Eine Fiktion von bleibender AktualitätMichel Houellebecqs "Unterwerfung"

Ein islamischer Präsident, ein orientierungsloser Intellektueller und die Frage nach Gott: Michel Houellebecqs "Soumission" entwirft ein Zukunftsbild Frankreichs für das Jahr 2022 – eine Fiktion, die angesichts der geistigen Krise Europas neu gelesen werden sollte.

Ein Bild von dem französischen Schriftsteller Michel Houellebecq
Michel Houellebecq© Fronteiras do Pensamento, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Gute Romane sind rar, und deshalb empfiehlt es sich, die vergangenen von Zeit zu Zeit abermals zu lesen. Ein Beispiel dafür ist der Roman "Soumission" (Unterwerfung) des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq. Seine Diagnose der geistigen Situation Frankreichs wirkt aktueller denn je.

Das 2015 erschienene Buch entwirft ein fiktives Zukunftsbild des Jahres 2022.  Frankreich wird von einem islamischen Präsidenten regiert. Aus Furcht vor einem Sieg des Front National hatten sich die Linken und die Konservativen mit der Partei der Muslime verbündet. Der neue Präsident führt die Polygamie ein, hebt die Gleichstellung der Geschlechter auf und kehrt zurück zum alten Patriarchat.

François ist ein Einzelgänger, der gutem Sex und guten Weinen einiges abgewinnen kann, und doch überfällt ihn der Überdruss an der Sinnleere seines Daseins.

Dem Helden der Geschichte, dem 44-jährigen Literaturwissenschaftler François, missfällt das keineswegs. Er hat sich als Spezialist für Joris-Karl Huysmans einen Namen gemacht. Die neue Universitätsleitung, finanziert von den Saudis, versichert sich seiner Mitarbeit und ködert ihn mit einem üppigen Gehalt. Zuvor allerdings müsste er zum Islam konvertieren. Ob er das tut, bleibt am Ende offen.

François ist ein Einzelgänger, der gutem Sex und guten Weinen einiges abgewinnen kann, und doch überfällt ihn der Überdruss an der Sinnleere seines Daseins. Seine liebste Sexpartnerin Myriam ist nach Israel ausgewandert. Sie ist Jüdin. Ihre Familie fühlt sich in Frankreich nicht mehr sicher.

Auf den Spuren Huysmans’

François sucht nach einem Ausweg aus seiner Krise. Könnte Huysmans ein Vorbild sein? Dieser Schriftsteller (1848 bis 1907), bekannt geworden durch seinen Roman "À rebours" (1884), ein Fanal der Dekadenz, konvertierte in seinen späten Jahren zum Katholizismus und lebte als Laienbruder in einem Kloster.

In diesem Kloster ist François schon einmal gewesen, als er an seiner Dissertation über Huysmans schrieb. Jetzt kehrt er zurück und spielt mit dem Gedanken, Katholik zu werden. Doch gelingt es ihm nicht, sich mit der Litanei der Stundengebete wirklich anzufreunden. Es kommt hinzu, dass dem passionierten Raucher das strikte Tabakverbot missfällt. Von den Gottesdiensten in seine Zelle zurückgekehrt, bemerkt er: "Der Rauchmelder starrte mich mit seinem feindseligen kleinen roten Auge an." Er reist ab.

Auch als er die berühmte Schwarze Madonna von Rocamadour aufsucht, wartet er vergebens auf die Erleuchtung, obgleich ihn die Madonna beeindruckt:

"Es war eine eigenartige Statue, die ein vollständig verschwundenes Universum bezeugte. Die Jungfrau saß ganz aufrecht; ihr Gesicht mit den geschlossenen Augen schien so sehr entrückt, dass es geradezu außerirdisch wirkte. Das Jesuskind – das in Wahrheit keine kindlichen Züge trug, sondern eher die eines Erwachsenen oder gar eines Greises – auf ihrem Schoß saß ebenfalls sehr aufrecht. Die Haltung der beiden brachte weder Zärtlichkeit noch Mutterliebe zum Ausdruck. Dargestellt war nicht das Jesuskind, sondern schon der zukünftige König und Herr der Welt. Seine Abgeklärtheit und der Eindruck von spiritueller Macht und unantastbarer Kraft, den er erweckte, waren beinahe furchteinflößend."

Als er jedoch zum letzten Mal vor der Madonna kniet, spürt er, "wie ich den Kontakt verlor, wie sie sich in den Raum und in die Jahrhunderte zurückzog."

Christentum, Islam und die Seele Europas

Zu den Höhepunkten des Romans zählt das Gespräch zwischen François und Rediger, dem neuen Präsidenten der Universität. Beide sind sich darin einig, dass die Schönheit des Universums einen Schöpfer als Ursache haben muss. Rediger, ursprünglich Katholik, ist zum Islam übergetreten. Im Gespräch plädiert er für den "einfachen Gedanken, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht" – der Unterwerfung des Menschen unter die Gesetze Gottes sowie der Unterwerfung der Frau unter den Mann.

Dass es Gott gibt, ist also klar. Nur: Welcher Gott?

"Der Islam", so führt Rediger aus, "akzeptiert die Welt, und er akzeptiert die Welt, wie sie ist, um mit Nietzsche zu sprechen. Für den Buddhismus ist die Welt dukkha – Mangel, Leiden. Auch das Christentum hegt ihr gegenüber große Vorbehalte – wird der Satan nicht als der 'Fürst dieser Welt' bezeichnet? Für den Islam hingegen ist die göttliche Schöpfung vollkommen, sie ist ein absolutes Meisterwerk." François hört sich das zustimmend an und verzehrt mit einigem Behagen die orientalischen Leckerbissen, die Rediger aufgetischt hat.

Dass es Gott gibt, ist also klar. Nur: Welcher Gott? Rediger sagt:

"Ohne das Christentum wären die europäischen Nationen nichts als ein Körper ohne Seele – Zombies. Bleibt nur die Frage: Könnte das Christentum wieder aufleben? Ich habe es geglaubt, einige Jahre lang – mit wachsendem Zweifel, zumal ich zunehmend vom Denken Toynbees geprägt war, von seiner Idee, dass der Zusammenbruch einer Kultur nicht durch einen militärischen Angriff von außen verursacht wird, sondern dadurch, dass sie an sich selber zugrunde geht."

Dass das Christentum längst an sich selber zugrunde gegangen ist, davon ist Rediger überzeugt, und François fallen keine Gegenargumente ein, zumal er mit wachsender Begeisterung dem wunderbaren Meursault zuspricht, von dem schon die zweite Flasche auf dem Tisch steht. Die neue Administration scheint das Alkoholverbot nicht allzu zu ernst zu nehmen. Wenn die Islamisierung so entspannt abläuft, dann könnte unser Huysmans-Experte geneigt sein, sich ihr anzuschließen.

Ja, das ist eine Fiktion, aber eine, die man ernst nehmen sollte.

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