Steigt der Frust über kirchliche Zustände hierzulande ins Unerträgliche, empfiehlt sich eine Reise ins Ausland. Es ist beinahe egal, in welche Richtung man reist, man kann ziemlich sicher sein: dort wird der Glaube mit deutlich mehr Freude gelebt.
Vor wenigen Tagen fand in London wieder die Leadership Conference statt, zu der die Alpha-Bewegung eingeladen hatte. Über 5000 Teilnehmer, die die spektakuläre Royal Albert Hall mit freudigem Lobpreis füllen, dafür relativ hohe Ticketpreise bezahlen und teilweise um die halbe Welt gereist sind: in Berlin wäre Vergleichbares nicht so leicht vorstellbar.
Zwei Tage lang reihten sich Vorträge, musikalische Beiträge, Gebete und persönliche Glaubenszeugnisse aneinander. Mit Kardinal Tagle gab es einen prominenten katholischen Namen unter den Sprechern, mit der lettischen Premierministerin Evika Siliņa eine bedeutende Politikerin.
Doch das Besondere an den Tagen ist die schiere Freude am Glauben, die sich durch alle Beiträge zieht. Da berichtet eine junge Studentin aus Oxford mit hinduistischem Background von ihrer erst Wochen zurückliegenden Taufe. Keine Seltenheit: in Oxford ist christlicher Glaube in und die Kirchen sonntags übervoll. Ein hagerer Mann mittleren Alters hatte 20 Jahre lang Drogen genommen, fand während seines Entzugs zum Glauben und erzählt nun freudestrahlend von seiner Kirche in Brighton, wo er nun selbst Alphakurse durchführt. Jubel aus den hinteren Reihen; das sind seine Gemeindefreunde aus Brighton, die mitgekommen sind.
Im letzten Jahr alleine haben weltweit 2,83 Millionen Menschen einen Alphakurs besucht: mehr als je zuvor in einem Jahr.
Wer das für Einzelfälle hält, übersieht das größere Bild. Im letzten Jahr alleine haben weltweit 2,83 Millionen Menschen einen Alphakurs besucht: mehr als je zuvor in einem Jahr. Das größte Wachstum verzeichnet dabei Asien, die Zahlen steigen Jahr für Jahr um bis zu 40 Prozent.
Doch auch in UK sind es jährlich Zehntausende. Treibende Kraft hinter dieser erstaunlichen Entwicklung ist eine anglikanische Gemeinde mitten in London: die Holy Trinity Brompton Church, von Insidern meist HTB abgekürzt. Unter der Leitung ihres charismatischen Pastors Nicky Gumbel entwickelte sie Anfang der Neunziger den berühmten Glaubenskurs, öffnete sich bewusst für charismatische Frömmigkeitsformen und befindet sich seither auf einem spektakulären Wachstumskurs.
Schon bald konnte der etwa 600 Personen fassende Kirchenraum trotz mehrerer sonntäglicher Gottesdienste den Besucherandrang nicht mehr fassen. So entschied man sich, Teams in andere Gemeinden zu entsenden, die am Aussterben waren. Eine der Kirchen Londons war sonntags zum Beispiel noch von 7 Gottesdienstbesuchern frequentiert. Nach dem Neustart durch das HTB-Team (die Insider nennen das church replant) wuchs die Zahl der Besucher rasant und nicht selten wurde eine solche Gemeinde nach ein paar Jahren abermals zu einer sendenden Gemeinde, die also weitere Gemeindegründungen anstieß.
Im Laufe der letzten 25 Jahre wurden ausgehend von Holy Trinity über 200 neue Gemeinden gegründet. Sie alle missionarisch, wachsend, pulsierend und voller junger Menschen.
Prioritäten
Weil all das in Deutschland kaum bekannt ist, sollte öfter darüber gesprochen werden. Die Selbstverständlichkeit, mit der in London über die Freude gesprochen wird, gläubig zu sein, macht im positiven Sinne nachdenklich. Frei von konfessionellem Gezänk (die Konferenz wird von Anglikanern ausgerichtet, ist aber bewusst ökumenisch), Politik und Kulturkampf erinnert die Leadership Conference an den berühmten Slogan Stephen Coveys: The main thing is to keep the main thing the main thing. Zu Deutsch: das Wichtigste ist, dafür zu sorgen, dass das Wichtigste auch das Wichtigste bleibt. Was ist das Wichtigste am Glauben? Nun, ganz gewiss nicht Strukturdebatten, Gremien und Geld.
Der christliche Glaube wächst weltweit.
Menschen erleben ihn als befreiend, Freude spendend und tatsächlich als das Wichtigste ihres Lebens. Darum geht es. Dafür jedoch ist die Erinnerung hilfreich, dass Deutschland nicht der Nabel der Welt ist, sondern in vielerlei Hinsicht die Ausnahme von der Regel.