Wie spricht man mit Gott? Es gibt dafür keine Etikette, wohl aber ein großes Vorbild. Im Buch der Psalmen, oft auch Psalter genannt, findet man alle Formen der Anrede, von der Klage bis zum Jubelruf, von der andächtigen Verneigung bis zum bitteren Vorwurf, von der dringenden Bitte um Beistand bis zum begeisterten Dank.
Viele Kirchenlieder, die zum lieb gewordenen Bestand des Gottesdienstes zählen, gehen auf die Psalmen zurück, nehmen ihren Wortlaut auf oder lassen sich von ihrem metaphorischen Reichtum inspirieren. Die Sprache des Psalters ist von berückender Schönheit. Rhythmus und Melodik besitzen eine traditionsbildende Kraft. Im Stundengebet, das in den Klöstern noch gepflegt wird, werden die Psalmen regelmäßig gebetet und meist auch gesungen. Es handelt sich dabei, unabhängig von ihrem Glaubensinhalt, um Literatur höchsten Ranges.
Gefühlslyrik
Eben das lässt sich von vielen neueren Liedern und Gebeten leider nur selten sagen. Selbst bei dem protestantischen Liederdichter Paul Gerhardt (1607–1676) – er war in der Tat ein großer Lyriker – begegnet uns eine subjektivistische, seltsam erregte Poesie. In seinem Passionslied "O Haupt voll Blut und Wunden" heißt es:
"Nun, was du, Herr erduldet,
Ist alles meine Last;
Ich hab es selbst verschuldet,
Was du getragen hast.
Schau her, hier steh ich Armer,
Der Zorn verdienet hat,
Gib mir, o mein Erbarmer,
Den Anblick deiner Gnad."
Der wahrhaft berühmte Text hat seltsam erotische Züge, etwa, wenn dieses Ich zum Gekreuzigten sagt:
"Die Farbe deiner Wangen,
Der roten Lippen Pracht
Ist hin und ganz vergangen …"
Und später:
"Dein Mund hat mich gelabet"
Oder:
"Alsdann will ich dich fassen
In meinem Arm und Schoß."
Man darf diese religiöse Erregung, die für die Lyrik des Barock kennzeichnend ist, nicht mit unserem heutigen Sprachgebrauch gleichsetzen. Und doch war damit das Fass eines unbegrenzten Subjektivismus aufgemacht. Es hat sich über die oftmals sentimentalen Kirchenlieder des 19. und des 20. Jahrhunderts reichlich ergossen.
Wo das geendet hat, kann man leicht an dem katholischen Gesangbuch "Troubadour für Gott" sehen, das etwa 1200 geistliche Lieder internationaler Herkunft enthält und seit den Siebzigerjahren zahlreiche Neuauflagen erlebt hat. Seit Jahrzehnten erklingt das dort gesammelte Repertoire bei Anlässen, mit denen man die Jugend ansprechen möchte. An die Stelle der Orgel sind Gitarre, Flöte und Keyboard getreten; an die Stelle der im Ritus aufgehobenen Form vielfach das individualistische Bekenntnis:
"Ich singe vor Freude, ich lache vor Freude,
ich weiß, dass der Herr mich jetzt haben will.
Das gibt mir Sicherheit in all meinem Tun.
Der Herr legt selbst die Hand mit an.
Leicht ist es nun, vor Menschen zu stehn,
auch wenn sie schwierig sind.
Wenn sie mir auch oft auf die Nerven gehn:
der Herr ist selbst bei jedermann."
Inzwischen hat die aus Amerika importierte Praise and Worship-Musik dem "Neuen Geistlichen Lied" den Rang abgelaufen. Die Tendenz zum Subjektivismus ist geblieben.
Jenseits der Zwecke und Absichten
Es mag mein Fehler sein, dass ich die Lieder unserer Gottesdienste an den großen Texten der Bibel messe. Der Vergleich mag ungerecht sein. Und doch scheint mir, dass der Versuch, mit Gott zu sprechen, eines Formbewusstseins bedarf. Mich stört die metaphorische Beliebigkeit, das formlose Poetisieren schlichter Gefühle, wie man sie in den neueren Liedern und Gebeten oft findet.
Natürlich meine ich damit nicht das persönliche Gebet. In Stunden schierer Not ist jede Äußerung, und sei es nur ein Stammeln, unmittelbar zu Gott. An die Texte jedoch, die in der Heiligen Messe gebetet oder gesungen werden, muss man höhere Ansprüche stellen. Ihnen wird man vermutlich am ehesten gerecht, wenn man sich einer gewissermaßen objektiven Sprache bedient, zum Beispiel jener, die in den Psalmen herrscht oder in der Eucharistiefeier, deren Gebete vorwiegend biblischen Ursprungs sind.
Ich weiß nicht, wie viele Halleluja-Rufe musikalisch kanonisiert sind. Wenn ich sie höre, ergreift mich zuweilen die schiere Begeisterung. Dafür sind sie ja auch gemacht. Es sind Rufe der Zustimmung, des Einverständnisses, und das gilt ebenso für die vielfältigen Formen des abschließenden Amen-Rufes. Die Bedeutung des Wortes tritt hinter der Akklamation zurück, und in der potenziell unendlichen Wiederholung löst sich die Semantik auf, zugunsten einer rituellen Beschwörung.
Erfahrbar wird diese Wirkung im Rosenkranzgebet. Ich habe es einmal eindrücklich erlebt, als meine Schwiegermutter gestorben war und sich ihre Freundinnen und Bekannten in der Kirche zum Rosenkranz versammelten. Es war in einer schmucklosen neuen Kirche irgendwo in der Eifel. Der Chor der meist älteren Frauen klang wie ein Ewigkeitsgesang.
Wer zum soundsovielten Mal das Ave Maria spricht, vergisst alle Zwecke und Absichten. Er wird frei für das wahre Gebet.