Angesichts von Kirchenkrise und (attestierter) Konturlosigkeit könnte der Protestantismus in seiner Suchbewegung zwischen wechselnder Gegenwart und zeitlosen Werten auf die Früchte der eigenen Kulturwirkung zurückgreifen, die diesen Spagat offenbar zu meistern wissen. Zu diesen gehört der amerikanische Preppy-Style. Die Moderichtung genießt ungebrochene Popularität. Deren Entstehung wäre ohne den Protestantismus nicht möglich gewesen. Zunächst der reinen Oberflächlichkeit verdächtig, eröffnet der Blick auf die im Preppy-Style veranlagte Werteverdichtung die Möglichkeit einer protestantischen Selbstvergewisserung: Preppy Protestantism.
Ben Bernschneider ist ein Influencer. Und bevor Missverständnisse auftauchen: Bernschneider hat mit Kirche nichts am Hut und würde sich, nachvollziehbarerweise, gegen jede Vereinnahmung wehren. Wir bemühen Bernscheider for the sake of the argument, denn als Content-Creator ist Bernschneider ein Seismograf. Und als solcher dient er uns als Beleg für die Popularität des Preppy-Style, mit dessen Inszenierung er auf Social Media viel Erfolg hat. Auf Instagram erläutert Bernschneider die Qualitäten des Prep: "Zeitlosigkeit & Ehrlichkeit", "Symbol für Bildung & Aufstieg", ein in der "Popkultur" verankertes "Narrativ" und ein "Mix aus Nonchalance und Disziplin".
Damit ist Bernschneider nicht allein. Der amerikanische YouTuber Peter Noah berichtet von einer einzigartigen Ausbalancierung zwischen Nachhaltigkeit und Fortschritt bzw. Eleganz und Sportlichkeit und orientiert sich dabei an der zur "Bibel" [sic!] gewordenen, ursprünglich als Persiflage gedachten, Publikation von Lisa Birnbach: "The Official Preppy Handbook", das den Lebensstil des Prep humoristisch auseinandernimmt und zu dessen Popularisierung beigetragen hat. Es gilt als Klassiker und ist eine antiquarische Rarität (auch die Neuauflage des Bildbandes Take Ivy ist mittlerweile vergriffen). Die kulturelle Relevanz für junge Menschen hatte jüngst Maja Goertz in der SZ erschlossen und begründet diese u.a. mit "einer Sehnsucht nach Ordnung und Sicherheit".
Lebensform und Kultur
Für eine Aktivierung des Preppy-Style im deutschen Protestantismus blicken wir auf dessen Entstehung: Die Vorsilbe Preppy verweist auf die amerikanischen Preparatory-Schools, die die Kinder – idealtypischer Weise wohlhabender Ostküsten-Familien – auf den Besuch einer Ivy-League-Universität vorbereiten soll, weswegen es eine Artverwandtschaft zum Ivy-Style gibt, die wir uns erlauben, zum Synonym auszubauen. Entsprechend konserviert Preppy zunächst einmal die Lebensform, die auf die Bildungslandschaft der amerikanischen Ostküste verweist, sowie die Kultur, aus der diese hervorgegangen ist.
An der Oberfläche äußert sich das dann wie folgt: Formale Elemente wie Navy Blazer, Stoffhosen, gestreifte Clubkrawatten, Baumwollhemden mit Kragenknöpfen und Loafer fließen mit sportlicher Kleidung wie Poloshirts, Rugbyshirts, Baseballmützen, Segelschuhen, Collegejacken und britischer Landmode in Form von Tweedsakkos und Barbourjacken zusammen. Popkulturell verewigt in Filmen wie Club der toten Dichter, Der Außenseiter, Metropolitan, The Holdovers oder Der Duft der Frauen, die typischerweise nie an Kritik am eigenen kulturellen Background sparen.
Ohne Protestantismus kein Preppy Style
Auch wenn die Ostküste der USA mittlerweile eher katholisch geprägt sein mag, die Gründungen beinahe aller Ivy-League-Universitäten gehen auf Protestanten oder protestantische Geistliche zurück. Das Milieu, aus dem die anhand der genannten Merkmale identifizierbare Stilrichtung hervorging, war das der White Anglo-Saxon Protestants. Die WASPs sind das protestantische Establishment der USA, das sich aus Nachkommen britischer, schottischer oder nordirischer Einwanderer rekrutiert, die lange die amerikanische Oberschicht prägten. Das dient uns als unmittelbare lebensweltliche Beglaubigung der Beziehung von Mode und Konfession, aber auch als zu vergegenwärtigende Gefahr sozialer Ausgrenzung. Zugespitzt ließe sich jedoch sagen: ohne Protestantismus kein Preppy-Style.
Warum also nicht auf jene popkulturell wirksamen Erscheinungen zurückgreifen, für die der Protestantismus den Boden bereitet hat?
Doch auch Katholiken wie William F. Buckley Jr. oder John F. Kennedy können problemlos als Ikonen dieses Stils herhalten. Mit seiner Verortung im katholischen Neuengland besitzt Preppy eine ökumenische Dimension, die man als Qualität begreifen kann. Dass die Institutionalisierung des modischen Kondensats erheblich von jüdischen Einwanderern und deren Nachfahren – J. Press, Gant, Ralph Lauren – getragen wurde, ist nur ein weiterer Grund, es als Verdichtung einer pluralen und durchlässigen Gesellschaft zu verstehen und als deren Symbol zu beleihen. Warum also nicht auf jene popkulturell wirksamen Erscheinungen zurückgreifen, für die der Protestantismus den Boden bereitet hat?
