Israel jenseits der SchlagzeilenZwischen Schabbat, Sirenen und Lebensfreude

Politisch ist Israel extrem gespalten. Nicht aber darin, wie man die letzten zweieinhalb Jahre erlebt hat. Im Bunker sitzen alle zusammen, egal, was sie wählen.

Johannes Hartl
© Rudi Töws

In der Abendsonne kann man fast bis Ein Kerem blicken, dem Ort, wo Maria ihre Cousine Elisabeth besuchte. Heute ist dieses Hügelland eine der besseren Wohngegenden Jerusalems. Noch ein Glas Wein, ein paar Oliven, bis das Fleisch fertig ist.

Die junge Familie, die uns ganz spontan zum Schabbat eingeladen hat, überschüttet uns mit Gastfreundschaft. „Gepriesen bist du Herr, unser Gott, der Brot aus der Erde hervorbringt“, erklingt auf Hebräisch und tatsächlich gibt es eine Sirene in der Nachbarschaft, die den genauen Beginn des heiligen Tages ankündigt.

Jenseits aller Schlagzeilen besteht Israel aus Menschen verschiedener Ethnien und Religionen, die einfach leben wollen. Die zwei Kinder spielen im Garten, ich stelle mich zum Ehemann an den Grill. Rund 400 Tage sei er als Reservist seit dem 7. Oktober eingezogen gewesen. Das ist ganz normal. Er ist bei der Infanterie und dass er immer lebend nach Hause gekommen ist, ist weniger selbstverständlich.

Was man hier über Netanyahu denkt oder über Trump, ist zweitrangig.

An Häuserwänden, Laternenmasten und Bauzäunen kleben im ganzen Land Sticker, die gefallener Soldaten gedenken. Junge Männer, viele verheiratet, viele schon Väter. 

Was man hier über Netanyahu denkt oder über Trump, ist zweitrangig. Politisch ist Israel extrem gespalten. Politisch ist Israel extrem gespalten. Nicht aber darin, wie man die letzten zweieinhalb Jahre erlebt hat. An manchen Tagen habe es 30-mal Raketenalarm gegeben. 5-mal pro Nacht. Dort im Bunker sitzen alle zusammen, egal, was sie wählen.

Dort drüben, Deborah zeigt uns die Stelle, sei eine iranische Rakete eingeschlagen. Im fernen Deutschland urteilt man leicht. Israel solle den Frieden suchen. Doch was genau bedeutet das nach dem 7. Oktober? Fast jeder Israeli kennt jemanden oder kennt jemanden, der jemanden kennt, der an diesem blutigsten Tag der Geschichte der jungen Nation auf grausame Weise ermordet wurde.

Doch der Terror hat nicht am 7. Oktober begonnen. Tausende Raketen hatten Hamas und Hisbollah bereits vorher auf ziviles israelisches Gebiet abgeschossen, jahrelang. Nun wird Israel für sein harsches Vorgehen international gerügt, doch die Raketen schweigen.

Ein Ja zum Leben

Was mich beeindruckt, ist die Stimmung. Von Resignation keine Spur. Israelis haben ein Ja zum Leben. Eine grundsätzliche Freude, wie ich sie in Deutschland nicht kenne. Man hilft sich gegenseitig. Im Bunker bringt jeder etwas zum Teilen mit. Sobald alle wieder ans Tageslicht dürfen, wird gefeiert und Nachbarn werden eingeladen. Das ist eine Seite der Geschichte.

Eine andere hören wir in Bethlehem, wo die Anzahl der arabischen Christen seit Jahrzehnten beständig zurückgeht. Viele denken ans Auswandern, die Pilgerströme nehmen ab und zwischen muslimischer Mehrheitsgesellschaft und israelischem Reglement wird gerade die christliche Minderheit im Lande Jesu zerrieben.

In Jerusalem hört man von Feindseligkeiten radikaler Juden gegen Christen. Zwar gehören die Täter zu einer kleinen, sektenhaften Minderheit, doch Sorgen wachsen, die politische Rechte nähme die Übergriffe nicht wirklich ernst, befeuere sie bisweilen gar.

Zur ganzen Wahrheit gehört zugleich, dass Christen nirgendwo im Nahen Osten sicherer leben als in Israel und die absolute Mehrheit der Israelis religiös überaus tolerant ist. Von der „ganzen Wahrheit“ zu sprechen, ist im Nahen Osten allerdings nie unproblematisch. So besteht zumindest ein Erkenntnisgewinn darin, selbst einmal hinzureisen und mit den Menschen zu sprechen. Gewisse Urteile fällt man dann vielleicht weniger schnell.

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