Die Uhren sind auf Winterzeit eingestellt. Der Tag wird schneller von der Dunkelheit gefressen. Kommt Nebel hinzu, sieht man manchmal tagelang die Sonne nicht. Viele Menschen erleben in dieser Zeit ein Stimmungstief, bis hin zur diagnostizierbaren Winterdepression. Bei anderen hält sich ihre psychische Krankheit nicht an Jahreszeiten und sie haben auch den Rest des Jahres zu kämpfen. Wie bringt man Menschen, die es gerade nicht leicht haben, Licht und Hoffnung, ohne dass es sich nach Vertröstung anfühlt?
Dem britischen Künstler Charlie Mackesy gelingt das scheinbar ohne Anstrengung. Mit seinen Bildern und Dialogen rund um die Figuren eines kleinen Jungen, eines Maulwurfs, eines Fuchses und eines Pferdes berührt er Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Seine Kunstwerke hängen in Krankenhausstationen, sind an die Wände von Cafés gemalt oder auf Aufsteller in U-Bahn-Stationen. Was man ihnen nicht ansieht: Sie entspringen seinem christlichen Glauben.
Wie sagt man jemandem: Du bist geliebt?
Dabei war der 63-Jährige ursprünglich gar nicht gläubig, sondern Atheist. Auf einem Musikfestival hörte er vor 35 Jahren den Gospelsong "Oh happy Day" – und konnte plötzlich nicht aufhören, zu weinen. In einem Interview mit einem christlichen Fernsehsender erzählt er, Jesus habe ihn auf eine Reise mitgenommen, die wahre Schönheit von Menschen zu entdecken.
Schon in der Schule hätte er gewusst, dass er malen kann. Aber erst der Glaube habe ihm einen Grund dafür gegeben. Denn er wünschte sich, die von ihm neuentdeckte Botschaft, unbedingt geliebt zu werden, an die Menschen weiterzugeben, die ihm wichtig waren. Aber jemandem zu vermitteln: "Du bist geliebt", ist gar nicht so einfach.
Wir leben in einer Zeit des "Höher! Schneller! Weiter!", der Bedürfniserstickung in immer noch mehr Konsum auf Kosten anderer und einer scheinbar neu entfachten Kriegsbegeisterung. All dem setzt Mackesy das Konzept der Kindness entgegen.
Also malte er zum Beispiel für eine Freundin, die an einer bipolaren Störung litt, das Bild "Prodigal Daughter" ("Die verlorene Tochter"). Eine Person hält darauf eine andere, sichtlich geschwächte in den Armen. Das Gehalten-Werden ist unglaublich berührend. Was genau zwischen den beiden passiert, liegt im Dunkeln, die Gesichter sind nicht erkennbar. Über das ganze Bild verteilt fließt Farbe, Signaturen des Leids. Die Tropfen erinnern an Tränen. Damit bleibt das Leid sichtbar und wird nicht wegretuschiert. Dieses Charakteristikum macht Mackesys Œuvre, das neben Zeichnungen und Malereien aus Lithographien und Skulpturen besteht, so wertvoll.
"Kindness" als Lebensziel
Die Geschichte des kleinen Jungen, des Maulwurfs, des Fuchses und des Pferdes begann auf Instagram. Dort bin auch ich ihm das erste Mal begegnet, über den Kanal von Nicky Gumbel, dem anglikanischen Priester, der den Glaubenskurs "Alpha" bekannt gemacht hat. Die beiden sind miteinander befreundet, Mackesy gehört zu dessen Londoner Gemeinde.
In einer der bekanntesten gemalten Szenen lässt der Künstler den Maulwurf fragen: "What do you want to be when you grow up?" ("Was willst du werden, wenn du groß bist?") "Kind" ("Freundlich"), sagte der Junge. Wir leben in einer Zeit des "Höher! Schneller! Weiter!", der Bedürfniserstickung in immer noch mehr Konsum auf Kosten anderer und einer scheinbar neu entfachten Kriegsbegeisterung. All dem setzt Mackesy das Konzept der Kindness entgegen, der inneren, zugewandten Haltung, die mit "Freundlichkeit" nur unzureichend übersetzt werden kann. Wie sähe eine Welt aus, die von Menschen mit demselben Ziel regiert werden würde?
Selbstzweifel und das Gefühl, nicht zu genügen
In vielen Gesprächen der vier Charaktere geht es um Selbstzweifel und das Gefühl, nicht genug zu sein. In einem sagt der Junge: "Sometimes I feel I haven’t done much" ("Manchmal habe ich das Gefühl, nicht viel geleistet zu haben"). Darauf antwortet das Pferd: "You’ve got up and carried on, which is brave and magnificent" ("Du bist aufgestanden und hast weitergemacht, und das ist mutig und großartig"). Dass schon das morgendliche Aufstehen und die ganz normalen Aufgaben des Alltags zu großen Herausforderungen werden, können Menschen nachvollziehen, deren Seele aus dem Gleichgewicht geraten ist. Mackesy gibt ihnen eine Stimme. Und zugleich schenkt er ihnen Anerkennung und einen Hoffnungshorizont, der über die aktuelle Situation hinausweist.
Mackesy lässt Exemplare seiner Bücher gern an Bushaltestellen liegen für jemanden, der es gerade brauchen kann.
Der Erfolg in den Sozialen Medien blieb nicht unbemerkt. 2019 wurde aus den Aphorismen ein erstes Buch. Die darauffolgende Corona-Zeit brachte besonders viel Sehnsucht nach echtem Zuspruch mit sich, den Mackesy auf seiner Seite kostenlos zur Verfügung stellte. Immer wieder teilte er mutmachende Botschaften wie die, dass man in der Rückschau erkennen wird, wie tapfer man gewesen ist. 2023 bekam er nichts Geringeres als einen Oscar für den Kurzfilm, der auf der Grundlage des Buchs entstanden ist. Inzwischen ist ein zweites erschienen. Mackesy lässt Exemplare seiner Bücher gern an Bushaltestellen liegen für jemanden, der es gerade brauchen kann. In einem Artikel im stern berichtet er, einmal habe ihm ein Mann erzählt, dass ihn sein Buch davor bewahrt hat, sich das Leben zu nehmen.
Charlie Mackesy gibt Themen Aufmerksamkeit, die in den großen Kirchen bisher nicht unbedingt auf Platz eins standen: Verletzlichkeit, Gebrochenheit, Selbstzweifel und Trauer. Er ermutigt dazu, zu den eigenen Schwächen und Brüchen zu stehen. Und erzählt mit seinen Stiften und Pinseln von einem Gott, der sie sieht und jeden einzelnen Menschen bedingungslos liebt: "Always remember you matter, you're important and you are loved, and you bring to this world things no one else can." ("Denk immer daran: du bist wertvoll, du bist wichtig und du wirst geliebt – und du bereicherst diese Welt mit Dingen, die niemand anderes beitragen kann.")