Psalm 85 - "Willst du ewig zürnen gegen uns?"Der Psalter als Buch des Messias

Wer nach 1989 glaubte, jetzt herrsche in Europa vollkommener Frieden, der musste bald feststellen, dass auf Gottes Wunder hin keineswegs immer schon Idealzeiten folgen. Menschen vereiteln das. Die Erlösung ist hier nie abgeschlossen.

Bibel
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Die Überschrift ordnet Psalm 85 den zwölf Psalmen der Söhne Korachs zu (Pss 42–49 und 85–86.88–89), s. o. zu Ps 42.

1 Für den Musikmeister: Von den Korachiten, ein Instrumentallied.

Die Situation, die der Psalm darstellt, scheint die zu sein, dass das Babylonische Exil (587 v. Chr. bis 539 v. Chr.) beendet ist, Gott sein Volk befreit und ins Gelobte Land zurückgeführt hat, wie sowohl Jesaja als auch Ezechiel (Ez 36-37) vorausgesagt hatten:

28 [Gott] der zu Kyrus sagt: Mein Hirt – alles, was ich will, wird er vollenden!, der zu Jerusalem sagt: Es wird wieder aufgebaut, und der Tempel wird wieder gegründet. 1 So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kyrus: Ich habe ihn an seiner rechten Hand gefasst, um ihm Nationen zu unterwerfen; Könige entwaffne ich, um ihm Türen zu öffnen und kein Tor verschlossen zu halten: … 4 Um meines Knechtes Jakob willen, um Israels, meines Erwählten, willen habe ich dich bei deinem Namen gerufen; ich habe dir einen Ehrennamen gegeben, ohne dass du mich kanntest (Jes 44,28 – 45,4)

"Wohlwollen zeigtest du, JHWH, deinem Lande"

Tatsächlich stieg der Perserkönig Kyros II. seit 559 v. Chr. kometengleich auf und eroberte im Jahre 539 v. Chr. das Babylonische Reich, das viele Nationen erobert, ihre Bevölkerung teilweise deportiert und ihre Heiligtümer mindestens ausgeplündert hatte. Kyros zog unter dem Jubel der Babylonier, v. a. der Priester, die den letzten babylonischen König Nabonid hassten, in die Hauptstadt ein. Der Kyros-Zylinder bezeugt, dass Kyros die deportierten Völker heimziehen ließ und ihnen ihre sakralen Geräte zurückgab. Das Buch Esra erzählt, dass er genau dies für die Juden ebenfalls tat: Durch den Perserkönig befreite Gott sein Volk aus der Babylonischen Gefangenschaft:

1 Im ersten Jahr des Königs Kyrus von Persien sollte sich erfüllen, was der HERR durch Jeremia gesprochen hatte. Darum erweckte der HERR den Geist des Königs Kyrus von Persien, und Kyrus ließ in seinem ganzen Reich mündlich und schriftlich den Befehl verkünden: 2 So spricht Kyrus, der König von Persien: Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Reiche der Erde verliehen. Er selbst hat mir aufgetragen, ihm in Jerusalem in Juda ein Haus zu bauen. 3 Jeder unter euch, der zu seinem Volk gehört – sein Gott sei mit ihm –, der soll hinaufziehen nach Jerusalem in Juda und das Haus des HERRN, des Gottes Israels, aufbauen; denn er ist der Gott, der in Jerusalem wohnt. … 7 König Kyrus gab auch die Geräte des Hauses des HERRN zurück, die Nebukadnezzar aus Jerusalem weggeschleppt und in das Haus seines Gottes gebracht hatte (Esr 1,1-7).

Psalm 85 beginnt nun mit der Würdigung dieser Befreiung aus Babylon, die in den Augen Israels dem wunderbaren Auszug aus Ägypten gleichkam und einen zweiten Exodus darstellte. Der Beter deutet diese Großtat Gottes, die bewies, dass der Gott Israels tatsächlich alle Völker, alle Weltreiche und damit die Menschheitsgeschichte in der Hand hat, als Zeichen dafür, dass die alte Schuld der Vorfahren, die zum Babylonischen Exil geführt hatte, nunmehr vergeben ist.

