"Ich habe dich bei deinem Namen gerufen": Plädoyer für eine Wiederentdeckung der Namenstage

Der Namenstag ist mehr als ein vergessener Brauch: Er erinnert an Heilige, an die eigene Taufe und an die persönliche Berufung. Ein Plädoyer dafür, ihn neu zu entdecken – als Anlass, nach den eigenen geistlichen Wurzeln zu fragen und dem eigenen Weg mit Gott nachzuspüren.

Theresia Kamp
© Nadine Winter

"Buon onomastico!" Strahlend überreichte mir meine italienische Gastfamilie eine kleine Torte und schaute mich erwartungsvoll an. Ich bedankte mich herzlich für diese nette Geste. Innerlich überlegte ich fieberhaft, zu was sie mir gratulierten. Für ein Begrüßungsgeschenk war es schon etwas spät. Dachten sie, mein Geburtstag wäre im Oktober? "Onomastico" gehörte nicht zum Standardvokabular für Italienisch in der neunten Klasse in Baden-Württemberg.

Offenbar stand mir die Verwirrung ins Gesicht geschrieben, obwohl ich natürlich alles daran setzte, bella figura zu machen. Irgendwann fiel der Groschen: Sie gratulierten mir zum Namenstag! Und anders als ich es gewohnt war, war das für sie eine richtig große Sache. Seither denke ich, dass es die Feier des Namenstags wert wäre, wieder stärker entdeckt zu werden.

Zuallererst regt die Beschäftigung mit dem Namenstag eine Spurensuche an, an welchem Tag man denn überhaupt feiern könnte. Welche Heilige – Personen mit einer besonderen Geschichte mit Gott, die sich oft mit Feuereifer für Menschen eingesetzt haben – teilen meinen Namen oder dessen Wurzel? Welche Erfahrungen haben diese Personen mit Gott gemacht, wie brachten sie Lebenszeit und Heilszeit miteinander ins Schwingen? Und was davon berührt etwas in mir, will mich herausfordern oder inspirieren?

Ich sehe mich noch heute in meinem Kinderzimmer sitzen, vom Ehrgeiz gepackt, den berühmten "Nichts soll Dich ängstigen"-Spruch von Teresa von Ávila aus meinem Gotteslob auswendig zu lernen. 

Zwei prägende Heiligenbiografien

Meine Eltern wollten sich nicht auf eine der beiden großen "Theresias" festlegen, nach der ich offiziell benannt wäre. Das führte dazu, dass ich mich als Kind und Jugendliche mit gleich zwei Heiligenbiografien und ihren jeweiligen Spiritualitäten beschäftigt habe: mit der heiligen Thérèse von Lisieux und ihrem "kleinen Weg" der Alltagsheiligkeit und mit der heiligen Teresa von Ávila und ihrem Einsatz für das innere Gebet, das Reden mit Gott wie mit einem Freund.

Am Ende haben mich dadurch beide geprägt. Ich sehe mich noch heute in meinem Kinderzimmer sitzen, vom Ehrgeiz gepackt, den berühmten "Nichts soll Dich ängstigen"-Spruch von Teresa von Ávila aus meinem Gotteslob auswendig zu lernen. Ich fand es einfach spannend, dass ihrer und mein Name darunter stand. Wer weiß, welche Spuren dieses "Mantra des Gottvertrauens" in mir hinterlassen hat, wovon ich in herausfordernden Situationen zehren konnte.

Erinnerung an die eigene Taufe

Das zentrale Element für eine Namenstagsfeier könnte neben Kuchen, der bekanntlich immer eine gute Idee ist, im Entzünden der eigenen Taufkerze bestehen. Schließlich ist ihre Feier eng mit der Namensgebung verbunden. Was nach einem kleinen Ritual klingt, hat eine große Theologie im Hintergrund. In der Taufliturgie heißt es:

"Aufgenommen in das Volk Gottes wirst du nun mit dem heiligen Chrisam gesalbt, denn du bist Glied des Volkes Gottes und gehörst für immer Christus an, der gesalbt ist zum Priester, König und Prophet in Ewigkeit."

Vor Gott zählt jeder Einzelne, hat eine Würde wie ein Priester, ein Prophet oder ein König. Das bringt auch einer der beliebtesten Taufsprüche aller Zeiten zum Ausdruck: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." (Jes 43,1)

Der Namenstag lädt dazu ein, dass ich mich an meine eigene Taufe erinnere und damit daran, dass ich so wie meine Patronin oder mein Patron eine Berufung habe, einen Weg mit Gott, den nur ich gehen kann. Glaube lässt sich nicht delegieren, eine existentielle Entscheidung nicht einem anderen überlassen. Die Zukunft der Kirche wird sich nicht durch "man könnte, sollte, müsste wirklich endlich" entscheiden, ein unpersönliches "Man", hinter dem es sich gemütlich machen kann. Sondern sie lebt von Anna, von Sebastian, von Helena und Georg, von Theresia. Von mir.

An meinem Namenstag könnte ich mir die Frage stellen: Lebe ich mein Leben so, als ginge ich davon aus, dass ich etwas zu dieser Welt beizutragen habe, das nur ich beitragen kann? 

Wozu ich mich berufen fühle

An meinem Namenstag könnte ich mir die Frage stellen: Lebe ich mein Leben so, als ginge ich davon aus, dass ich etwas zu dieser Welt beizutragen habe, das nur ich beitragen kann? Bringe ich meine Talente und Fähigkeiten zur Entfaltung und erlebe genau darin so etwas wie Ganzheit und Erfüllung – und wenn nicht, was hindert mich daran?

Ich bin dazu berufen, meine Begabungen einzubringen, im Wissen darum, dass so, wie ich mein "Ganzes" gebe, auch Gott immer schon sein Ganzes gegeben hat und der Wind unter meinen Flügeln sein wird, sobald ich mich traue, zu springen. Eine solche Mentalität stünde einer Kirche von morgen gut zu Gesicht, die zwar weniger Mitglieder, Geld und Strukturen hat als früher, aber aus Menschen zusammengesetzt ist, die wissen, dass es auf sie ankommt, das Wagnis einzugehen und sich zugleich ganz auf Gott zu verlassen.

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