vorerst auf die mosaischen, auf die vorstaatlichen Grundlagen des Gottesvolkes: Die Tora, ihr Studium halten es aufrecht.

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