Dass Christentum für Nächstenliebe steht, anerkennen sogar jene, die selbst nicht an Christus glauben. Völlig zu Recht nämlich fordern sie diese ein, wenn Christen sich wieder einmal nicht liebevoll verhalten. Dass Liebe jedoch nicht immer nur aus Nettsein und Harmlosigkeit besteht, bleibt dabei oft unerwähnt. Worin genau also besteht sie, diese Nächstenliebe?
Es ist ein heißer Tag in Porto und meine Frau und mich verschlägt es eher zufällig in das Museum an der belebten Altstadtgasse. Auch, weil es dort so schön klimatisiert ist. Es ist ein Museum, das den ungewöhnlichen Namen „Museu da Misericórdia“ trägt und darstellt, was in Porto im Laufe von Jahrhunderten im Namen der christlichen Nächstenliebe geleistet wurde. Armenspeisung, Krankenhäuser, Waisenfürsorge.
Einem Menschen die Wahrheit nicht zuzumuten, bedeutet, ihn als Mensch nicht ernst zu nehmen.
Im Eingangsbereich des Museums aufgelistet sind jedoch noch ganz andere Aspekte von Nächstenliebe, die sich deutlich weniger Bekanntschaft erfreuen. Es sind die 7 „geistlichen Werke der Barmherzigkeit“. Nach dieser altehrwürdigen Tradition besteht die tätige Liebe zu den Menschen auch darin, Trauernde zu trösten, Beleidigern gerne zu verzeihen und Lästige geduldig zu ertragen.
Nicht jeder hat es mit Witwen und Waisen in der Umgebung zu tun, doch wohl jeder wird Menschen kennen, die zu ertragen nicht immer einfach sind. Menschen, die einen nerven. Und wohl jeder kennt mindestens eine Person, die gerade trauert, der es nicht gut geht.
Unzeitgemäße Tugenden
Noch pikanter jedoch schienen mir weitere drei der geistlichen Werke der Barmherzigkeit, die dort aufgelistet sind: Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Irrende und Sünder zurechtweisen. Diese drei haben als Besonderheit, dass sie etwas mit Orientierung zu tun haben, ja mit Wahrheit. Wohlgemerkt steht hier nicht, die Barmherzigkeit bestünde darin, Unwissende in ihrer Unwissenheit anzunehmen, Zweifelnde nicht zu verurteilen und die Sünder ergebnisoffen zu lieben. All das ist gewiss wichtig, genügt aber nicht. Doch gilt heutzutage nicht gerade dies als barmherzig?
Einen Menschen einfach so sein zu lassen, wie er oder sie ist, ohne mit der eigenen Meinung explizit zu werden? Was liebevoll klingt, ist es beim näheren Betrachten aber nicht. Die Wahrheit sei dem Menschen zumutbar, so meinte Ingeborg Bachmann, deren 100. Geburtstag vor wenigen Wochen gefeiert wurde.
Liebe bedeutet viel mehr als Nettsein: tatsächlich das Beste für den anderen wollen.
Wollen wir aber die Wahrheit zumuten? Falls nein: ist es wirklich die Barmherzigkeit, die uns daran hindert oder nicht eher - die Feigheit? Freilich gibt es eine Form des Pochens auf Wahrheit, die an sich schon lieblos ist. Manche Ratschläge sind auch Schläge. Das Gegenteil jedoch ist ebenso trügerisch. Unwissende, Zweifelnde und Irrende - auch durch Schweigen - in ihrer Sichtweise zu bestärken, kann sogar fahrlässig sein.
Einem Menschen die Wahrheit nicht zuzumuten, bedeutet, ihn als Mensch nicht ernst zu nehmen. Ihm die Kompetenz abzusprechen, mit dem Gehörten produktiv umzugehen. Tatsächlich ist das eben alles andere als barmherzig.
In einer Zeit, in der Akzeptanz und Toleranz, das Annehmen und Nicht-Bewerten als die größten aller sozialen Tugenden gelten, sind die geistlichen Werke der Barmherzigkeit durchaus unzeitgemäße Erinnerungen an das, was Liebe eigentlich ist. Diese bedeutet nämlich viel mehr als Nettsein: tatsächlich das Beste für den anderen wollen. Liebe ohne Wahrheit ist bloße Sentimentalität.