In einer schwäbischen Kleinstadt im Speckgürtel Stuttgarts groß geworden zu sein, bedeutete, dass es zwar Marienfiguren in den katholischen Kirchen gab, aber durch die protestantische Prägung wenig Andacht zu ihr. Umso erstaunter bin ich jedes Mal, wie es mir geht, wenn ich die Kirche Sankt Peter am Perlach in Augsburg besuche. Vor dem Gnadenbild der "Knotenlöserin", für die sie bekannt ist, spüre ich einen intuitiven Zugang zu ihr. Das geht nicht nur mir so. Die romanische Kirche ist ein Ort der Geborgenheit im wuseligen Gewimmel der Stadt. Die Last des Lebens wiegt dort etwas leichter.
Das weltberühmte Gemälde zeigt Maria, die die Knoten aus einem Band löst, das von zwei Engeln gehalten wird. Das Motiv scheint schon bei dem Kirchenlehrer Irenäus von Lyon im zweiten Jahrhundert nach Christus auf. Er schreibt, Maria löse durch ihren Glauben die Knoten, die Eva durch ihren Ungehorsam gebunden hätte. Allerdings ist es nicht belegt, ob der bayerische Maler diese Tradition kannte.
Für den Kirchenrektor von Sankt Peter am Perlach, Dominik Loy, ist diese Unsicherheit genauso unproblematisch wie die Frage, ob Johann Georg Melchior Schmidtner, dem das Bild zugeschrieben wird, tatsächlich der Künstler war – und ob die Geschichte stimmt, dass ein Augsburger Patrizier es um 1700 aus Dankbarkeit gestiftet hat, da nach dem Gebet vor einem Marienbild die Ehe seiner Großeltern gerettet worden war. "Wir sind nicht im Museum. Wir stehen nicht unter Druck, viel erläutern zu müssen. Sondern wir können sagen: Du als Pilger, Du als Mensch, der kommt, Du kannst Dir in diesem Bild erschließen, was Du mitbringst und was Du für Dich darin entdeckst", erklärt Dominik Loy im Gespräch mit COMMUNIO. Auch wenn die kunsthistorische Bedeutung nicht unendlich groß sei, bleibe die Darstellung einzigartig.
Papst Franziskus als Fan der Knotenlöserin
Ihr eigenes Leben mitbringen, das tun die Menschen. Manche kommen ganz regelmäßig, gleich in der Früh vor der Arbeit, einige von ihnen jeden Tag. Andere kommen, weil sie etwas Besonderes erlebt haben. Eines Tages stand plötzlich eine Familie mit zwei Jungen aus dem Libanon da, erinnert sich Loy. Sie hatten sich lange ein zweites Kind gewünscht, mussten aber mehrere Fehlgeburten erleben.
In ihrer Not wandten sie sich an die Knotenlöserin. "Da tippt die Mama dem Jüngeren auf die Schulter und sagt: 'Dann kam er'", erzählt Loy. Für die Familie stand fest: Die erste Reise, die sie ins Ausland machen würden, sollte zur Knotenlöserin gehen, um "Danke" zu sagen. Zu dem Zeitpunkt sei der kleine Sohn sicher schon zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen.
Dominik Loy, Kirchenrektor von Sankt Peter am Perlach, vor dem Gnadenbild der "Knotenlöserin"
© privat
Wenn jemand ihm von etwas Schwierigem berichtet, sichert Dominik Loy der Person zu: "Ich erzähle es der Knotenlöserin", und spricht dabei mit einer Selbstverständlichkeit von ihr, als meinte er seinen Nachbarn. Wenn er in die Kirche kommt, um einen Gottesdienst zu feiern, oder bevor er wieder geht, nimmt er sich einen Moment der Stille und gibt die anvertrauten Anliegen weiter. Zum Beispiel, als sich eine Familie Sorgen um die junge Mutter machte, die große gesundheitliche Problem hatte, aber keine medizinische Behandlung wollte. Am Abend habe ihn die Nachricht erreicht, dass sie jetzt bereit sei, Hilfe anzunehmen.
Es hilft den Betroffenen, einen Ort zu kennen, wo sie hingehen können, jemanden zu haben, auf den sie ihre Hoffnung richten und an den sie ihr Gebet adressieren können.
In den letzten Jahren hatte die Knotenlöserin einen prominenten Fan. Papst Franziskus fühlte sich der Darstellung besonders verbunden und sorgte dafür, dass sie weltweit bekannt wurde. Die dahinterstehende Spiritualität eines kindlichen Vertrauens passt sehr gut zu seinem bodenständigen Pontifikat: "Man muss kein Kampfbeten mit 25 Rosenkränzen machen. Ich sage immer: 'Gehen Sie einfach hin und erzählen Sie es ihr'. Zur eigenen Mutter muss ich auch nicht erst einmal in Vorleistung gehen und argumentieren, warum Handlungsbedarf besteht. Sie hört einfach zu", unterstreicht Loy.
Vielleicht liegt genau in dieser Zugänglichkeit ihr Geheimnis. Auch wenn der 37-jährige Priester zugibt, dass die Darstellung des Motivs auf einer Ikone, die er einmal gesehen hat, theologisch korrekter wäre. Darauf löst nicht Maria, sondern das Jesuskind auf ihrem Schoß die Knoten. Der Handelnde ist Gott.
Ort der Hoffnung und des Gebets
Aber was, wenn er nicht handelt? Dominik Loy, der in Dogmatik promoviert, trifft auch Menschen, deren Gebetserhörung auf sich warten lässt. "Es ist nichts Magisches", betont der Seelsorger. In solchen Situationen würden auch Warum-Fragen gestellt werden. Und dennoch helfe es den Betroffenen, einen Ort zu kennen, wo sie hingehen können, jemanden zu haben, auf den sie ihre Hoffnung richten und an den sie ihr Gebet adressieren können.
Wie konkret dieses Bedürfnis ist, zeigt sich an einem neuen Trend. Die Besucherinnen und Besucher knoten immer häufiger eigene Bänder, die mit ihren Anliegen beschriftet sind, irgendwo in der Kirche fest, zum Beispiel an einen Kerzenständer. Manche haben kein Band mitgebracht und benutzen Servietten und Taschentücher. So entstünden ganze Sorgenbündel. Aber man nimmt sie nicht wieder mit nach Hause, sondern geht in dem Wissen, dass sie dort gut aufgehoben sind – bei der Knotenlöserin und bei Gott.