Neulich sprach ich mit einem ehemaligen Mitstudenten über Politik. Es scheint mir repräsentativ für viele solcher Unterhaltungen unter Christen in letzter Zeit zu sein. Er fragte mich, wen wohl jemand mit folgendem Profil wählen sollte: "Ein praktizierender Katholik, der strikt gegen Abtreibungen ist, der LGBTQ-Bewegung kritisch gegenübersteht, gleichzeitig die Frömmigkeit vieler Muslime schätzt und in Flüchtlingsfragen Franziskus- bzw. Leo-Positionen vertritt." Natürlich landete das Gespräch bei der AfD, die er zwar "wirklich für gefährlich" hält, in deren Programmen sich aber vieles "oberflächlich schon ganz gut liest" und die "tatsächlich in mancherlei Themen dem katholischen Lehramt am nächsten zu stehen scheint". Es sei deshalb ein Fehler, die AfD und ihre Themen so stark auszugrenzen.
Große Verschiebungen, zeigen sich auch im Kleinen. In solchen Gesprächen fällt mir auf, wie Populismus Wirkung zeigt. Spätestens seit die AfD bei Landtagswahlen Erfolge einfährt, ist sie auch für Christen öffentlich diskutabel geworden. Da werden tatsächlich einzelne Partei-Äußerungen zitiert, die belegen sollen, dass sich ausgerechnet diese Partei für christliche Themen einsetze. Die Schlagworte lauten natürlich: Lebensschutz, ein traditionelles Familienbild, das "christliche Abendland" als Teil der deutschen Kultur oder die Kritik am Islam.
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt haben dann 33 % der evangelischen und 32 % der katholischen Wähler eine Partei gewählt, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft und die dezidiert kein christliches Menschenbild vertritt, das Würde unabhängig von Herkunft oder Geschlecht zuspricht. Auch die deutliche Abgrenzung der deutschen Bischöfe von 2024 hat das nicht verhindert, von der AfD werden diese ohnehin als Komplizen der woken Politik hingestellt. Das wahre Christentum läge woanders. Nur wo?
Die genannten "christlichen" Themen vertritt in Deutschland dabei eigentlich eine andere Partei: die CDU, zumindest auf dem Papier. Nachzulesen im Grundsatzprogramm von 2024. Da ist von der (umstrittenen) "deutschen Leitkultur" die Rede, von der Bedeutung der Familie, es gibt einen kritischen Blick auf den Islam, eine Absage an die Legalisierung von Abtreibung und die Ablehnung von einem "ideologischen Genderbegriff" und "Genderzwang". Gerade Friedrich Merz war für klare Worte bei diesen Themen bekannt, schon vor 23 Jahren sprach er von der "Leitkultur", auch bei den anderen genannten Themen führte er häufig das Wort - und war damit lange ein Hoffnungsträger für konservative Christen in und außerhalb der Partei. Jetzt ist er an der Macht und liefert nicht, so das Gefühl.
Tatsächlich hat er schon ein paar Steine ins Rollen gebracht, nur übersetzt sich das bisher nicht in ein überzeugendes christlich-konservatives Profil. Die Krise seiner Kanzlerschaft ist nicht nur eine Krise der Kommunikation. Sie ist auch eine Krise der Glaubwürdigkeit: Wofür steht die CDU, wenn sie regiert, wo packt sie so richtig an - und woran lässt sich ihr C noch erkennen? Bei der Migration sind die Zahlen deutlich gesunken, der Familiennachzug wurde verschärft. Beim Thema Islam wurde ein neuer 10-Punkte-Plan gegen islamistischen Terrorismus beschlossen und Merz hat im März tatsächlich eine Debatte über das Frauenbild im Islam angestoßen. Bei der Abtreibung bleibt die Position der CDU gegen eine Legalisierung, das umstrittene "Selbstbestimmungsgesetz" der Ampel-Regierung soll zumindest evaluiert und auf Missbrauch überprüft werden. Gerade bei letzterem ginge aus christlicher Sicht sicher mehr. Auch für Familien ist das Zwischenfazit eher enttäuschend: Das Kindergeld wurde zwar leicht erhöht und Steuerentlastungen sind geplant, doch noch nicht fühlbar. Dagegen sollen Kürzungen beim Elterngeld kommen und die Familienkrankenversicherung teurer werden. Wie eine krasse Kehrtwende fühlt sich das im Moment nicht an.
Der Populismus der AfD setzt dagegen auf das Gefühl: wir greifen durch, auch bei den für Christen relevanten Themen. Das Christentum wird als "Teil des Abendlands" glorifiziert - wohl eher eine nostalgische Folklore, statt moralischer Kompass. Anders lässt sich die offenkundige Diskrepanz zwischen dem christlichen Glauben und den politischen Zielen der Partei (Ablösung der Staatsleistungen an Kirchen), ihrem völkischen Denken (für sie entscheidet nicht der Pass, wer "deutsch" ist) und ihrer Abwertung der Schwächeren, wie Behinderter oder Flüchtlinge, nicht verstehen. Man darf nicht müde werden darauf hinzuweisen.
Denn dass viele Christen ihr Kreuz tatsächlich dort machen bleibt erschreckend. Bei der Bundestagswahl 2025 verlor die Union laut "infratest dimap" rund 800.000 bis über 1 Million Stimmen direkt an die AfD. Wieviele davon mögen Christen sein?
Wenn die CDU nicht selbstbewusster sichtbar macht, dass sie die eigentliche Verfechterin des "christlichen Abendlandes" ist, weil sie dessen Menschenbild tatsächlich ernst meint und dies als Maßstab gut für dieses Land war und ist - dann könnte es weiter düster werden.
Kurzer Ausflug in die Vergangenheit: Als sich die CDU 1945 gründete waren Menschen aus dem Widerstand beteiligt, wie Andreas Hermes, ein ehemaliger Zentrumspolitiker. Er sagte damals in einer Rede: "Versunken ist eine alte Welt und eine neue wollen wir bauen (…) in Rückkehr zur Achtung und Pflege jener sittlichen und geistigen Werte, die eine ehrwürdige Tradition unseres Landes war". Er meinte damit den Dekalog. Das Chaos der NS-Zeit sei eine Folge der "vergiftenden Lehre des Rassenhasses und der Völkerverhetzung" gewesen. Diese vergiftete Lehre steht jetzt wieder vor der Tür. Die "sittlichen und geistigen Werte" unseres Landes sollten sie fest verschlossen halten, ein Türsteher wäre die CDU. Stattdessen muss sie zusehen, wie viele ihrer Kernthemen erfolgreich gekapert werden, ohne dass ein christlicher Wertekompass dahintersteht.
Ausgerechnet das Bekenntnis der Partei mit dem "C" im Namen findet gerade vor allem auf dem Papier statt. Man muss im persönlichen Gespräch darauf hinweisen und erntet erstaunte Blicke, gefolgt von einem Misstrauen, dass dies wirklich noch das politische Handeln bestimmen könnte ("Na schön, aber wo zeigt sich das?"). Es dringt nicht durch. Stattdessen muss man ertragen, dass die CDU zwar gegen Leihmutterschaft ist, einer ihrer prominentesten Politiker sie aber selbst in Anspruch genommen hat (Jens Spahn) oder andere aktuell mit Empathielosigkeit glänzen und die SPD-Vorsitzende Bärbel Bas in einer privat schwierigen Lebensphase bis zum Rücktritt hart angegangen sind. Gelebtes Christentum sieht anders aus.
Wen kann der von meinem ehemaligen Kommilitonen skizzierte lehramtstreue Katholik also wählen? Ich weiß es nicht.