Katholische Preppy-Ikone: John F. Kennedy 1962 an Bord der Yacht "Manitou".
© Robert Knudsen, Public domain, via Wikimedia Commons
Protestantismus – und insofern muss seinen vielen Kritikern recht gegeben werden – ist tatsächlich mehr als eine bzw. die Kirche. Die inhaltliche Vervielfältigung der protestantischen Kirchen und Gruppen, die es weltweit gibt, ist darauf zurückzuführen, dass von ihm eine Kulturbewegung ausging. Damit entfaltete der Protestantismus zwar eine Kulturwirkung in Richtung Staat und Gesellschaft, verlor aber auch die Verbindung zu seinen eigenen Errungenschaften. Hierzu zählen neben universellen Menschenrechten und einer allgemeinen Tendenz zur Demokratisierung, eine Steigerung der Alphabetisierung mitsamt Ausbau eines weitverzweigten Bildungssystems – getragen vom Anspruch eines individuellen Umgangs mit der (Heiligen) Schrift.
Folgen wir den kirchengeschichtlichen Formulierungen Wilhelm Grafs, können wir in den von Bernschneider und Noah identifizierten Werten von Bildung, transgenerationaler Weitergabe, Zeitlosigkeit, Ausbalancierung von Freiheit und Ordnung, Pragmatismus und der Einbettung in das westliche Ideal der durchlässigen Gesellschaft ohne allzu große Verbiegungen das Gerüst protestantischer Errungenschaften erkennen, deren religiöse Herkunft jedoch kaum noch präsent ist.
Wahrnehmbarkeit und Integration
Der Preppy-Style macht die Wirksamkeit protestantischer Kulturwirkungen sichtbar. Eine Annäherung von Protestantismus und Preppy basiert zwar nicht auf Segelschuhen, Oxfordhemden und Barbourjacken, sondern der Idee verantwortungsvoller Selbstgestaltung. Doch die Benennung einer kulturellen Signatur stellt für die evangelische Kirche eine Herausforderung dar, deshalb lohnt der Blick auf kulturelle Prüfgrößen (auch die oberflächlichen), in denen protestantische Prägungen erkennbar sind: keine modische Nachahmung, sondern kulturelle Selbstvergewisserung. Ganz in der Linie der ihn zitierenden Filmproduktionen schließt das eine kritische Rezeption nicht aus.
Denn während die integrative Dimension einer äußerlichen Annäherung konstruktive Kräfte entfalten kann, ist die Desintegration solcher Personen, die eben keine Lust auf den College-Look haben, natürlich nicht wünschenswert. Es gehört zur Wahrheit der Moderichtung, dass sie auch Gruppen zugeordnet werden kann, in denen viele Menschen keinen Platz haben – was schließlich bereits am WASP-Herkunftsmilieu sichtbar wird. Damit besitzt Preppy eine gesellschaftliche und politische Dimension, die man im Hinterkopf haben muss, wenn man mit Segelschuhen, Chino-Hose, gestreiftem Hemd und Wachsjacke die Kirche betritt. Ein Abendmahl, zu dem sich christliche Menschen welcher Herkunft auch immer willkommen fühlen, muss stets das Ziel protestantischer Praxis sein. Mit Johnny Cash: "The gospel of Christ must always be an open door with a welcome sign for all." Grundsätzlich ist am Preppy-Style aber zu beobachten, dass er nicht auf eine gesellschaftliche Gruppe reduziert ist.
In der Rückbindung des Preppy-Style an ihre eigenen Errungenschaften kann die evangelische Kirche Raum für Zeitlosigkeit und Tradition schaffen und beides von Reaktion und Pessimismus trennen.
Die Popularität des Preppy-Style zeigt an, dass viele Menschen ihre gegenwärtigen Suchbewegungen in einen Wertezusammenhang stellen, dessen Moderation einst protestantisches Kerngeschäft war. Insofern ist sie Ausweis der Orientierung mit Hilfe von Bildung, Verantwortung und einem lockeren Traditionsbewusstsein. Dabei teilen sich Kirche und Preppy, so wagen wir einzukochen, die herausfordernde Vermittlung zwischen zeitlosen Werten und einer immer neuen Gegenwart.
Weltanschaulich kann die Popularität des Preppy jedoch zwei Vorzeichen haben: Sie kann entweder Zeitlosigkeit markieren oder Reaktion. In der Rückbindung des Preppy-Style an ihre eigenen Errungenschaften kann die evangelische Kirche Raum für Zeitlosigkeit und Tradition schaffen und beides von Reaktion und Pessimismus trennen. Und vielleicht würde gerade die Rückbindung an das Ideal des westlichen Werteuniversalismus vielmehr deren Gegner zu unfreiwilligen Werbeträgern machen, als umgekehrt. Einerseits kann die Kirche mit der Unterstützung dieser Kenntlichmachung eines Preppy Protestanism zeigen, dass sie auch, sagen wir, bürgerlichen Mitgliedern ein offenes Haus ist, und andererseits können diese Bürgerlichen zeigen, dass sie den Platz in der Kirchenbank, den sie fordern, tatsächlich einnehmen.