Spät, aber nicht zu spät, habe ich endlich "Die schwarze Spinne" gelesen. Ich weiß nicht, warum ich um den berühmten Schweizer Schriftsteller Jeremias Gotthelf einen Bogen gemacht hatte. Er lebte von 1797 bis 1854, hieß eigentlich Albert Bitzius und war im Hauptberuf reformierter Pfarrer. Mit seinem ersten Roman "Der Bauern-Spiegel oder Lebensgeschichte des Jeremias Gotthelf, von ihm selbst beschrieben" (1837) wurde er so bekannt, dass er künftig den Namen seines Helden trug.
"Die schwarze Spinne", eine vielleicht achtzig Buchseiten umfassende Novelle, erschienen 1842, ist seine bekannteste Erzählung. Wenn man sich die perfekte Mischung aus einem religiösen Traktat und einem Hollywood-Film vorstellen wollte, dann hätte man ein ungefähres Bild von Gotthelfs Kunst.
Er beginnt seine Geschichte einigermaßen gemächlich und erzählt von einem idyllischen Alpental, wo eine Kindstaufe ansteht. Die Vorbereitungen zu einem großen Fest sind heftig im Gang, alle sind aufgeregt, vor allem die Taufpatin, die Gotte, wie es auf Schweizerisch heißt. Zu ihren Aufgaben gehört es, dem Pfarrer im richtigen Augenblick den Namen des Täuflings zuzuflüstern. Den zu erfragen, hat sie allerdings vergessen.
"Und nun fing noch das Kind zu schreien an, mörderlich und immer mörderlicher. Die arme Gotte begann es zu wiegen in ihren Armen, heftiger und immer heftiger, je lauter es schrie, dass die Blätter stoben von ihrem Meyen (Blumenstrauß) an der Brust. Je höher die Brust sich hob, umso höher flog das Kind in ihren Armen, und je höher es flog, umso lauter schrie es, und je lauter es schrie, umso gewaltiger las der Pfarrer die Gebete."
Vor dem Festmahl sitzt man noch etwas beieinander, und jetzt erzählt der Großvater das Drama von der Spinne. Es begann vor etlichen hundert Jahren, als die Bauern noch Frondienst leisten mussten. Der Schlossherr verlangt von ihnen, binnen Monatsfrist eine Allee von hundert Buchen anzulegen. Sie sind verzweifelt, weil der Auftrag weit über ihre Kräfte geht.
"Da stund plötzlich vor ihnen, sie wussten nicht woher, lang und dürr ein grüner Jägersmann. Auf dem kecken Barett schwankte eine rote Feder, im schwarzen Gesichte flammte ein rotes Bärtchen…"
Es ist der Teufel. Er verspricht, ihnen zu helfen, wenn sie ihm das nächstgeborene Kind ungetauft überlassen. Entsetzt suchen die Bauern das Weite, allein die kecke Christine bleibt zurück. Sie ärgert sich über die Feigheit der Männer, sie glaubt, den Teufel überlisten zu können und wird mit ihm handelseinig.
Der Teufel besiegelt den Vertrag, indem er sie auf die Wange küsst.
"Da berührte der spitzige Mund Christines Gesicht, und ihr war, als ob von spitzigem Eisen aus Feuer durch Mark und Bein fahre, durch Leib und Seele, und ein gelber Blitz fuhr zwischen ihnen durch."
Als das nächste Kind geboren wird, gelingt es dem Pfarrer, mittels Gebeten und Weihwasser den teuflischen Zugriff abzuwehren und das Kind zu taufen. Nun ist es ein Kind Gottes und außerhalb der Macht des Bösen. So geschieht es auch bei der nächsten Geburt. Je öfter aber der Teufel betrogen wird, umso größer wird das schwarze Mal auf Christines Wange (Folge des Kusses), bis es endlich aufplatzt und eine schwarze Spinne herauskommt. Sie vermehrt sich rasend schnell, eine unendliche Zahl von Spinnen überfällt Mensch und Tier, bis die meisten den tödlichen Bissen erliegen.
"Schrecklicher als das Sterben war die namenlose Angst vor der Spinne."
Es gibt Augenblicke in dieser virtuos erzählten Geschichte, da wähnt man sich in einem Horrorfilm. Natürlich kommt es dem frommen Pfarrer Bitzius nicht auf den Horror an, sondern auf die Moral. Er kritisiert seine duckmäuserischen Landsleute, ihre Feigheit, ihren Egoismus. Als die Schrecken des Bösen über sie kommen, werden sie gottesfürchtig und beten um Beistand; als die Spinne scheinbar besiegt ist, wenden sie sich ab von Gott und trachten nur noch nach Wohlstand.
Die interessanteste Figur ist Christine. Sie ist selbstbewusst und mutig, sie ist es, die den Pakt mit dem Teufel schließt und damit die Bauern einstweilen rettet. Dass sie Ausländerin ist, eine Deutsche aus Lindau am Bodensee, die von den Einheimischen nie wirklich akzeptiert worden ist, das wird mehrmals gesagt. Es bleibt offen, wie sich der Erzähler dazu stellt. Jedenfalls legt er Wert auf die Pointe: Wer dem Bösen auch nur den kleinen Finger reicht, der verliert Leib und Seele.
Die Theologie, die Gotthelf hier propagiert, ist ebenso schlicht wie biblisch begründet. Wer im Sinne Gottes auf Erden wandelt, der erntet Glück und Frieden. Natürlich hat Gotthelf gewusst, dass dies keineswegs garantiert ist, und vielleicht deshalb hat er mit Hilfe seiner Christine, die eine feministische Heilige sein könnte, aus dem scheinbaren Märchen eine überzeitliche Parabel gemacht. Wir erleben, dass das Böse, verkörpert durch die Spinne, eine ewige Verlockung und Gefahr bedeutet.