2 Wohlwollen zeigtest du, JHWH, deinem Lande, hast umgekehrt die (Unglücks-)Kehre (Gefangenschaft?) Jakobs.
3 Hast weggetragen die Schuld deines Volkes, bedeckt all ihre Sünde. Sela.
4 Hast zurückgezogen all deinen Grimm, dich abgekehrt von der Glut deines Zornes.
5 Lass uns zurückkehren, Gott unserer Rettung, und brich deinen Unmut mit uns!
6 Willst du ewig zürnen gegen uns, hinziehen deinen Zorn für Generation und Generation?
7 Willst du nicht kehrt machen, uns beleben, so dass dein Volk sich wieder freuen kann an dir?
8 Lass uns sehen, JHWH, deine Loyalität, und deine Rettung mögest du uns geben!

Die erste Strophe (V. 2-8) ist Anrede an Gott im Du. Sie ist durchzogen vom Stichwort "Kehre" oder "Wende": Gott hat die große Wende vollzogen und sein Volk heimkehren lassen. Das hebräische Wort für "Gefangenschaft" (schebit) klingt ebenfalls nach "Kehre". So steht das Wort in V. 2-8 fünfmal, in V. 9 noch ein sechstes Mal. Sieben wäre die Zahl der Vollendung gewesen. Es scheint noch etwas zu fehlen. Gott hat die Gefangenen heimkehren lassen, hat die alte Schuld der Vorfahren weggetragen (Ex 34,7). Der Dichter deutet diese Vorgänge der Vergangenheit (V. 2-4 sind lauter Perfekte!) als Ende des göttlichen Zorns, der das Exil über Israel gebracht hatte.

"Geh, steig hinunter"

Der Beter zählt in V. 4 drei Wörter für den göttlichen Zorn auf: Grimm – Glut – Zorn. Ab V. 5 aber bittet er um Beendigung dieses Zorns, der offenbar noch nicht völlig verraucht ist. Die V. 5-6 zählen weitere drei Nennungen auf: Unmut – zürnen – Zorn. Der Beter bittet Gott, er möge seinen (restlichen) Unmut abbrechen und das heimgekehrte Volk "zurückkehren" lassen zu seinem früheren Zustand. Zwar ist Gott durch die Heimführung Judas zum "Gott unserer Rettung" geworden (V. 5), aber diese ist offenbar noch nicht abgeschlossen. Im Buch Esra weint das Volk, als es den wiederaufgebauten Tempel sieht (Esr 3,12 vgl. Hag 2,3), weil er an die Pracht des Salomonischen Tempels nicht heranreicht.

Sie weinen auch bei der Verlesung der Tora (Neh 8,9), weil die Zustände noch immer suboptimal sind. Tatsächlich hatte Esra Missstände feststellen müssen, so dass er befürchten musste, die Befreiung aus dem Exil könnte noch scheitern (Esr 9,6-8.13-15). Ein erstes "Aufleben" (Esr 9,8) hat Gott seinem Volk schon geschenkt, aber die Wiederbelebung bis zur Freude an Gott (V. 7) war noch keinesfalls vollendet. Zur Wiederherstellung der märchenhaften Zeiten Salomos hatte es noch nicht gereicht. Der Beter musste – wie Israel zu allen Zeiten – bei aller Dankbarkeit für die schon erhaltene Hilfe, doch noch um die Vollendung der Erlösung bitten.

Der Bezug zur Babylonischen Gefangenschaft hängt an der Ableitung des Wortes schebit von schbh, "gefangen nehmen". So lesen der hebräische vokalisierte Text und die antiken Übersetzungen. Der ältere Konsonantentext liest schebut. Das leitet sich von schub her ("kehren", vgl. Ijob 42,10) und bedeutet "Kehre". Daher denken manche Ausleger an vielerlei frühere Rettungen, an die der Beter nun in neuerlicher Notlage erinnere: Du wendetest eine Unglückswende wieder ins Gute.

Mit dem "Wegtragen der Schuld" hatte der Psalm bereits Ex 34,7 zitiert, die Erzählung vom Sündenfall mit dem Goldenen Kalb nach der Befreiung aus Ägypten (Ex 32-34). Auch damals folgten auf den Exodus keine Idealzustände! Mit "abkehren von der Glut deines Zornes" zitiert der Beter Ex 32,12. Mit dem doppelten "dein Volk" in V. 3 und 7 spielt er auf Ex 32,7-11 an. Nachdem Israel sich das Kalb gebaut hat, weist Gott Mose an:

Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben (Ex 32,7).

Wie ein Vater, der über seinen Sohn verärgert zur Mutter sagt: "dein Sohn!" (als ob er nicht auch seiner wäre), spricht Gott von "deinem Volk", das "du" heraufgeführt hast. Mose hält dagegen:

Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? Du hast es doch mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt (Ex 32,11).

"Reden wird er Frieden zu seinem Volk und zu seinen Loyalen"

Mit "Loyalität und Wahrheit" in V. 11 wird der Beter auch Ex 34,6 noch zitieren. Er bittet um Vollendung der Erlösung, die machtvoll begonnen hat, wie sie damals Mose erbitten musste, da die Herausführung aus Ägypten allein noch keinen Idealzustand herzustellen vermochte. Der "Gott unserer [angefangenen] Rettung" (V. 5) wird gebeten "deine [vollendete] Rettung mögest du uns geben!" (V. 8).

In der zweiten Strophe spricht der Beter über Gott:

9 Ich will hören, was reden wird die Gottheit JHWH. Denn reden wird er Frieden zu seinem Volk und zu seinen Loyalen. Dass sie sich nicht hinkehren werden zum Wahnsinn.
10 Gewiss: Nahe ist denen, die ihn fürchten, seine Rettung, dass wohne Herrlichkeit in unserm Lande.
11 Haben Loyalität und Wahrheit sich getroffen, Gerechtigkeit und Friede sich geküsst,
12 wird Wahrheit aus dem Erdland sprießen, Gerechtigkeit aber schaute vom Himmel herab.
13 Auch will JHWH geben das Gute/Glück, unser Land aber wird geben seinen Ertrag.
14 Gerechtigkeit wird vor ihm her gehen und festsetzen den Weg seiner Schritte.

"Lass uns sehen!" hatte V. 8 gebeten, "ich will hören" sagt V. 9. Der Beter wartet auf Gottes Bescheid. Dreimal hatte er Gott in der ersten Strophe angeredet, dreimal wird er Gott in der zweiten Strophe nennen:

V. 2, 5, 8: JHWH – Gott – JHWH V. 9, 13: Gottheit – JHWH – JHWH

Der Beter ist überzeugt, Gott werde seinem Volk vollständige Wiederherstellung gewähren: "Frieden", "Schalom" – einen Zustand vollkommenen Wohlergehens und der Ganzheit. Wenn das Volk Gott loyal ist, wird es das von ihm erlangen. Und der Beter drängt Gott dazu, damit das Volk sich nicht wieder abwendet (V. 9b). "Nahe ist denen, die ihn fürchten, seine [vollendete] Rettung" (V. 10). Sie bestünde darin, dass Gottes Herrlichkeit, die zu Beginn des Exils aus dem Jerusalemer Tempel, der "Wohnung", ausgezogen war, dort wieder einzöge, wieder "wohne" (Ez 10,18.23f. und 43,2,5; vgl. Alonso Schökel, Salmi I 189).

Zweimal "Friede" (V. 9, 11), zweimal "Wahrheit" (V. 11-12), dreimal "Loyalität" (V. 8, 9, 11) und dreimal "Gerechtigkeit" (V. 11-14) sind zehn Nennungen zur Beschreibung der erhofften vollständigen Erlösung Israels. Wenn Gottes und Israels Wille zur Wiederherstellung "sich treffen", "sich küssen" (V. 9), wenn "vom Himmel" Bundestreue herabschaut, dann wird "aus der Erde", aus dem wiederhergestellten Land, auf jeden Fall Frucht der "Wahrheit" (= aufrichtige Treue) sprießen (V. 12). Dann wird Gott vollkommenes Glück gewähren und von Israel im Land kommt entsprechende Antwort (V. 13). Wenn Gottes Verheißungstreue vor seinem Volk vorangeht, dann werden Israels Schritte auf Gottes Spuren folgen (V. 14).  

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